“Ein bißchen schaurig ist das s c h o n.” Das Gänsehautjournal des Sonntags, den 27. November 2022.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Fünfter Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.44 Uhr
France Musique Classique plus:
Richard Strauss, Letzte Lieder (Jessey Norman)]
Gestern mit dem achtundzwanzigsten Triestbrief tatsächlich fertig geworden und dabei sogar, nach → diesem vermeintlichen Ende einen guten Übergang für den neunundzwanzigsten, also letzten Brief des Romanes hinbekommen. Sehr erleichternd. Also werde ich heute damit zu tun haben, den Brief korrekturzulesen, vielleicht auch noch die eine und/oder andere Änderung, bzw. Schärfung der Szenen einzufügen und ihn dann für den Typoskriptband auszudrucken und drin abzuheften. Daß ich bereits dazu kommen werde, den neunundzwanzigsten Brief zu beginnen, glaube ich hingegen nicht, schon weil ich, da wir solch ein sonniges Wetter haben, gerne einen ausgebigen Spaziergang machen möchte. Womit ich nicht lange warten sollte. Es wird doch in dieser Jahreszeit stets so übel schnell dunkel, und ich brauche Licht.

Außerdem an einer nächsten Ergänzung der zweiten Tattooerweiterung gefriemelt, erst mit Filzer, dann, weil der nicht hielt, mit schwarzem Nagellack – was beides aber viel zu dicke Striche ergibt. Denken Sie sich sie feiner, sehr viel feiner, liebste Freundin, so, wie die Realisierung am Hals. Jedenfalls sagte gestern abend auf Broßmanns wunderbarem Fest jemand mir übrigens ausgesprochen Sympathisches, schon, weil er einerseits hochintelligent nicht nur wirkte, andererseits aber selbst sehr hell – und sportlich-elegant dazu, mit berückendem Lachen: “Das ist aber nun ein Statement!” Zu sehen war selbstverständlich nicht das Tattoo insgesamt, sondern nur mein auf die Oberseite der rechten Hand mit zumal linkisch mit links aufgetragener Entwurfsversuch.
Tatsächlich emfand ich für Tattos Hände stets als Tabu. Doch war mir schleichend klargeworden, daß ich auch dieses würde brechen müssen, wenn ich es denn mit der Selbstermächtigung über meine Versehrung ernstmeinen wolle. Zumal auch dies wieder in den Triestroman hineinspielt und möglicherweise in ihm selbst noch Thema werden wird, ganz sicher aber in meiner nun fest eingeplanten Yōsei/Horu-Shi-Novelle. Ein kleiner Ärger allerdings, daß es keine wasserfesten Hautfarben gibt, die sich mit einem Stift auftragen lassen und zumindest die Haltbarkeit von Henna haben. Sonst würde ich erst einmal damit operieren und schauen, wie ich in, sagen wir, einzwei Monaten zu diesem Wechsel meines Geschmacksempfindens stehe. Aber so nehme ich das Risiko halt an, hat auch was von einem Rausch, der allerdings dem einer Selbstüberhebung eher gleicht als nur jener der -ermächtigung. Was ich mit ausgesprochenem Interesse, sozusagen gehobener Augenbraue, beobachte. Doch ist ja auch dieser Komplex stets in meiner Dichtung zugegen. Die sowas von “neben der Zeit” liegt! Nicht “gegen” sie, nein, nur neben, im Wortsinn, ein ganz eigener paralleler Zeitverlaufsstrang, von dem ich freilich weiß, daß er nicht ohne Wurzeln, sondern Fortführung vorheriger simultaner Nebenstränge der poetischen Ästhtik ist, die es – neben – ebenfalls waren. Erzählt indes, in den Feuilletons, wird fast immer nur der Hauptstrang (“Mainstream”); anscheinend Abseitiges – das später einmal, wie Kafka und Kleist, das zentrale “Narrativ” der Literaturgeschichtsschreibung zur Ästhetik werden könnte – wird umso seltener auch nur besprochen, desto querer (nicht “queerer”!) es zur allgemeinen Gutmeinung steht. Insofern muß es mich, auch wenn es mich sehr wurmt, nicht wundern, daß etwa die Béarts in den “offiziellen” Feuilletons nicht vorkommen, abgesehen von → Carsten Ottes SWR-Besprechung selbstverständlich. Dabei w e i ß ich von Rezensionen, die schon geschrieben und längst abgegeben worden sind, die aber ganz offenbar von den Reaktionschefs und -innen zurückgehalten werden. Es zeigt dies die journalistische unterdessen nicht nur noch “Tendenz”, nicht bloß tendenziös zu schreiben, sondern auch bewußt zu verschweigen, und wiederum mit anderem, das die Zustimmung eines vorgestellten Publikums zu garantieren scheint, also mit schlichtweg der Masse zu laufen, selbst wenn sie gar keine ist, sondern nur aus einigen wenigen besteht, aber aus lauten, sozusagen “moralischen” Schreihälsen, die die Meinungshoheit okkupierten. So daß es nicht einmal mehr theoretisch um Objektivität, sondern darum geht, sich den Mehrheiten, der “Quote”, anzudienern. Na gut, solln sie. Ich weiß, an was ich arbeite, und weiß auch, warum. Auf jeden Fall bleibe ich frei von grobem ideologischen Unfug. Mitunter komme ich mir wie ein Warner unter all den Intellektuellen vorm Ersten Weltkrieg vor (auch Thomas Mann war dabei), die sich jubelnd darum drängelten, MItmorden und Mitgemordetwerden zu dürfen. Ein bißchen schaurig ist es s c h o n, daß sich offenbar so gar nichts in den Psychodynamiken ändert.

