„Les lys du jardin sont flétris“: Die Dame Apollinaires. Kleine Poetiken (7).

 

La Dame

Toc toc Il a fermé sa porte
Les lys du jardin sont flétris
Quel est donc ce mort qu’on emporte

Tu viens de toquer à sa porte
Et trotte trotte trotte
Trotte la petite souris

Die Dame

Tock tock Er hat geschlossen seine Tür
Die Lilien des Gartens sind verblüht
Wer ist, den man tot trägt herfür

Du klopftest doch grad noch an seine Tür
Und husch husch husch
Die kleine Maus entflieht

Ach sie kam und wollte ihn sehen, nur wieder sehen, ihre späte Liebe vielleicht, vielleicht ihre Jugendliebe, oh die Gärten, in denen sie saßen! Beieinander vielleicht auf einer Bank, die wie in die Buchsbaumhecke hineingeschnitten, von der Buchsbaumhecke überwachsen war, einer Laube Gartenséparée, kann sein, hinterm Heim, kann sein, hinterm Haus seiner Eltern, und sein Bubenduft mischte sich so herrlich mit dem herben Geruch von Holz und Erde und Blättern – jedenfalls muß sie jetzt, im Alter, immer wieder daran denken. Sie weiß ja auch nicht, ob er, dieser Alte, wirklich der Junge von früher ist, aber das Lächeln, dieses sein Lächeln! Ach, es ist das gleiche, also will sie, daß es dasselbe ist. Sie hat es schon gewollt, als er zum ersten Mal in den Speisesaal kam. „Saal“ ist dafür ein übertriebenes Wort, aber die Pfleger nennen den Raum so, in dem die Holztische stehn und Stühle mit hellblauen Plastiklehnen, auf denen nehmen sie alle Platz, bevor der nette Zivi aus einem tiefen silbernen Suppenkessel, der herangerollt wird, ihnen den Schlag in die Teller tut, und sie löffeln den Eintopf heraus. Der Pfeffergeruch. Drei Moosröschen auf jedem Tisch. Ihrem Nachbarn rinnt ein Speichelfaden aus dem Mund und haftet ihm am Kinn, allezeit, während er ißt. Ja, sie sieht das sehr wohl. Aber auch sie hat ein Zittern in den Händen, man kann beim Essen nicht ständig in den Spiegel sehn. Sie weiß es, ja, doch was soll sie tun? Deshalb denkt sie darüber nicht nach, sondern lächelt gegen den gar nicht schlimmen, aber lästigen Schmerz im Kreuz an. Im Garten ist das alles immer so anders gewesen, als er hereintritt, tapperig und ein wenig verwirrt, aber lächelnd… es ist dieses Lächeln, oh sie hat es so viele Jahre nicht mehr gesehen, der Bub war ja fort irgendwann, es hat keinen Abschied gegeben, und sie hatte ihn über die Jahrzehnte vergessen… War damals nicht Krieg? Es muß Krieg gewesen sein damals. Ach er hat sich gar nicht verändert! Plötzlich fällt er ihr alles wieder ein, wie hieß er nur? Michel oder Pierre oder Jürgen, der Name ist einerlei. Der Pfleger führt ihn am rechten Arm langsam durch den Raum, sie kann den Blick von Pierre nicht lassen. Und wirklich, ihr genau gegenüber, der Platz, er ist frei, aber noch andere Plätze gibt es, neulich ist Madame Helvet gegangen, dann ging Madame Goltz, dann Monsieur Verdère, sie gehen alle eine nach dem anderen und machen dabei nur sehr selten Lärm. Noch selten sagt wer Lebwohl; morgens, plötzlich, im Speisesaal, bleibt wieder ein Platz frei. Sie könnte sich fragen, ob man vorher etwas spürt, ob man es ahnt, aber sie möchte es sich nicht fragen, und sie weiß, es fragt sich das niemand. Da nimmt der Junge Platz, ja, ihr gegenüber, der Pfleger schiebt ihm den Stuhl zurecht. Ach wie er aufsieht! Ach wie er lächelt! Sie wagt es und lächelt zurück. Und nachmittags gehen sie zusammen in den Garten, einen kleinen Park, da ist diese Laube, die Buchsbaumhecke, und sie weiß erst jetzt, daß schon damals der Garten nach Abschied roch, nach einem herben süßen duftenden Abschied. Doch sie waren so jung, sie hielten den Duft für Verheißung, und das war er damals ja auch. Heute ist er Erinnerung. Da nimmt der Junge zum ersten Mal ihre Hand. So sitzen sie und schweigen. Und am nächsten Tag sitzen sie da wieder und schweigen, und wieder hält er ihre Hand. So sitzen sie über Wochen, und dann kommt der Herbst.
Sie ist unruhig. Sein Lächeln. Seine Hand. Sein Lächeln. Sie schaltet die Nachttischlampe an. Irgendetwas sitzt in den Bommeln, die vom Netz hängen, das über den Schirm geworfen ist. Irgendetwas klingelt in ihnen. Sie haben noch niemals geklingelt. Sie schaut zur Uhr, es ist halb eins in der Nacht. Oh, sie möchte zu ihm. Und sie erhebt sich, es ist nicht mehr leicht, sich aus dem schweren Bettzeug aufzurichten. Aber sie spürt, daß es sein muß, und sie schafft es, schafft es wieder einmal allein. Noch ist sie zu stolz, um zu schellen. Sie zittert in die Puschen, sie zittert sich in den Morgenmantel und tritt auf den Gang. Irgend etwas ist geschehen. Sie geht zu seiner Tür. Das hat sie noch niemals getan. Einen ganzen Stock höher. Sie klopft. Sie klopft noch einmal, er gibt keine Antwort. Sie hört Geräusche von draußen, von unten, eine Autotür vielleicht, es gibt Licht auf dem Hof.
Sie schlurft zum Fenster. Es ist ein weißer Wagen mit menschenlanger Ladefläche. Ein Sanitäter steht dort vor den Doppeltüren und raucht. Zwei weitere Sanitäter erscheinen, die die Bahre tragen. Louis, der netteste der Pfleger, ist bei ihnen und begleitet die Bahre, bis sie in dem Auto verschwunden ist. Leise werden die Wagentüren geschlossen. Die Männer sprechen miteinander wie stumm, ein Nicken, der eine Sanitäter tritt die Zigarette aus auf dem Kies. Der nette Louis unterzeichnet auf einem Clipboard ein Papier.
Sie dreht sich zurück, sie will den Wagen nicht fortfahren sehen. Sie klopft noch einmal an dieser Tür. Sie bleibt verschlossen, alles bleibt still. Nur etwas Kleines drängt sich unterm Spalt hervor, drängt sich hervor und rennt und flitzt, den ganzen Gang flitzt es huschhuschhusch entlang und verschwindet, sie weiß es, im Himmel. Ach! Nun hat sie auch ihm nicht Lebwohl sagen können. Doch sie weiß, er hat gewartet auf sie, hat auf ihr Klopfen gewartet, dann sich auf das Mäuschen geschwungen, um sie noch einmal, im Verschwinden, huschhuschhusch zu sehn.

