“Kunst ist nicht relativ.” Statt eines Arbeitsjournales ein paar poetologische Anmerkung zum Krebstagebuch und zur Nefud. Mittwoch, den 3. Juni 2020: Krebstag 36, Chemo II/2.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Allan Pettersson, Erstes Streicherkonzert]
[Vorschlafs nach quer liegenden Brustschmerzen 30
Tr Novamin plus 3 THC. Mit knappen Zweistunden-Unterbrechungen bis fünf durchgeschlafen und
– ab-
gesehen von einer sehr leichten Übelkeit, die an

eine kosmisch-persönliche Hintergrundstrahlung er-
innert – beschwerdefrei aufgestanden. In die Morgens-arbeitsklamotten, Latte macchiato, Schreibtisch.]

Erster Tag nach den → Chemo-II-Infusionen. Schon auf während der letzten zwanzig Minuten des knapp einstündigen Spaziergangs in die Praxis hat Li mich zu quälen begonnen, ein stegender, nach links und recht querer Schmerz, der nicht nur das Herz sich melden läßt (das aber de facto gar nicht betroffen ist), sondern auch das Gefühl vernittelt, daß man bald schon nicht mehr atmen könne. Es ist dies Einbildung, der Körper interpretiert lediglich sein ungewohnt schnelles Erschöpftsein — von einem Spaziergang, ich bitt’ Sie! kaum vier Kilometer sind es hin … Oh werde Liligeia deshalb schreiben, wollte es eigentlich eben schon tun, doch wäre der Brief nicht rechtzeitig fertig, um vor meinem heutigen Aufbruch, in zweieinhalb Stunden nämlich, bereits gelesen werden zu können. Auch Sie bekämen ihn frühestens am Nachmittag zu lesen, muß und will aber in dieser metaphorisch wüsten Zeit für eine kontinuierliche Leserinnenschaft sorgen, weil nur gelegentlich hier StöberndInnen die Anschlüsse entgehen müßten, die zum Verständnis, vor allem aber dem viel wichtigeren mitfließenden Fühlen notwendig sind. Es geht um eine poetische Komplexität, die sich mit der Komplexheit der Welt so auszubalancieren versteht, daß diese beiden Kinder auch Freude an der Wippe haben. — Wie dem nun sei, auf jeden Fall muß ich um Viertel vor neun aufs Rad, um ins Virchowklinikum der Charité zu radeln und mir dort auf Faisals, ich meines Onkologen Jostings, Rat hin Matthias Biebles Zweitmeinung einzuholen, wobei es mir eigentlich nur darum zu tun ist, mich für eine bestimmte Operationspraxis zu entscheiden, nachdem ich je Vor- und Nachteile abgewägt habe. Allerdings ist mir klar, daß darüber imgrunde erst gesprochen werden kann, wenn die letzte CT vorliegt, wie also wissen, ob Li sich operationswillig gezeigt hat … na gut, “willig” ist ein sicher nicht angemessenes Wort; imgrunde nötige ich sie. Jedenfalls werde ich ab Viertel vor neun erstmal weg sein; nach Professor Biebl muß ich auch noch zu Josting, um die Pumpe abzugeben, die ich seit gestern wieder am Körper trage, damit zur Tränkung Lillifees das Mittel nach und nach in ihn geträufelt werden kann.

Poetologisch also diese Anmerkung:
Was mich ein wenig schmerzt, ist, daß ich mit einem Prinzip brechen muß, das, abgesehen vom sehr bewußten und als Abwesenheit konstruierten “Fall Buenos Aires”, meine Arbeit grundlegend mitbestimmt hat: nämlich, egal, wie phantastisch des fertige Gebilde anmuten möge oder auch sei, nur von Orten zu erzählen, die ich tatsächlich gesegen, erlebt, in denen ich getrunken, gegessen, geliebt, mich vielleicht geprügelt habe, gleichviel. Ich muß mich mit ihm real ausgetauscht haben. Bevor wir etwas schreiben, sollten wir mit einer Hand die Erde berühren, am besten mit ihrer ganzen Fläche.
Dies werd ich nun nicht tun könnne, dort — in Aqaba, auf das doch alles hinauszulaufen scheint. In Aqaba wird die große Krebs-Operation stattfinden; gleichgültig, ob das Klinikum Sana oder Charité heißen wird oder gar MHH; auf metaphorischer Ebene wird es in Aqaba die Große Vereinigung geben, auch wenn es eine chirurgische Trennung sein wird; das gestern → dort eingeschleuste Venusbergmotiv macht es nur allzu deutlich. Vergessen Sie, Freundin, nie daß das erotische → Verschmelzungsmotiv ein Übergangsbereich vom Leben in den Tod ist, (“romantisches”) Todesmotiv eben auch.

Normalerweise jedenfalls suchte ich mir jetzt sofort einen Flug heraus, buchte ihn und recherchierter in der Stadt dreivier Tage lang nach den möglichen Spielorten udn dem, der es dann wirklich wird. Erst dann kann ich micht auf meine poetische Wahrheit verlassen. Nur, jetzt ist mir genau dies nicht möglich, zum einen der ja doch weiterhin laufenden Reieeinschränkungen coronahalber, zum anderen weil ich es nicht riskieren mag, irgendwelcher nicht vorhersehbaren Verzögerungen wegen die Chemotherapie unterbrechen zu müssen. Auch wäre schon zu wenig Zeit für eine Planung unter schlichten Alltagsbedinungen. Denn die OP soll ja nun schon im Juli stattfinden.
Gut, falls aus diesem Tagebuch ein tatsächliches, also materielles Buch entstehen sollte (Anfragen erreichten mich schon), was ich allerdings vom Ergebnis der Therapie abhängig machen will, werde ich die Reise nachholen könndieen, um daraufhin den Text insgesamt zu modifizieren, schon weil sich auch im Fall der FENSTER VON SAINTE CHAPELLE gezeigt hat, daß ein ästhetisch angemessener Übergang von Netz- zu Buchliteratur solcher Eingriffe dringend bedarf. Es ist nicht egal, in welchem Medium was und wie erscheint.

Weiters.
Metaphorik und “Realität” müssen im Krebstagebuch gleichwertig nebeneinander herlaufen, also die Fiktion der Metapher und die Fiktion der Realität; sie können und sollen austauschbar werden (nicht zu verwechseln mit der Realität-“selber” und der der Fiktion, die Geschichte, in die jene überführt wird – wobei diese, die Geschichte, so wenig voraussetzungslos ist wie der Krebs; beide haben lang zurückreichende Ursachsverläufe. Deshalb erzählte ich einen Film nach und erfinde keinen neuen). – In jedem Fall müssen die Ebenen der Erzählung nebeneinander gleichberechtigt dastehen, die Chemo als Wüstendurchquerung, die Briefe an die Krebsin und ihre Nachtbillets an mich, die bisweiligen nicht-verwandelnden – herkömmlichen, quasi – Arbeitsjournale. Jedes dieser Elemente soll von selber Wahrhaftskraft, “Wahrhaftigkeit”, sein (also die Illusion eines inneren tatsächlichen Geschehens auslösen, etwa, als sähen wir uns einen Spielfilm an); darüber hinaus sollen und müssen sie möglichst organisch ineinander übergehen können, ohne harte Schnitte: kein Cutup, sondern Modulation (Musik also, wie bei mir quasi immer; bildl.: Collagetechnik der unsichtbaren Klebung). Und indem ich die Chemotherapie – wie die, nun jà, Erkrankung (ich habe meine Zweifel; es könnte der Anfang einer Art Gesundung sein, die mir noch bis vor kurzem spinnefremd gewesen) – als ein Abenteuer begreife, muß ich eben auch begriffen haben, was ein Abenteuer ist: nämlich vor Hunger auf das Leben (eine Freundin schrieb mir zurecht von ihrer “Gier”) bewußt ein Risiko einzugehen, das den eigenen Tod mit einschließt. Genau das ist meine Ausgangssituation seit der Diagnose. Von ihr aus ein Abenteuer zu gestalten, das mit, nicht gegen den Tumor agiert, es zumindest unternimmt, weist mit Würde von sich, daß man ein Opfer sei. Wir sind es, Opfer, nicht; es sei denn, daß wir’s wollen. Was es leider, häufig, gibt.

Doch dazu, zum “Opfer”, schreibe ich Liligeia getrennt. Jetzt muß erst einmal wieder aufgesessen werden. Vor uns liegt der zweite Höllenkreis der Nefud, von dem zumindest soviel bekannt ist, daß er sehr viel heißer noch als der erste sei und Wasser noch viel seltener. Bis zum Abend müssen wir es auf den Paß der جبال الدم, “chiwal’odammi“, geschafft haben: Wir würden “des Blutgebirges” sagen, ein Name, bei dem einem schon ein bißchen mau zumute werden dann. Davon indessen später erst mehr.

Ach so, seit der Chemo gestern ein seltsames Kratzen im Hals, wann immer ich seither was trinke. Nur dann – nicht beim Essen, also Schlucken. Als rieben sich mit hoher Geschwindigkeit aufgebrochene, so sehr kleine Körner, daß ihre Minischeite nur um so spitzer sind, an miner inneren Speiseröhre. Seltsam. Wäre eine “Nebenwirkung”, von der ich noch nirgens gelesen habe. Nachher abklären. Jetzt aber erst einmal dieses durchkorrigieren, dann einstellen, mich umziehen und ab aufs Rad: nämlich zugleich mit den Gefährten in der Nefud. Simultanität ist ein poetisches Grundgesetz; deshalb hat ihre, der Dichtung, Wahrheit immer etwas Zeitloses an sich. Kunst ist nicht relativ.

ANH

Durchs Zweite Tor der Hölle: Einritt in den nächsten Nefudkreis sowie die Injektionen. Aus der Nefud, Phase II (1): Mein Krebstagebuch des Dienstags, den 2. Juni 2020, Tage 34 & 35. Dazu der BND.

أ تاريخ الكيمياء قديماً في قالبٍ يلّفه شيءٌ من الغموض والإثارة ، فقد ارتبطت ارتباطاً وثيقا في تلك الأزمنة القديمة بالسحر والشعوذة والتنجيم ،حيث كان السحرة يجرون بعض التفاعلات الغريبة والمثيرة كتلك التفاعلات التي يحدث فيها تغّّير في اللون وتصاعد الدخان لخلق جو مناسب لأعمالهم الخسيسة والمشينة والتأثير
(Von → dort.)

 

 

[Nefud. Anderswelt
بيت الكيمياء
4.56 Uhr, 73 kg]

 