Ihr, Begehrte,
ANH

[France Musique Contemporaine:
Jana Kmitova, Gesichtsstudien für Orchester (2017)]

Ach so, falls Sie noch ein so ausgefallenes wie edles Weihnachtsgeschenkt brauchen: Diaphanes’ Sonderausgaben des Béart-Gedichtzyklus ist jetzt erhältlich. Näheres → dort.

Yōsei ODER Die Leaves of Grass der Horu-Shi. Berliner Tattoo-Convention, September 2022. Briefe nach Triest, 65.

[Aus dem Achtunddreißigsten Brief:]

(…)

Du wirst, nehme ich an, die Arena Treptow nicht kennen. In einem der Gänge hatte Gerald für die Tattoo Convention einen nicht sehr großen Stand angemietet, zwei auf drei Meter, die Rückwand mit einer linksläufigen giftgrünen Triskele auf braunschwarzem Grund tapeziert, deren Arme in eine Art Schlangenköpfe ausliefen, die aber keine waren. Erst bei nahem Herantreten offenbarten sich statt dessen Schriftzeichen, eine Mischung aus Hiragana- und Katakana-Moren sowie vielleicht Runen, aber auch etwas, das ans Feanórische Alphabet2 erinnerte, die aber alle insgesamt, doch eben nur aus der Entfernung, die Konturen der drei, und nur dieser, Schlangenköpfe formten, denen inhaltlich jedoch kein oder ein so geradezu phylogenetisch fremder Inhalt entsprach, daß wahrscheinlich nicht einmal Yōsei selbst zu sagen wußte, was sie bedeuteten. Das zeigte sie freilich nicht; wurde sie um ihn befragt, dann lächelte sie nur.
Senkrecht zum Gang war, auch als Abgrenzung des Standes, eine hüfthohe, mit einer ornamental gemusterten Plane bespannte Liege aufgestellt, neben der die Ablage der Tätowierinstrumente stand, übrigens keine modernen, sondern traditionelle Teburistichel, die auch nur anzusehen wie selbst schon Schmerzen auszuhalten war. Es sind ja tatsächlich oft nur vermittels eines äußerst feinen Seidenzwirns an den Griffeln befestigte kaum sichtbare, so dünn sind sie, Metallnägel, die, nachdem sie, um die Farbe aufzunehmen, in einen damit getränkten Schwamm gedrückt worden sind, in die Haut gestochen werden. Der, ich möchte fast schreiben, „Delinquent‟, der aber, wenn er sich wieder erhob, ein für immer Erhobener war, legte sich mit dem Kopf zum Publikum, je nachdem, wo das Motiv appliziert werden sollte, auf den Rücken, auf eine Seite oder Brust und Bauch, und die Künstlerin beugte sich so nahe über ihn, daß fast ihr Mund den Körper berührte, die Augen keinen Zentimeter von den schnell wie offene Ritznarben aussehenden Einstichstellen entfernt. Und Yōsei berührte ihn wirklich, ich stand ja dabei und konnte es sehen. Ja aber was tat sie denn da? Die Tätowierer und Tätowiererinnen der anderen Stände, ich hatte es jetzt ein paarmal beobachtet, wischten das wenige austretende, stets mit der Farbe gesättigte Blut immer schnell vermittels feiner Lappen hinweg, die sie zwischen den vorderen Fingergliedern ihrer meist linken Hand hielten. Einstechen, wischen, einstechen, wischen, das war die Bewegung. Yōsei aber leckte, züngelnd flink wie Schlangen. Und wenn sie den Körper des andren so berührte, ging durch ihn ein Schauern, dem ein leises Stöhnen, das des zu Erhebenden, den irdischen Klang gab, den sonst nur Seismographen vernehmen.
Vielleicht war ich der erste, der es vernahm und alles andre mitbekam, aber ich blieb nicht allein. Es ging durch uns Zuschauer, die wir uns vor dem kleinen Stand unterdessen schon drängten, etwas hindurch wie über Whitmans Leaves of Grass3, die sich in der gesamten Breite beugten ihrer Weite, der Prärie – bis an den fernen Horizont heran, und wir hörten das seismographische Schauern als einen Wind durch unsere Ohren wie in eine Seemuschel fahren. Nur aber ich erkannte, als Yōsei – war sie bereits fertig? pausierte sie nur das Viertel einer Minute? – ihren Kopf hob, welchen Spuren die ihren ähnlich sahen, die sich von den Mundwinkeln abwärts zogen, als wären rote Tränen gelaufen, nicht ganz bis zum Kinn, nur ein winziges Stückchen, doch aber sichtbar. Ja, die Lippen insgesamt waren unversehens zu denen der Carsomarer Venus geworden, nachdem sie wiedergefunden in Lenzens Grenzhäuschen war; hier aber diese Spuren noch frisch, ein nicht leuchtendes, aber doch schimmerndes Rot. (Auf den Fotos, die später in einer Szene-Zeitschrift erschienen, aber wie eingetrocknet erblaßt; sie gingen dennoch um die Welt). Weiters erkannte man in Geralds Tätowierungen zwar ein bildliches Motiv, doch welch ein, w a s es also zeigte, vermochte niemand zu sagen, und zwar umso weniger, je mehr Zeit seit der … – man sprach bald nur noch von Performance … – verging. Ja, anfangs … anfangs hatte noch Leute gesagt: ein Tiger, ein Drache, ein Olivbaum, aber wurden sich stetig unsicherer, und traten sie näher an das Tattoo heran, waren nur genau solche Zeichen zu erkennen wie die der vermeintlichen Schlangenköpfe am Ende der Triskelenarme. Indessen ich | nichts als Deine Lippen sah.

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Briefe nach Triest 64<<<<
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Frage an die Tattoo Convention Berlin, nämlich Briefe nach Triest, 64, diesmal zur Recherche. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 26. November 2022.

