Zur Disziplin. Im Arbeitsjournal des Sonntags, dem 4. August 2013. Und mittags: Sport als Sexualität.

8.35 Uhr:
[Arbeitswohnung. Berg, Lyrische Suite (1926).]
Heimkommen, wollte ich schreiben: nunmehr nach dem Ausflug der letzten drei Tage in die „traditionelle“ Klassik wieder in die Neue Musik, die so neu aber ja gar nicht ist; es fehlen noch dreizehn Jahre an dem Jahrhundert… Viele Neue Musik kann man sehr gut sehr leise hören, weil ihr eine Tendenz zur Meditation eignet, so, als spielte sie rein für sich und wäre, um zu sein, auf Zuhörer gar nicht angewiesen, weshalb sie sich auch nicht um deren Erwartungen scheren muß. Und leise s o l l t e ich derzeit hören, zumal am Sonntag – >>>> der einen empfindlichen Gartenhausnachbarin wegen, die heut ganz sicher nicht arbeiten ist. Also am besten auch keine Orchestermusik, sondern bei kleinen Besetungen bleiben, die nicht die „ausgefahrene“ Dynamik etwa von Sinfonien brauchen, noch haben können.
Zweiter Latte macchiato, dritte Morgenpfeife. Hoch bin ich um halb sieben und habe gleich >>>> das dritte Mauergedicht eingestellt, an dem ich gestern noch lange geformt habe; das poetische Vorhaben finden Sie >>>> dort im Kommentar miterzählt. Den Plaudertext über Dichterfreundschaften ließ ich vorübergehend liegen, möchte ihn aber heute fertigstellen, um dann an die Nibelungen zu gehen, die am nächsten Wochenende abgegeben werden müssen, bzw. sollten. Aber unterschwellig, beinah subkutan, bin ich schon alle Zeit mit dem Sterbebuch beschäftigt; immer wieder steigen kleine Szenen aus mir hoch, Satzpartikel, Rede-Atmosphären. Und tatsächlich, theoretisch, wenn da noch ein Platz freigeblieben sein sollte und der Veranstalter ihn mir gibt, könnte ich eine Fahrt mitmachen, vom 16. September bis zum 2. Oktober; ich stiege einfach früher aus, als die Kreuzfahrt eigentlich dauert, und flöge dann, etwa von Dubrovnik aus, direkt nach Berlin zur ersten Präsentation von Argo im >>>> Literaturhaus Fasanenstraße zurück. Das wären dann sechzehn Tage auf See, in denen ich sehr gut vieles für den Roman schon skizzieren könnte. Mal sehen. Da ich nicht eingeplant werden muß, läßt sich das vielleicht sogar spontan erreichen. Jedenfalls kommt mir der Gedanke wieder und wieder. Selbstverständlich würde ich an Bord auch Lesungen machen, wenn das gewünscht ist; aber die Erfahrung der letzten Kreuzfahrt hat gezeigt, daß ein wirkliches Interesse an Dichtung nicht eigentlich besteht. Und vielleicht ist es auch wirklich besser, ich führe „anonym“ mit, nur beobachtend und schreibend, wobei ich – wie die Personen des Romans – das Schiff gar nie verlassen will, auch wenn mich manche Ausflüge reizen; nein, ich will an Bord bleiben und sehen – sehen wie der alter Herr, der der Erzähler des Buches sein wird.
Unsicher bin ich mir aber, ob ich mich an den Reeder, bzw. Kreuzfahrtveranstalter schon gleich wenden oder erst den Bescheid von >>>> Marebuch abwarten soll. Letztres ist vielleicht insofern klüger, als das Romanvorhaben durch eine Verlagszusage „seriöser“ und gewissermaßen dinglicher würde – auch, wenn ich das Buch so oder so schreiben werde.

Gleich, um zehn, geht’s zum Lauftraining; soeben kam die Sonne heraus. Es hat nachts durchgeregnet, also wird die Luft wunderbar feucht sein. Hitze und Feuchtigkeit, wie ich das liebe! Und weil ich mir ja nun einen „Sixpack“ in den Kopf gesetzt hab, werd ich nach dem Laufen drei mal drei Sätze Bauchmuskeltraining anschließen, außerhalb des normalen Krafttrainings. Nur beim Schwimmen werde ich dem Bauch Ruhe geben, morgen also wieder. Wolln doch mal sehn…

Mithin Planung für heute: den Dichterfreundschaftstext fertigstellen und das vierte Mauergedicht skizzieren; es wär prima, gelänge es mir, jeden Tag solch ein Mauergedicht wenigstens anzufangen. >>>> Parallalie hat das eine Zeit lang so gemacht: jeden Tag ein Gedicht. Dabei kommt nicht immer ein Meistertext heraus, aber das Verfahren trainiert ungemein: Reim- und Rhythmusformung gehen direkt, quasi, ins Blut. Genau so war das auch in meinem Bamberger Jahr; immerhin sind die meisten Gedichten aus >>>> Der Engel Ordnungen genau dort und in diesem einen Jahr entstanden, n e b e n den >>>> Bamberger Elegien. Unterschätzen Sie niemals Routinen! In dieser Hinsicht ist die Dichtung eine Disziplin wie jede andere auch.
Guten Morgen.

[Berg, Streichquartett op.3 (1909/1910).]
Erster Morgencigarillo.