Tatsächlich ausgeschlafen. Doch war die Nacht einmal wieder schwierig. Gestern gegen 22.30 Uhr pochten, wahrscheinlich eine Folge des im Wortsinn wüsten Tages und all seiner Erregungen, unversehens wieder die Brustschmerzen, die ich schon fast vergessen hatte: genau dort, und dann seitlich ausstrahlend, wo meine Tumorin sich eingegraben hat. Dennoch wollte ich kein Schmerzmittel nehmen, sondern schauen, ob bereits das Dronabinol etwas bringe, von dem ich die fünf Tropfen auf meinen nun schnell abzuleckenden Handrücken gab; auch etwas nachzulutschen kann nicht schaden. Doch um halb eins, ich konnte nicht einschlafen, griff ich dann doch noch zum Novamin, diesmal in der flüssigen Form, weil’s dann schneller wirkt. Was geschah. Bis kurz vor fünf schlief ich dann durch.
Jedenfalls war es gestern noch ein wilder Ritt; und es erwiesen sich die Waffen als ein Segen, die wir  im Relais bei بجده fast aufgenötigt bekommen hatten, obwohl wir mit ihnen ja nicht wirklich umgehen konnten. Glücklicherweise konnten die WegelagerInnener es ebenso wenig; auf See hätten wir sie führerlose Piraten genannt, die aus nichts als ihrer aus einer Verzweiflung erwachsenen Wut geradezu blind agieren, deren kläglicher Widerspiegel das knochige Schiff ist, auf dem sie darben müssen. Ich meine, wie lange mußten sie schon elend hier zugebracht haben, wann zuletzt ist die Nefud Meer gewesen! Vor 250 Millionen Jahren? Da gab es doch Menschen noch gar nicht! Doch zerplatzte jetzt die fast Mittagstaubheit der flirrenden Nefud in ein kreißendes Kugelgebrüll, das von Hunderten Knallfröschen und dem einsamen Pfeifen arktischer Winde erzeugt zu sein schien, die in einer Wüste, egal welcher, anders als heimatlos gar nicht sein konnten. Und über zwei der uns flankierenden, bis (schätzungsweise) an die  dreißig Meter aufgewehten blenden gelben Dünen ergoß sich eine Flut von … ja, ich weiß nicht, ob Arabern, Persern, Beduinen; vielmehr waren es Desparados, eben genau wie bei Piraten, auch chinesischer, koreanischer, ich weiß nicht, sogar von Indio-Abkunft darunter, die alle wild mehr um sich herum ballerten als tatsächlich auf uns. Wobei halt wir auch selbst so ballerten, also nach der halben Sekunde, die es brauchte, die Situation überhaupt erstmal zu glauben. Ich meine, das erste, was ich sah, waren blitzende Krummschwerter, die in Wahrheit aber niemand trug und schon gar nicht schwang. So zensiert uns unsere Prägung. Weshalb es selbstverständlich ein Irrtum ist, in einigen der Wüstenpiraten – PiratInnen, um correct zu sein – Vertreter*innen der aggressiven Genderleugnung zu erkennen, die es ziemlich deutlich nur auf mich, hingegen gar nicht auf Faisal, geschweige seinen recht androgynen Diener Lars abgesehen hatten; auch unsere übrigen Begleiter interessierten sie nicht. In wildem Evoé rasten sie mänadisch nur, mänadisch-invers also, in so alleine meine Richtung, daß mein armer Röhrerich sich vor Panik beinah bäumte und erst dadurch zu beruhigen war, daß ich ihn nun schon zum zweiten Mal “Rih” nannte. “Pscht, Rih”, mich vorbeugend, seinen kraftvollen, nach atmendem Fell duftenden Hals tätschelnd, ihm dann das Geheimwort zuraunend, woraufhin er sich unmittelbar herumwarf und in einer Geschwindigkeit davonrannte, daß ich alle Hände und Füße zu tun hatte, in dem Sattelgestell sitzenzubleiben, nicht runtergeschwankt zu werden. Man ahnt nicht, was man bei Kamelgalopps alles verlieren kann; man wird wie ausgeschüttelt, plötzlich sitzt die Leber im Oberbauch, der Magen direkt unterm Kehlkopf und die Speiseröhre verbindet den Krumm- mit dem Grimmdarm. Gut, so konnt’ ich mich schon mal vorbereiten, falls es am Ende, also zur Operation, doch so weit kommen sollte, daß mich die Chirurgen meines gesamten Magens enteignen (woraufhin die Restspeiseröhre und der Darm direkt verbunden werden würden). Was aber immer noch besser wäre, als von sozialen GeschlechtskonstruktInnen gekillt zu werden. Außerdem gewöhnt man sich bei einer Chemo an so etwas eh  und schließlich gehört es zum Alltag — dem jedenfalls zu glauben, was erzählt wird. Ich selbst zwar bin bislang von solchen Nebenwirkungen weitgehend verschont geblieben; daß sie mich wiederum jetzt so, sagen wir, “einholten”, ist für meine Arbeit ziemlich typisch.

Nicht Rih und ich alleine waren davongestoben. Faisal hatte unsere Davonflucht offenbar sofort bemerkt und mit einem reißenden Pfiff, der zu diesem reservierten Patriarchen in keiner Weise paßte, seinen ibn Gamael zur Folgschaft mitgerufen, und da wir nun schon zu dritt flohen, also zu sechst, wenn wir, was wir tun sollten, die Dromedare mitrechnen, folgten schon fast alle übrigen auch, wobei wir später feststellen mußten, daß uns einer der Scouts fehlte. War er gemeuchelt worden, hatte er sich verirrt, dürften wir ihn zurücklassen?
Wir berieten.
“Wenn er sterben soll, dann steht es so geschrieben”, sagte Faisal ungerührt.
Nichts steht geschrieben”, war verärgert meine Antwort, wenngleich ich mich durchaus an → die Rettung Gasims erinnerte und daß dann eben doch alles schon “geschrieben” stand, so daß ich jetzt, bevor ich zur möglichen Rettung des Scouts tatsächlich zurückritt, vorsichtshalber in die Runde fragte, ob jemand mit … nein, nicht Gasim, sondern der Mann hieß Bassam (wiewohl ich mich nicht erinnern kann, ihn lächeln jemals gesehen zu haben) … also ob jemand noch eine Rechnung mit dem Lächler zu begleichen habe, Finger um Zehe, Auge um Zahn? Womit ich die قصاص meinte, Blutrache also, ich kenne den berühmten Film geradezu auswendig, die am Ende El Aurence hatte an dem Geretteten ausführen müssen, um seine Truppe nicht zu spalten. Zudem erinner ich mich gut des höchst archaischen Satzes, daß, wer Leben gebe, es auch nehmen dürfe. (Glaube also nicht, o Li, daß ich den Zusammenhang nicht sähe: Er, dieser Satz, gilt besonders für uns gewährte Inspirationen.)

Es lag mit Bassam niemand krumm.
“Also wolln Sie wirklich ..?” – Faisal wirkte tatsächlich besorgt, aber wohl auch, weil wir wegen des Überfalls viel Zeit verloren hatten; wir waren im Haus der Chemie (بيت الكيمياء) für spätestens morgen um zehn Uhr erwartet, das hinter dem sandroten, gigantischen Felstor den Beginn des nunmehr Zweiten Höllenkreises markiert. Was ich momentan aber noch nicht wußte. – Und es ging bereits auf den Abend zu.
Dennoch,  nicht einmal mein Röhrerich protestierte, als ich ihn wendete; ich glaube, er verstand, daß ich mir etwas unbedingt beweisen mußte. Es geht ja nicht darum, die Nefud irgendwie durchzustehen und ihren bösen Wirkungen standzuhalten, die in den Beipackzetteln von Medikamenten fast durchweg falsch, zumindest allzu euphemistisch  “Nebenwirkungen” genannt werden, obwohl sie an Schwere das Elend der primären Erkrankung noch in den Schatten stellen können. Sondern gerade dann, wenn wir uns von diesen, nun gut, Nebenwirkungen nicht oder, wie ich, nur kaum haben erwischen lassen, geht es darum, eine besondere Haltung zu kultivieren, mit der nun wir das Schicksal bedrohen, ihm zumindest die Stirn zeigen: als freie Männer und Frauen. Ganz wie ich es Dr. Faisal-Josting schon vor Tagen gesagt habe: – daß ich nicht krank sei, nicht im entferntesten, sondern einen Tumor hätte (ich mochte meinen Arzt poetische nicht überfordern, nur deshalb, nicht aus Widerstand gegen die sogenannte Gendercorrectness, benannte ich das Geschlecht nicht korrekt), und daß ich schon gar nicht dessen Opfer sei (mithin: Lis), sondern im Gegenteil ihn zu dem meinen machen werde, sofern er nicht sich mildre.  Dies nun war auch so eine Gelegenheit, zumal es mich doch reichlich wurmte, vor den sozialen KonstruktionspiratInnen derart besinnungslos geflohen zu sein. Wer fürchtet denn Abstrakta, und toben sie noch so mächtig einher? (Mein Röhrerich dachte offenbar genauso und ließ sich durch den Sand wie durch eine Wiese führen, deren Blumenköpfchen ihn an den Fersen streicheln. Was Röhrerich sehr mag.)
Die Sonne aber sank bereits, zur Dehydration würde Bassam allerbaldigste Auskühlung drohen. Das über dem noch aber heißen Boden kirrem Wasser ähnlich flirrende Licht machte es mir schwer, nach ihm Ausschau zu halten, schon gar ins horizonte Ferne, das wie von Morganen getupft war: So eng hängen Abend- und Morgenland ineinander, daß die schimärste Wüstenspiegelung nach einer keltischen Zauberin benannt ist, in deren opaker gleichsam Blase ich, umhüllt von ihrer Helligkeit, durch den Kokon längst nicht mehr meiner eigenen Wirklichkeit ritt und mich dabei ganz auf die Trittsicherheit des Röhrerchens verlassen mußte. Immerhin konnte ich davon ausgehen, daß Tiere von magischen Wahrnehmungen nicht heimgesucht werden, es sei denn, tja, auch sie seien, ganz wie “Frau” und “Mann” nichts als soziale Konstrukte und biologische Fakten die bloß brutale Faust meines Machismo. Wobei es aber nun darum ging, jemanden zu retten und es dafür völlig egal war, ob’s ein Weibchen, Menschchen, Tier.
Und dann sah ich ihn, Bassam, doch. Ganz im Sonnenstrich schleppte er sich einher, den die Erde durch eine Längslamelle der, kam es mir plötzlich vor, unversehens herabgesunkenen Nacht noch in die Welt ließ, weshalb er klein war wie ein Punkt, nein, ähnlich einer schmalen, senkrecht stehenden Pupille, die aber Füße hat. Nur eine Hand müßte ich nach ihr ausstrecken, könnte sie mit Zeigefinger und Daumen am Köpfchen nehmen, zu mir heraufheben und schließlich in die Brusttasche meines Gewandes stecken, wo es seine Erschöpfung ausschlafen würde, bis es wirklich gerettet war. Es würde dies auch Wasser sparen, das für den Rückweg bereits knapp war.
Plötzlich war die Pupille verschwunden, sei’s daß die Nachtlamelle sich unter der noch fahlen Barke des Mondes nun völlig geschlossen hatte, sei’s, daß Bassam vor Erschöpfung gestolpert, schon gefallen war und nun, alleine hilflos, dalag. Wie ihn da nun finden? – Schnalzend trieb ich Röhrerich an, beherrschte mich, das Rih-Wort nicht zu verwenden; dann nämlich wär mein Tier zu schnell geworden. Ich mußte sogar absteigen und mein Dromedar am langen Zügel weiterführen; riesig ein Ohrensessel auf Stelzen, hinaufgestreckt dazwischen den erhobenen Kopf eines Steckens, so schwankte es hinter mir drein — wovon mir aufs neue leicht schlecht wurde; ein Grundmodus seit Beginn der Chemo, meist nur leis im Hintergrund und ziemlich leicht zu nehmen. Nur manchmal eben, wenn das Wüstenschiff so schwankt … Verzeihung, Sie haben recht, “Wüstenschiff” läßt sich auf Dromedare nicht anwenden, anders als auf die zweihöckrigen Trampeltiere, für die das Wort geprägt worden ist. Dennoch setzt die Schwankerei mir immer wieder zu, tat es jetzt sogar, da sie hinter mir stattfand und nicht mehr drunter unter mir.
“!مساعدة“, fast nur geflüstert noch, “Zu Hilfe”, fast wie geröchelt, und “!الماء ، الماء من فضلك“, “Wasser, Wasser bitte …”, ich konnte überhaupt nichts mehr sehen oder noch nichts, aber spürte, spürte … – Eine unsichtbare Wolke hatte sich vor den nun unsichtbaren Mond geschoben.
Tasten also. Ah! Ja, ich spürte Bassam, hockte mich in die Knie, er bebte. Wo war der Wasserbeutel? Nach des Mannes Mund tasten, ihm leicht die Lippen öffnen, die Tülle des wie schwappenden Ziegenleders davorhalten, es leicht zusammendrücken … Alleine, jetzt, bekäme ich Bassam niemals hoch. Er mußte zur Besinnung kommen. Und daß wir hier so ungeschützt die Nacht verbrächten, das war nun schon deshalb ausgeschlossen, weil ich morgen ja unbedingt im Zweiten Höllenkreis ankommen mußte, einmal abgesehen davon, daß uns wahrscheinlich die bald einbrechende Nachtkälte umgebracht hätte. Aber Liligeia hatte sich in den vergangenen drei Tagen meist ab dem Nachmittag wieder so nachdrücklich als Querschmerz, nämlich durch die Brust, gemeldet, daß ich das unbedingte Gefühl hatte und immer noch habe, sie müsse dringend wieder einen auf den Deckel kriegen, sprich: die nächsten → Vierfuhren Chemo verabreicht bekommen. Was eben für nachher terminiert war. (Ich weiß, sie wird → wieder toben, wenn sie dies hier liest. Doch wird’s dann schon geschehen sein.)