 

An info@tattoo-convention.de
25. November 2022, 18.28

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leute,
ich sitze an einem Roman, in dem eine Szene auf der Tattoo Convention Berlin im September dieses Jahres spielt, also September 2022. Was ich dafür noch wissen muß, ist, wie hoch da die Standkosten sind. Es soll ein nur kleiner quasi Privatstand für eine junge, in der Szene bis dahin noch völlig unbekannten Künstlerin sein, die unter dem Namen Horishi-Shi[1]Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH auftritt.  Meine Erzählung ist insgesamt eher dem phantastischen Genre zuzuordnen; umso wichtiger ist, daß die realen Grundlagen stimmen.
Für Auskunft wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit besten Grüßen,
ANH
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→  Briefe nach Triest 65
Briefe nach Triest 63
[Arbeitswohnung, 10.17 Uhr
Beethoven op. 95, Koeckert-Quartett]
Hoffentlich bekomme ich Antwort. Sonst werde ich fantasieren müssen, wo ich fantasieren nicht will. Doch den Entwurf der – wenn eben auch noch nicht vollständigen – Szene, auf die ich mich in der Mail beziehe, werde ich heute nachmittag gesondert in Der Dschungel einstellen. Hier aber möchte ich erst noch ein zweites Mal an Werner Ost erinnern, dem ich gestern → diesen kleinen Nachruf schrieb. Ich bin mir, Freundin, nämlich unsicher, ob Sie ihn bereits gesehen haben. Menschen, wie er war, sind mir wichtig.

“Nebenbei” laufen meine Pregabalinprotokolle weiter; heute früh schrieb ich → das vierte. Und vorgestern, weil ich mich wieder einmal durch sämtliche – abgesehen von den Nres 1 & 2 und dem ohnedies Schmock der Neunten – Sinfonien Beethovens durchgehört habe, die folgende Notiz:

Ich kann’s nicht anders sagen. Beethovens Kammermusik ist “einfach” um Dimensionen besser als seine Sinfonien:

Welche geradezu Erholung jetzt diese noch nicht ganz späten Quartette! Zumal von dem famosen, heute “historisch” zu nennenden Koeckert-Quartett, dessen magischem Klang ich erstmals in einer Aufnahme von Schuberts D.810, Der Tod und das Mädchen, verfiel, auf Vinyl zeitlogischerwiese, wahrscheinlich – in Stereo “transkribiertes”[2]stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle. Mono – aus den Fünfigern, an der einem allerdings der Kommentar eines nicht genannten Autors (einer Autorin in dieser Zeit wohl eher nicht) die Fußnägel hochbiegt:

Und da es Musiker von deutscher Eigenart sind. vermögen sie den seelischen Tiefen und hintergründigen Zusammenhängen eines solchen Werkes intensiv nachzuspüren.

Auf die kaum zurückliegende Shoa völlig vergessen, und das Völkerrechtsverbrechen des gesamten Weltkriegs. Da will ich nur noch kotzen — doch die trauernde Eleganz der Einspielung ist ja dennoch da, der Schlüssel unseres Lebens unentwegte Ambivalenz.
Immerhin sind d
ie Triestbriefe jetzt am geradezu, burschikos ausgedrückt, “Rennen”. Heute werde ich den achtunddreißigsten, nämlich vorletzten beenden und gleich mit dem letzten anfangen. Womit ich sehr gut im Zeitplan liege; für Ende Dezember habe ich den Abschluß der ersten Fassung geplant. Dann werden zu Beginn der zweiten sämtliche Notate ins Typoskript eingepflegt werden müssen, bevor ich damit beginne, den Roman noch einmal ganz von vorne durchzuarbeiten. Das wird bis etwa Ende Februar gehen; wahrscheinlich kann Elvira dann schon dran – auch wenn ich eigentlich immer gern noch eine dritte Fassung erstelle. Aber vielleicht geht es diesmal parallel, etwas, das allerdings mit niemandem sonst als ihr denkbar ist, geschweige denn auch möglich wäre. Ich brauche aber noch einen guten Schluß für diesen achtunddreißigsten Brief, einen der von der jetzt letzten Szene noch einmal die Fäden aufnimmt, die nach Triest zurückführen; daran werde ich etwas herumdenken müssen, außerdem sind einige noch lose Fäden miteinander zu verbinden; der des Yōsei/Tattoo-Motivs soll der einzige offene bleiben, und zwar, weil aus ihm ein eigenes, ein späteres Buch entstehen soll, achmaler als dieses, eine, wie im Roman-selbst angekündigt, Novelle wahrscheinlich. Die dann wunderbar zu Elfenbein passen dürfte. Der Verleger wartet ja schon länger auf ein schmales Buch von mir.

Gut, jetzt zweites Frühstück, dann einkaufen gehen, danach gleich an Triest.

Lassen Sie sich, Freundin, von dem nun einmal normalen Novemberwetter nicht ergrämen.

ANH
[Schubert, D.810 “Der Tod und das Mädchen”, Koeckert]

References

References
1 Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH
2 stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle.

Yōseis Tätowierkunst im Arbeitsjournal des Dienstags, den 21. November 2022, worin die Triskele | radikal zum Rhizom geworden und damit — literarisch a u c h.

