III, 393 – Winterpuschen

Noch lief ich herum in Winterpuschen bei Hochsommertemperaturen draußen, dennoch ließen sie sich aushalten bei den 23-24 Grad Innentemperatur. Die Badelatschen, die ich hatte, waren im letzten Herbst aus dem Leim gegangen. Außerdem hatte ich schwarzes Bargeld zu verplempern, und die aktuelle Arbeit geht (wieder mal so ein 200-Seiten-Ding) einigermaßen gut voran. Ich beklage mich nicht, halte sogar Mittagsschläfchen zur Zeit: ein Stündchen. Also runter zum Montagsmarkt mit geschlossenen Schuhen und noch undurchlöcherten Socken, falls ich mir dann doch Sandalen anprobiere. Von anderen Vorbereitungen sei hier mal nicht die Rede hinsichtlich der Winterpuschenfüße, die sandalenfähig zu machen waren (Autopediküre).
Das Hinuntergehen immer ein Schielen nach Leuten, die man kennt. Schielen. Nee, volle Breitseite „ciao“. Und Weiterschippern. Nach einer Cappuccino-Zwischenmahlzeit (ja doch: Milchration) war mir allerdings heute nicht. Zum ersten Mal einen von der Müllabfuhr gesehen, der die Entsorgungsbehälter für abgelaufene Arzneimittel vor der einen Apotheke leert. Meine hatte ich wie immer nicht dabei. Es ist dem Daran-Denken immer anzusehen, daß es nie etwas Imminentes meint. Das ist das Schöne am Daran-Denken.
Und hinab zu den Schuh- und Klamottenständen, die Freßstände ließ ich beiseit‘ („hüt dich sehr“). Unentschiedenes Umherblicken. Ein Angestoßenwerden von meinem Friseur bei den T-Shirts. Und da mir der Verkäufer mit seinem langen grauen Haar sympathisch war (betagter Hippy), kaufte ich zu dem gelben T-Shirt noch ein amaranthrotes kragenloses Leinenhemd: zusammen getragen fehlte bloß noch das Wappen des Fußballvereins AS Roma mit der stilisierten kapitolinischen Wölfin. Vielleicht bei Gelegenheit ein paar Totti-Witze parat haben.
Unentschieden wegen der Sandalen, die alle sehr kompliziert aussahen, denn im Grunde wären mir Badelatschen gerade recht gewesen, aber das Meer ist weit!, ward ich angesprochen. Ich brauchte einen Moment. Erkannte dann aber doch die ehemalige Putzfrau, die wir im Landhaus hatten. Also ein paar Fragen hin und her. Daneben die Tochter mit dem dritten Kind im Buggy, wie das Ding scheinbar jetzt heißt.
Wie die Dinge heißen, ist manchmal ein Problem. Wer weiß, ob die Sandalen, die ich danach dann doch kaufte und jetzt trage, tatsächlich so heißen.
Bei den Socken dann der Sockenschuß. Ausgerechnet sie, die immer noch Landlady. Erst sah sie mich nicht, aber dann war’s unvermeidlich, dazustehen und irgendetwas zu sagen. Nun gut, ich habe keine Probleme, von mir zu reden. Habe aber Angst zu fragen nach dem Ergehen dieser Anderen, von der ich in diesem Fall wie immer nur Floskeln erwarte, mit denen ich nichts anfangen kann. Entweder man erzählt sich, oder man erzählt sich nicht. In letzterem Fall bleiben wir Fremde. Die Frage, ob ich es eilig habe, verneinte ich, wobei meine Augen doch das Weite schon suchten.
Ich hatte eher die Absicht, den Text mit König Bärs (Arrigo Boito) Albtraum zu verquicken, aber das gelang mir gestern nicht, so daß ich auf irgendeinen Alien-Invasion-Film auswich (von dem ich mich dann Richtung Bett verabschiedete). Heute nun dieses:

Nacht für Nacht – bei dem Teich – im Garten,
Da erwacht – Klagen gleich – in harten
Tönen dunkler Totenworte Klang:

König Bär,
hüt dich sehr
Wurm er heißt
Wurm dich beißt

Nun ist es Nacht. Es wachet
Der König königlich gebettet
In Gold und Linnen und Purpur
Und weich ist das Kissen;
Doch bleich und erschrocken,
Liegt steif danieder der König
Eine Leich‘ auf dem Katafalk.

Seit gestern nervten mich diese Zeilen (vor allem die vier jeweils dreisilbigen Verse, die dann immer wieder auftauchen (unzufrieden)). Verquicken war aber auch nicht, es fügt sich nur sehr locker an den Gang ins Freie an. Sicher nichts Endgültiges. Wie auch die Sandalen, die ich gestern kaufte, nichts Endgültiges waren. Heute entschied ich mich wieder für die Winterpuschen. Die haben nämlich im Unterschied zu den Lederlaschen keine Möglichkeit, mich abends Klagen erheben zu lassen – wie die Leich‘ beim Teich – über unangenehme Stellen, die auf der Haut am Ende dann doch scheuern.
Heute das x‘te Nachmittagsgewitter: gefällt mir sehr. Im Wolkenbruch über den Platz gelaufen. Dicke Trauben beim Winzer Zanchi. Auf Ninno muß ich derzeit verzichten: sein Vorrat an Wein ist aufgebraucht bis zur nächsten Weinlese. Morgen bekommt die Stadt Besuch aus Bayern, Kreis Dachau, Odelzhausen (nie gehört vorher, aber es scheint, ein nach dorthin verpflanzter Ameriner habe das in die Wege geleitet), wegen Städtepartnerschaft… nun denn.
Vor dem Gewitter:

III, 392 – In dunkler Ferne hüpfend

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Ein Kommentar zu III, 393 – Winterpuschen

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