Kleine Theorie des literarischen Bloggens (1)

Was hat ein bloggender Dichter im Sinn? Also abgesehen von der wirklich zweifelhaften Hoffnung, er könne seinen Buchumsatzsteigern? Bekommt er wirklich direkt Kontakt zu dem, was ein idealer Leser ist? Tatsächlich stellt sich in mir das Gefühl h e r… und zwar besonders deshalb, weil die langen Zeiten, die mormalerweise zwischen der Gestaltung einer Prosa und ihrer Publikation aus rein materialen Gründen vergehen, wie bei einem Hypersprung überwunden zu werden scheinen. Selbstverständlich spricht man in einen sehr vollen Raum, aber ebenso selbstverständlich sind die Empfänger so weit wie Sternensysteme voneinander entfernt, und die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu „treffen“, kommt Begegnungen mit Kometen gleich. Und dennoch. Ich schrieb einmal im Flirren im Sprachraum: Wer einen Chat betrete, betrete einen Raum. Den wiederum nannte ich anderswo „unausgedehnt“, also „raumlos“, das heißt: ohne Ausdehnung, was der Definition von Raum an sich widerspricht. Interessanterweise wird der Raum im Cyberspace zeitlich (ganz im Gegensatz zum postmodernen Bezug auf Wagner: „Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit“; er wird ein Nu )– oder, mit Whitehead gesprochen, eine „entity“, ein „Ereignis“. Ich glaube, hierauf beruht die Unmittelbarkeit der Netz-Erfahrung (eine junge Autorin sprach einmal von „Netz-Bürgerschaft“). Hinzutritt, daß man meinen könnte, es würden direkt Synapsen im Ganglion mit dem www verschnitten, was einem wiederum den idealen Leser sich sehr nah vorkommen läßt; er ist nun von einer Vor-Stellung, die objektiviert, in die Gedanken direkt hineingenommen, also subjektiviert worden.




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herbst & deters fiktionäre

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3 Kommentare zu Kleine Theorie des literarischen Bloggens (1)

  1. fraktal sagt:

    Netz & Hormone „ Hinzutritt, daß man meinen könnte, es würden direkt Synapsen im Ganglion mit dem www verschnitten

    Ich nenne es mal Hormone, man könnte es wirklich auch mit Axon-Potentialen o.ä. umschreiben.

    Subjektiv ist das ‚im Netz sein‘ eine körperliche Erfahrung, es ist das ‚immer weiter Kommen‘, das ’nochmal nachsehen ob Mail da ist/ ein Blog aktualisiert ist‘, ein ‚das noch schnell auf der eignene Webseite ändern‘.

    Das hat etwas von einem Rausch einem halbwachen Taumeln durch einen Nicht-Raum; gleichzeitig macht es wach da, wo der Körper eigentlich schon müde ist.

    Insofern ist Gibsons Beobachtung über den Tele-Spieler, der mit der Amschine hypnotisch zu verschmelzen scheint (das gab ihm die Idee des ‚Cyberspace‘ als ’shared halluciantion of a dataspace‘) nicht nur korrekt sondern auch hyper-poetisch.

    Aus der ‚willing suspension of disbelief‘ wird dann eben die ’shared hallucination‘ und das Gefühl des ‚being jacked in‘.

    Soweit mal 😉

    apropos: fraktal = OG 😉

    • So meinte ich das auch. Und versuche, lieber Gassner (lächelt: längst abonniert, dieses „fraktal“), die poetologischen Folgen abzuschreiten… Sie wissen selbst, wie viel undrainierter Sumpf da (noch?) ist. Und für wie verrückt, ja bisweilen amoralisch man gehalten wird, weil man – hineingeht.

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