[Arbeitswohnung, 6.43 Uhr
Erste Morgenpfeife, Latte macchiato
Kaija Saariaho, Nymphea]
Es gibt Komponistinnen und Komponisten, die ihre musikalischen Themen vollendet melodisch schon haben, bevor sie ihre Verarbeitung, die “Arbeit am Material” (Adorno), beginnen, und solche, die sie während dieser Arbeit erst finden. Ich hörte viel Rautavaara, nun die von mir fast geliebte Saariaho; er gehört in die erste, nun jà, “Kategorie”, sie gewiß in die zweite. Ganz wie ich selbst, der ich, wenn ich ein Buch beginne, zwar eine Idee verfolge, nie aber wirklich weiß, wohin sie mich führt. Dieses ergibt sich erst aus dem Schreibprozeß. Wie abermals n u n, da die zweite Erweiterung meines → Bioport-Tattoos gestern abgeschlossen wurde. Es hat jetzt, wie ich Phyllis Kiehl in Whatsapp schrieb, genau dies Organische, das mir vorgeschwebt war, als ich das Abenteuer ohne schon zu ahnen anfing, das es zugleich ein literarisches würde, und zwar sogar doppelt gebunden.
Vielleicht wäre aber absehbar gewesen, daß ich dieses Erleben in einen poetischen Text einbinden würde, in w e l c h e n, aber sicher nicht. Ich hatte ja bloß die Idee, daß eines Morgens auf Yōseis Rücken ein Symbol erscheint — es sollte anfangs → ein Drache, Ryū, sein, was ich indes, weil es Klischee gewesen wäre, sehr schnell verwarf —, von dem sie selbst gar nichts spürt; dort hinten sieht sie es freilich auch nicht. Aber ihr neuer Freund, beim gemeinsamen Aufwachen, bemerkt es, übrigens nicht auf dem Rücken, sondern inmitten ihres schmalen Nackens.

Ich mag nicht, wie mein Sohn es ausdrücken würde, “spoilern”; doch es ist ein Tattoo. Nur daß sie das Symbol, eine wie bei mir linksläufige Triskele, niemals hat stechen lassen. Und etwas geschieht mit ihm, weil das Ding nämlich lebt. Was in den Griff bekommen werden muß. Imgrunde mein Thema: Wie ermächtige ich mich dessen, was mir geschieht, und drehe also ein Geschehen, dem gegenüber ich eigentlich hilflos bin, weil ich objektiv keinen Einfluß auf es habe, so herum, daß es mein eigener Wille gestaltet. Hier sehe ich stets den künstlerischen Prozeß. So wird denn Yōsei eine Tätowiererin werden, und zwar eine meisterliche und daher radikale Künstlerin ihres Fachs. Auch dies dann wieder aus dem Leben genommen; wenn ich sie, Yōsei, bei der Arbeit beschreibe, beschreibe ich, was ich an → Elena beobachten darf.
Die zweite Bindung des thematischen Motivs ergibt sich daraus, → daß ich neulich begriff, eigentlich gehöre der Prozeß, mich, eben von dem Bioport ausgehend, tätowieren zu lassen, in das → Krebstagebuch, allerdings in seine Fortsetzung nach der noch nicht geschriebenen Klimax, für die ich erst nach Aqaba muß, um den “Spielort” der “Enteinigung”, also der OP, zu finden. Für die Reise dorthin fehlt mir noch das Geld (allerdings die Flüge dorthin → sind erschwinglich); ein guter symbolischer Zeitpunkt wäre im Februar mein Geburtstag. Nur hält mich noch mein, sagen wir, Aberglaube davon ab, mich zu verhalten, wie ich es eigentlich täte – mit dem vitalistischen Schlachtruf “Sei’s drum!” Vielleicht nämlich sollte ich warten, bis medizinisch objektiv gesagt werden kann, daß ich “geheilt” sei, bis also nach dem fünften Jahr. (Meine nächste Kontrolluntersuchung findet am 6. Dezember statt). – Wie aber nun auch immer, läßt sich dieses Tattoo-Projekt auch als eine Verbeugung vor → Liligeia verstehen, die ich als – bislang – Unterlegene e h r e. MIr ist das wichtig. Hatte ich aber s i e schon, also den Krebs, in mein literarisches Werk integriert — selbst unvollendet, gehört das Krebstagebuch bereits, wenn auch nur in Der Dschungel publiziert, zu meiner Literatur[1]Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben. —, so nun auch den, den sie “befiel”, – meinen Körper. Es ist dies eine unabdingbare Logik meiner Poetik. Was nämlich die Realitätskraft der Fiktionen anbelangt, bekommt das gesamte Unternehmen mit einem Mal sogar fiskalische Valenz, indem ich die Kosten des Tattoos von der Steuer werde absetzen können. Diese Volte ist eben nicht nur ein Schelmenstreich (ein bißchen freilich auch), sondern vor allem eine nächste Nagelprobe auf die Wirklichkeitsvalenz von Dichtung, und nicht nur der meinen. Die von mir längst nicht mehr nur projektierte Ästhetische Theorie ist, soweit nicht Praxis, durchaus normativen Charakters – allerdings im Bezug auf ihre historische Zeit. Spätere Entwicklungen der Künste (und also der Gesellschaften sowie der Naturen[2]Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich … Continue reading, in die sie eingebettet sind) werden sie relativieren.
Wiederum aber die rhizomatische Form des Tattos entspricht sogar insgesamt den auch anderweitig immer wieder attestierten prozessualen Strukturen meiner insbesondere Romane, die ich somit fortsetze auf Haut.

*** (Unterbrochen, um zu duschen usw.) ***
 

[Sophia Gubaidulina, София Асгатовна (Sonnengesang)]
Gestern kam die endgültige Zusage zur Graphik Novel; tatsächlich → der Zilts wird es werden. Nur über den Vorschuß ist noch zu verhandeln. Woran ich eigentlich gedacht hatte, was ich mir gewünscht hatte, wird wahrscheinlich zu erreichen nicht sein. Aber vielleicht doch noch genug, um mir einzwei Monate durchzufinanzieren.  Es wird doch einige Arbeit zu leisten sein, um die lange Erzählung auf Pavlenkos zeichnerische Bedürfnisse auszurichten. Gut, liebste Freundin,wir werden sehen. Mich drängt es erst einmal in die Briefe nach Triest zurück. Sie stehen ja ziemlich kurz vor dem Abschluß ihrer ersten Fassung. den ich sehr, sehr gerne noch im Dezember sehen möchte. Es wäre ein feiner Beginn für 2023. Das meiste dann wird nur noch konzentrierte Fleißarbeit sein; vor allem wird gestrichen werden müssen, aber klug. Manches, was in der Ersten Fasung jetzt steht [3]Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand., kann so nicht mehr bleiben; viel zu viele Angaben sind ungenau oder sogar unmöglich. Doch um das zu beheben, braucht es fast durchweg nur kleine Verrückungen; und einiges kann oder muß sogar ganz weg. Die Geschichte hat sich – siehe oben – geschrieben, jetzt ist die Fassung anzugleichen.

