Wolpertinger oder Das Blau

Erstausgabe, axel dielmann verlag, Frankfurt am Main 1993

Taschenbuchausgabe. dtv, München 2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare zu Wolpertinger oder Das Blau

  1. Verschiedene Rezensent:inn:en sagt:

    Leserbesprechung von Michael Cornelius Zepter, bei Facebook am 9. Juni 2018, von dort hierher kopiert:

    A. N. Herbst schrieb an diesem Roman nach eigenen Angaben ca. 10 Jahre, begann etwa 1983. Das war der Zeitraum, an dem auch ich begann, unter dem Eindruck der Kohl-Wende „schwarze Landschaften“, „Abrisshäuser“ und „Häuserlücken“ zu malen. Ich weiß nicht mehr, wann ich den Band gekauft hatte, jedenfalls lag er 18 Jahre bei mir herum, bis ich ihn im Frühjahr beim Aufräumen fand und begann, mich durch die gut 1.000 Seite (kleingedruckt) zu kämpfen, im Bett, meistens zwischen 22:00 und Mitternacht. Jetzt bin ich endlich „durch“ und bei der „Nachlese“, d. h. Quellen aufspüren und Passagen noch einmal lesen. Denn das Buch platzt geradezu von Verweisen und Anspielungen vor allem aus dem Bereich des Phantastischen, so zum Beispiel aus Shakespeares „Sturm“ und „Sommernachtstraum“, Goethes Faust I und II (mittelalterliche und klassische Walpurgisnacht), Edgar Allen Poe und Kants „Geisterseher“; Bram Stokers „Dracula“ (das Genagel und Gerumpel der Vampir-Särge, Murnau kommt auch vor, ist aber hier ein „Professor“ und vertritt die Aufklärung — oder auch nicht).
    Der Hauptheld ist der Autor selbst, der in mehreren Personen aufftritt (als „ich“, „der Autor“, „Hans Erich Deters“ — ein ziemlich unbedarfter junger Mann, der im Laufe des Romans sich vom Objekt zum handelnden Subjekt wandelt — , auch „Lauscher“ oder „Husar“ genannt.) Er bekommt von Otto Mallebron, einem Broker aus Österreich (oder dessen Doppelgänger Dr. Elberich Lipom , mit dem er nicht den Dialekt, wohl aber Anzug und das „äh“ in der Red,äh,e teilt,) den Auftrag, eine Geschichte, eine Art Report, über das „Geisterreich“ zu schreiben. Es ist dies jenes „ewige Mittelalter“, welches durch Aufklärung und moderne Technik in den Untergrund gedrängt wurde und nunmehr endgültig unter zu gehen droht — zum Beispiel dadurch, dass es vergessen oder nicht mehr ernst genommen wird.
    Der junge Deters, sprich Autor, lässt sich darauf ein, nicht zuletzt verführt durch Anna (oder Alda), eine kapriziöse Elbin mit Katzenaugen und knetbaren Brüsten , deren Reizen er letztendlich erliegt, um selber zum Geist, Gespenst, Wolpertinger zu werden, oder auch nicht. (Es gibt da drei Schlussvarianten). Das Geschehen spielt sich in einem Zeitraum von sechs Tagen in einem teils realen, teils imaginären Hannoversch Münden ab, hauptsächlich in einem manchmal verfallenen, dann wieder realen Hotel, in dessen Kellerräumen sich Rätsel- wie Ekelhaftes, Phantastisches und Unheimliches abspielen: Computerwerkstatt,Labor, Zuchtstätte für Blutegel. Die Zeit, in der sich das alles abspielt, ist kugelförmig, d. h. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart sind nicht unterscheidbar, alles scheint gleichzeitig, auch wenn die Linien der Erzählung (Herbst nennt sie an einer Stelle treffend „Erzählschlangen“) ständig unterbrochen werden, vor und zurück springen. So beginnt der Roman als Blick in die Zukunft und endet in der Vergangenheit. Doch bleibt dies alles im Vagen und der zunehmen verwirrte bzw. in die Irre geführte Leser wird immer ratloser, zumal er nach 500 Seiten schon vergessen hat, was am Anfang geschah. Das muss auch dem Erzähler klar geworden sein, denn in der „Mitte“ schiebt er einen erklärenden Dialog mit seiner „realen“ Partnerin Alda ein, welcher scheinbar vernünftige Überlegungen zum Entstehen, den Hintergründen und Motiven des Romans diskutiert… um dann übergangslos ins Traumwerk des Geisterreichs zu wechseln und alles vorher diskutierte als das entlarvt, was es ist: Eine von realen Versatzstücken unterfütterte phantastische Geschichte in der sich auch der Autor selbst zu verlieren scheint.
