Grippe als Panzer der Seele. Im Arbeitsjournal des Mittwochs, den 17. Oktober 2018. (Nachgetragen abends ein Schnitterlied.)

„.. nene, analytisch gesehen bist Du grad
auf ’ner Großbaustelle.“

Do, 9.05 Uhr, SMS

[Arbeitswohnung, 9.17 Uhr
Dumpfbackengebölke]

Gestern morgen eine halbe Lexotanil, weil die Depression nicht wich, da ging’s schon besser: Langsames, aber stetes vormichhinArbeiten, in das sich nun indes ein Husten mischte, der stärker und stärker wurde und des abends so anfallsweise, daß mir der Schweiß ausbrach. Davon abgesehen, daß er, also jener, nicht dieser, schmerzhaft ist, nämlich trocken. Da hatte ich aber bereits mögliche Titel für den Erzählband zusammengestellt. So konnte ich, was freilich erst richtig dumpf macht, eine Grippostad schlucken, die mir nachts, kalkulierte ich zurecht, durchzuschlafen ermöglichen würde. Woraufhin ich das erste Mal, ohne Wecker, um sechs aufwachte und an Sekret auswarf, was nur ging. Davon komplett erschöpft legte ich mich wieder und schlief gute, auch das im Wortsinn, anderthalb Stunden weiter, ohne eine nächste Tablette. Dann stand ich auf.
Nun der Latte macchiato, um mir Gesundsein vorzutäuschen.
Was ich übrigens bin, offenbar.
Denn.
Was mein Körper hier abhandelt, ist nicht physisch, sondern liegt in der Seele. Das hat was schreiend Komisches, daß ein solch harter grippaler Infekt sich über jede Suizidalität einfach drüberstülpt, sie quasi auffrißt und in sich auflöst, sie – abermals „quasi“ – verstoffwechselt, und zwar allein, indem er auf dem Primat der Körpers beharrt, den er als etwas, das a u s f ä l l t, ins Zentrum rückt. Wenn man so hustet, ist gar kein anderer Raum mehr.
In diesem Sinn begriff ich heute früh, was geschah und geschieht, so daß es ein weiteres Mal der Körper ist, dem meine Hochachtung gilt, denn er hat die Seele darauf gestoßen, er hat sie von sich abgelenkt, hat ihr gesagt: „Ohne mein Eiweiß, was wärst du denn da?“
Der Vorgang ist wirklich grandios. Er läßt mich sogar einverstanden damit sein, daß ich so natürlich nicht joggen darf, wohl auch nicht ins Kraftstudio sollte, auch wenn ich, zumal nach der Buchmessenpause, einige Konstitution deshalb wieder verlieren werde, also etwas, auf das ich männlich (: ecco!) stolz bin und sein kann, ohne daß es mir jemand vermiest. Physische Konstitution, wenn erkämpft, ist von, sagen wir, sozialer Gefallnis nicht so abhängig wie die Dichtung.

Glücklich, freilich, bin ich grad dennoch nicht. Denn die Titel, die mir gestern einfielen, gefallen mir alle nicht wirklich; der „schönste“ war noch Den Atem in sie.  Auch Und aber in den Wal hat etwas, dürfte sich jedoch kaum für den Buchverkauf eignen. – Noch habe ich aber weder von meiner Lektorin noch vom Verleger eine Reaktion bekommen (allerdings auch noch nicht in die Morgenpost geschaut; das will ich erst nach diesem Arbeitsjournal tun). Untertitelvorschlag übrigens: „Die Erzählungen. Band 1: Bis zur Jahrtausendwende“, Band 2 dann „Nach der Jahrtausendwende“. – Was meinen, Freundin, Sie? (Indem ich dies übrigens schreibe, geht die Bölkerei, ohne jede Tablette, deutlich zurück: So sehr fühlt sich die Seele, scheint es, verstanden. A u c h nicht ohne Komik.)

Fein allerdings, wirklich fein, daß die Auseinandersetzung mit Scho jetzt kultiviert ist, nachdem wir uns gegenseitig so angekotzt haben. Es zeigt, daß diese, ich sag mal, skeptische Freundschaft tatsächlich Fundament hat – ein Umstand wahrscheinlich, der m i t den Husten eindämmt.

Also heute weiter über die Titel der Erzählbände nachdenken; grippal infiziert, werd ich meditativ zwischen Husten zu Husten; es soll jetzt nur nicht noch Fieber dazukommen, weil dieses bei mir immer schnell auf die 40 hochjagt, auch 41/41,5 ist bei mir keine Seltenheit. Da ist dann auch nix mehr mit Meditation.
(Daß draußen hellst die Sonne scheint, beruhigt, besänftigt mich übrigens auch. Es streichelt das Licht mir den Rücken und Nacken; ich erlebe es wirklich als Liebkosung. „Mütterlich Sonne“, dachte ich grade – auf was selbstverständlich nur jemand nördlich der Alpen kommt: Lebt‘ ich in Schweden, Norwegen gar, ich wäre längst schon nicht mehr am Leben.)
Und sanft die Contessabücher wieder vornehmen, wichtig, leises stetes Weiterschreiben, Umschreiben in diesem Fall. Dennoch, auch an der Béart würfe ich gerne die eine und andre Zeile zum Sídhegift der Blicke noch hin. Nicht nur die Strophen sind je, nein, auch die Gedichte untereinander verbunden: wie die Kapitel eines Romans.

Genießen Sie, Freundin, den Tag!

ANH

Denn siehe, die Genesung war’s,
Die mir erschien im Morgentraum.
C.F.Meyer, Votivtafel

[18.12 Uhr]

Wieder so ein großartiges Gedicht C.F.Meyers:

Wir schnitten die Saaten, wir Buben und Dirnen,
mit nackenden Armen und triefenden Stirnen,
von donnernden dunkeln Gewittern bedroht-
Gerettet das Korn! Und nicht Einer, der darbe!
Von Garbe zu Garbe
ist Raum für den Tod –
Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!

