Mit leichtem Kopfweh, zu vielen Weines halber, beginnt dieser Tag. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 19. September 2012. Facebooks hochgefährliche Keuschheitszensur.

7.10 Uhr:
[Arbeitswohnung. Bantock, Sappho.]
Ui, das ging lange gestern nacht, viel viel Wein und anfangs eine Flasche Champagner waren beteiligt; ich habe mal wieder viel zu viel zubereitet, allein schon der Red Snapper war zu zweit nicht zu schaffen. Irgendwann nachts gingen die Gespräche los, eingeleitet von Erzählungen: Vertrag von Versailles, Korridor nach Königsberg, antisemitischer Rassenwahn, Israel und die arabische Welt, die Rolle der Mandatsländer in der Folge des Kolonialismus usw. So gesehen, ein politischer Abend. Ich erzählte von meiner Begegnung mit Arafat, erzählte von den Erlebnissen in Indien; ein Freund von ihr hat Ähnliches erzählt. Wann immer man aus der sogenannten Dritten Welt nach Deutschland zurückkommt, das unabweisbare Gefühl, durch eine Fernsehshow zu spazieren, der Begriff Banality TV fällt mir grad ein.
Latte macchiato, Morgenpfeife. Zu spät auf, aber logisch: vier Stunden Schlafs. Dann wird‘s halt, von halb drei Uhr an gerechnet, halb sieben. „Ich schaffe das nicht“, sagte ich, „meine Schlafphasen auf Null herunterzukriegen.“ „Aber du würdest gern?“ Ich stutzte. Dachte kurz nach. „Nein“, sagte ich dann „würde ich nicht. Ich schlafe wirklich sehr gerne.“ Sie hob zweifelnd beide Brauen.
Jetzt erst mal an Argo ff, dann den dreiunddreißigsten >>>> Giacomo Joyce. Um das neue Hörstück muß ich mich kümmern; auch davon erzählte ich gestern nacht. Sie wiederum erzählte von dem Grazer Jungautorenfest und davon, wie sie sich in Paris, auf der Rückfahrt vom Urlaub, einen jungen Geigenbauer von der Straße geangelt, der im Hotelbett einen Moralischen bekam, indem er zu weinen begann, weil er dabeiwar, seine Freundin zu betrügen. Der Ausdruck etwas zu tun im Begriff s t e h e n bekommt so einen völlig neuen Sinn: daß selbst ein Geschlechtsteil „im Begriff stehen“ kann. Man könnte von einem Fortpflanzungs-Idiom sprechen; alles Antiquariat fällt davon ab. „Da habe ich ihn rausgeworfen.“
Ich verplaudre mich.
Argo.
Aber eben schnell noch die Löwin wecken.

16.15 Uhr:
Die letzten, im Satz korrigierten Fahnen >>>> der Essays sind gekommen. Letzte Durchsicht also. Da muß ich sofort bei.
Plötzlich stand, schon vor meinem Mittagsschlaf, mein Junge im Zimmer. „Papa, mir geht es so schlecht.“ Übelkeit, Magenschmerzen, das Gesicht ganz bettllakenblaß. Also sein Vulkanlager bereitet, auf dem er nun liegt, erst gleich tief schlief, jetzt einen Pfefferminztee trinkt. Der Virus hat wohl auch ihn erwischt.
Prüdigkeiten-Facebook: Es war heute vormittag unmöglich, folgendes Gemälde, eines von vor knappen eingundertzwanzig Jahen, von Philip Burne-Jones unter einen Beitrag einzustellen:

Nacktheit ist nicht erlaubt, auch dann nicht, wenn es sich um Kunstwerke handelt. So kommt das, wenn Programme entscheiden. Wir hatten solche Zeiten schon einmal: als die antiken Statuen im Mittelalter abgeschlagen wurden. Da herrschte derselbe Ungeist. Nur den Kopf zu schütteln reicht nicht, denn das, was hier passiert, schafft Realität.

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