(… —  Wo war ich? — ah jà):

“Bassam … Bassam!”
Mehrmals mußte ich auf seine Wangen kurze Schläge geben, deren jeder zu einem seiner Seufzer wurde. Also härter zuhaun, dann kriegt er wieder Stimme. – Klappte.
Die Wolke glitt zur Seite, die Barke erleuchtete sich, sah unversehens einem nächtlichen Nildampfer ähnlich, der, auf der Milchstraße schwimmend, aus fünfzig Fenstern auf uns herunterleuchtete, und an der Reling standen die Flußtouristen so gaffend wie gedrängt, um später ihren auf ihren greisen Knien hoppereitenden Enkelinnen von solch märchenhafter Errettung erzählen zu können, nachdem sie aus dem Graben wieder hochgezogen worden sind, damit nicht doch noch die Raben sie fressen.
“Was für Raben?” fragte Bassam. “In der Wüste Raben?” So sehr fantasierte er, daß er das Sprachspiel nicht begriff, schon gar nicht die Metapher. Immerhin konnte er mir helfen, ihn aufzurichten; gemeinsam schafften wir’s sogar in den Sattel. Machen Sie sich hierbei bitte klar, daß ich durchaus nicht mehr in der trainierte Fassung → von vor einem Jahr bin, sondern Liligeia hat mich schon einiges an Fitness gekostet, um von meiner Muskelmasse besser zu schweigen, für die jetzt nicht nur “Masse” ein ausgesprochen übertreibendes Wort ist, sondern bereits “Muskel” transportiert zur Zeit nur Angeberei. Wobei uns Röhrerchen allerdings half, indem er seinen riesigen Leib erst einmal so flach wie möglich hingelegt hatte: zuerst knicken vorne die Beine zusammen, dann ein, danach folgt erst der übrige Leib. Und als wir irgendwie mehr ein- als aufgesessen waren, erhob das Tier sich wieder, und zwar so gemächlich auf, als wär Besondres gar nicht los, streckte sich in die Höhe und röhrte erstmal ganz gehörig. Dann erst trabte es los. So konnte ich nur hoffen, daß es den Rückweg auch ohne meine Führung fände..

Aber was war geschehen? — Wir waren bei dem Überfall so schnell davongestoben, daß die sozial konstruierten Pirat*innen nicht nur unmittelbar verwirrt, sondern nun  ganz besonders sauer waren und jetzt auf alles losgingen, was irgendwie noch stand oder in einem unsrer Sättel saß. Das konnten mittlerweile auch die eigenen LeutInnen sein, völlig wurschtIn. Nur erwischtInnenen sie Bassam halt auch, schlugInnenen ihm sein Reitkamel unter den Beinen weg, um es, weil’s noch Mann war, zu kastrierInnenen. Die reine RachInnenwut, die vor UngegenderIn reinIn nicht mehr ausInnen noch einInnen wußte und nun nur noch BlutEr wollte. Derart schäumInnend indessen schlugInnen sie schon mehr auf sich selbstInnen ein, als daß sie Bassam überhaupt noch gesehen hätten, der nach feigster MännerInnen-Art sich unendlich vorsichtig aus dem staubenden Kampfplatz kriechen ließ und so noch einen Kilometer weiterkroch, bis er sich sicherInnen sein konnte.
Nur, sein Kamel war nicht nur entmannt, sondern unterdessen auch schon tot, weil, weil eben Hengst gewesen, von den Mänaden geradezu zerstückelt worden. So blieb ihm nichts, als sich auf sich selbst zu verlassen, was in diesem heutgen Falle bedeutete: auf — mich. Er hatte das schlichtweg unendliche Glück, daß ‘El Aurence’ für mich immer Held geblieben ist, einer, mit dem mich zu identifizieren mir jetzt sogar noch durch den Krebs hilft.

Wie wir die anderen wieder erreichten, kann ich nicht sagen; ich scheine neben Bassam in Ohnmacht geglitten zu sein, wir beide auf dem Röhrerich eng ineinandergewunden, er oben, ich unten, er inmitten, keine Ahnung. Doch aus ihm stieg ein solch opiatiger Duft, daß meinem Schlaf ganz sinnlich wurde. Ich soll “Lilli” geseufzt haben, als man mich herabzog, “Lillifee” sogar, dann “meine Liligeia”, nur daß ich dabei den armen Bassam umarmte, wie umarmt er, fürchte ich, nie jemals ward noch würde. Es bedurfte Faisals männlicher Mahnung, daß ich mich endlich löste. Schon, damit ich in der arabischen Männerwelt meinen grad erst gewonnenen Heldenstatus auch behielt. Wobei es eh dringend Zeit zum Weiterrreiten war, wenn wir im bleichen Schein des Mondes das Tor zum Zweiten Höllenkreis noch so rechtzeitig erreichen wollten, daß ich meine Injektionen ausgeruht erhalten konnte, die zur Abwehr der nefuden Strahlungen halt um so erforderlicher sind, wenn wir’s bis Aqaba denn wirklich schaffen wollen, ich es alsoschaffen will. (Wie dort dann Liligeias Hörselberg finden, steht freilich auf einem noch einmal völlig anderen Blatt; Berge wird’s in Aqaba kaum geben. Doch werd ich sie beschreiben.)

***

[8.50 Uhr]
Jetzt erst mal schauen, wohin ich muß (also nach dem richtigen Raum gucken). Die weißen Handschuhe nicht vergessen, die ich überstreifen muß, bevor ich meine Hände in die Eisfäustlinge stecke, damit mit vom → Oxaliplatin nicht die Nägel ausfallen; deshalb nicht nur auch an die Tragehülle für den 24-Stunden-Körpertropf denken, sondern vor allem die dicken Socken für meine Füße nicht vergessen. Diese Prozedur ist das einzige, was die Infusionstage zu einer kleinen Tortur macht, weil besonders die Fingerspitzen nach einer halben Stunde Dauerfrost ziemlich stark zu schmerzen beginnen, was zumindest unangenehm ist. Bei den Zehen braucht es spürbar länger.
Meine Kimmo-Hakola-Azfnahmen auf die externe Musik-FP geladen, im sie nachher während der Infusonen geschlossener Augen in den InEarPhones mir alle noch einmal durchzuhören und mir für eine, wahrscheinlich im Rahmen dieser Tagebücher, Besprechung schon mal Notizen zu machen; außerdem das Béart-Handmanuskriptbuch bereitgelegt, in das ich nachher die ersten Versentwürfe zur finalen No XXXIII skizzieren möchte. Es soll ein Hymnos werden.

Gut, nun bin ich bereit. Fast vorfreudewillig scheint sich der Bioport zu erigieren, man könnt’ von fickrig sprechen (ich hör ihn “gib’s mir, gib’s mir!” rufen):

 

[10.30 Uhr]: 

[18.45 Uhr
Allan Pettersson, Drittes Steicherkonzert]:
Um etwa Viertel nach zehn meldete sich Ligeia so nachdrücklich mit ihrem unterm Sonnenglecht waagrecht links und rechts ausstrahlenden Schmerz, daß ich mir von ibn Gamael ein  Novamin geben ließ, der auf Dr. Faisal noch warten mußte, aber die nötigen Vorbereitungen zu meinen Infusionen noch nicht abgeschlossen hatte. Das Novamin brauchte diesmal lange, um zu wirken, und um es vorwegzunehmen: jetzt, kurz vor 19 Uhr meldet meine fiese Lilli sich erneut und mit denselben Zaunpfählen.  Ansonsten, die Infusionen selbst verliefen komplett unproblematisch, selbst die eisgekühlten Fingerspitzen waren problemlos auszuhalten.

Ich höre ich tatsächlich durch alle meine → Hakola-Musiken; er hat ein besonderes Verhältnis zu der mir normalerweise nicht so sehr nahen Klarinette – hier ist sie so umwerfend wie sein besonders → Klarinettenquintett insgesamt, und es lohnt es sich, gleich darauf das Ohr auf des Finnen → Klarinettenkonzert zu konzentrieren. Sie ahnen, meine Freundin, nicht, wie geradezz prganisch isch dies wäjhrend der In fusionen einer Chemo tun, ja genießen läßt. Und man kommt zu Einsichten, etwa, weil die junge tief, in der Tat, dunkelbraune-schwarze Damen derart schöne Hände hat. So, wie Sie sehen können, legt’ ich sie, ihrer eine, meiner Krebsin Krallen auf. Da erst begann das Novamin zu wirken. Auch nicht ohne Erkenntnis — und aber, was mich fast die Wüste vergessen ließ und durchaus hätte mitten im sozusagen Flug noch das Genre wechseln lassen, gen 007 nun, ist etwas, das mich wirklich auf der Hinterhand erwischte. Schaue ich nämlich aus dem Behandlungszimmer, seh ich den BND:
Das also soll Zufall sein?
Ich habe dann nach der Behandlung noch etwas Zeit gehabt, Faisal rief mich nicht zurück. Vielleicht schlief ich ja, und er wollte mich  nicht wecken, da wir heute ohnedies nicht mehr weiterreiten wollten. Und so spazierte ich, nachdem die Infusionen intus, auf der Praxis hinaus und nach unten, um mit dem Ifönchen eine Panorameaufnahme des Geländes aufzunehmen (und ganz später ganz sicher eine literarisch Terrine darauf zu küchenschöpfen), die nun also so aussieht:

“Und mit der Nefud nun wirklich nichts mehr zu tun hat!” — Ah, Sie meinen ..? Dann warten Sie mal ab!

Ihr ANH

Es sich mal richtig g u t gehn lassen mit dem Krebs!
| ANH an Liligeia, sechster Brief (als Antwort auf Lis Zwischenruf) |
Geschrieben von Sonnabendabend auf Sonntagmorgen, 30. bis 31. Mai 2020. {Krebstage 32 – 33 = Tage 12 und 13 der Nefudphase I)

 

 

 

 

— deshalb, weil sicherlich auch Du meine Handschrift nicht oder  nur unter solchen Mühen entziffern kannst, die ich Dir, meiner schönen, heut so sanften Li, weder zumuten möchte, noch es dürfte … – deshalb also schreibe ich mit der Maschine weiter, auch “natürlich”, weil ich den anfangs genutzten  Schreibblock habe aus einem Leipziger Comundo mitgehen lassen, das es – weder ein Leipziger noch einer anderen Stadt – in der Nefud nicht gibt, auch nicht in, siehe meine Absenderangabe:

