Talisker beendete sein Frühstück.

[Kapitel 33 bis 35 <<<< dort.]

Mr. Thimble hatte drei Tische entfernt Platz genommen und schaufelte manisch crambled eggs in sich ein. Ohne ihn eines weitren Blickes zu würdigen, begab sich Talisker zurück auf sein Zimmer. Die Tür stand auf. Wahrscheinlich wieder die Russin. Er holte schon Luft. Dann aber war’s jemand andres: ein spitzgesichtiger Mann mit Drahthaar und Designerbrille, die sein Bürokratenantlitz besonders fiesmachte. Allerdings hatte das schamlose Lächeln, mit dem er Taliskers Erscheinen quittierte, etwas ebenso Verschmitztes, wie daß er sich, eine Zigarre rauchend, bequem auf dem fremden Bett ausgestreckt hatte. Er hob er sein, hätte Artmann gesagt, Embonpointerl und paffte Kringel zur Decke. Am lappigen Kragen eines rosaroten, kurzärmeligen Freizeithemds trug er eine knallgrüne Polyesterfliege, an den Füßen, die in weißen Socken steckten, knöchelhohe, strahlendweiße Adidas. „Ich denke, Sie haben sich im Zimmer geirrt.“ So Talisker in Habacht. Die Antwort, bei der der Mensch sich aufrichtete: „Sie denken? Wie schön für Sie! Nein nein, ich bin hier schon richtig.“ „Ich wüßte nicht…“ „Wir haben miteinander zu sprechen.“ „Das wäre mir neu.“ „Das i s t Ihnen neu. – Bitte! Tun Sie nicht so vor Gianni Duschkin! Imgrunde ham Sie gewartet auf mich. Leider ist die ganze Sache ein bißchen… durcheinandergeraten. So wissen Sie immer noch nicht, weshalb Sie hier sind.“ Talisker schwieg. Das war der erwartete Auftraggeber? Er zog die Zigarettenschachtel raus. „Zum Beispiel“, sagte Duschkin, „sind Sie im falschen Hotel.“ Talisker entzündete die Kippe, zog den Rauch ein. „Freilich ist das,“ ergänzte Duschkin, „nicht Ihre Schuld. Allerdings hätten Sie geschickter sein können.“ „Vielleicht würden Sie sich erklären…“ „Nehmen Sie Platz. Ihre Steherei macht mich nervös.“ Er patschte zweimal schnell aufs Bett. „Damit müssen Sie leben“, sagte Talisker. Und Duschkin: „Wie Sie wollen.“ „Weshalb bin ich hier?“ fragte Talisker. Duschkin: „Ziehen Sie wenigstens die Tür zu. Das muß ja nicht jeder gleich mitbekommen.“ Talisker tat es. Konnte dadurch nicht anders, als sich, weil einfach kein Raum mehr war, doch noch zu seinem Besucher zu hocken. „Sie haben einen Gegenspieler,“ sagte Duschkin, „ist Ihnen das nicht aufgefallen? Er beobachtet Sie.“ „Mich?“ Einen Moment lang dachte er an Mr. Thimble. „Aber doch nicht der!“ rief er aus. Duschkin: „Wie meinen?“ „Der dicke Mr. Thimble?“ „Also dick ist er nicht. Weder das, noch heißt er… wie sagten Sie? Thimble?“ Er schnalzte. „Übrigens hat erst er Sie hierhergeholt, dafür sind wir ihm dankbar. Allein, er fuhrwerkt jetzt etwas zu sehr in unsren Interessen herum…“ Allmählich ging Talisker ein Licht auf. „Könnte es sein, daß Sie von Meissen sprechen?“ „Sie h a b e n es, deutscher Freund! Gratuliere! Denn in der Tat, so nennt er sich. Meissen, na ja. Natürlich heißt er ganz anders, aber das tut nichts zur Sache.“ Jetzt beugte er sich leicht zur Seite, paffte noch mal, drehte den Kopf, und fragte g a n z spöttischen Antlitzes und die Lippen getütet: „Sie wollen doch ein schlechter Mensch werden, oder?“ „Ich hatte so etwas vor.“ „Sie stellen sich das zu leicht vor.“ „Ich bin, glaube ich, auf dem richtigen Weg.“ „Sie sind nicht aufmerksam genug. Ein schlechter Mensch kann sich sowas nicht leisten. Sie sind zu spät in dem Stripschuppen erschienen, und so konnte man Ihnen diesen Koffer…“ Talisker sah erstaunt auf. „…jaja Koffer! wegschnappen… Wären Sie pünktlich gewesen, hätte ihn diese Frau nicht entdeckt und schon gar nicht Mr. Meissen gegeben.“ „D e r hat den Koffer?!“ „Sieh an sieh an. Hat er. Dumm das.“ „Auch die Pistole?“ „Na sehen Sie. Ich habe eine persönliche Freundin bei LEGZ DIAMOND’s. Schade um Joanne. Dabei ist sie so schön! Sie hätte ohne Ihre Nachlässigkeit für uns problemlos weiterarbeiten können. Sie hätten den Koffer bekommen, unser Freund Mr. Meissen wäre nach Ihnen erschienen, Sie hätten ihn auf dem Foto erkannt…“ „Foto?“ „Die Frage bleibt: Wie kriegen Sie den Koffer wieder? Ich habe zwar schon meinerseits versucht… Schade. Sie werden wohl selbst einbrechen müssen.“ „Einbrechen? Wo?“ „In Ihrem Zimmer.“ „Meinem was?“ „Kreuzwurscht. Machen Sie was aus der Situation. Setzen Sie den Mann außer Gefecht. Das wäre sowieso Ihre Arbeit gewesen.