    Ich habe den Eindruck, dass Alban Nikolai Herbst (?) alle Personen, Orte, Kostüme, Sprechweisen, Körpermerkmale, Zitate und Verweise in kleine Stückchen zerhackte, ähnlich wie John Cage das in seiner „Europera“ mit 200 Jahren europäischer Operntradition macht. Doch Cages „Oper“ wirkt nicht phantastisch, sondern erinnert in ihrer abstrakten Struktur an die „Kunst der Fuge“. Bei Herbst führt die Dekonstruktion jedoch zur Poesie einer schwarzen Romantik, in die bisweilen wie ein Emoticon in die düstere Stimmung der Satz „hell lachte die Sonne“ eingefügt wird. Durchgehend wimmelt es von Fallgruben und Fangnetzen; man hat das Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen fort gezogen wird, dass sich Realität und Fiktion durchdringen und verwischen. Das ist nicht mehr nur ein „Riss“ (Roger Caillois) in der Realität, vielmehr wird die Realität selbst zur „permeablen Membran“, vielleicht auch zu einer „semipermeablen“, weil es ab einem gewissen Zeitp,äh,unkt keine Rückkehr mehr zu geben scheint. Das Unheimliche suppt in den Alltag.
    Dazu kommt eine geradezu erschlagende Fülle von Personen. An einer Stelle wird dies besonders deutlich,, wo dem Freiherrn von Hüon, einem dieser realen Gespenster, sein Sammelalbum mit dem getrocknetem Nasenschleim — der Kölner spricht von „Mömmes“ — berühmter Persönlichkeiten durcheinder geriet. Dort werden dann einfach mal gefühlte hundert Perönlichkeiten der euopäischen Kulturgeschichte aneinandergereiht . Die Familiennamen sind bekannt, nur die Vornamen stimmen nicht, wie z.B.: Christoph Rilke, Joseph Goethe, Tom Baudelaire oder Volker Apollinaire. Die banalen Vornamen stehen hier für die nicht minder banale Realität, während die illustren Nachnamen für das „Geisterreich“ der verstorbenen Größen steht, (natürlich ist es bei einigen Namen genau umgehehrt, z. B. : Immanuel Hieber, oder auch kombiniert: Johann Sebastian Gustafsson.) Was auf den ersten Blick wie ein Gag wirkt, zeigt sich bei genauere Analyse als eine kompliziert amüsante Montage, aus welcher man mit gewissem Recht auch literarische, philosophische, politische oder musikalische Vorläufer und Anreger der Autors herausfiltern kann.
    Es gibt meiner Erfahrung nach nur zwei Reaktionen auf dieses Mamutwerk. Entweder man donnert es in die Tonne oder man liefert sich ihm aus. „Stö-hnt das Stö-hn“! Dann aber gerät man unweigerlich in den Bann dieses Maelstroems (Eine Erzählung von E. A. Poe), der damit vor zweihundert Jahren früher das maritime Vorbild für kosmische „schwarze Löcher“ erdachte. Und wie bei anderen Schlüsselwerken wird man damit nicht en passant fertig werden. Also nicht unbedingt ein Buch für Lesefaule, Twitterer und fb-Liker. Aber eine Empfehlung für Leseratten (möglichst mit Hintergrundwissen im Bereich der Theorie und Literatur des Phantastischen — ich habe geschätzt auch nur die Hälfte aller Anspielungen und Verweise kapiert– und vor allem auch mit Sinn für Humor). Also solche Leute wie mi,hä,ch.

  2. Deters sagt:

    Darauf folgende Kommentare, ebenfalls bei Facebook:

    Ute Stefanie Strasser
    Ich bin ein ganz großer Fan (FanIn ?) dieses Buches ! Beim zweiten Mal Lesen habe ich viel mehr verstanden und es gefiel mir noch besser als beim ersten Mal. Und: ich glaub, ich hab nur ein Drittel kapiert, aber bleibt noch genug übrig, mich zu erfreuen.
    Und erinnern Sie sich auch: ins Grasgrün lachte die Sonne, Kaffeeduft, und Vögel zwitscherten ? Hehe, so ähnlich und immer wieder 🙂

    Michael Cornelius Zepter
    Ja, es gibt immer wieder kleine — oder auch etwas längere — Einsprengsel, die den Leser ins Reich des Wunderbaren entführen. Sie spenden einen Augenblick Glück, vielleicht so etwas wie Erholung, damit das Entsetzen nicht total wird. In der Musik mach…Mehr anzeigen

    Ute Stefanie Strasser
    Übrigens: es freut mich richtig, nun jemanden „getroffen“ zu haben, der dieses Buch gelesen hat ! 🙂

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