NEFUD.ANDERSWELT

Die ich heute, da Du mich derart infrieden läßt, einmal verlassen habe, derweil meine Seele selbstverständlich weiter neben Faisal reitet, und hinter uns sein Diener, voran nur die zwei Scouts, die aber niemals stehen bleiben, um eine Hand zu heben, die uns ein wachsam Gleiches raten würde im Angesicht oder doch der Ahnung uns drohenden Geschehens. Nichts. Wir reiten und reiten, da gerät man in Trance und steht unvermittelt vor Gethsamenes Apotheke auf dem Prenzlauer Berg, wo von gestern auf heute auf Rezept der Hausärztin mein nun auch “offizielles” Cannabispräparat hergestellt wurde, so daß ich fortan zwei allerdings insofern differierende Flüssigkeiten nutzen kann, als → der caglistrosche THC-Anteil doch signifikant höher liegt als der des gegen “Bewußtseinsveränderungen” arg heikel eingestellten rein-medizinischen Präparats, dem er nämlich fast völlig fehlt. Nun, ich werde die Tropfen alternierend ausprobieren und Du, Liligeia, davon kaum unbetroffen bleiben. Ich hoffe, auch Dir werden wunderbare Welten geschenkt, vielleicht auch solche, die Dich mir gegenüber ein wenig zahmer werden lassen, einfühlsamer hätte ich’s gerne; wie Du dagegen mit andern Dichtern umgehst, drauf mag ich keinen Einfluß haben. Macht Ihr das unter Euch aus.
Jedenfalls war ich Dir erstmal, für heute, entwischt. Vielleicht hast Du tatsächlich noch, weil ich gestern fünf Tropfen nahm zur Nacht, in ihren Wirksamkeiten Dich geschaukelt, so daß Du nicht mitbekamst, wie schnell ich herunter von Röhrerich glitt (der es ganz offenbar auch nicht mitbekam, so wenig wie Faisal und die anderen Begleiter) und geduckt, aber gestreckt durch den Sand stob, der meine Sandalen freilich festhalten wollte, nämlich mich an ihnen, weshalb ich zweimal aus ihnen herausglitt und derart barfuß sofort zu spüren bekam, wie heiß es in der Nefud sein kann und eben jetzt auch war. Aber ich mußte dran denken, daß die Apotheke heute inventurhalber nur bis 14 Uhr geöffnet ist, also war der Rundsaum meines ثوبs zu heben und weiterzueilen. Konnt’ ich denn wissen, wie lange die Lappenschleuse offen bliebe, die ich im untren Drittel einer sich nicht weit von hier auf über zwanzig Meter erhobenen Sandsteinpyramide schimmern gesehen hatte. Am besten mich gar nicht mehr umdrehen. Blöd nur, daß mir zwei Plastefläschchen der von Faisal verordneten sogenannten Astronautennahrung aus den Gewandärmeln rutschten und im Sand nicht etwas stecken blieben, nein, er wollte sie schlucken. Zentimeter für Zentimeter versanken sie, eine gräßliche Zeitdilatation einmal wieder — die mich eben nicht einfach zuschnappen und die Gefäßchen wieder an mich bringen ließ, sondern ich mußte um jede Sekunde ringen, in der eine Hand sich bewegte. Dennoch, es gelang, mein Wille ist ungebrochen und die Astronautennahrung auch in Auszeiten wichtig, da ich mit ihr und THC die Auszehrung nicht nur stoppen konnte, die mich für eine Operation des anstehenden Ausmaßes allzu sehr geschwächt hätte, sondern sie hat mich im Gegenteil fast alles verlorne Gewicht in kaum vierzehn Tagen wiedergewinnen lassen. Offenbar, Liligeia, hast Du auch hierbei nicht geahnt, zu welchen Mitteln ich greifen würde, um meine Haltung zu bewahren. Aber nein, ich seh Dich nicht als Feindin. Doch kam ich jetzt, durchaus aus der Puste, bei dem Riß in dem Sandstein wirklich an. Zwar machst Du mich schnell erschöpfbar. Doch ich zehre von den lange Jahren unentwegten Trainings. Da kann ich Dir schon mal eine lange Nase drehen. Und sowieso hatte ich vor, es mir heute mit dem Krebs einmal richtig gutgehn zu lassen, indessen offenbar Dich das THC noch berauscht. Außerdem wollte ich diesen Brief lieber auf meinem Schreibtischstuhl schreiben als erneut im Schneidersitz, der mich dann doch immer recht schnell steif in den Gliedern werden läßt.

 

Sò.

 

Augen zu und

 

 

————> durch.

 

< Klappe >

Prenzlauer Berg, Stargarder … Mist, in dem arabischen Gewand fall ich nun aber doch auf, zumal mit der vom Agal gehaltenen Kufiya. Nee, besser schnell zurück und in die Arbeitswohnung hoch, hellgrauer Sommeranzug, Krawatte – aber … ah! daß ich lange in der Wüstensonne war, ist mir schon anzusehen. Prima.

Wieder hinaus.
Zu Mitte Meer, es war noch Zeit, fürs Abendsashimi eingekauft, die Austern als Vorspeise. Der Maguro tatsächlich in Sashimi-Qualität, 49€/kg, schon heftig. Aber na gut, 200 gr nehm ich, dann noch ebenso viel Kabeljau, ebenso viel Lachs. (Ich denke, daß es genügt, erst spät am Abend zurück in die Nefud zu kehren; na gut, vielleicht daß man mich beim Nachtmahl vermißt. Für den Fall werde ich mir eine Ausrede zurechtlegen, deren beste allerdings die schon gefundene ist: Ich hätt es mir, oh Li, heut gutgehn mit Dir lassen. Denn Faisal ist diskret, er wird nicht weiterfragen: Man spricht nicht unter Wüstenfürsten über seine Frauen, erwähnt sie besser nicht einmal. Eine die Geschlechtsunterschiede nivellierende oder gar leugnende Gendercorrectness kommt dem recht entgegen.)
“Spaziergang übern Markt?” Anruf bei लक्ष्मी.
“Oh, du bist in Deutschland? Ich hab dich grad in Jordanien gelesen. Wie gut, daß du damals die Bilder in der Namib gemacht hast — so war jetzt alles vorbereitet.”
“Eine aber komplett andere Wüste.”
“Da bist du ja auch noch gesund gewesen.”
“Ich bin noch jetzt nicht krank.”
“Du hast nur Liebeskummer, oder Li an Dir, verstehe schon. Jedenfalls scheint ihr gefährlich nicht zu passen.”
“Deshalb die Nefud…”
“Zuerst. Dann aber … Bitter, sich eine geliebte Frau so aus dem Leib zu schneiden, gar schneiden zu lassen – und aber auch, geschnitten so zu werden.”
Was ich nicht kommentieren mochte, war einfach zu gut drauf.
“Also Treffen wieder Helmi/Ecke Raumer?”
“Ja, und weiter dann zu zweit.”
Daß es so etwas gibt! mußte ich denken. Wie ein Schon früher schoß es durch mich auf, aber ich kann auf das Foto, das mir sofort im Kopf war, nun doch nicht verlinken, weil ich den alten Dschungeleintrag nicht mehr finde; ich habe jetzt den gesamten März und April 2006 durchgeschaut, ebenso die für diese Zeit gesicherten Bilder. Man sah — in der alten, → damals noch wundervollen Strandbar Mitte — meinen, ich glaube, rechten Fuß über den linken geschlagen, und als Titel stand darüber (meiner offenbar falschen Erinnerung nach):

DAß ES SO ETWAS GIBT!
oder
DAß SOWAS MIR PASSIERT!

Mir war ein märchenhaftes Privileg zuteil geworden, dem ich den Ausdruck eines erfahrenen Wunders gab, das für den Tag auch eines blieb, vielleicht sogar für volle zwei Wochen. Ich kann es darüber hinaus nicht mehr sagen, aber dieses, Li, ist sicher. Und eben das durfte ich nun wiedererleben, minutenlang. Wenn wir sensibel bleiben, ist unser Leben wahnsinnig reich. Die Stunden, jede, können von Erkenntnis explodieren, und in sinnlichsten Wogen laufen sie in ein Meer aus, das sie und uns aufs neue stets auflädt, bis wir irgendwann einfach zu schwach geworden sind, um solcher Fülle standzuhalten. Schönheit ist eine Forderung. Sie will gesehen, angesehen werden. Die, die es verweigern, bestraft sie.
Womit wir wieder bei Dir wärn, endlich – da ich Dir so nun Antwort geben kann, nachdem ich vom Marktgang zurück bin, wo ich noch Käse erstand, bevor लक्ष्मी und ich uns wieder trennten; allerdings begleitete sie mich noch bis zu meinem Wohnhaus. “Und wie kommst du nun wieder zurück?”
Darüber war ich mir selbst noch nicht klar. Doch machte mich das nicht mal nervös. Die Aussicht auf ein paar Stunden alleine mit mir, und mit meiner Musik, war um so beglückender, als ich neulich endlich meine Stax-Hörer wieder richtig anzuschließen vermochte, die seit ihrer Reparatur durch den pfiffigen Herrn → Wiemer hier nur herumgelegen hatten. Mir hatte einfach die richtige Kabelpolung des SRD7 -Vorverstärkers nicht gelingen wollen. Nun nahm ich mir die Zeit, im Netz nach einem Schaltplan zu suchen, → den ich tatsächlich fand. Und — voilà! kein schlechtes Gefühl mehr, wenn ich bereits morgens früh Musik laufen lasse, die mir so nötige. Denn einmal, in der Tat, hatte es von oben ärgerlich geklopft. Was ich verstehe, selbstverständlich, wer läßt schon halb fünf Uhr Morgens → Currentzis Mahler toben oder → Hakola wie jetzt? (Du  mußt, liebste Li, jede Zeitangabe relativ sehen: Dieses “jetzt” meint eines – morgen. Es geht in jeder Poetik, auch ihren Räumlichkeit, stets um Bezugssysteme.)

Bezugssysteme. Ich will Dir Antwort geben.
Nein, ich selbst habe mich, als ich Deinen Namen suchte, nicht auf Giger bezogen — jedenfalls nicht bewußt. Doch kann ich nicht die Möglichkeit bestreiten, aus meinem Unbewußten abgeschrieben zu haben, in das er sich mit eingeprägt hat, wenn auch er selbst viel weniger, als seine Geschöpfe es getan, → Li Tobler allen hier voran. Woran mich aber erst Frau von Stieglitz, eine Leserin, erinnerte, Du weißt schon, → dort. Und verlinkte auf ein Bild von Dir! Denn so, ja, tatsächlich so habe ich Dich in meinem Innern von Anfang (womit ich meine Diagnose meine) an gesehen. Leider darf ich die Bilder hier nicht anzeigen, ich bekäme andernfalls eine entschädigungsgeldbewehrte Abmahnung ins Haus. Mit ein wenig Vermögen im Hintergrund wär mir das allerdings egal. Es ist nicht eine moralische und schon gar nicht “Frage”, sondern alleine eine des Mehrwerts. Der jemandem wie Dir natürlich egal sein sollte – ist’s aber denen nicht, die mit Dir handeln und denen Du der Rohstoff bist, egal, ob pharmazeutische oder Industrie der Kultur; hier “ticken” beide gleich.
Stimmt, darum geht’s nicht. Was mich an Gigers, dieses modernen Hieronymus Bosch, Albtraumkonstruktionen von unserer ersten Begegnung an benahm, war, daß ich in ihnen einem Archetypos begegnete, der lange zuvor in mir gepflanzt worden war, und ich weiß nicht, von wem. Nun war er BILD geworden. Nicht Alien war es, was so wirkte, sondern die dunkle Muse, eben, Li. Auch ein Ungeheuer Muse. Sie schoß sich, Du weißt es, ins Gesicht. Wofür hat sie sich so bestraft? Dafür, daß die Allegorie alles Sexuellen von ihr Besitz nahm und sie ausfüllte? Daß sie ihr nimmermehr entkommen konnte? Es gelingt in der Tat nur wenigen, sich unter den Allegorien, die uns wider Willen erfassen, einfach wegzuducken – und wenn es gelingt, dann nur unter den Schmerzen einer heftigen, uns nicht selten auf andere, dann nur noch schwer zu analysierende Weise schädigenden Verleugnung.
Aber als ich zum ersten Mal Li I sah, warst Du in mir schon angelegt, wie ich jetzt lernen mußte, wenn auch, wahrscheinlich, noch nicht als Krebsin verkeimt, geschweige schon als Puppin. Aus der auch Sil dann schlüpft – wie → Niam sehr viel später gleichfalls. Mit → Species indes erschien als eben Sil (in deren Namen Du selbst so gut wie nicht versteckt bist) eine in ihrer Einsamkeit und Fremdheit so enorme wie eben (im grausamsten Wortsinn:) eindringlichste Figur, in der sich Zeugung, Empfängnis, Tod komplett vereinen, ganz so, wie ich selbst es, und zwar schon seit Kindheit, empfand und in fast fieberiger Klarheit vor mir sah und immer wieder meinerseits gesucht und aufgesucht und Variation für Variation gestaltet habe: diese beängstigende, zugleich sinnbetörend-rauschhafte Nähe von Schöpfung und Vernichtung, dieses Malstromes Leben, ganz so, wie die Großen Mütter der Mythologien immer auch Zerstörerinnen waren; ein nicht-domestiziertes Matriarchat erhobt sich hier und strahlte derart aus, daß man sich stellen muß als Mann und stellt sich auch, um, ja, zu unterliegen. Was überhaupt den Wert erst bestimmt: ohne sich gebeugt zu haben. Es würdig gewesen zu sein, Deiner, Liligeias, würdig — was uns zu Dir eben hinzieht auch dann, wenn Du uns nicht hinaufziehst, sondern wie im alten Volksstück müssen wir Mephisto schließlich mit uns selbst bezahlen:

Auch also, wenn Du, schön Li, → mir so vorwurfsvoll geschrieben, Du könnest ja nicht einmal sein, also Gigers, Werk leiden, wirst Du mir doch zugestehen müssen, daß er einiges von dem erfaßt hat, was die Welt, die noch nicht correcte — sie wird auf Dauer corrigierbar auch nie sein, sich immer wieder mit all ihrem Chaos aus Schönheit und Grauen unzuhanden erheben —, als allegorische Wellen durchwogt und -weht: der Kehrseite unserer Zivilisationen,

Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,
der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,
Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen
hinab den Bestienschlund
Benn, Verlorenes Ich

Und noch deutlicher (das quasi ewig-stumme Motto meines eigenen poetischen Werks):

(…)
mir steht ein Meer vor Augen, oben Bläue,

doch in der Tiefe waberndes Getier
Benn, “Abschluß”

Wobei Sil interessanterweise — blond ist … wie, daraus zu schließen, auch Du es sein mußt, Li, so daß Frau von Stieglitz → an völlig anderer Stelle geäußerter Vorschlag restlos in die Irre geht, wenn sie den Ausweg darin sieht, einen “Gegentypus zu entwickeln”: ein wahrhaft schlagendes Beispiel für das, was die Alten unter Tragik verstanden und ich, als Moderner, wieder genauso verstehe, fast genauso. Indem wir unsre Heimat fliehen, um  nicht mit der eigenen Mutter tu schlafen und unsern Vater umzubringen, bewegen wir uns genau darauf zu.
Auch wenn ich Dich also bislang nur imaginär sah, kann ich nunmehr sicher sein, daß Du nicht zu den von mir bevorzugten dunkelen Frauen gehörst, sondern zu den schrecklich hellen. Und ich werde mich selbst überzeugen, wenn wir erst einmal in Aqaba angekommen sein werden, einer Unterabteilung wahrscheinlich des Lichtenberger Sana-Klinikums, wo mich schließlich doch operieren zu lassen ich derzeit eine deutliche Tendenz habe. Allerdings wird es am kommenden Mittwoch noch ein Beratungsgespräch in der Charité geben, wo mir auch Ratschläge wegen des OP-Modus erteilt werden dürften.