Hoch tronet ihr Schönen auf güldenen Sitzen,
in strotzenden Garben umflimmert von Blitzen.
Nicht Eine, die darbe! Wir bringen das Brot!
Zum Reigen! Zum Tanze! Zur tosenden Runde!
Von Munde zu Munde
ist Raum für den Tod –
Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!

C.F.Meyer, Schnitterlied

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5 Kommentare zu Grippe als Panzer der Seele. Im Arbeitsjournal des Mittwochs, den 17. Oktober 2018. (Nachgetragen abends ein Schnitterlied.)

  1. xo sagt:

    ich hab übrigens deine ungeheure muse dabei, hier in leipzig, für das seminar in letzter sekunde doch noch eingepackt. ich hab sie von anfang gelesen, auch wenn es nicht meins ist, ich sehe den zarten aufbruch und eine bedachte choreographie des bandes. als ich erst reinlas, ging mir das noch nicht auf und ich stolperte in texte hinein, die mein inneres augenrollen nur weiter befeuerten. ich hab ihn dabei, weil ich denke, man weiß nie, es muss eine ganze bandbreite geben, es geht ja nicht darum, studierenden zu meinem zugriff zu verhelfen, ich muss ja erst mal sehen, wer kommt und was man wie stützen und verstärken könnte. und ob überhaupt wer kommt. gestern dachte ich allerdings noch, verdammt, vielleicht hätte ich auch rosa socken einpacken sollen, lentz hat in ihnen angemessen unterhaltsam sein studienordnungsmantra vorgetragen, an derlei auraerzeugenden umsichtigkeit fehlt es mir noch. ich war ein bisschen neidisch, jetzt nicht auf die socken, aber er gibt den gestrengen zampano sehr gut, aber er hat ja auch scho übung, ich fürchte, ich werde es mit beckett halten: besser scheitern oder rilke: wer spricht von siegen? überstehen ist alles! in diesem sinne: gute besserung!

  2. @ungeheure xo:
    Das hat Grandezza, dafür Dank. Meine Erfahrungen bisher mit diesen Gedichten sind gut, also was die Reaktionen anbelangt, was die Akzeptanz anbelangt und auch den Genuß an der Schönheit – wie aber eben ich sie fühle, Du hingegen sie weniger oder nicht fühlst. So isses halt. Ich bin da auch ganz ruhig, weil der Band ja von einer Frau mit erarbeitet ist und von einer anderen, die Du gut kennst, glückhaft begleitet wurde, von einer dritten jüngst kommentiert, der ein Gedicht sogar in die Träume hineingriff. Insgesamt höre ich ja mehr auf Frauen als auf Männer, suche da zuallererst Reaktionen, stets, schon weil mir männlicher Zuspruch erheblich weniger wert ist, oft sogar gar nichts. Alleine weiblicher Zuspruch nimmt mir das Zweifeln; so war es quasi immer. Um so härter trifft mich die Ablehnung da. Wahrscheinlich geht es unbewußt immer noch um die nie erlangte Akzeptanz durch meine Mutter, obwohl sie nun schon so lange tot ist. – Hier das Gedicht, das ich noch an ihrem Leichenlager, im Krankenhaus, notierte:

    Liegt das Gesicht
    Liegt der Leib
    Liegt gedeckt
    und die Hand auf der Hand

    Steht die Stirn
    steht ein Ding im Geruch
    steht das Wachs in dem Tuch
    und steht mit den Fragen

    Riesig die Nase und schmal
    riesig das knochene Kinn
    rissig die Lippen
    auf denen die Qual

    eintrocknet

     
    Was nun die rosa Socken anbelangt, ich würde derlei niemals tragen; b a r f u ß zu kommen, das freilich wär etwas andres.

  3. xo sagt:

    na ja, er kann es tragen und er ist halt ne echte rampensau, na gut, an kling reicht er nicht ran. ich mag, wenn er vorliest, der tristram shandy, das war irre komisch, als er ihn vorlas. noch so ein manischer besserwisser, dachte ich aber auch, die pflastern meinen weg, prof dr dr hc herbert kraft, thomas kling, anh, wie las ich mal in meinem horoskop, jungfrau, siehste wohl!: ich brauch gegenwind zum steigen… manchmal möchte ich aber auch einfach mal liegen bleiben dürfen und kaffee im bett. 🙂 kann ja aber auch sein, dass frauen auf dich stehen, wegen wegen wegen deines wallenden haars, oder deines einstecktüchleins, was weiß ich, manche frauen, die sich für dich begeistern, finde ich aber mindestens so schräg, wie manche männer, die sich um dich scheren, aber vermutlich bin eh ich die komische dabei, wenn ich beinahe alle komisch finde, um dich herum und deinen persönlichen georgekreis, könnte es ja auch an mir liegen! phyllis ist allerdings die sorte maus, von der ich denke, yeah yeah yeah, immer, wenn ich auf sie treffe, lacht sie, laut und breit und echt, und ich krieg gute laune und du auch und helmut, wenn ich genau hinsehe, sind unter den schrägen vögeln auch echt schön schräge.

  4. Bruno Lampe sagt:

    pretty weird, they’d call that

  5. Pingback: Grippestabil, doch Cumberbatch. Ins Arbeitsjournal des Sonnabends, den 20. Oktober 2018, spricht er, von Parallalie herübergeteilt, auf Gustav Mahler Keats. Außerdem, doch erfolglos, die Volltext. | Die Dschungel. Anderswelt.

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