Ach so! Gestern sehr spät am Abend der plötzliche Impuls, wieder mit dem Sport anzufangen. Er hängt wohl mit meinem begonnenen alkoholfreien Monat zusammen. Wirklich wieder riesige Lust … nein, nicht zu joggen, meine 15-km-Läufe “kosten” zu viele Kalorien, die krieg ich in den Körper nicht rein. Aber neu mit leichtem Krafttraining zu beginnen, erstmal an den Slings. Zu Anfang nicht mehr als jeden Tag eine halbe Stunde, danach dann weitersehen. “Sicherheitshalber” schaute ich aber im Netz wegen des Tattoos nach. Also, ich soll noch bis zur Abheilung warten. Gut, dann hoffe ich mal, daß der Impuls bis dahin so lockend mir erhalten bleibt. Aber mir gefiel einfach nicht, daß unter dem Bizeps die Haut hängt, was mir auf Foto mit der Tattooergänzung aufiel. Wie mein, nun gut, “verkaterter” Zustand des Wochenendes war auch dies ein mir von meinem Körper, den ich achte, als “Jetzt paß aber endlich mal auf, versammt!” zugefunktes Signal. Und wie immer, wenn er mir etwas sagt, höre ich darauf. Nicht bei den Menschen, nur bei meinem Körper.

Ihr, Allerverehrteste, wie immer
ANH

References

References
1 Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben.
2 Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich auch subjektiv ändern, ist momentan ausgesprochen gut an mir selbst zu beobachten, der doch über Jahrzehnte ein Gegner von Tattoos gewesen.
3 Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand.

BRIEFE NACH TRIEST. Die Kapitel (nach und nach zu ergänzen).

>>>> Erster Brief.
>>>> Zweiter Brief.
>>>> Dritter Brief.
>>>> Vierter Brief.
>>>> Fünfter Brief.
>>>> Sechster Brief.
>>>> Überlegungen 1.
>>>> Siebter Brief.
>>>> Achter Brief.
>>>> Neunter Brief.
>>>> Zwischenbemerkung 1.
>>>> Zehnter Brief.
>>>> Elfter Brief.
>>>> Zwölfter Brief.
>>>> Dreizehnter Brief.
>>>> Vierzehnter Brief.

 

>>>> Fünfzehnter Brief.
>>>> Überlegungen 2.
>>>> Sechzehnter Brief.
>>>> Siebzehnter Brief.
>>>> Achtzehnter Brief.
>>>> Neunzehnter Brief.
>>>> Zwanzigster Brief.
>>>> Einundzwanzigster Brief.
>>>> Zweiundzwanzigster Brief.
>>>> Dreiundzwanzigster Brief.
>>>> Im Zwischenraum 1.
>>>> Vierundzwanzigster Brief.
>>>> Fünfundzwanzigster Brief.
>>>> Überlegungen 3.
>>>> Sechsundzwanzigster Brief.
>>>> Im Zwischenraum 2.

 

>>>> Siebenundzwanzigster Brief.
>>>> Traumbericht
>>>> Korrespondenz.
>>>> Achtundzwanzigster Brief.
>>>> Neundundzwanzigster Brief.
>>>> Dreißigster Brief.
>>>> Zwischenbemerkung 2
>>>> Einunddreißigster Brief.
>>>> Zweiunddreißigster Brief.
>>>> Brief an die Lektorin,1 (Auszug).
>>>> Brief an eine junge Kollegin.
>>>> Überarbeitung 1 Notate (Untriest 28).
>>>> Überarbeitung 2 (Wiederaufnahme
Mai/Juni 2022): “Bäumungen”
NEUSCHRIFTEN (ab Juli 2022)

Dreiunddreißigster Brief, Auszüge: >>>> Anfang, >>>> Fortsetzung
Vierunddreißigster Brief: >>>> Auszug
Fünfunddreißigster Brief, Auszug: >>>> Ende
Sechsunddreißigster Brief: >>>> Auszug
Siebenunddreißigster Brief, Auszug:
>>>> Anfang, >>>> Fortsetzung, >>>> Ende

Rossis dritte Begegnung, und nunmehr mit Dir. Briefe nach Triest, 63.

[Siebenunddreißigster Brief, Ende:]

(…)