Und jetzt saß ich wieder an meinem vertrauten Schreibtisch, hört in den Stax erst einmal wieder Mahler II, dann fiel mir Hakolas von mir fast vergessenes Klarinettenquintett in die Hand zurück, eines Komponisten, der bereits bei unserer ersten Begegnung in Helsinki einen enormen Eindruck auf mich mache, auch wenn wir leider nicht ins Gespräch kamen, ich ihm von meiner Erscheinung vermutlich ebenso wenig sympathisch war wie er mir. Jetzt fiel seine Musik geradezu über mich her — und der Krebs ward ebenso vergessen, wie ich nicht mehr daran dachte, in die Nefud zurückzumüssen. Statt dessen grub ich mich in meinen Ohren, sozusagen, ein. Bis mein Sohn im Raum stand und um den Espresso bat. Was ich jetzt nutzte, um in seinem Beisein meine vorbereiteten Sashimi zu verzehren — tatsächlich ganz:

Da staunte er, mein Sohn, doch sehr. Aber ich schrieb ja oben schon, es mir heute mit dem Krebs einmal richtig gut gehen zu lassen; vor allem bekomme ich nun auch die rechte Schneidetechnik heraus, und es wäre doch sehr gewagt gewesen, die frischen Filetstückchen erst mal wieder in die Wüste zu transferieren, bevor ich sie aß. Und da, Li, Du, den ganzen Tag über nicht protestiert hattest, durfte ich da nicht annehmen, daß auch Dir meine Auszeit imgrunde ziemlich recht gewesen? Und also beschloß ich, ohnedies vor Sattheit fast schon müde, Dir statt der zum Einstieg empfohlenen drei Tropfen Dronabinols deren fünfe zu gönnen,

an denen ich an Dir dann einschlief,
so daß es ———————————————————————>

 

[صحراء النفود.صحراء النفود, Morgenlager]
6.30 Uhr, 72 kg]

[Kimmo Hakola, Klarinettenquintett (Kopfhörer)]

 

———————————————————> leichter war, in die Nefud zurückzukommen, als ich mir hätte auch nur vorstellen können. Tatsächlich ging es auf der Schlafesrutsche dieser fünf Tropfen wie von selbst vonstatten, dessen Wirkung ich fortan im Wechsel mit Cagliostros THC-Öl ausprobieren will.
Wie auch immer, um 23 Uhr legte ich mich zu Bett, wachte um 1.30 Uhr kurz auf, da noch in der nächtlichen Arbeitswohnung, aber zur zweiten ebenso kurzen, nur zum Pinkeln, Unterbrechung mußte ich bereits unter meinen Teppichen hervorkriechen und aus dem Zelt, ja, austreten eben, was insofern Aufwand verlangte, als ich erstens total verschlafen und zweitens im Rücken wieder etwas steifig war

(der medikamentös angeregten Bildung weißer Blutkörperchen halber, deren
normale Anzahl von den in der Nefud herrschenden Strahlungen so lange
attackiert wird, bis sie aufgeben müssen; so gesehen, las ich gerade, sei eine
Chemo
eigentlich nichts anderes als ein krasser Stresstest für den Körper.
Das schreibt jemand, der ihn trotz einer vor allem symbolisch sehr viel
härteren Diagnose als der meinen bereits bestanden hat, und ich verlinke
gern darauf)

und vor allem noch wußte, wo ich im Traum mein Gewand sowie unterm eingerollten Agal die Kufiya hingelegt hatte, um sie beim Erwachen aufnehmen und mich in alles kleiden zu können. Freilich, zum Pinkeln ging es auch mit einem schmalen Teppich um meine längst nicht mehr fleischlich-muskulösen, sondern mittlerweile deutlich knochigen Schultern. Noch brauchte ich auch die Sandalen nicht, es war ja noch recht kühl, fast kalt.
Meine Güte, das Dronabinol macht schwere Knochen! Drückt es dich tiefer in den Schlaf als THC? Momentlang hatte ich den Eindruck und werde es beobachten, auch nachher schon mal mit Faisal besprechen.
Ein Röhren Röhrerichs grüßte mich aus den Rücken seiner Stuten. Dazu schnaufte er.
“Pscht, Rih!” rief ich leise. “Die schlafen alle noch. Aber guten Morgen, Du aller Kamelinnen Schwarm (bei einem bisexuell aktiven Dromedar müßte hier “aller Kamel*innen” geschrieben werden) und Träger nur von Wüstenfürsten… Ich weiß, wir haben einen harten Ritt vor uns, drum ruhe noch, oh schwankendes Schiff meiner Chemo!” Und verkniff mich nicht länger.

Danach schlief ich bis halb sechs durch und stand um zehn vor auf. Da lagen Thawb, Kufiya und Agal denn auch ganz selbstgewiß bereit: sorgsam zusammengelegt, wie ich, der Pedant, es zur Nacht gerne habe. Und wie sich heraustellte, war ich gestern tatsächlich nicht vermißt worden. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Geschehen in der Nefud während meiner Prenzlauerbergs Auszeit nicht einfach stehen geblieben sind,  wie wenn jemand auf PAUSE drückt und auf PLAY erst wieder, da ich zurückgekommen war. Oder spalten wir uns bei solchen Wanderungen tatsächlich und setzen zwei verschiedene Geschehensketten ingang, die zu synchronisieren nicht mehr leicht, vielleicht sogar unmöglich sein dürfte? Was haben wir uns poetologisch dann vorzustellen? Daß ich in der einen Dimension de facto sterben werde, überleben indes in der andern? Und beides aber völlig konkret? Wer aber kann dann berichten und wer wann? Und käm ich lieber nach Aqaba, Li, oder verbliebe in einem Europa, das sich nicht finden mag und fast schon vergaß, was sein Gott ist: die Kunst? Auf die sie wie auf GOtt vergaß.
O plötzliche Trübsal des Morgens. Ich habe für Dich keine Zeit, wollte statt dessen unbedingt zu Kimmo Hakola schreiben – was ich aber jetzt, da mein Bericht schon ohnedies sehr lang ist, verschieben möchte: Dich, mein süßes Krabbelkrebschen, von ihm zu überzeugen … ich meine, von seiner Musik. Die ich selbst erst gestern wiederentdeckte, am Schreibtisch während meiner Auszeit. Nein, STOP, mehr dann später, eigens. Ich hör grad erstes heisres Rufen, das Lager ist erwacht. So geht es also – Liligeia, Dir entgegen – weiter. Drei Höllenkreise trennen die Messer noch von uns.

 

A.

Im Relais bei بجده : Aus der Nefud, Phase I (4). Geschrieben am Donnerstag, den 28. Mai 2020, in den Freitag – also heute, den 29. – hinein und eben einem Boten mitgegeben. Krebstagebuch, Tag 31 auf 32.

 

 

 

 

[صحراء النفود, 28. Mai Relaisstation bei بجده, was “Großvater” bedeutet, gesprochen ungefähr “Bijadewè”, das “j” wie “Schorsch”.
13.36 Uhr]

Wir erreichten “den Großvater” bereits gestern, lange noch vor Sonnenuntergang, hatten allerdings eilen, die Tiere ziemlich unbarmherzig antreiben müssen, weil es geheißen hatte, es sammle sich für den Abend ein هبوب, Habub, also ein für die Sahara ziemlich typischer, heftiger Sturm, der normalerweise den Sand selbst bei extremen Winden nur wenige Meter über dem Boden mit fortreißt, diesmal indes bis in fast einen Kilometer Höhen aufwirbeln könne. In dann so etwas mochte wirklich keiner von uns hineingeraten.
Dennoch, es war ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem mir nun wirklich einmal schlecht wurde, aber nur der Bewegung meines Dromedars wegen – mit dem ich andererseits unterdessen Freundschaft geschlossen habe; “mein Röhrerchen” nenne ich das Tier, weil es, wenn ihm etwas nicht paßt, höchst bezeichnende Geräusche von sich gibt, von denen ich einfach nicht herausbekomme, ob es sie nur im Rachen oder mit Rachen und Nase erzeugt. Man könnte sie ein gezogenes, bisweilen genervt aufbrüllenes “sonores Röhren” nennen. Doch hören Sie, liebste Freundin, am besten selbst, ich habe mein Aufnahmegerät ja immer dabei, auch hier in der Nefud. Wer weiß, vielleicht bekomme ich ja doch einmal wieder den Auftrag für ein Hörstück? Wie auch immer, ich wünsch(t)e es mir.
Nun indes voilà mein Kamel:

Jedenfalls da war der Name, Röhrerchen also, in der Welt. Wie Sie hören können (und bestimmt gleich schon dreimal wiederholt haben), hatte der Bursche entschieden keine Lust aufzubrechen  hätte sich vor dem Sturm lieber untergestellt, was zwischen den ausgeblichenen Granit- sowie den deutlich spröderen Sandsteinfelsen gut möglich ist, die allerdings seit der Antike schon stehen. Hinter solch einen also sich in den Windschatten ducken im Kreis seiner Liebsten und vielleicht sogar, wenn sie nicht hersehen, tun, was bei stürmender Gefahr sonst nur Straußenvögeln nachgesagt wird. Das hätt zu meinem “Röhrerchen” gepaßt. – Übrigens täuscht sein Diminutiv doch sehr; Röhrerchens Schulterhöhe beträgt über zwei Meter– und so gelassen schaut es auf seine Stuten hinab. (Tatsächlich findet das soziale Leben dieser stolzen Tiere in, ecco!, Haremsgruppen statt). Den überm Höcker befestigten Reitsitz habe ich Ihnen gewiß schon gezeigt. Falls nicht, dann also nunmehr hier:

Um darauf das Gleichgewicht zu halten, braucht es doch einige Übung — vor allem, wenn so plötzlich wie gestern zum Aufbruch, was sag ich? zum Lossturm aufgeblasen wird. (Natürlich wurde nicht “geblasen”: Selbst in der Wüste herrscht Gegender viel zu viel; Faisal, der ebenso korrekte wie entschieden moderne, war lange schon vor mir den correcten Lauf der Zeit mitgegangen. Er will sich wahrscheinlich nicht nachsagen lassen, zu den “alten weißen Männern” zu gehören. Da er ziemlich dunkelgebrannt ist –  seines fast ebenhölzernen AlecGuiness-Anlitzes Schnitzwerk tat ich ganz sicher schon Erwähnung –, muß er es kaum befürchten. Das “weiß” ist schon mal weg.)

