Bamberger Elegien (62). Das Ende der Ersten Elegie (ZF) im Hexameter.

(/ – – / – – /) Eine Lehrerin, als du noch klein warst,
hatte die Angst in den Augen davon. Sie war häßlich, die Frau; so
lieblos verloren in Ordnung und Vorschriften, kommandierte
sie unsre Kinder durch Klasse und Schulhof. Da nahm ich sie freundlich
(war so verärgert, bezwang das) zur Seite und holte, erzählend,
weit aus. Erzählte begeistert von Schönheit und was sie dich, deine
Eltern, gelehrt: daß da Sterne sehr hoch überm Meer stehn. Nichts andres
seien sie zwar als das Blinken von etwas, das längst nicht mehr ist. Doch
fülln wir‘s. Auch Wiesen sei‘n nicht, was sie sind: ein sekündliches Morden,
sondern sie seien uns Friede, Gesummse und sirrender Laut von
en, die sich in an ihnen ziehenden Halmen verfangen,
Harfen des Windes, die, ob man‘s auch reißt, jedes bedrohte
Wesen mit Wohllaut beseelen. Das l o h n e, sei Heimtücke weder
noch eine Täuschung. Nein, f e i e r n müßten wir‘s: daß wir das teilen
dürften und s i n d. – Für Momente (bevor sie sich wieder verkniff, und
Schimmern nur, Erschimmern, unzugelassene, herbe erstockte
Sehnsucht) standen der Frau da die Tränen flach hinter dicken
Gläsern. Die kleinen Augen, versteckte, darunter geduckte,
schauten ganz hilflos, ganz weich – ein erwachendes Mädchen, das möchte.
Und ihre Wangen, der bitteren Frau, als ich weitererzählte,
teten sich. S o wolle ich, daß er lerne, mein Sohn: daß
jede Zahl, jede Letter sich Kindern verwandle aus Pflicht in
lockende, staunenerregende Rätsel, die magisch verbleiben,
bis man sie löst. Und sie bleiben‘s noch dann, bleiben klanghaft erhalten.
Halden aus Schutt würden Kindern zu Wäldern voll Wölfen und Elfen;
so auch die Mathematik; denn sei n i c h t, sagt‘ ich, allen Kulturen,
den uns nächsten, das WORT noch zu heilig, als daß wir‘s für Zwecke
opferten, ob sie nun „Lehrplan“ geheißen, ob „Umsatz“. Europa
ist so, das Abendland ist so, der Orient: verwandelt, wie Kinder,
Welt und verklärt sie. Schafft Mythen, ersetzt das, was ist und was sei, durch
unmöglich Mögliches. Jeder Tisch wird zum Raumschiff, ein Becher
Gral, und die Bäume (die Straßen) sind ren. So Sprache, so Zahlen.
Kabbala, Meister Eckhart, die Thora… die Liebeslegenden…
alles dieselbe Bewegung: der Blick von Liebhabern, Künstlern.
So, nicht anders, sehn wir die Sterne und sehn wir die Wiese.
Das solln Sie Schülern bewahren, Frau G., wenn Sie lehren. Und müssen‘s,
dieses Verlorene, das erwart ich von Ihnen, sich selber
wieder gewinnen. Wahrer ist es als faktische Wahrheit.
S o muß man lehren. Und, Anahit, so küßt ein Mensch.

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Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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