Es wurde ein nicht netter, sondern tief angenehmer Abend. Pietro und Jan verstanden sich sofort, obwohl dieser sich nicht ganz sicher war und es niemals werden würde, ob zwischen dem, wie sich nebenbei herausstellte, Patentrechtler und der Lydierin nicht mehr war als nur Kameradschaft. Überdies war er mit Jessir befreundet, obwohl die beiden um der Lydierin Hand einst sozusagen wettgebuhlt hatten. Es entging dem auf ersten Blick recht konservativen Mann auch keineswegs, daß mit Jan ein nächster erschienen war, dem es seinerseits um mehr als bloß neue Freundschaft ging. Doch hatte er auch Lenz … nun jà, „ertragen‟ wäre zuviel gesagt, „respektiert‟ trifft es besser. Aber auch noch nicht ganz. Er hatte ihm sogar finanziell geholfen, zweidreimal schon, als es anders gar nicht mehr ging, und ohne ihn, also seinen juristischen Beistand, hätte Lenz das Grenzhäuschen auf Dauer nicht behalten können. Er war ja illegal eingezogen, hatte das verfallende Gebäudchen sozusagen besetzt. Nur wegen seiner, Pietros, geschickten vorgerichtlichen Verhandlungsführung war es zu dem Wohnrecht gekommen, das bis Lenzens Tod Bestand hatte, erblich natürlich nicht übertragbar. Doch dies nur nebenbei, es kam an diesem Abend selbstverständlich nicht zur Sprache. Statt dessen Michael Wollny und Vincent Peirani, die beide in Jans CAVEZZ ebenso schon gespielt hatten, Stücke aus Tandem und spontane Impovisationen, wie Craig Taborn, aber auch — sowie andere Größen der atonalen Avantgarde, deren intellektuelles, bisweilen restlos verkopftes Spiel auf die harmonischen Bedürfnisse ihrer Hörer so wenig Rücksicht nahm, daß dringend wieder ein Weltmusikabend eingeschoben werden mußte. Pietro mochte beides nicht, war bei Wollny und Peirani, Jarrett, Możdżer und Bartholomey & Bittmann, nämlich derart entschieden, daß sich Jan geradezu gezwungen sah, einerseits den Free Jazz zu verteidigen, sich andererseits aber auf die Seite der Esoteriker ganz ebenso zu stellen, schon um das Kalkül des Kaufmanns zu verteten, der er eben auch war. Jedenfalls diskutierten die beiden zwar zivilisiert, doch hitzig genug, daß es zeitweise den Anschein hatte, die Lydierin sitze gar nicht dabei.
Sie nahm es den Männern nicht übel, fand die Situation sogar amüsant; erleichternd indes auch, weil gelungen genug, um eine sich vielleicht doch schon eingeschlichene amouröse Verwicklung deutlich aufgelockert zu haben. Solange die Spiel blieb, fand sie’s in Ordnung, weil ohne Lehm an den Füßen. Und balancierte die Männer weiterhin aus. Zum Beispiel, indem sie sie nun zu einem Abendessen in ihre neue Wohnung lud. Und dort eben, aber noch im Treppenhaus des Gebäudes, begegnetet Ihr Euch, Jan und Du, zum ersten Mal.
Du bliebst auf der Etage stehen, als sich Eure Blicke trafen. Er blieb ebenso stehen, das halbe Stockwerk tiefer. In der linken Hand trug er einen in Papier eingeschlagenen Blumenstrauß mit roter Schleife daran.
Es traf sich Euer Blicken. Muß ich mehr erzählen?
Schade‟, sagte Jan.
Schade?‟
Ich bin zum Essen eingeladen und schon etwas spät dran. Deshalb werde ich Sie nicht begleiten können.‟
Schade‟, sagtest Du nun auch. „Schade, in der Tat.‟ Und schicktest Dich an, weiter abwärts zu steigen. Wozu Du an ihm vorbeigemußt hättest, der aber stehenblieb, das untere Drittel des Straußes vorsichtig unter den Arm geklemmt, nunmehr sein Smartphone gleichsam gezückt. Du hattest bislang nicht bemerkt, daß er es in der Hand hielt.
Er tippte, mitten und direkt vor den zumal kaum breiten Stufen auf den grauen und beigen Kachelquadraten des Plafonds weiter im Zwischenstock stehend. So daß Du vorbei nicht konntest, hättest ihn denn berühren oder sogar wegdrängen, zumindest Dich an der schulterhohen rostbraunen Kachelung der Flurwände entlangquetschen müssen. Zumal war der dauernd rutschende, bei jeder Tippbewegung raschelnde Blumenstrauß im Weg.Es sieht mir nicht ähnlich‟, sagte Jan. „Was?‟ fragtest Du. „Nicht höflich zu sein. Sowas zu tun. Dabei ist es wahrscheinlich schon die nächste Tür da oben, sehn Sie? Gleich neben Ihnen.‟ „Hier?‟ „Ich glaube, diese Pflanze da …‟ „Pflanze?‟ Aber sie ließ seinem zu dem links neben der Tür, die aussah wie aus Rosenholz, auf einem gestauchten dreibeinigen Holzhockerchen stehenden, fast bereits mannshohen Kletterphilodendron hinaufnickenden Kinn ihr Blicken nicht folgen. Dabei stand sie direkt daneben. Statt dessen sah es Jan unverwandt in die Augen, suchte sie, läßt sich sagen. „… könnte zu ihr passen, meiner neuen Bekanntschaft.‟ Da Du der Lydierin noch nicht begegnet warst, wozu es doch erst draußen vor der Haustür bei unserer wirklichen Begegnung kommen wird, also der mit tatsächlich mir, nicht meinem fiktiven Stellvertreter, war Dein Interesse an Deiner neuen Nachbarin ungefähr so groß wie an dem eingetopften Philodendron. Wie sehr Ihr Euch ähnelt, konntest Du schließlich nicht ahnen, und daß Ihr sehr wahrscheinlich Freundinnen würdet. Nicht nur geahnt, sondern wahrgenommen hatte es aber Jan, und zwar unmnittelbar. Und dennoch: „Und jetzt – sag ich ihr schon ab! Doch wird sie ja nicht allein sein, ihr Freund Pietro will ebenfalls kommen. Wahrscheinlich ist er schon da.‟ „Sie sagen ihr ab?‟ „Wollen Sie sehen?‟ Er nahm die Stufen hinauf und streckte Dir bereits ab der vierten der elf das Smartphone mit der Bildseite zu. „Ich kann nicht einfach so wegbleiben.‟ „Also lesen werd ich das bestimmt nicht. Sein Sie bitte‟, wobei Du mit Deiner Linken seine das Mobilchen haltende Rechte leicht in einer andere Richtung drücktest, so daß Ihr Euch eben doch schon berührtet, „so gut.‟
Er räusperte sich. Und weil jetzt Euch beiden nicht so recht klar war, wie es weitergehen würde, kann immerhin ich, denn so viel Zeit ist, einen Blick auf diese Kurznachricht werfen:

Stehe schon vor der Tür, aber habe im Treppenhaus eine Begegnung gehabt.
Deshalb muß ich absagen. Verzeihen Sie. Doch schauen Sie bitte in zehn Minuten
auf den Hausflur. Ich melde mich wieder. Jan

“Wenn Sie mich bitte kurz vorbeilassen?‟ Du tratest einen Schritt zurück. Er versicherte sich erst auf dem Klingelschild, bückte sich dann und legte den Strauß auf den Fußabtreter. Wieder aufgerichtet und sich zu Dir gedreht, sagte er: „Also lassen Sie uns gehen.‟ Und hakte sich bei Dir ein.