Tief nordwest nun aber schon ballte sich am Horizont das Blauschwarz eines zorn’gen Passats gen Osten herüber, und immer wieder kam es mir vor, als blitzen darin Milliarden Atome aus in den hochgeputschten Sanden gelösten Metallen — in solcher Entfernung ganz sicher eine, also meine Täuschung. Dennoch, wir mußten in die Sättel, Dr. Faisal, sein, ich sage einmal, Leibknecht Lars ibn Gamael, ich selbst sowie die andern acht, die uns begleiteten (Barbier, Koch, die beiden Kamelpflegerjungs, der Sanitäter aus Medina und zwei Trägerscouts) – mithin eine veritable Kleinkarawane, deren Zentrum allerdings ich blieb, mit Faisal als meinen Leibarzt an der Seite. Es geht ja nicht mehr gegen “die” Osmanen, sondern eigentlich nur → Li, die nun schon → wieder nicht zufrieden ist und von der ich weiß nicht mehr welche Legende erzählt hat, sie habe ihre Heimstatt in Aqaba und dies ihr Domizil mit vier Höllenkreisen umschlossen. Deren erste Relaisstation wir, kämen wir denn endlich los, am Abend erreichen wollten. Und ja tatsächlich erreichten. Wobei ich für unsren vor den geblähten Monsterbacken dieses drohenden Sandpassates einherstürmenden Relaisritt dennoch Lawrence selbst zitieren muß, demzufolge wir uns gerade in dieser Situation “winzig klein” fühlten, “und unser Vorwärtshasten durch solche Unermesslichkeit war fast wie ein Stillstand. Kein Laut war zu vernehmen, außer dem hohlen Echo der polternden Steinplatten unterm Tritt der Kamele und dem harten Rascheln des Sandes, der vor dem heißen Wind langsam nach Westen zu über den rindenartig verwitterten Sandstein hin kroch.“ Aber er erreichte uns, der Sturm selber, erst, als wir die Zuflucht schon gefunden. Dennoch versetzte er uns in Panik — als kämen wir hier niemals wieder hinweg. Es war ein Brüllen, schlimmer, viel schlimmer als Röhrerichs, war ein unentwegtes, die Gehörgänge zerreißendes Pfeifen, war sogar das Prasseln zentrifugaler gleichsam Sandschleudern gegen die geweißten Wände der Station, und nicht selten kreischten sie entsetzlich auf, denn es war, als schnitten sie sich ins aus bedachtem Grund wenige, doch schußsicheren Glas der Quaderseitenfenster. Derart tobte ein جنيweiß berliozscher Songe d’une nuit du Sabbat. Doch als ich heute sehr früh hinaustrat, war von alledem nichts mehr zu merken, ja schon nachts, was in der Nefud etwa 22.30 Uhr für ich bedeutet, so daß ich mit Leichtigkeit um fünf von meinem Lager rolle, und bestgemut – also schon nachts ließen mich die unterdessen drei, bzw. bereits vier Tropfen THC-Öls das Wüten draußen fast vergessen. Als ich um halb drei erstmals zwischenwachte, war der Sturm schon selbst nur Traum, und heute früh erglänzte die Wüste in psychedelischstem Rot.

Ich schritt ein wenig aus. Es war noch Zeit. Meine indischen Sandalen stäubten den Sand, lauter Fahrwasser-Trömbchen im Windzug von Gang und Thawb (ثوب, Gewand). Faisal hatte mir bereits gestern gezeigt, wohin ich heute vormittag kommen müssen; doch nicht vor  zehn, er und Gamael hätten erst ein paar Vorbereitungen zu treffen, vor allem die Funktionalität der Geräte zu überprüfen. Zwar, Araber seien in medizinischen Belangen gewiß versierter als ihre christlichen Kollegen, doch Napoleon Bonapartes Marsch durch Ägypten wirke weiter bis noch heute, böse weiter. Die arabische Welt habe ihr Selbstvertrauen da verloren (deshalb übrigens auch die dem Biedermeier abgeguckte fundamental-rigide Sexualmoral); der – bis heute typisch für die kolonialen Mächte  Sykes-Picot-Betrug habe es nicht besser gemacht.
Im Vergleich mit der unseren verläuft die Zeit im Orient nicht minder anders als, noch einmal differierend, → in den Oasen ihrer Märchen.
Bis zehn war also noch Zeit. Ich war nicht einmal nervös, hatte und habe einfach das Gefühl, daß der Tumor schon geschrumpft sei und die Nefud ihm also bereits gutgetan hab, was natürlich schlechtgetan heißen muß, aus Liligeias Perspektive. Auf deren Nachtbillet ich morgen antworten will, eingehend, wenn wir bereits auf dem Weg zum zweiten Höllenkreis unterwegs sein werden.

Entfernt pulkten vierfünf voneinander separierte Dromedarharems; in ihrem einen deutlich gegen das Morgenlicht erhoben, reckte sich mein Röhrerich. Doch kam mir der Name jetzt lächerlich vor; ich will das Tier wirklich nicht beleidigen, werde ihm heute noch eine andere, tatsächlich arabische Ansprache geben. Kara ben Nemsi hatte benamst ja nur ein wenn auch höchst berühmtes Pferd; El Aurence wiederum hinterträgt uns die möglichen Namen seiner Kamele nicht, oder ich habe die entsprechenden Stellen → in dem enormen Buch vergessen. Ich werde nachher auch diesbepaarzeht Faisal um Rat fragen — der sich jetzt aber erst einmal auf Liligeia konzentrieren soll.
Es war aber noch immer Zeit, ich hatte Lust, mich zu setzen, einfach in die steigende Sonne, mein Gestirn, zu meditieren und – derart nachdrücklich zum ersten Mal wieder seit ich’s “gesteckt” habe, also nach sechsundzwanzig unterdessen nur noch leidlichen Entzugstagen – zu rauchen. Ach, eine Zigarre jetzt, wenigstens einen Cigarillo! Und doch, wie froh ich war, nichts dergleichen bei mir zu haben. Und die strohigen Zigaretten unserer Helfer lockten mich nicht.

Ah, jetzt wird’s aber Zeit. Aus dem Bodensitz hinauf, mich strecken, meinen hellen Thawb zurechtgezogen, wieder in die indischen Sandalen und langsam zum Eingang der Station. Wobei ich mich nun doch über den hauchigbauchigen Schaum wunderte, der den längst wieder verwehten Pfad wie eine Schneegischt bedeckte, die ganz offenbar der nächtliche Sturm neben dem vielen Sand mitgeführt hatte. Von immerhin diesem war keine hundert Meter weg eine riesige Düne neu entstanden. Und auch sie war von diesem Schaum bedeckt:

Woran ich allerdings am interessantesten finde, daß es auf frappierende Weise einem Bild von Anselm Kiefer ähnelt, → dem da nämlich (im unteren, dem Boden!teil).

Derart in Gedanken trat ich ein, die Pforte war nicht verschlossen, und ich hatte mir die nun zurückzulegenden recht engen Gänge gut eingeprägt, fand deshalb leicht ans Ziel, wo mich Faisal auch schon erwartete und, während mich Lars (ibn) Gamael erst einmal auf die Waage stellte (mit Schuhen, Hosen, Hemd 73,5 kg, also runden 72), den Ultraschall vorbereitete, zu dem ich mich endlich auch begab und legte, nachdem noch eine tiefverschleierte (ob nur Coronas halber, erfuhr ich nicht) Helferin mir zwei Röhrchen Blutes abgenommen, dessen erste Werte allerbestens waren.
Nun läßt sich noch die schönste Krebsin im Ultraschall kaum sehen, doch aus dem Umstand, daß ich keinerlei Schluckbeschwerden mehr verspürte, schien es Faisal nahezuliegen, bereits auf Erfolge zu schließen, die unser Ritt durch die Nefud in nur einer einzigen Woche erbracht. Er wirkte mehr als zuversichtlich und war jetzt, nach meinem Bericht, sogar mit dem THC-Öl einverstanden, das mir लक्ष्मी mit Hilfe Cagliostros besorgt; ich möge nur bitte, wenn ich denn wieder Schmerzen hätte, nicht den Lawrence spielen —————————

“Was ist der Trick?” – “Es gibt keinen.”:

—————————, sondern mich des Novaminsulfones bedienen. “Ihr Schmerzgedächtnis wird es Ihnen danken. So, und jetzt mal locker bitte, wird kurz kalt.” Was mich an dem Foto aber nervt, ist, daß das um den Nabel herum wegen der Laparoskopie rasierte Haar immer noch nicht nachgewachsen ist, so daß ich fast schon denken mußte, es sei nun sozusagen vor-ausgefallen. Da aber Faisal nichts sagte, schwieg auch ich.
Doch, er sagte was: “Das sieht ja alles gut aus. Und die übrigen Laborwerte bekommen wir heute gegen Abend. Lassen Sie uns deshalb diesen Tag dem Insichgehen widmen. Vielleicht machen Sie mich später ja erneut mit einer für mich neuen Musik bekannt, die aus dem Dschanna ruft.”

 

[29. Mai
صحراء النفود, 7.13 Uhr
Relaisstation bei بجده.
72,2 kg]

Wir sind doch über Nacht noch geblieben, nicht bereits nach meiner Untersuchung aufgebrochen. Nach nunmehr vier THC-Tropfen zur Nacht erstmals komplett ohne Unterbrechung durchgeschlafen. Aber daran werden auch, von gestern, die guten Ergebnisse mitbedankt werden müssen.

So … – Witzig: Röhrerich ruft mich … er röhrt (“sonor”), soll das heißen, nach mir. Er nach mir! Ich lasse ihm den Namen vielleicht doch.

[Arbeitswohnung, 7.38 Uhr
Georg Friedrich Händel: → Alcina]

Was ich aber noch vergessen habe: Heute wurden wir bewaffnet – wobei es eher angemessen ist, von einer geradeu Aufnötigung zu sprechen. Natürlich wollten die allzu, schien es mir, Besorgten ihren Schnitt machen. “Unterschätzt nicht die Gefahr!” Der Weg zum Eingang des zweiten Höllenkreises sei ständig von Banditen bedroht. Wobei ich nicht wirklich eine Ahnung habe, wie mit Gewehren umzugehen. Liligeia, oh, was Du mich alles lernen läßt! Ich fühl mich fast → an Arndt erinnert.

Ihr ANH

Liligeia an ANH (Billet 4: 28. Mai 2020 nachts)

Postskriptum (Nachtrag) zu ANH an Liligeia, fünfter Brief. Krebstagebuch, Tag 29.

 

 

 

P.S.:
Was auszuführen, worauf zu antworten ich noch … oh, Lilli, ich weiß nicht, ob “vergaß” ..! Eher mußte ich mir wohl selbst erst klar werden und danken Ihnen, daß Sie nicht, wie ich’s befürchtet habe, dazwischenschießen würden – zwischen, meine ich, das Ende → meines letzten, langen Briefes und diesen nötigen Nachtrag hier.

Also:

Sie haben mich gefragt (eher wohl: mir vorgehalten), ich griffe nun selbst meinen Körper an, den zu achten ich doch stets besungen hätte. “Nur”, wie Sie schreiben, um Sie loszuwerden, schädigte ich mich selbst. Womit Sie mir zumindest indirekt Autoaggression vorhalten, zumal ich anfangs nur allzu wohllaut noch verkündet hätte, eine Chemo käme für mich nicht infrage.
Welche, Liligeia, Alternative ließen Sie mir aber? – Erinnern Sie sich, ich bin auf Sie zugekommen, trotz der Bedrohung freundlich, die Sie bedeuten. Mehr als freundlich, flirtend fast … Ich habe mich sozusagen zu Ihnen gesetzt und mochte, daß wir sprechen. Woraufhin → Ihre Antwort in solch arrogantem, abweisendem Ton formuliert wurde, getragen obendrein von maldiciones, daß ich wirklich an mich halten mußte, um nicht provoziert zu sein. Immerhin das hat meine Lebenserfahrung unterdessen mit sich gebracht. Nun kann ich’s Ihnen spiegeln und tu es hiermit auch. Doch um es deutlich zu sagen: Nein, ich tue mir die Chemo – tu sie meinem Körper – nur widerwillig an, wobei sie sich → in dieser Interpretation allerdings, der Verwandlung in ein Abenteuer also, durchaus aushalten läßt, jedenfalls bislang. Ich habe mit den gefürchteten Nebenwirkungen bislang nur wenig zu tun: etwas leichtes Übelsein mal, neulich die bizarre Hartleibigkeit, vorgestern auf gestern die Kreuzschmerzen. Das aber war’s dann schon. Wobei ich auch erst eine Woche lang unterwegs bin darin und nicht voraussehen kann, mit was noch die Nefud mich konfrontieren wird. Wie gestern schon erzählt, werden wir erst morgen die erste Ralaisstation erreichen, um unsere Kamele zu wechseln usw., was Ultraschall bedeutet und möglicherweise ‘ne nochmal schnelle Endoskopie; aus den strohgrautrocknen Kotkastanien der Tiere wird mein Blutbild dann bestimmt, inkl. Tumormarker), bevor wir uns auf den Weg zum zweiten der vier Höllenkreise machen können. Für den ich halt in Form sein muß. Das nächste Feuer auf Sie, Kartätsche um Kartätsche. Ich hab die Schießscharte im Leib, rechtsoben unterm Schlüsselbein. Und also Beschuß auch auf mich. Wir ducken uns gemeinsam. Sehen Sie die Chemo einmal so. Sie legt uns in dasselbe Bett.