“ „Wie soll ich ihn erkennen? – Richtig, Thimble hat ihn gesehen.“ „Also lassen Sie ihn sich beschreiben. Ich hab keine Lust, das auch noch zu tun. Und folgen Sie ihm. Ich kann mir denken, er führt Sie hin.“ „Hin?“ „Es ist ein unerwünschtes Konzert geplant. Ein sehr unerwünschtes Konzert, Mr. Talisker. Ein Konzert gegen die Ordnung. Wir wünschen, daß Sie das unterbinden.“ „Wie soll ich das tun?“ „Sagt Ihnen der Name Olsen etwas?“ Talisker schüttelte den Kopf. Duschkin schrieb eine Adresse auf. „Hier. Sehen Sie zu, daß ihm was passiert. Auch von dem gab es im Koffer ein Bild. Jedenfalls darf er heute abend nicht auftreten können. Wie immer Sie das anstellen. – Wir haben selbstverständlich noch andere Maßnahmen getroffen… Sie haben schon mal getötet? Nein? Ach ja, sind ja zu jung und hatten drüben bei sich keinen Krieg. Hätten Sie sich nicht melden können? Vielleicht ein kleiner KosovoEinsatz?“ Kicherte boshaft. „Tut mir leid“, sagte Talisker. „Schon gut“, machte Duschkin, „Sie können sich ja j e t z t beweisen. Ihr Honorar hat übrigens auch er.“ „Im Koffer?“ „Im Koffer. Sie werden Mr. Meissen wohl im STAR HOTEL finden, 30th Street. Ach so: Meissen, das sollte später einmal Ihr… wie heißt das? Künstlername werden. Und wie gesagt: Es ist I h r Zimmer, das der Mann bewohnt. Er nennt sich Talisker dort, weil wir… na ja, das Zimmer war auf Ihren Namen registriert. Ich für meinen Teil empfehle mich jetzt.“ Und war weg.War es ein Zufall, daß ich an diesem Tag so viele Menschen Musik machen sah? Ständig pfiff und sang es hinter mir her, ob mittags in meiner Wonton Tavern, ob nachmittags im Shakespeare Garden des Central Parks, wo sich eine ganze Gruppe von Obdachlosen auf einer Wiese zu GesualdoChorälen zusammenfand. Auch sonst saßen überall Leute herum, die nicht vorhandene Tschinellen aufeinanderschlugen oder zwischen ihren Beinen ein unsichtbares Cello hielten; eine Asiatin hatte sogar einen Hocker mitten auf die Straße gestellt, kauerte vorgebeugt drauf und hieb in Tasten, die es nicht gab. Was Straßenmusikanten und jene unter Tage aufspielenden Musikstudenten anbetraf, die sich in den Gängen der Subway ihre Bakschischs verdienten, so wollte es mir scheinen, als probten alle dasselbe Stück. Die Beobachtung machte mich durchaus nervös; ich wußte einfach nicht: Bildest du dir das ein? In jedem Falle schien sich ein subkutanes StadtNetz zusammenzuziehen, Adern und Venen aus Hunderten miteinander verknüpfter Seelen. Nicht alle Bewohner Manhattans merkten das, und alle sollten das auch nicht merken, nicht das Ausmaß dieser Verschwörung jedenfalls. Denn eine solche war in Gang. Sie fokussierte offenbar outlaws auf ein gemeinsames, besonders denen Lust verheißendes Ziel, die die Quality of life campaign verfehlte, ja, ganz im Gegenteil, deren unregulierte Leben – ein Pleonasmus – in Gefahr geraten waren, von der allgemeinen New Yorker Disneyfizierung suizidiert zu werden.
Natürlich hatte die Stadtverwaltung Wind bekommen. Bryan Henry, Sergeant der Metropolitan Transit Police, war bereits seit frühem Morgen in Alarmbereitschaft versetzt. Jemand hatte ihm, gegen ein Breakfast bei MILE’s, den Tip zugespielt, am Abend werde es hier etwas geben. Er hatte sofort Meldung gemacht und die ohnedies in solchen Belangen ordnungssensible City Hall für Vorkehrungen gesorgt, die hätten, wäre es zu gleich welcherart Aufsehen gekommen, diese bereits in ihrem Keimen zertreten. Man hielt nach bewaffneten Rowdies Ausschau, nach Zusammenrottungen Schwarzer, maskierten Jugendlichen. Aber nach Musikern nicht. Die allerdings saßen überall rum, eingemummt bis zur Nase, in Lumpen oder von Plastikplanen vor der Verkühlung geschützt, und konzentrierten sich auf Dominanten und Subdominanten, Seitenthemen und dreigestrichene C’s. Diese Bedrohung konnte auch jedermann hören, sie sirrte in den Straßen und wurde von Schaltkästen ab- und weitergestrahlt. Aber man kam nicht drauf, daß es das war. Die Behörden dachten an Aufruhr Vandalen Revolten. Und zogen um Grand Central Station die Truppen zusammen.


[>>>> Kapitel 38 & 39.
ANH, In New York, Titelseite <<<<
Alban Nikolai Herbst, In New York, Manhattan Roman.]

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