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Briefe nach Triest 62<<<<
>>>> Sämtliche bisherigen Kapitel

 

Rossis zweite Begegnung mit der Lydierin. Briefe nach Triest, 62.

 

[Siebenunddreißigster Brief, Fortsetzung:]

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Kein Tag, Ersehnte, vergeht, ohne daß ich Dir schreibe. Manchmal braucht solch ein Brief aber zwei Tage, nur selten noch mehr. Doch Du erkennst die Wechsel an den Sternchen. Ob ich aber eine Fahrt nach Triest schon gebucht habe, verrate ich nicht, schon gar nicht, wenn, für wann. Nach jedem Brief aber brauche ich etwas Erholung, für, wie gesagt, wenigstens vierundzwanzig Stunden, also seit Lars mich nicht mehr beauftragt. Es ist da vielleicht eine Leere. Außerdem habe ich ein paar Tage lang vermutet, daß meine Erschöpfung von der Anstrengung rührt, diese Trauer zu füllen und zugleich eine gewisse Angst niederzudrücken, die sich aus dieser, wie ich früher leichtsinnig schrieb, Realitätskraft der Fiktionen ergibt; ich habe meine Helligkeit von früher nicht mehr. So daß ich mich manchmal fragen muß, ob Lars’ Erkrankung damit zu tun hat. War ich diesem schwierigen Mann tatsächlich derart nah? Es kann aber ebensogut, also -schlecht, am Älterwerden liegen, an etwas mithin, das mich Lars jetzt voraussein läßt.
Seltsamer Gedanke. Ich muß ihn dennoch weiterspinnen. Ist er jetzt ein männlicher Sídhe, einer, der mich besetzt hat? Nein, das ist Unfug, sonst hätt ich bei meiner Begegnung mit der Lydierin – mit, meine ich, ihrer Sídhe – nicht plötzlich solch eine Panik gehabt. Aus der mich allein, daß Du hinzugekommen bist, gerettet hat; Du weißt schon, vor der Haustür der Giacomo di Monte 2. Als Du mich für Jan Rossi hieltst, aber die Lydierin es nicht tat. Genau, ich wollte ja erzählen, wie es mit ihr und ihm, Jan, nach der ersten Begegnung weiterging. Davon zu berichten, wird mich aus meiner Bedrückung holen. Wenn ich erzähle, bin ich daheim.
Er sah sie also auf der Terrasse des TOMMASEOs sitzen und gab sich einen Ruck.
„Wir sind einander schon begegnet.‟ Was stimmte, es war dies eine banale Anmache nicht. Das ließ ihn rundum seriös wirken, trotz seiner etwas abenteuerlichen Jünglingskleidung. Nur daß die Lydierin erst keine Lust auf neue Bekanntschaften hatte, aus, je nach den Versionen unserer Erzählung, sehr verschiedenen Gründen. Nach der menschlichen, in der sie und Zoë mit Jessir und Lenz als Patchworkfamilie leben, weil für noch einen Mann nun wirklich kein Platz mehr ist; nach der anderen, weil Lenzens Tod sie noch zu sehr beschäftigt, was wiederum sie sich hat Jessir wieder anschmiegen lassen, und schon ihrer Tochter wegen will sie diese mehr oder minder Harmonie nicht gefährden. Noch war Lenz freilich nicht tot, in dieser nunmehr dritten Version; denn darin stürzt er vor den Treppenstufen erst, nachdem die Venus aus dem Hafenbecken stieg, freilich in derselben Nacht. Doch ist es ungewiß, ob es schon bekannt ist. Wir wissen ja nicht, wie viele Tage seit der Lydierin und Jans erster Begegnung vergangen sind; außerdem, wäre Lenz schon aufgefunden worden, hätte IL PICCOLO ganz gewiß von der Wiederentdeckung der Venere di Carsomare berichtet. Es konnte aber ebenso sein, daß die Lydierin, ganz wie zum Beispiel Judith, prinzipiell Abstand von Männern genommen hat, weil ihr die Selbstbestimmung zu wichtig war, also jenseits ihrer Mutterschaft einfach Raum zu haben für sich allein. Wir können sagen, sie habe ihre Symbiontin fast schon erdrückt. Was ihr wirklich Freiheit gab. Sie nun ausschließlich entschied für sich. Außer Zoë und den Notwendigkeiten ihres Berufs hatte niemand und nichts einen Anspruch mehr, und unter Auftragsmangel konnte sie nicht klagen. An den fast-Zusammenprall erinnerte sich aber die Sídhe allzugut, und sozusagen wachte sie auf. Was der Lydierin Abwehr ein wenig unglaubwürdig wirken und Jan deshalb hartnäckig bleiben ließ. Er ging sogar in die Vollen: „Sie werden es nicht glauben, aber ich habe Sie tatsächlich da ins Wasser springen sehen.‟ Er streckte den linken Arm Richtung Pier aus. „Ja, ich weiß, es ist verrückt, war einfach nur eine Vision. In der aber sah ich Sie …‟ „Wie, ins Wasser springen?‟ So daß Jan tatsächlich alles erzählte. Nur die pikanten Einzelheiten ließ er besser aus. Doch es gelang ihm nicht, denn die Frau fragte nach: „Mit allen Klamotten?