Diu hōha Gezīt ODER Der Pastor. Im Arbeitsjournal des Montags, den 23. Juli 2018.

[Arbeitswohnung, 7.22 Uhr
Vincent Peirani, Livng Being II: Night Walker]

Dies also war es, womit ich in den vergangenen Wochen immer wieder zu tun hatte, ohne es schon sagen zu wollen, – was ich „Arbeitsaufträge“nannte (in der Tat sind’s nämlich bereits mehrere): daß ich nicht nur Traureden schreibe, sondern sie auch halte und, mehr noch, an diesem vergangenen Sonnabend das Paar sogar getraut habe. Selbstverständlich war eine standesamtliche Eheschließung vorweggegangen; das Zeremoniell fehlte aber, das für Menschen ungemein wesentliche Ritual.
Nun war es am Sonnabend vor allem einmal um das F e s t gegangen, die die Feier mit Verwandten und vor allem Freunden, doch eben auch um ein öffentliches Bekenntnis – wozu es keines Gottes bedarf, auch nicht mehrerer Götter und also keiner Geistlichen, die zwischen uns und ihnen vermitteln. Es ist auch eine „rein“ weltliche Mystik möglich (und vor allem: nötig!), ein pantheistisch Rituelles; so war auch der Trauort wunderbar gewählt: eine Wiese zwischen alter, verschlossen bleibender Kapelle und Landschloß. Die Hochzeitsgäste saßen auf Strohballen vor dem blumengeschmückten Traubogen.
Ein Traumpaar übrigens, viele der Freundesgäste noch blutjung und selbstbewußt wie reichlich ausgelassen. Den Pastor nannten sie mich nachher, wenngleich sie mich anfangs gar nicht wiedererkannten: „anfangs“ bedeutet direkt nach der Zeremonie. Als nämlich das Brautpaar sich küßte und der Applaus aufbrandete, glitt ich in den Hintergrund ab und hintenrum zurück ins Schloß, wo ich mich ins Weltliche zurückverkleidete, in Schwarz zwar blieb, aber Weste und Smokinghemd gegen leichtes TShirt vertauschte, zumal die schwarzen gegen meine gelben Antilopenlederschuhe, die meine Löwin, als sie’s für mich  noch gewesen, gern „Schnellfickerschuhe“ genannt hat, wohl ihrer Spitzen wegen. – So saß denn der Schnellfickerpastor zwischen der jungen Leuten und begann, sich am Champagner zu betrinken – was bis spät in die Nacht so weiterging. Der Pastor tanzte auch und aß enorm viel Süßigkeiten, gab allerdings gegen zwei Uhr nachts auf und ließ sich ins Hotel shuttlen, wo er um sechs bereits aufstand, weil er zwar frühstücken, dennoch nicht seinen frühen Zug nach Berlin verpassen wollte.

Aber daß ich jemanden zu Frau und Mann erkläre, ausgerechnet der lebenslange Ehegegner, ich, und daß es mir nicht nur Freude bereitete und bereitet, sondern daß ich diese Erklärung geradezu mit Inbrunst selber glaube, ist schon enorm, auch wenn es einer gewissen Ironie, einer ungewissen, nicht entbehrt. Es liegt ein Aspekt der Anmaßung darin, der sich durch die Vorstellung des Freien Menschen rechtfertigt, des Gleichen unter Gleichen, die gute Utopie wirklich freier Allmenden. Hier kann öffentliche Riten eine j e d e und ein j e d e r vollziehen, wenn sie, bzw. er nur gebeten ward, es zu tun – imgrunde so, wie ein Glaubender den anderen, der zur Gemeinschaft gehören möchte, dahin taufen kann. Was wie Anmaßung erst einmal aussieht, ist also in Wahrheit Emanzipation von Herrschaftsverhältnissen, etwa der durch Kirchen ausgeübten, wiederum der „staatliche“ Akt der standesamtlichen Trauung allein zu einem administrativen wird, ergo einzig der behördlichen Registrierung dient: Die Ehe wird gegenseitig erklärt und also eingetragen, geschlossen aber anderswo.

Gut, Freundin, damit hatte ich zu tun, werde ich weiter zu tun haben, und gerne. Denn es ist kein „Job“, den ich allein des Geldes wegen und eben auch nicht „verrichte“, sondern durchaus eine poetische Berufung, die an mein poetisches Bemühen anschließt, wieder ins, wie Samuel Hamen vor einem halben Jahr schrieb, ekstatische Sprechen zu kommen: hier als praktische Poesie, zu der auch die rührenden Momente zählten, deren Zeuge ich am Sonnabend wurde.
Diese von meiner eigentlichen, der literarischen Arbeit so scheinbar entfernte erweist sich als ihr sehr, sehr nahe, so nämlich, als hätte sie lediglich einen anderen Ausdruck angenommen.

Im übrigen ging und geht es hier selbstverständlich mit dem Lektorat meiner Erzählungen weiter; Elvira und ich sind ein ganzes Stück vorangekommen. Und ich habe manches für meine Contessa zu tun. Dennoch wird langsam wieder ein Druck in mir spürbar, eine der liegengebliebenen g a n z-eigenen Arbeiten wieder aufzunehmen und nicht nur fortzusetzen, sondern sie auch abzuschließen, allen voran den Béartzyklus und die Triestbriefe. Die Béart sähe ich sogar sehr gerne im nächsten Jahr als Buch. Doch eilt es nicht wirklich, da da ja erst einmal die Gesammelten Erzählungen herauskommen werden.

Die nächste Traurede, übrigens, werde ich bereits im August halten.

Von Herzen,
Ihr ANH

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6 Kommentare zu Diu hōha Gezīt ODER Der Pastor. Im Arbeitsjournal des Montags, den 23. Juli 2018.

  1. Ute stefanie strasser sagt:

    Was wohl an meinem Alter liegt: habe zuerst TRAUERreden gelesen und erst im Weiterlesen entdeckt, dass es sich um TRAUreden handelt. Wie schön! hätte gerne zugehört.

  2. @Frau Strasser:
    Nein, mit dem Alter hat es nichts zu tun. Tatsächlich kam dieser Versprecher nach der Zeremonie den ganze Nachmittag über immer mal wieder über irgendeines/einer Lippen. Jedesmal kurzes Stutzen, dann gemeinsames Auf- und Auslachen. – Das Wort „Hochzeitsrede“ ist jedenfalls weniger riskant und von daher vielleicht vorzuziehen, auch wenn darin der sprachliche Nexus von „treu, sicher sein, vertrauen“ nicht mitklingt.

  3. @Frau Strasser:
    Ginge selbstverständlich, wäre aber nicht sehr schön, klingt in meinen Ohren holprig.

    • Ute stefanie strasser sagt:

      Und über die UNGen hat sich schon einmal einer lustig gemacht (weiß bloß nicht mehr wer) – UNGEN-Rufe der deutschen Sprache !

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