III, 410 – Am Strand, weitab vom Meer

Wie man sich so Regeln aufstellt. Immer nur fünf Stück auf einmal bis zur nächsten Zigarette. Ich meine abwaschen, Gläser, Tassen, Teller und was man so im Kollektivum Geschirr zusammenfaßt. Im Hintergrund flimmert eine Jazzgitarre. Auch wenn gestern einiges liegengeblieben ist, weil die Sonntagsfilme des Filmclubs Oltre il Visibile immer schon um 18 Uhr anfangen. Danach ist an aufwendige Zubereitungen, geschweige zu spülen nicht mehr zu denken: die schnelle Bemme mit Rotwurst aus Tülau bzw. Brome (mitgebracht von der Reise neulich (noch neulich?)) und reichlich Senf. In diesen heutigen Ablauf muß ich auch noch das Schälen und Kochen einer Kartoffel einplanen.
“Senso” gab’s gestern von Visconti. Wahrscheinlich bin ich auch deshalb hingegangen, weil der Film zum einen in meinem Geburtsjahr gedreht worden und weil andererseits tagsüber irgendein Klopfen an der Tür war: da standen dann zwei Personen, von denen ich zuerst die junge weibliche Person bemerkte, die mir ein Lächeln schenkte mit ihren hübschen langen Zähnen, neben ihr Fulvio, unser Kino-Mann: ob ich denn gar nicht mehr… ach, sagte ich, es beginne der Abend und plötzlich ändern sich die Attraktionen und das Zünglein an der Waage zeige meistens an: bleibe lieber zu Hause. Aber wahrscheinlich habe ich etwas Dümmeres gesagt.
Was nicht unbedingt heißt, daß das Zünglein damit Vertrautes meint.

Weiter vorn die befreiten Wasser außerhalb des Hafens, anschwellend Besan und Klüver, mit Kurs auf die Deiche, verzweifelt Arme, die Metallschlacken abgeben an Smaragde neben Weiden, die jetzt in Depression, und dito Leute mit agilem Oberdeck, durch und durch messingsch, kleine Städte, die fliesen ins Blau dort ihre Milch.

(Pizzuto) Und weitere fünf Küchenutensilien. War sogar außer Haus zum Mittagessen im Bioladen ‘Pianeta Verde’, der hatte etwas veranstaltet, was er “Brunch” nannte mit Beginn um 10 Uhr. Da ich aber den Laden von meinem Schlafzimmerfenster einsehen kann, war bis zu dem Zeitpunkt, als ich auftauchte, nichts los. Am Ende saß ich an einem Tisch mit älteren Frauen. Eine Art Kaffee- oder Tee- oder Mampfkränzchen. Sprachen über Ärzte. Vielleicht ging’s ja sogar um Zahnärzte. Kinder im Alter von dreißig, vierzig, gar fünfzig kamen ins Spiel. Aus Höflichkeit nahm ich nicht gleich Reißaus und versuchte, meinem Verweilen eine anständige Dauer und soweit es ging Teilnahme zu verleihen. Am Nachmittag sollte noch jemand kommen, um “keltische Harfe” zu spielen.
Versteifte mich aber lieber auf Nabokovs ‘Pnin’:

Meist gelangte er nicht bis zu der kritischen Fluchtepisode, wenn der König allein [….] am Strand der Böhmischen See auf und ab schritt, am Sturmkap, wo Percival Blake, ein frohgemuter amerikanischer Abenteurer, ihn mit einem starken Motorboot abzuholen versprochen hatte.

Besser als Sturmkap eher schon mantelbewehrtes (erstmals in diesem Jahr) Hinabsteigen, eine das Gesicht verstellende wollene Mütze bis über Ohren und Stirn hinab gezogen. “Fai senso”, dachte ich, du widerst mich an, du läßt mich erschaudern, im Neapolitanischen “Fai sense”, eine Verballhornung von “five cents”, glaube ich, die auf den Film “Sciuscià” zurückgeht bzw. damit verschmolzen ist. Ich kann mich aber auch irren. Also Neapolitanische Schuhputzer, Gassenjungen, in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Bin schon bei fünfzehn.

Struppi am Ufer kläfft nach den an Deck gekosteten Klöpsen, die Crew bewegt sich wie auf Kabeltau, manch einer bäuchlings, interrogative ägyptische Könige mit breiten Hüten, die mit horizontalen Achten geschmückt sind.

(Pizzuto) Den Inhalt des Films, den ich dann sah, während ich trotz des Mantels doch ein wenig fror, kann man hier nachlesen. Wie ich heute jemandem in Zürich schrieb über diesen Film: “Il film di Visconti: una spirale passionale che finisce in catastrofe, ambientato a Venezia, nella campagna veneta, alla fine a Verona. Belle immagini, l’inesorabilità della brutta fine, colpe che attirano colpe.” Kurz, die Tragödie einer sexuell unbefriedigten Frau in den Wirren des sich von den Österreichern befreien wollenden Italiens, die von einem österreichischen Offizier umgarnt und letztendlich verraten wird und selber ihre italienische Sache verrät. Woraufhin sie ihn als Deserteur verrät. Erschießungskommando.
Trotz Heizung und Gasofen und Wein zu Hause brauchte es seine Zeit, mein Bibbern zu beruhigen, das mir der Rückweg in den windigen Gassen beschert.

Ich schäle jetzt die Kartoffel. Neues Olivenöl. Die säumige Agentur hat angefangen zu zahlen. Dicke Arbeit angekommen. Usw. usf.

III, 409 – … wie die Fassade von Sant’Agostino

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