Das verbotene Buch: Buchmesse 2004 (2).

Ein eigenartiges Gefühl, der Amoralist der neueren deutschen Literatur zu sein. Von allen Seiten die Berichte, wie sich hinter den Türen Lektoren und Kritiker gefetzt: „Was der Herbst da gemacht hat, das d a r f man nicht machen“… aber keiner k e n n t eigentlich das Buch, Ulrich Greiners, der das Buch a u c h nicht kennt, Verdikt, ich hätte „Vertrauensmißbrauch“ begangen (an sich schon kein literarisches Argument), hat sich in die … nein, „Köpfe“ kann man das nicht mehr nennen… – also: hat sich in das hineingesetzt, was die Leute da oben tragen. Jemand aus einem ziemlich großen Verlag greift (bei anderer Gelegenheit) die Pressesprecherin von marebuch an: „Wie konntet ihr einen solchen Roman herausbringen? Ihr hättet das schon im Vorfeld stoppen müssen.“ Die junge Dame fragt nach den Gründen. Und der Mann sagt: „Der Skandal ist, daß die Sprache großartig ist, daß die Konstruktion großartig ist. Aber das Buch ist unmoralisch.“ Die junge Dame verteidigt den Text, und aufgebracht setzt der Lektor sich von ihr weg. Es geht also gar nicht um „Vertrauensmißbrauch“, sondern um eine Moral-an-sich. Die hat selbst befreundete Journalisten ergriffen: „ANH muß doch nur die Sexstellen streichen, dann ist das ganze Problem doch vom Tisch“, so wurde mir das zugetragen.
Moral scheint wieder Thema zu werden, in gleichem Maß übrigens, wie die Realität sie aufweicht und wir sie anderswo, in den Glaubenskriegen nämlich, mit Füßen treten. Eine Freundin, die aus dem Hebräischen übersetzt, bietet einem anderen großen Haus ein reich bebildertes Kinderbuch an. Dessen Geschichte geht so: Eine Familie mit zwei Kindern. Die Mutter verdient das Geld, der Vater ist Hausmann, er wäscht, er bügelt. Eines Tages besucht man einen Zirkus, von dem der Vater so begeistert ist, daß er seine Familie verläßt und mitzieht, Jonglieren lernt, Messer zu werfen lernt usw. Jede Woche bekommen seine Kinder eine Postkarte von irgendwoher, aus Rio, aus Mexiko City, aus Vancouver und Kairo. Und auf jeder Postkarte ist der Vater anders zu sehen: als Hochseilakrobat, als Feuerschlucker. Nach einem Jahr kehrt der Mann zurück und nimmt seine Position in der Familie wieder ein, wäscht wieder, bügelt wieder… nur mit dem Unterschied, daß er den Grill im Garten nun mit großen geblasenen Feuergesten entfacht, und die Pfannkuchen wirft er zehn Meter hoch, wobei sie fünfzehn Loopings machen. Der deutsche Verlag lehnt das Buch als unmoralisch ab: ein Vater dürfe seine Familie nicht verlassen, solch eine Vorstellung sei Kindern nicht zuzumuten. Die Geschichte positiv darzustellen, sei ja geradezu eine Aufforderung an reale Väter, sich verantwortungslos davonzustehlen. (Als bestünde eine wirkliche Verantwortung gegenüber dem Kind nicht auch darin, etwas zu sein. Ihnen Grund für Stolz und Staunen zu geben.) – Man kann den Leuten so ein Urteil nur um die Ohren schlagen.

Genau das Gleiche reflektiert sich in den Verdikten um mein verbotenes Buch. In Deutschland hat sich die Verdrängungs-Moral der protestantisch-sektiererischen USA eingeschlichen, die der rigiden Ausschlußmoral des fanatischen Islamismus mitunter erschreckend parallelgeht. Wir ziehen bloß nach. Erst im Umbau der ökonomischen Leistungsgesellschaft, dann in der Seele.

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