Robosquad. Im Arbeitsjournal des Freitags, den 13. Dezember 2019.

[ICE543, Düsseldorf-Berlin
Kalevi Aho, Kysmysten Kirja für Sopran und Kammerorchester]

Im tiefsten Dunkel schrak ich hoch.
„Machen Sie mal Licht!“
Fast saß ich schon, nackt wie zum Schlafen immer, auf der langen Couch im Villensouterrain. In der Tat, nicht der Fitzel eines Lichtscheins aus dem Oberfenster. Aber einer starken Stablampe Kegel, die der Transformer über mich hinströmen ließ.
„StehnSe auf! Wie viele Leute sind im Haus?“
Ich konnte nicht gleich antworten. Robocop, dachte ich. Knapp zwei Meter hoch, vielleicht sogar höher, mindestens anderhalb davon breit, Stiefel wie Caterpillarketten; in jedem hätte man meinen Accuphase verschicken können, also in einem diesen, im anderen den Linn. Woran indes, selbst hätte ich’s gewollt, zu denken nicht die Zeit war.
„Machen Sie endlich L i c h t!“
Versuchte ich ja, wieder und wieder.
„Was ist denn los?“ Immerhin kapierte ich, daß das Monstrum kein Droide, sondern in voller Montur ein Feuerwehrer war, der nicht einmal den Helm abgenommen, auch das Visier nicht hochgeklappt hatte, durch dessen Plexiglas er möglicherweise wie der Terminator hindurchsah, doch als Incipetor wirkend.
„Wie viele Leute im Haus?“ wiederholte er, aber erklärte sich endlich: daß es nämlich brenne.
Ich roch aber erstens nichts, zweitens rechnete ich rasend im Innern die Hausangestellten durch, die Dienerinnen und Diener, den Gärtner, die beiden Gouvernanten, und mußte, immer noch jenseits jeder Textilindustrie, wieder von vorn anfangen, um die Contessa selbst und auch ihre Kinder mitzuzählen, wozu ich weiter und weiter an den vielen Schaltern herumstocherte. Mit der Lichtanlage dieser Villa stehe ich eh schon seit jeher auf Kriegsfuß. Es gibt da raffinierte Funktionen der Schalter, dimmen, stroboskopieren, die Farbe verändern usw. – an aber jedem ..! – , daß sie einen Menschen vom Lande wie mich komplett auch in weniger heiklen Situationen überfordern.
„Das Licht geht nicht a n, verdammt, geht nicht an!“
„KommSe mit hoch!“
„Fünfzehn“, sagte ich, „vielleicht zwanzig/einundzwanzig.“
Was zwanzig?“
„Leute, ähm, Menschen.“
Wobei ich nackicht immer noch blieb, größer konnte der Unterschied zwischen Robocop und mit gar nicht sein. Ich wär auch nicht verwundert gewesen, wenn er eine Laserpistole gezogen hätte. Zumal mir etwas anderes durch den Kopf raste: Ich möchte bitte die Kerzen ausblasen, hatte mich die Contessa nachts gebeten, nachdem wir noch lange, die anderen Gäste waren längst fort, in ihrem Salon gesessen hatten, vor uns auf dem Glastisch der knallerote, ja, ganz rote, Adventskranz mit den natürlich genauso roten Stumpfkerzen. Und die, nachdem meine edele Freundin ins obere Stockwerk gefahren war, worin sich ihr Schlafzimmer befindet, h a t t e ich gelöscht, war sogar noch durch den gesamten Liegenschaftsbereich des Erdgeschosses gestreunt, um nach Lampen zu schauen, die ungewollt noch Schicht schoben. Sie können, diese Dinger, ja nicht denken; Robosquad ist ihnen weit voraus.
Wie auch immer — endlich! Aber Unterhose und TShirt mußten erst einmal reichen. Dann hinter dem Transformer die erste Wendeltreppe rauf. Ich hatte sowas, mit meinem damals Neunjährigen, zum ersten Mal im computeranimierten Zeichentrick gesehen und es für seelenlos gehalten. Nun aber war es wahr: Der Robosquad konnte sich zusammenziehen oder -klappen (man hört aber nichts); anders jedenfalls wäre das schmale Hinauf für ihn nicht passierbar gewesen. Nun gab es aber auch hier kein Licht außer dem seiner Taschenlampe. Höher und höher, bis in den Himmel, fürchtete ich, wendelten und drehten sich die Stufen, so daß ich mir schmerzhaft den Zeh stieß, den ganz vorne, Innenseite rechts. Und oben genauso kein Licht. Doch da roch es nach Brand. Nur daß es keine Flammen gab.
Die ersten, von einem zweiten Transformer aus ihren Betten Gerufnen, erschienen, der nicht g a n z so wuchtig war wie der meine; einseinundneunzig hatte aber auch er, und einen Meter Breite. Interessanter fand ich, was Menschen so tragen, wenn sie schlafen wollen. Ich sah sogar eine Knickerbocker, was allerdings eine nabokovsche Suggestion sein kann; ich war mir durchaus nicht sicher, ob ich nicht träumte, weiterträumte. Nachdenklicher aber als jene stimmten mich vier, nein fünf! Sträflingspyjamas. Sowas hatte ich zuletzt bei Heinz Erhardt gesehen. Mir selbst ist nichts fremder, als meinen Schlaf für ein Gefängnis zu halten. Doch standen die Fünfe in der Tat wie aufgescheuchte Knackis herum, freilich aus den Harmlosenzellen, einer von ihnen mit Lockenwicklern im Haar, rosa’n … – Die große Tochter des Hauses, eine jugendliche Schönheit, trug Jogginganzug, crème, und auf dem Haar einen Badelaken-Turban; ein Handtuch reicht nicht für ihr Haar. Als endlich auch die Contessa erschien, abwärts von den filigranen Schultern Perlmuttseide bis zu den Knöcheln, hatte ich die Übersicht verloren.
Ich solle wieder schlafen gehen, sagte sie, auf souveränste Weise wach, oder mir wenigstens eine Hose anziehen. „Sie können nichts dafür.“ Für meine Beine? Nein, sie meinte das Feuer, das aber noch immer nicht zu sehen war. Statt dessen bestarrte Génevieve, die Zweite Gouvernante, unentwegt meine Schienbeine. Dazu roch es höchst scharf nach nassem Schlick aus Schlacke. – Richtig, meine Beine. „Gehen Sie wieder schlafen“, wiederholte die Contessa. Und | ich tat a l s o.
Wozu ich mich durchs komplette Dunkel des schmalen Treppenflurs ins Souterrain zurücktasten mußte.
Zweites Mal der Zeh, derselbe. Schon seinetwegen fand ich in den Schlaf lange nicht zurück, lag nur da und lauschte. Es war aber nichts zu hören, gab keine Stimmen, schon gar nicht ein Rufen, war einfach nur Ruhe.
Die mich dann doch wieder einschlummern ließ. Nur daß ich mir um halb sechs nicht mehr sicher war, ob ich Transfomers & Co nicht wirklich nur geträumt hatte.
Sollte ich nachsehen gehen?
Stille.
Denk an die Hose.
Stille.
Gut, aufstehen, zu den Lichtschaltern mich vortasten, und paß auf diesen Zeh auf!
Nix. Die Dinger funktionierten nach wie vor nicht, also auch im Wendelflur.
Wie gesagt, der Zeh.
Zeitlupig zog es mich rauf. Aber vorher war das mit der Hose zu regeln, das Hemd dann locker nur drüber.