Was anderes hätte ich tun können, Li? Auch Sie, indirekt, muß und will ich schützen: vor zu schnellem Tod. Er wär uns beiden noch nicht recht. Mit Verspätungen kam ich mein Leben lang klar, mit Verfrühungen niemals. Ich find, er soll noch draußen warten, bis Du, Sirene, aus mir tatsächlich herausgeholt haben wirst, was nur geht; vieles vorher, ja, das hast Du schon geborgen, hast’s aus mir gehoben. Doch da ist mehr! Spürst’s denn nicht selbst? Hörn Sie in, Lilly, sich und mich hinein! Dann bewältigen wir die Chemo gemeinsam, nicht als Freunde, nein, wir sind hier weder bei Facebook noch sentimental, aber doch als Gegner, die sich achten – etwas, das bedeutsamer, sehr viel bedeutsamer als Freundesnähe sein kann. Und wir bleiben Frau und Mann, konturiert Geschlecht: Aus solchem Kampfverhältnis stieben die Funken einer anderen, nichtmelancholischen, nichtgemainstreamten, sondern in gutem Sinn tragischen Poetik. (Es sind die Tragödien, was uns entkrustet und befreit; die unseren und anderer; wir wachsen alleine an ihnen. Und so sie auch an uns.)

Gehen Sie nun erstmal in sich, Sie doch so schöne, formphantastische Tumorin, bevor Sie erneut in Harnisch geraten – wider mich und damit auch Sie selbst. Und sparen Sie Ihre Kräfte, die nunmehr Sie fast nötiger als ich jetzt brauchen. Denn spürst Du’s, Lililein, nicht? Wie klein Du nun schon wirst?

 

Schmelings Oase: Aus der Nefud, Phase I (3). Geschrieben vom sechsten bis siebten Morgen, nämlich des Krebstagebuches sieben- und achtundzwanzigster Tag.

Wer hätte dieses je geglaubt? In einer Wüste Mittendrin! Wo sonst nur Sand und Sand und wenig Sukkulenten … da … da … — Lilifee-Kastanien! Wie ausgemalt von meiner Lili, da sie noch keine fünf gewesen – also die in ihr lebende Sídhe oder Sirene, ich bin noch uneinig mit mir.  Nur ist → ihr Körper jetzt nach wie vor noch keine fünf. Sonst wär ich doch schon hopp …

Aber dieses, dieses das Tor. Anders, erklärte Faisal, als sich hier durchzubeugen, komme niemals jemand herein. Daß die unfaßbare Oase allerdings nach einem deutschen Schwergewichtsboxer benannt worden sei, habe gewiß nicht Allahs Zustimmung gefunden, doch leider, vor 1917, des Osmanischen Reiches; was umso bezeichnender sei,  als der spätere Weltmeister da noch keine zehn Jahre alt gewesen sei.  Woher wußten die Türken also um seine erst folgende Bekanntheit? – Faisal murmelte etwas von einem “alten Berge”, gab aber sonst keine Antwort. Es war angesichts solcher Schönheit auch völlig egal.

Aber eins nach dem anderen.

[Montag, 25. Mai 2020, 9.29 Uhr: Zwischenhalt (für den Mokka und zur Orientierung);
Aufbruch morgens: 6.36 Uhr]

[Aus fernster Ferne: Henze, Streichquartett Nr. 4 (1976)
Kamelröhren. Auf die Smartphones schauen: Kompasse und Uhren vergleichen]

[70,5 kg – also vier der zuletzt verlorenen Funde wieder drauf. Beruhigend. Dafür wirkte das THC-Öl nur noch bedingt. Es riecht seit vorgestern abends auch seltsam – wie Japanisches Heilkräuteröl, nicht die Spur mehr nach Marihuana. So bereits um halb drei Uhr nachts aufgewacht und dann eben doch, weil die heutige Tagespassage anstrengend zu werden sei es verspricht, sie es droht, eine halbe Zolpidem geschluckt, die bis halb sieben.mich weiterschlafen. Doch wie auch immer, erneut komplett beschwerdenlose. aufgewacht. Nicht die geringste “Nebenwirkung” der Nefud mehr.
Dennoch, mit dem Öl stimmt etwas nicht. Wie hat es Cagliostro hinbekommen, daß es so schnell die Aura wechselt? Oder liegt es an mir, an einer Veränderung des Geschmackssinns? Da ich Faisal dazu nicht konsultieren darf, der, wie mir Lars ibn Gamael, sein vertrauter Diener, steckte, auf im weitesten Sinn “Drogen” nicht gut zu sprechen sei, muß ich auf die nächste Möglichkeit, eine Lappenschleuse zu erwischen, warten, um es direkt mit लक्ष्मी abzuklären.]

[Ah, erneuter Aufbruch!]

Darüber konferierte ich gestern lange mit meiner Contessa: Wie sich mein Schönheitssinn geschärft, etwa, wenn ich spazierengehe. Selbst hier, in der Wüste, erkenne ich die Schönheiten der Straßen, Häuser, Parks Berlins — hier sogar besonders. So ist es mir selbst auffällig, mit welcher Freude ich derzeit flaniere (habe mir überdies einen hübschen Gehstock gestern ersteigert; in der Nefud zwar nicht sehr sinnvoll, doch in den Folgen meiner Heimkehr um so mehr). Und ich spaziere umso lieber herum, als mich die Nebenwirkungen fast gar nicht anrühren, die nach allem, was ich vor meiner Nefudreise gehört und mit betrachtet habe, viel eher Kollateralschäden zu nennen wären, und zwar massive: Den Hauptterroristen weggebombt, fünfundzwanzig Leute aber mit ihm, die halt zum falschen Zeitpunkt da gewesen: Kinder sowieso, auch ein paar Alte, die eh bald weggewesen wären, doch leider auch noch junge Pärchen, um von Mägden und Knappen zu schweigen, die sich als künftge Konsumenten recht gut geeignet hätten. Blöddas, doch cioè la guerra.
Daß wir vom Tod Befallenen Schönheit ganz besonders wahrzunehmen verstünden, erklärte mir die Contessa, sei aber doch bekannt. Es ließe sich fast  als ein Symptom der Krebsdiagnose-selbst verstehen – etwas, das wiederum mir völlig neu war. Ich hatte es lediglich bei meinen Gängen bemerkt, und jetzt, ich meine: gestern nachmittag, bekam es märchenhaften Glanz.
“Es ist ein Geheimnis”, erzählte Faisal leise, sein schöngeschnitztes Männergesicht regungslos wie üblich: ein dunkelsamtig lasiertes Holz, aus dem der gepflegte Prophetenbart nicht sprießt, nein, eher, ich sage einmal, stehend fließt.  “Es ist ein Geheimnis, wie ineinander die Welten – sämtliche – gehören. Geht es Ihnen gut? Fein. Dann lassen Sie uns absteigen und zu Fuß weitergehen.” Sich umwendend: “Gamael!”
Schon folgte auch der Diener, indes ich ja noch die heikle zweite der Sitzungen vor mir hatte, von denen ich → gestern Ligeia geschrieben. Und die eben hier, in dieser Oase, stattfinden sollte, bzw. tatsächlich mußte. Es war dafür einfach genügend Wasser vonnöten.

Aber schauen Sie, wir klettern über diese Düne, kommen oben an, ich nehm noch eine Hand voll Sand, den ich durch meine Finger rieseln lasse (meine Art, die Erde zu küssen), richte mich wieder auf …

— und sehe, was ich, geliebte Freundin, Ihnen schon zu Anfang dieses Journales gezeigt:

Und dahinter, in voller Weite, das:

 

 

 

 

 

 

 

Man muß mit solchen Wechseln umgehen, muß sie durchschreiten können, um wirklich in dieser unsrer Welt zu sein. Da wird das Wort “Fremdheit” dann plötzlich zu dürr, zerfasert auch schon in der Brise, die an diesem Sonntagnachmittag durch die Max-Nefuder Schmeling-Oase blies, durch unseren Sonntag, Dr. Faisal Jostings, seines Dieners Lars Gamaels sowie dem meinen (der ich dennoch dauernd nach einem angemessenen Häuschen schaute); außerdem brauchten wir neue Gummihandschuhe, im Zweifel besser auf Vorrat. Es würd sich doch wohl hier ein gutsortiertes Späti finden. Andererseits durften wir uns in der Zeit nicht verlieren, denn zu dem von Faisal so genannten “Geheimnis” gehört auch, daß sich Oasen (und überhaupt Orte wie diese) unversehens wieder verschließen können: Sie schlüpfen in die Zeitfalte zurück, aus er unser Sesamöffnedich sie gelockt hat, und stecken wir selbst dann noch drin, finden wir nicht mehr heraus, sondern werden von den nächstem gefunden, aber längst gestorben dann, die die Öffnungsformel wissen. Insofern war wegen meiner Erledigung denn doch ein wenig Eile geboten. Dennoch, es blieb sogar – alles in der Nefud, vergessen Sie dies nicht! – Zeit für ein, ich schreibe mal, italienisch-deutsch-syrisches Speiseeis in der Waffel. Corona, jedenfalls, hier, war nicht einmal zu ahnen.
Es ist ein großes Privileg Berlins, ja zeichnet sie aus, diese Stadt, daß sie keine modischen Vorurteile kennt; man darf hier morgens auch in Bademantel und Puschen zu seinem Bäcker schlurfen, ohne daß irgendjemand stehen bleibt und gafft. Also fiel auch Faisal nicht auf, während meine hautkutüre Exzentrik ohnedies in das Stadtbild gehört — und ich gebe gerne zu, es jetzt, in meiner neuen, an sich ja beklemmten Situation höchst bewußt wieder auszukultivieren, wie ich’s einst, in meiner Frankfurtmainer Zeit, schon getan habe, dessen in Berlin aber müde geworden war, weil der Stil des persönlichen Aufzugs hierzustadt keine und keinen int’ressiert, jedenfalls nicht wirklich. Das ist befreiend, macht aber die Inszenierung der Kleidung politisch ziemlich sinnlos; statt dessen wird sie zu einem beliebigen Spiel, das nur noch Zugehörigkeiten aufzeigt und aufzeigen will. — Nun allerdings, mit meiner Diagnose: nämlich angesichts der ungeheuren Li, füllt sich die Inszenierung mit Sinn wieder an, läßt sie sich anfüllen, und ich spüre es bei jedem Spaziergang. “Das ist mal ein eleganter Mann!” riefen drei Osmanen aus, die vor dem Aufgang zum Birkenwäldchen taten, was Allah so nicht sehen sollte. (Und Faisal übersah es, arrogantfeudal; na sowieso, “die” Türken … ) – “Oh”, entfuhr es drei Mädchen, die  mir oben entgegenkamen (und die nun ihrerseits Faisal nicht sahen, aber Gamael wahrscheinlich ebenso wenig). “Das ist mal ein Style!”
So geht’s momentan quasi ständig. Ich muß nur runter vom Kamel (was für die Arbeitswohnung fort vom Schreibtisch und hinaus! heißt), drunten durch den ersten Hinterhofsausgang, die schwere Tür, die aber nicht mehr so wie zu → THETISanfang quietscht, aufstemmen und erhobnen Kopfes auf die Straße treten, um weiten Schrittes und rechts geworfnen Gehstocks auszuschreiten. – Der, den ich gestern orderte, wird so aussehen:
Sie müssen das, bitte, Freundin, verstehen; es ist ein Ausgleich, ein neues Gewicht, auf die leere Balance meiner Zukunft zu legen, dem Sitz auf meiner Seite der Wippe unsres Lebens zu, das nun Verzicht zu leisten hat, wo’s das nicht will … — noch etwas, das ich Ligeia → einfach so stehen ließ, ohne dagegen noch aufzubegehren (es wäre nämlich arg zu sinnlos): Die Nefud, gar kein Zweifel, schädigt die Keimdrüsen. Die Notwendigkeit ihrer Durchquerung ist deshalb wahrscheinlich eine rein logische, also ausgesprochen kalte Folge der Entwicklungen vorher, als ich ohnedies von meiner Hoffnung Abschied nehmen mußte, noch einmal Vater werden zu dürfen — Sie wissen, Freundin, wie sehr mir das zugesetzt hat. Jetzt, das es mir immer noch zusetzt, macht die Nefud schlichtweg Nägel mit Köpfen, indem sie die Nägel einfach aus mir rauszieht.
Auch dieser Punkt geht deshalb an Ligeia. Mir dagegen beschwichtigend zuzusprechen, nun wohl, so mußt du niemals mehr Präservative benutzen, wären der Füchse unter den Trauben denn doch ein paar zu viel. Der Schmerz drob, in Wahrheit, wird mir bleiben – doch als ein unumkehrbarer, irreversibler. Weiterhin gegen ihn anzuzürnen, wäre wie der Wutausbruch über eine Sturmflut oder eine Strafanzeige, die ein Erdbeben anklagt und Schmerzensgeld da herausschlagen will. Statt dessen, wenn es kalt ist, dann zieht man sich was an. Ich geh mit Gehstock wieder. Und Ligeia schafft Endgültigkeiten, wo ich noch Jahre hätte hoffnungslos gehofft. Es ist auch Recht an ihr. Ich werd das nicht verleugnen.

