Untriest 28: Briefe nach Triest, 41 (Überarbeitung 1, Notate). Am Dienstag, dem 17. Februar 2015.

[Arbeitswohnung,
9.07 Uhr.]

Guten Morgen, Liebste,

ich sitze am siebten Triestbrief, hab schon einiges umgestellt, umformuliert und hänge jetzt an einer kniffligen Übergangsstelle. Also kurze Unterbrechung für den zweiten Latte macchiato und dies Untriest.
Die Nacht war so unruhig, daß heute morgen die Bettdecke völlig aus dem Bezug herausdreht worden war; der lag halb am Boden. Vor halb acht kam ich denn auch nicht hoch, war, wie immer, wenn der Körper mit einem Infekt kämpft, bekleidet schlafen gegangen, was ich, wie Du weißt, normalerweise verabscheue. In der Situation aber trag ich zur Nacht sogar Socken. Mein Körper bekommt die Viren der Bakterien auch ganz gut in den Griff; die Symptome sind bereits deutlich milder geworden. Dennoch auch heute noch kein Sport; hab noch mal nachgelesen.
Natürlich wurmt mich das, weil es einem die Werte zurückdreht. Andererseits gewinne ich etwas Zeit für diese Überarbeitung, die nun wieder auf einen multiperspektivischen Roman hinausläuft. Vielleicht kann ich das gegen Ende auf einen Sichtwinkel zuspitzen – was ästhetisch eine reizvolle Bewegung wäre: von einer Perspektive ausgehen, sie auf mehrere Perspektiven auffächern und dann in eine einzige zurückführen. Gelänge das, könnte ich romanhaft vorführen, wie aus eigenem Erleben eine abgespaltene, um mit >>>> Pfaller zu sprechen, „Zweite Welt“ gebaut wird, die der Bearbeitung der Ersten dient, zugleich aber „objektive“ Erzählung voller Figuren und Situationen wird und wie sich diese dann in die Erste zurückspiegelt. Zugleich ist das für meine Arbeit vor dem >>>> Traumschiff typische Reflektieren solcher Prozesse, mein sozusagen Musil-Erbe, wieder konstitutiv, wird also nicht verborgen.
Interessant dabei, wie ich ständig auf die Pfallerlektüre reagiere, reagieren muß, etwa auf die Frage nach der notwendigen Rolle der Fantasie- für die Realwelt (und umgekehrt), das heißt, ich spiegele Pfallers Thesen auf unser Verhältnis, sowohl auf das Deine zu Dir wie auf meine eigene Situation und selbstverständlich auf die der anderen Betroffenen meines Umfelds, namentlich der Löwin. Die mir gestern einen wunderbaren Brief geschickt hat. Von ihr immerhin erfahre ich Persönliches, auch wenn sie derzeit mit einem anderen Mann ist (allerdings gehörte Eifersucht nie zu meinen Stärken):

 

Sobald Blut im Spiel ist, kommen die Haie. (Tatsache!)
Wahrscheinlich deswegen schwimmen die Jungmänner am Außenriff immer so dicht um uns herum. Die wirken allerdings selbst wie Raubfische in ihren eng anliegenden Anzügen: Die Tauchhäute haften eng an den eleganten Körpern, die Schultern ein wenig verbreitert, rechts und links am Torso, raffiniert angedeutet, Kiemen. Und die Nähte laufen sämtlich diagonal auf Schwanz und Hoden zu. Einer, den ich aus Versehen zu interessiert mustere, geht mir nicht mehr von der Pelle, bis B. ein paar sehr klare Gesten macht; ein anderer entschuldigt sich kurz darauf für die Aufdringlichkeit seines Kollegen. (Nicht bei mir, sondern bei ihm.) – Ich bleibe gelassen. Es ist mein Badeanzug, meine Brüste sind zu groß, die Taille zu schmal. (Die sollten mich erstmal im Bikini sehen.)
Wir gehen von Bord. B. macht das Rudeln nicht mit und schwimmt davon. Pfiffe und Rufe richten bei ihm nichts aus, man muss ihm hinterherschwimmen. Ich beobachte das anfangs, doch das Wasser ist zu mächtig, zieht meinen Blick immer wieder nach unten.