Wir haben Dezember, da bleibt es dunkel bis fast neun. Und dunkel war’s, Licht weiter außer Funktion. Brandgeruch, Ruß usw. Aber gar nix, und nicht nur deshalb, zu sehen. – Funktioniert die Kaffeemaschine? (A u c h ein ziemlich komplexes Ding, das meistens, wenn man es anstellt, erstmal gewartet werden will: „Bitte leeren Sie die Auffangschale“, „Gerät wird gespült, bitte warten“, „Bitte leeren sie den Kaffeesatzbehälter“, und bevor es weitergeht, muß mit OK bestätigt werden,  jeweils – wobei sich der Sensor im Dunklen schlecht findet. Doch ich bekam es hin.)

Ich setzte mich, lauschte und trat nach dem ersten Latte macchiato vor die Tür. Da dann sah ich es:

Von hier aus war die Lichtanlage der halben Villa außer Gefecht gesetzt.
Der Boden darunter eine Mondlandschaft aus Scherben und Schlacke, mit den Spuren riesiger, wahrscheinlich aus Titan, Stiefelsohlen der Transformers darin. Die enormen, in Brand geratenen Vitrinen lagen, ihr Panzerglas geborsten, weiter weg auf dem geharkten Kies, doch dampften längst nicht mehr. Was sie, sehen wir vom falschen Verb ab, recht lange getan haben werden.

Dieses als schnellen Zwischenbericht. Denn jetzt, jetzt sitz ich schon wieder im Zug.

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One Response to Robosquad. Im Arbeitsjournal des Freitags, den 13. Dezember 2019.

  1. Avatar Ute Stefanie Strasser sagt:

    Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben !

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