III, 402 – Spinnweben

Der neue Mietvertrag liegt fertig unterschrieben auf dem Tisch, der Vermieter war heute hier, kam angereist aus Bracciano. Zwanzig Minuten, um das nötigste vorzubringen und zu zeigen, vor allem die Fenster, besonders das eine, durch das Wasser eintritt, wenn der Regen dagegenschlägt, wodurch der Putz sich irgendwann ablöste. Eine Arbeit für den nächsten Sommer, denn die Fenster müßten einzeln herausgenommen und auf Schuß gebracht werden, möglichst je vom Morgen bis zum Abend. Ich solle schon mal Kostenvoranschläge reinholen.
Besorgt schaute ich in den letzten Tagen an die Küchendecke: Spinnweben überall. Abgesehen vom Rest. Ergo Putzmannarbeiten. Neben der nurmehr (noch?) spärlichen Arbeit nach den Exzessen im Juli und August. Und keine Antwort von der skandalös zahlungssäumigen Agentur.
Die Spinnweben, zum Teil Spinnwebenwürste, jedoch in vier Metern Höhe. – Also: Wie? Wie sie fortbekommen?
Ich brauchte eine lange Stange. Und fuhr zum Ferramenta (etymologisch so etwas wie „Eisenwarenhändler“). Auto geparkt. Zufällig G., la simpatetica, vor der Bar daneben. Bacibaci Beninobenone. Die zufälligen Begegnungen sind immer die angenehmeren. In gewissem Sinne eine Lüge: es gibt keine unzufälligen Begegnungen, d.h. keine Verabredungen. Insofern gehört der Komparativ in den Orkus.
Ich erklärte ihr das mit der hohen Decke und den Spinnweben. Und sie war auch völlig einverstanden damit, daß ich mich dafür nicht auf einer wackligen Trittleiter in Lebensgefahr zu bringen gedächte. Und meinte, man müsse sich da wohl etwas erfinden., bezweifelte, daß es so etwas gebe. Aber da mußte sie schon aufbrechen, und ich versuchte mein Glück beim Ferramenta, nicht ohne immer wieder zu überlegen, wie ich mein Problem erklären soll.
Daß ich mich heute deshalb eher von Lebkuchenherzen ernähre als von anderem, hört sich hübsch an, ist aber so nichtssagend wie:

Noch weinten die Violinen, noch spielten sie, so schien es, eine Hymne der Leidenschaft und Liebe […] Beider Herzen schlugen wie eines. “Geben Sie mir Ihre Garderobenmarke”, ließ sich Dolinin vernehmen (ausgestrichen).

Alle Verkäufer beschäftigt wie immer bei den Ferramenta: eine Art Fachsimpelei zwischen Käufer, der ein bestimmtes haus- oder gartentechnisches Problem zu lösen hat, und dem geduldigen Aufseher über die scheinbare Fülle der Lösungen. Ging also selbst auf Entdeckung. Auf der einen Seite eher Gardinenstangen, deren Länge sicher gepaßt hätte. Aber dann? Nächster Korridor. Da plötzlich so ein Ständer. Rot lockte etwas mächtig Teleskopartiges. „4,6 Meter“ verhieß ein Schild. Ich hatte gefunden, was ich suchte, denn am oberen Ende befand sich auch ein Schraubansatz für Besenendstücke. 30 Euro. – Paßte gerade so ins Auto.
Und tatsächlich, Problem gelöst. Als ich keine Lust mehr hatte zu putzen, um als “anständiger” Mieter zu erscheinen, las ich wieder in Nabokovs Erzählungen. Die eine tat es mir an: “Mund an Mund”. Im Grunde die Beschreibung darüber, wie vergeblich eine vergebliche, weil nicht zum Schluß kommende Liebe, zu einem Roman ausgestaltet und dessen Einleitung nur darum in einer Pariser Emigrantenzeitschrift veröffentlicht wird, weil der Autor auf Anraten eines gewissen literaturbeflissenen Euphratskij das Manuskript an diese Zeitschrift schickt, die erst eine Nummer herausgegeben hatte und, wie sich dann herausstellt, finanziell um die zweite bangen muß und von diesem vergeblichen Autor einer vergeblichen Liebesgeschichte einen finanziellen Zuschuß bekommt.
‘Arion’ heißt die Zeitschrift.

Nimm mich, nimm meine Reinheit. Nimm meine Qual. […] “Eine eindrucksvolle Passage”, bemerkte Euphratskij. […] “Und es ist nicht langweilig?” […] “Ich schätze, er wird sie entjungern”, sann Euphratskij.

Merkwürdige Gedankenreihe, die sich erst jetzt ergibt. Ich las es so: “er (der Roman) wird Sie (mit großem S) entjungfern”, und merke erst jetzt den hymenweiten Unterschied.
Um dann nun nicht an der Essensvergeblichkeit zu scheitern, machte ich mir einen Strammen Max. Mit Ketchup. Und verschob den Rest der Putzerei auf heute vormittag. Nebenbei schielte ich auch auf die Liveticker der Fußballbegegnungen. Darunter Napoli-Liverpool. Hm. Zwei Underdog-Städte. Nachgeschaut, ob nicht die RAI einen Livestream bringt. Und landete tatsächlich im Stadio San Paolo di Napoli.
Während ich dem Hin und Her zuschaute, was nicht ohne Spannung war, denn Napoli hielt sich wacker und immer wackerer, näherten sich die Stadiongesänge zunehmend einem Pfeifen an, wenn der Gegner am Ball war. Aber kein Tor. Und zuzuschauen ging zunehmend in den Beginn der Nabokovschen Erzählung über:

“Geben Sie mir Ihre Garderobenmarke”, ließ sich Dolinin vernehmen (ausgestrichen).
“Bitte lassen Sie mich Ihren Hut und Mantel holen (ausgestrichen).
“Bitte”, ließ sich Dolinin vernehmen, “lassen Sie mich Ihre Sachen holen” (“und meine” zwischen “Ihre” und “Sachen” eingefügt).

So ging es auch im Fußballspiel. Bis in der 90. Minute zu meiner Erleichterung … der Autor des Romans ins Theater zurückging, um seinen dort vergessenen Stock abzuholen, wo er nun ungewollt mitanhören mußte, wie man – der Finanzierung wegen – sein Romandebüt eher mitleidig befürworte. Derweil gewann gegen Liverpool Napoli 1:0. Lucky Naples. Povero Liddypool!

III, 401 – Der Plumpsack geht um

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