(Wieso aber fällt mir das alte Wort “Hagestolz” jetzt ein? → Kluge, spannend: (< *9.Jh., Form 13.Jh.) […] Die mittelhochdeutsche/neuhochdeutsche Form ist sekundär an stolz angeglichen. Die deutsche Bedeutung ist im Prinzip “unverheirateter Mann, Junggeselle”, die nordische und englische eher “junger Krieger”. Die Bestandteile sind offenbar Hag und die Entsprechung zu gt. staldan, ‘besitzen’ – alles weitere ist unklar und spekulativ.) Wiederum “stolz”, sehr hübsch: (< 12.Jh.) Mhd. stolz. mndd. stolt, auch afr. stult, Herkunft unklar – vielleicht zu Stelze im Sinn von ‘hochtrabend’. Auch eine Entlehnung aus l. stultus, ‘töricht’, ist denkbar setzt aber einen ungewöhnlichen Bedeutungswandel voraus. Abstraktum: Stolz. Verb — und darum geht es hier ja grade — : stolzieren.)

Die Kastanienbäume waren berückend, berührend, becircend, ach meine Freundin (ach auch Ligeia, erregendste Feindin meines, und zwar in ihm, Bluts). Dagegen war der Flieder dieses Jahr nur jung, weil im zweiten Hinterhof aus mit schleierhaften Gründen furchtbar zurückgekappt, -geschnitten. Dabei sind es mal, aus Flieder, Niagarafälle gewesen – da schrieb ich damals dieses Gedicht (heut steht’s im UNGEHEUER MUSE):

Sommermorgens westwärts
Berliner Hinterhof 2008

„die Augen sind nestwärts gewandt“
Strittmatter

Die Tauben gurren auf dem Hof
Der Flieder blüht in schweren Dolden
zwischen den engen hohen Häusern,
die nach altem Deutschland riechen

Noch steht die Bank in der siechen Farbe
kariöser Zähne dicker Mütter,
deren Männer aus dem Mund
nach ihrer Wäsche Grobripp müffeln
und Beuteln für die Butterstullen
zum billigen Bier bei der Sause

Wo in der Mittagspause Kumpels
am Sonntag ihre Hoffnung grillten,
lackieren heute junge Frauen
plaudernd ihre schicken Zehen
im Graskraut auf den Stühlen
bei Latte macchiato und Aperol Spritz

Nur Morgens krakeelen noch Elstern
die mit den wehen Schnäbeln
gleich Säbeln den Nachlaß durchwühlen
dann krächzend westwärts flattern

___

Zweitausendacht, meine Güte! Aber bei den Kastanien muß ich an den Fehler in BUENOS AIRES.ANDERSWELT denken, den mir Bruno Preisendörfer zurecht sehr dick aufs Brot seines Feuilletons strich. Er mochte das Buch, anders als den WOLPERTINGER, insgesamt nicht; wahrscheinlich den ganzen Entwurf → dieser “Anders”welt nicht, war damals aber selbst im Aufbruch, von einem der besten der einmal werdenden Literaturkritiker zu einem, nun jà, Schriftsteller-selbst zu werden … also er warf mir zurecht vor, daß mitnichten noch im Juni Kerzen auf den Kastanienzweigen stehen, wobei andererseits im Buch direkt eingewendet wird, es sei doch erst Mai, ein Monat mithin, an dem diese Kerzen keine Fehler wären, davon ganz abgesehen, daß in der dritten Zeitebene des Romans soeben der furchtbare November anhebt. Deshalb komm ich grad drauf, weil auch hier die Zeiten divergieren, in allen Zauberoasen wie in allen Hügelstätten. Mal geht’s ineins, mal nicht..

Doch wie auch immer, Mai. Jetzt, noch. Im Zaubergarten der Nefud. Und aber Kerzen auf den Zweigen, deren Blüten freilich bereits ockern eingewelkt; schon schneien sie als Flockenflut zu einer grauen, braunen Flur herab, aus der sich der Kastanienbaum erhebt wie aus gefallnen tausend Bienen, die heute schon der Herbst ge-,nicht “poppt”,sondern –popt. Und dann wieder dreh ich mich um, hinter mir die Wüste:

… dreh mich zurück … — und sehe dieses nun:

Wer denn wohl, selbst wenn er “gehen” müßte, tät es hier denn gerne nicht? Und wenn Faisal recht hat, daß sich die Zeitrelationen nur für den Momentraum der gegenseitigen Öffnung synchronisieren, um, sowie die Dimensionen wieder impermeable werden, umso heftiger zu differieren, ja auseinanderzuexplodieren (wie im übrigen mein Darm, wenn ich nicht gleich was tu, sehr schnell, dagegen) … — wenn Faisal also recht hat, wer sagt uns denn, daß wir nicht, stecken wir in der Oase quasi fest, für Ewigkeiten leben, wenn sie sich schließt, und öffnet sich der Zaubergarten eines Tage wieder und man findet allein noch unre Skelette, dann mögen die indessen schon vor Jahrhunderten dahingegangen sein. Aber … oh, da … “Schaun Sie”, ganz ohne Ausrufezeichen Faisal.
Eine Hütte, und draußen war ein Schlauch geringelt und niemand in der Nähe.
Ich nickte meinem Leibarzt zu, der sich dezent zurückzog; dezent, auf den spitzen Schnäbeln seiner roten Schnabelschuhe, huschte der Diener hinterdrein. Damit mit diesem Thema endlich Schluß.

*

Es wurde Zeit, den Rückweg anzutreten. Gummihandschuhe mußten noch besorgt werden, sicherheitshalber. Was aber in der Oase kaum ging, doch außen, es gab einen durch einen hohen Zaum markierten Zweitausgang, da wohl … Ich konnte auch geachtelte Industriebautchen erkennen und las mit einem Mal den Schriftzug

, was mich auf → meine Sashimi-Idee brachte, von der ich Ihnen Freundin, → schon gestern abend geschrieben und nun die dort versprochene Erklärung nachgeliefert habe. Dann tatsächlich ergatterte ich noch Filets von Lachs und Victoriabarsch, die wir selbstverständlich ziemlich sorgsam kühlen mußten; wir erstanden also, bevor es in die Nefud zurückging, nicht nur auch die Gummihandschuhe noch, sondern zudem eine besondere Hightechtüte für Gefriergut, die ihrem Dienst auch wirklich nachkam.
“Wie gehn wir? Außen herum?” Doch woher sollten wir die wirkliche — wahre — Ausdehnung dieses Zaubergartens kennen? Wir hätten uns möglicherweise werweißwohin verirrt. Drei Bücher habe ich über sowas geschrieben! Und mußte deshalb warnen.
Was gar nicht nötig war; Faisal von sich aus schlug vor, genau den Weg zurückzunehmen, den wir gekommen waren. Und so taten wir’s denn auch, ließen die Kastanienpforte hinter uns — sie schloß sich mit leisem Rauschen wie ein Riesenlid —, noch stand die Sonne ziemlich hoch und bei den drei Kamelen (Faisals, ibn Gamaels und meinem) der den Parkplatz besorgende Sandlungerer, dem wir sie anvertraut hatten. Dreimal schnalzte er um Bakschisch, mehr, mehr, mehr, gib mehr. Erst nach wir ihm gewährt, wes’ er verlangte, führte er unsere Tiere herbei. Und aber, als ich mich auf meines, das sich – ohne sich aber ganz zu legen – in die Vorderbeine tief hinabgebeugt hatte, hinaufschwingen wollte und es schon tat, und schon kam auch das Tier vorn wieder hoch, da ging mit einem Mal ein Reißen durch mein Becken, daß ich momentlang keine Luft bekam. Genau im Kreuz, genau die Beckenmitte. — Was ist denn das?
“Sie sind es nicht gewöhnt, auf dem Kamel zu reiten”, erklärte Faisal. “Es war ein bißchen viel.” Womit er freilich recht hatte, auch wenn ich zumindest für Berlin weiß, daß solche Rückenschmerzen auch eine “Neben”wirkung meines Chemostoffes Oxaliplatins sind, also mit Lawrence of Arabia weniger zu haben, als mir recht sein kann. Doch als ich dies einwandte, sehr viel später, bereits am Feuer vor unseren Zelten, zuckte Faisal nicht mal mit den Schultern. “Wo ist denn da der Unterschied?” fragte er lediglich.
Er hat auch völlig recht. So daß nur eines noch für diesen Tag zu klären war; ich mußte dringend लक्ष्मी erreichen, weil Faisal ja nichts wissen darf, also vom THC. Weil, wie eine Freundin, deren Brief mich als Email erreichte, schrieb, Medizinerin sie selbst, wir beide wüßten, “dass es sich hier im Wesentlichen um pharmazeutisch-finanzindustrielle Komplexitäten handelt, wenn sich das Eine gegen das Andere durchsetzt”, was die schulmedizinisch-pharmakologische Therapeutik gegenüber allem meint, was nicht fest genug in der Hand der Wirtschaftsführer (und -führerinnen!) liegt. Gerade die teuren Chemotherapien stehen hier im absoluten Focus. Darüber indes ist mit Faisal nicht zu sprechen. Doch gestern abend kam keine Satellitenverbindung mehr zustande, so daß ich eigenentschlossen meine Dosierung von dem einen auf drei Tropfen erhöhte und  ________________]

[26. Mai, 8.34 Uhr
Stenhammar, Sechstes Streichquartett d-moll]

[________________ tatsächlich bis 5.56 Uhr problemlos durchschlief. Auch beim Erwachen, außer leider noch immer dem Rückenschmerz, einem hellen, pochenden, keine Beschwernisse, und ich hoffe, dieses neue verläßt mich bald wieder. Sonst werde ich, zumindest für meine Spaziergänge, doch wieder Novamin nehmen müssen. Was ich gern vermiede. Doch werden’s die beiden heute und morgen vor uns liegenden, besonders langen Reittouren mir möglicherweise abpressen, bevor wir die Ralaisstation dieser Nefudphase erreichen, wo Faisal alle Gerät hat, um seine ersten Kontrollen an mir durchzuführen und danach, vierfünf Tage später, in der Nefud zweiten Höllenkreis mich einreiten zu lassen.
Prima wiederum; ein weitres neues Kilo drauf, 71,5 heut früh. Der unentwegten Abmagerei scheine ich also erfolgreiches Pari geboten zu haben.

 

 

 

 

Ah, der neue Ruf!
متابعة, weiter! Aqaba!”

 

 

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