‟ Als er herumstockte, mußte sie lachen. „Ich werde doch wohl die Unterwäsche anbehalten haben?‟ Auch vor i h r füllte ein sibernrundes Tablett die Platte des Tisches fast ganz aus. Als sie Jans verlegenen Blick auf das Gedeck bemerkte – sie hatte die cicheti fast nicht angerührt –, rief sie leise auflachend aus: „Nun setzen Sie sich meinetwegen, Sie machen den Eindruck, hungrig zu sein. – Was trinken Sie? Ich lade Sie ein. Nein, keinen Widerspruch bitte.‟ Die Färbung ihres Apérol Spritz paßte geradezu vernichtend auf seinen wie stets Friaulan. Ohne seinen Eindruck zu erklären, sagte Jan gleichsam hilflos: „Ob wir noch weitere Gemeinsamkeiten haben?‟ „Oh, auch Sie springen gern ins Hafenbecken nackt?‟ „Nur bei Tag, nicht am Abend.‟ „Ah, jetzt verstehe ich, weshalb Sie mir nicht nachgesprungen sind.‟ „Das hatte einen anderen Grund.‟ „Nämlich?‟ „Als ich den Pier erreichte, waren Sie schon untergetaucht.‟ „Und haben meine Kleidung einfach da liegenlassen? Wie uncharmant!‟ „Ich hätte nicht gewollt, daß Sie am Ende Ihres Schwimmausflugs nichts mehr anzuziehen haben.‟ „Ein Cavaliere hätte die Kleidung b e w a c h t.‟ „Sie haben recht. Verzeihen Sie. Die Dessous waren dann auch weg.‟ Sie hob eine Braue. „Dessous?‟ „Aubade.‟ Was er nur wissen kann, weil er, ohne das zu wissen, nur mein literarischer Stellvertreter, also meine Fiktion ist. Doch das bislang noch etwas verschlafene Interesse der Symbiontin stand unversehens in Feuer; sie loderte, die Sídhe, der Lydierin aus den Augen. Was die reale Frau einigermaßen in eine scheinbar durch sie selbst bewirkte Bedrängnis brachte. Lecker sei er ja schon, mußte sie befinden und warf auf seine Finger einen Blick, ob da ein Ehering …. – Keiner. Nun gut. Nur war ja auch sie nicht verheiratet und lebte dennoch als Paar oder in dem Patchwork. Andererseits, Jessir war mal wieder auf Reisen, Zoë längst Teenager, und Lenz eremitete wie seit je vor sich hin. Zeit hätte sie heut abend schon. „Und womit beschäftigen Sie sich, wenn Sie grad mal nicht spannen?‟ „Ich bitte Sie, das habe ich nicht! Also gespannt. Ich habe nur nicht weggucken können.‟ „Scusi, ich meinte es nicht so. Wirklich nicht. Ihre Geschichte ist halt nur etwas bizarr.‟ „Ich habe einen Jazzclub.‟ „Oh, ein Freund von mir liebt Jazz!‟ „Dann lassen Sie uns uns doch treffen. Ja, gerne auch zu dritt. Bringen Sie ihn mit.‟ „Wahrscheinlich kennt er Ihren Club?‟ „Das mag sein. Gibt ja nicht so viele.‟ Da legte die Lydierin ihre Sídhe wieder an die Leine. Nichts überstürzen. Und deshalb: „Morgen abend?‟ „Da findet aber kein Konzert statt, nur der übliche Barverkehr.‟ „Vielleicht ganz gut so. Und ich bringe Pietro mit.‟ Jan erhob sich. Auf ihren irritierten Blick: „Nein, nein, ich habe Sie lange genug belästigt.‟ „Aber woher wissen Sie ‚Aubade‛?‟ Was sollte er da antworten? Wenn er noch nachgesetzt hätte, was ihm spontan einfiel, nämlich Sensory illlusion, wovon er aber doch keine Vorstellung hatte, er wäre erst recht in die Klemme geraten. „Ich habe geraten‟, gab er, und zwar eben deshalb, zur Auskunft. So sagte sie es: „Sensory illusion.‟ „Bitte?‟ „Das Modell. Und es stimmt. Ich kann den Zweiteiler seit neulich abend nicht mehr finden, weiß einfach nicht, wo ich ihn abgelegt habe. Seltsam, oder? Denn daß ich nicht nackt in ein zumal derart verschmutztes Hafenbecken springe, müßte Ihnen eigentlich klar sein. – Wir sehn uns dann morgen Abend. Aber darf ich noch nach Ihrem Namen fragen?‟ „Jan. Wenn Ihnen das zu unbequem ist, dürfen Sie auch Andrea sagen. Mein zweiter Vorname.‟ Das kam ihr entgegen. Noch ein Crucco[1]Seit dem Ersten Weltkrieg (nord)italienisches Spottwort für “Deutscher”; abgeleitet aus dem Kroatischen, “cruch” = “Brot”, um das die Gefangenen bettelten.
wäre ihr zuviel gewesen, schon weil das croce drin mitschwang. „Via dei Cavazzeni 10A‟, erklärte noch Jan. „Geht hoch von der Cavani ab.‟ „Wo der Grieche ist?‟ „Um die Ecke, ja. Quasi gegenüber dem Albergo James Joyce[2]Dort..‟

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Briefe nach Triest 63
Briefe nach Triest 61

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References

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1 Seit dem Ersten Weltkrieg (nord)italienisches Spottwort für “Deutscher”; abgeleitet aus dem Kroatischen, “cruch” = “Brot”, um das die Gefangenen bettelten.
2 Dort.
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