Gerald Stern out from the Subground ascending to Heaven of Poetry. Soupanova Berlin, 15. März 2010.

Das ist Berlin, wir sind halt d o c h Metropole; >>>> viermal geht (engl. aussprechen:) Paris hier rein. Vor zwanzig Leuten, irgendwo in einem Schmuddelclub, singt Bob Dylan nachts zur Klampfe, während andernkiezes Daniel Barenboim den Tango im Quartett gibt; daneben stehen die „offiziellen” Auftritte, für die das uneingeweihte Publikum in alten Tempeln und neuen Stadien, die „Arenen” genannt sind, am Geldbeutel blutet. Im „Alten Europa” tritt schon mal – unangekündigt – eine Operndiva auf, plötzlich, um die sich sonst die Welthäuser reißen, und das Horenstein-Ensemble gibt sein Gründungskonzert in einer Plattenladenklitsche. Gerald Stern, (worauf er Wert legt: jüdischer) Meister US-amerikanischer Poesie („Whitman was Goethe”), prallvoll eines gebrechlich gewordenen, fünfundachtzigjährigen Körpers, dessen Geist unbrechbar voll Geschichte ist, „two thousand years old” voll Haltung und Witz: „comedy” sagt er, „there is a difference between comedy and wit”… und schmückt das mit der freundlichsten Schwärze: „American culture is European, but Europe didn’t need the Indians” – … Gerald Stern also, auf seinem Gehstock, vorgebeugt und eine Schiebermütze auf dem Kopf, kommt, begleitet von seinem jungen Übersetzer Thomas Pletzinger, der geradezu reinlich wirkt gegen diesen Ausbund von schnaubendem Leben, ins >>>> SOUPANOVA. Den Zigarren hat er, den Frauen, Gedichte gewidmet, eines der schönsten heißt „Box of Cigars” und geht so: >>>>> <% file name="Gerald-Stern-Box-of-Cigars-150310" %>. Was der Verlust für eine Rolle in seiner Dichtung spiele, will der Moderator nach der Pause wissen, Stern wehrt das konziliant ab, indem er drüber Allgemeinpätze plaudert, überhaupt – hätte man früher gesagt: – causiert er genußvoll und gut, Persönliches, das jeder gern hört und wozu wir alle nicken, das sich aber nicht über die Gedichte legt: s i e sagen’s eigentlich. „Gossip”, sagt er, „all human beings love gossip”, woran er eine Poetologie des Lyrischen hängt, die den Erzähler favorisiert: lächelnd, ja witzelnd, wobei er sich im Gefallen des jugendlichen Publikums mit dem vollen Lebensrecht eines wiegt, der sagen kann: junger Mann, warten Sie ab! Aber weiß doch: hier entsteht Zukunft, indes e r, noch immer, gerne junge Frauen küßt, sinnlicher Berührungsmann mit weichen Tatzen zu Händen, einer des vergangenen Times Squares, Giuliani verspottend noch, da der siegte und die Hygiene in die Dichtung kam: „I l o v e d cigars, but now I’m a good citizan”. Läßt sich hinterher freilich von den Zigarren geben, die ein Gast dabeihat, allein schon, weil er hier gesetzwidrig rauchen darf und wider, wahrscheinlich, den Rat seines Arztes. Man sah vor ihm, ihm lauschend, den poetischen Aufbruch der Jungen sitzen, die ihre Geschichte, meinen sie, fanden. Er wußte das. Er nahm es selbstironisch entgegen, vertrauter ganz offenbar mit Europas Kunst als sie: traumhaft locker eingebunden eine Hommage an Franz Schubert, „eine Stelle bei Mahler”, erzählt er von seiner „very short musician career” als Posaunist, da war er Kind und quälte mit einem Übespiel zwanzig Familien, der Schnee war g r a u daheim in Pittsburg, „I loved the smell”.
Sterns Lyrik hat einen Rhythmus, einen Beat, den man „a mood” nennen muß. Das fängt Pletzingers Übersetzung nicht ein, was schlichtweg an der rhythmisch anders organisierten deutschen Sprache, aber auch an der Haltung liegt und sowieso an unübersetzbaren Wortspielen, Bedeutungsspielen, für die auch Alter maßgeblich ist, Erfahrung, durchgelebtes Dasein, und, das war gestern abend deutlich zu hören, Tradition; ein wenig war’s, als versuchte Pletzinger als erster Weißer, Schwarzen Blues zu fassen, und formuliert ihm doch nur hinterher: es fehlt spürbar die Geschichte des Vertriebenen, des Auswanderers, der Aufbruchsgedanke, Aufbruchswille, endlich zu tun, was man will: einst Grundmotor des US-amerikanischen Credos quer durch die Kulturen dort, und die Resignation darüber, wie sich das militarisierte im pervertierten Rock ’n Roll der Rules and Regulations, wie es Stillstand ward und Disneyfication: „the fucking marines”, höhnte Stern, „fucking Woodrow Wilson, son of a bitch, to Clinton, Bush undsoweiter, they were going to destroy this country, they destroyed it, and we blame them for it, we blame them for AIDS and… – forgive me for being so political”, lächelt schon wieder, schnauft, es gibt da ein Klacken in seiner Nase, das er, bevor er liest, freidrückt, das er mitten im Gedicht freidrückt, immer wieder, eine Art velar-ingressiven Verschlußlauts, den man aus afrikanischen Sprachen kennt. Das durchsetzt Sterns Vortrag wie ein gegen Rhythmik und Mood beharrender Kontrapunkt, der unter all der Freundlichkeit, all der Konzilianz auf Momente von Störung beharrt und ahnen läßt, was Gossip eigentlich ist. Dem k a n n ein junger Mensch nicht gerecht werden, es wäre Unrecht, es zu verlangen. So wird man Pletzingers ja doch sensible Übertragungen als Interlinear-Übersetzungen auch dort lesen müssen, wo sie es nicht sind und er sich Freiheiten genommen hat, die das Gedicht interpretieren. Darüber wurde gestern abend gesprochen, es ist mehr als ehrenvoll, den Komplex bewußt zu machen. Ein Dichter selbst ist Pletzinger wohl eher nicht. Noch nicht, vielleicht. Dankenswerterweise ist die jetzt >>>> bei Matthes & Seitz erschienene Auswahl der Gedichte zweisprachig gehalten, so daß wir vergleichen können und eine Ahnung davon bekommen, was zu übersetzen h e i ß t. Die Schönheit, Komik und Trauer von „Standing up” zum Beispiel fängt das Deutsche nicht ein: >>>> <% file name="Gerald-Stern-Standing-up-150310" %>, zumal Sterns Gedichte den Vortrag verlangen, Interpreten verlangen, deren bester wahrscheinlich er selber noch ist.Ein Wort zur fibula formae: Wie unmittelbar mir einsichtig wurde, daß zwei der jungen Zuhörer im privaten Gespräch Szene von Betrieb unterschieden. Der Betrieb läßt uns, w e n n er uns läßt, leben; er gibt uns das Geld. In der Szene aber lebt das Gedicht, das im Betrieb erstarrt und stirbt. Das weiß SternseiDank auch Stern. Gerade er.

[Die Veranstaltung wurde ausgerichtet von >>>> Earl Adler & Söhne.]

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