Es hat etwas sehr Befreiendes, solch Nachrichten zu lesen. Pluralität. Dazu noch einmal >>>> Pfaller, S.74: „Wer wirklich nur eine einzige Person lieben kann und überhaupt nicht erträgt, daß diese vielleicht auch andere lieben könnte, liebt drum auf sehr narzißtische Weise. (…) Spätestens in der Eifersucht, die Freud als Paranoia begriff, tritt das Narzißtische dieser ‚monogamen‘ Liebe jedenfall deutlich zutage.“ – Die Triestbriefe beschreiben so eine in ihrer Ausschließlichkeit romantisch-kindliche, das heißt regressive Liebe, zu der ein „erwachsenes“ Verhältnis aber nicht gewonnen werden kann, weil die radikale Trennung ein unorganisches Vakuum hergestellt hat, das gefüllt werden muß. – Als ich das Buch begann, habe ich das noch nicht gewußt oder mein Wissen nicht wahrhaben wollen – derart berauschend war das magische Erleben. Es kann gut sein (bzw. wäre dann schlecht gewesen), daß genau das ihre, der Sìdhe und Darons, Trennung aber begründet hat, und zwar durch sie beide. Erkennen läßt es sich, indem ich nun einen separierten Beobachter, bzw. Kommentator eingeführt habe. Da ich das Buch aber autobiografisch begann und für nahezu dreihundert Buchseiten so durcherzählte, bleibt die Direktheit sowohl der Lust als auch des Schmerzes erhalten, die bei distanzierten Erzählverfahren, bzw. sich distanzierenden, normalerweise verloren gehen würde.

Ich habe noch immer nicht wieder geheizt; wär doch gelacht, wenn ich so eine leichte Erkältung nicht auch unter „Natur“bedingungen in den Griff bekäme; man braucht halt mehrere Pullover. Jedenfalls, derweil ich an Triest herumfeile, warte ich auf die nächste Lektoratstranche des Traumschiffs. Es ist ein bißchen blöd, daß meine Lektorin ausgerechnet in der Zeit, die bei mir frei wäre, weil ich auf die Rückmeldung wegen des Hörstücks warte, wegen eines drängenden Produktionstermins mit einer anderen Arbeit beschäftigt ist. Sollte ich das Hörstück abermals revidieren müssen, geriete meinerseits ich unter Druck. Immerhin steht nun fast schon >>>> Mares Vorschautext für das Traumschiff, und in zweidrei Wochen könnte bereits eine Pdf der Vorschauseite vorliegen, also noch vor der Leipziger Messe, wo ich auch meine Lektorin zu treffen hoffe. Parallel läuft hier sowieso eine ständige Korrespondenz mit dem Verlag, auch bereits in Vorausplanung von Lesungen usw., teils immer, mein Herz, mit der Lektorin im Cc, teils aber auch ohne.

Das Seltsame, Schönste, aber vielleicht auch das Bezeichnendste derzeit ist, daß meine Distanzierung über Triest meiner Liebe zu Dir keinen Abbruch tut. Im Gegenteil kommt es mir vor, als würde sie fester, geradezu noch gewisser, auch wenn sie auf Erfüllung letztlich verzichtet oder verzichten müssen sollte. Es kommt etwas sehr Klares in sie, etwas Lichtes: So, wie heute wieder die Sonne scheint, in einem Berlin unter blauestem Himmel. Auch davon finge ich gerne in meinem neuen Buch etwas ein, das nicht nur gewissermaßen eine Antwort auf den Sterberoman ist: Lebensroman. Übrigens ist die Löwin es gewesen, die erstmals auf diesen Zusammenhang hinwies, und zwar schon sehr früh – schon bevor meine Liebe zu Literatur werden mußte, ja geradezu sofort, nachdem ich ihr, der Löwin, von uns erzählt hatte. Sie verfügte über die künstlerische Distanzierung sofort, trotz ihres heftigen Schmerzes. Aber bist nicht Du es gewesen, die mir gesagt hat, ich sei imgrunde selbst eine Romanfigur? So daß meine Verschiebung der Perspektive nichts anderes tut, als der Deinen zu folgen? Daron, schon da, war also vorgegeben. Ich schreibe ihn nur nieder.

Kannst Du mir einen Gefallen tun? Bitte fotografiere im Ravoltella die Venus und schick mir dann das Bild? Du brauchst gar nichts dazuzuschreiben, ich brauche einfach nur das jpg. Ich möchte nicht bis April warten müssen, auch weil ich nicht weiß, ob man die Statue nicht wieder wegschließt. Als wir sie uns im Dezember angesehen haben, konnte ich einfach noch nicht wissen, wie wichtig sie bald werden würde.

Sei umarmt,
A.

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