Meine Damen und Herren, voilà: Guillaume Apollinaire! Als der Dichter, dessen kleines Gedicht „La Dame“ sich in der Sammlung „Alcool“ findet, 1918 starb, war der Einfluß, den er auf seine Zeitgenossen hatte, kaum zu ermessen. Aber sogar noch 1953 schrieb René Char: „Jeden Tag fährt Guillaume Apollinaire fort, für uns, unerschöpfbar, in dem hermetischen Block, der Paris ist, königliche Straßen zu brechen, wo die Frauen und die Männer Frauen und Männer mit transparentem Herzen sind.“ Oder alte Herren. Oder alte Damen. Manche Lilien verblühen nicht.

La Dame

Toc toc Il a fermé sa porte
Les lys du jardin sont flétris
Quel est donc ce mort qu’on emporte

Tu viens de toquer à sa porte
Et trotte trotte trotte
Trotte la petite souris

Die Dame

Tock tock Er hat geschlossen seine Tür
Die Lilien des Gartens sind verblüht
Wer ist, den man tot trägt herfür

Du klopftest doch grad noch an seine Tür
Und husch husch husch
Die kleine Maus entflieht

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Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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1 Antwort zu „Les lys du jardin sont flétris“: Die Dame Apollinaires. Kleine Poetiken (7).

  1. Kommentare von Facebook sagt:

    Sabine Scho
    kennst du >>>> den film von dresen

    er ist so heiter und dann wird er leider auch sehr traurig, dass ich dachte, aber verluste beklagt man auch gar nicht so selten schon in jüngeren jahren, das fand ich etwas schade, dass auch dresen die verlustbilanz zieht und stärker macht, als sie vielleicht sein müsste.

    ANH
    Nein, kenne ich (noch) nicht.

    Sabine Scho
    ich hab ihn mir mal in berlin bei der filmgalerie 451 geliehen zusammen mit salo und beide nacheinander allein geschaut und dann war ich so fertig und so am boden und hab sie am selben tag ganz schnell wieder zurück gebracht, weil sie so auf mir lasteten. gerade bei dresen wirkte es auf mich wie eine art verstärkung all dessen, was eh bei mir leicht greift, bestrafung für die eigenen wünsche, die umgehend folgt, vom schicksal sozusagen.
    in dem reigen hätte dann noch hanekes liebe folgen können, aber den sah ich dem himmel sei dank nicht allein, aber der lag und liegt mir auch noch tonnenschwer im gemüt.

    ANH
    Jetzt muß ich echt meinen eigenen Text noch mal lesen, ob er tatsächlich so defaitistisch wirkt, wie Deine Assoziationen nahelegen.

    Sabine Scho
    na ja, da haben sich gerade zwei wiedergefunden und schon ist einer tot, ist schon traurig, hat man ja als autor in der hand, das auch anders zu gestalten, kommt mir dann so in den sinn, aber wir haben natürlich auch alle gelernt, wenn es mal eine weile schön ist, ist es keine ernsthafte literatur, denn wie predigte man mir noch im hauptseminar: kunst braucht leid und ich dachte, na ja, ist vielleicht eher so, dass sie es mildert, denn verhindern lässt es sich leider nie ganz. wobei die maus es schon mildert, die ist wirklich schön! aber du hättest ihnen noch ein paar erfüllte tage gönnen können, oder?

    ANH
    Ich sehe (empfinde) es anders: Der Tag, den sie hatten, war eine Ewigkeit; die Süße der Melancholie zu dehnen, hätte aus ihr eine Süßlichkeit gemacht. Außerdem ist die Erzählung ja auf ihre Weise eine Gedichtinterpretation, die Apollinaires „Tu viens de toquer à sa porte“, also das „eben noch“ nicht unterschlagen darf. ||| (Mußte noch ein paar Kleinigkeiten korrigieren, die ich morgens übersehen habe, weil es gleich wieder mit den »»»» Du-weißt-schon-Vorbereitungsmails losgegangen ist; als ich um sechs am Schreibtisch aufstand, lagen bereits über zwanzig im Postfach.)

    Sabine Scho
    hm, zum augenblick was sagen, ja, aber, mir geht es dann immer so, dass ich am nächsten und übernächsten tag auch gern noch so einen augenblick hätte, es lebt sich so schlecht allein von einmaligen ereignissen und zarten zeichen. literatur baut gern darauf alles auf, das stimmt zwar, aber selbst bei ihr verspüre ich mehr und mehr den wunsch, ein paar erfülltere momente von längerer dauer zu finden. bei den coming of age geschichten ist das noch erlaubt, später nicht mehr seltsamerweise und wenn es stimmt, dass wir uns nach den geschichten entwerfen, die wir uns voneinander erzählen (luhmann), wünsche ich mir schon manchmal andere zugänge, die auch das hymnisch feiern lehren, was noch bleibt. ich finde den titel von schädlich so genial, immer noch: mal hören, was noch kommt, jetzt, wo alles zu spät ist.

    ANH
    Ich verstehe gut, was Du meinst, und es gibt in meinen Arbeiten, gerade in der Prosa, immer wieder länger währende Erzählungen von, ich sag mal ungeschützt, Glück. Nur hier eben, wegen der Vorlage, paßt es nicht, so daß ich die Dauer herstelle (oder zu tun es versuche), indem die Zeiten ineinanderfließen, das Jahrzehnte zurückliegende sich mit unmittelbarer Gegenwart vereint, die in der Nacht dann endet. Aber übers Ganze gesehen, währte diese Liebe jetzt eben Jahrzehnte, und die Maus – „Souris“ (worin eben auch „sourir“, also „lächeln“ steckt) – flitzt in den — Himmel.

    Sabine Scho
    ja, ist vielleicht auch etwas, das nur persönlich einrastet, ohne das der text die gewichtung schon vorgibt.

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