13 Uhr:
Zurück vom Sport. 12 km in 1h 03min plus die drei mal drei Bauchmuskelsätze. – Eine Scheibe Ananas gegessen (ich las, sie habe einen Wirkstoff in sich, der Gelenkentzündungen heilt, bzw. vor ihnen schützt; die und die Sehnen sind, schon aus Altersgründen, meine „Sollbruch“stellen, bzw. Achillesfersen. Gleich danach eine Scheibe Wassermelone, sowie eine gekühlte Orange. Zum Abschluß einen Fruchtjoghurt.
Viele Sonntagsläufer waren unterwegs, so daß endlich ich es mal war, der andere überholte. Die normalen Dauerläufer, die auch wochentags trainieren, sind in der Regel viel schneller als ich. Was ja nichts tut, es ist aber s c h o n schön, mal in die Führung zu gehen. Selbstverständlich waren die Profiläufer ebenfalls da: die ziehen wie geölte Maschinen an einem vorbei. Einfach toll. – Ich merkte das feuchtheiße Klima, ein bißchen wie damals, als ich in Bombay auf der ehemaligen Pferderennstrecke lief; im Nu stand ich in Schweiß: nach dem Lauf hätte ich mein TShirt auswringen können. Auch das gefällt mir: wenn ich tropfe, ja s t r ö m e. Wenn ich das Shirt dreivier Läufe lang nicht wechsle, entwickelt sich ein leicht albuminer Duft, der ein wenig an Sperma erinnert. Das ist seltsam, weil der trainierende Körper ja nun kein Eiweiß ausscheidet, sondern im Gegenteil einen erhöhten Bedarf daran hat. Den folgenden Gedanken hatte ich aber nicht deshalb, sondern schon vorher:
Kann es sei, daß meine leidenschaftliche Sportlerei ein Surrogat für Sex ist? Ich bin jetzt seit vier Wochen abstinent, einerseits, weil ich die Löwin derzeit nicht treffen kann, zum anderen, weil >>>> die Samarkandin derzeit auf dem Monogamie-Trip ist, und >>>> Chromò scheint etwas sauer auf mich zu sein, weil ich mich kaum melde, jedenfalls von mir aus, so daß sie sich vernachlässigt fühlt. Aber in der Tat habe ich momentan nicht das Gefühl, daß mir etwas fehlt. Sozusagen fließt meine Libido mit ihrer ganzen Heftigkeit ins Training ein – eine für sich genommen hochinteressante Bewegung. Weshalb aber überhaupt dieser Wille zur Formung, dazu will ich morgen im Arbeitsjournal schreiben; jetzt würde es mich von der eigentlich anstehenden Arbeit abhalten. Doch die Dynamik hat sehr viel auch mit meiner Poetik zu tun. Nein, drängen Sie nicht! Ich w i l l jetzt nicht erzählen.
Mittagsschlaf entfällt heute; ich bin einfach zu spät aufgestanden.

14.30 Uhr:
Bruno Maderna: Erstes Oboenkonzert.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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5 Antworten zu Zur Disziplin. Im Arbeitsjournal des Sonntags, dem 4. August 2013. Und mittags: Sport als Sexualität.

  1. Immer besser finde ich Zugang zu Ihrer Art Wahrnehmungen und Erlebnisse zu schildern. Sie kommen mir vor wie ein gläsener Mensch. Nicht schlafend wie Schneewitchen – nein quickbendig, jede Minute erlebend. Leben pur.. Jetzt weine ich, da ich spüre mir fehlt dies, eben erleben mit allen Sinnen..-. Schnell versuche ich meinen Lebensweg zu vertrauen, meinem Schicksal.. Ihre Disziplin wünsche ich mir, nur ein wenig.

    • @Helga Schirmbeck. Was uns wirklich sicher ist, ist alleine die Gegenwart. Worauf wir hoffen können (aber wir dürfen uns, glaube ich, nie danach sehnen), ist die Zukunft. – Hiernach habe ich immer zu leben versucht, wobei die Kraft der Vergangenheit, wenn wir uns ihrer entsinnen, darin besteht, daß wir sie zu neuer innerer Gegenwart machen: nur auf diese Weise ist sie nicht vorbei, so sehr sie auch Voraussetzung für das ist, was wir heute sind.
      Es kostet aber, sich vor allem um die Gegenwart zu kümmern, einige Kraft, und vor allem muß man angstfrei sein und vielleicht auch ein bißchen – dumm. Weil man so eben nicht vorsorgt und einem dieses Versäumnis böse quittiert werden könnte. Insofern verstehe ich andere Positionen gut, auch wenn ich sie nicht teile. Umgekehrt habe ich mir Vorsorge nie leisten können, wenn ich mein Werk nicht gefährden wollte; es wäre, wäre ich zukunftsängstlich gewesen, nie entstanden oder nur sehr viel weniger von ihm. Es sind dies einfach auch Entscheidungen, die man trifft; wie sie ausfallen, hängt auch von unserer Sozialisation ab, von unseren Erfahrungen und Traumata; und ganz sicher ist es auch eine Frage der Mentalität.

      (Bitte verzeihen Sie, wenn ich, der so viel Jüngere, Ihnen das so ein bißchen altklug schreibe; es ist so nicht gemeint. Sondern als >>>> Credo.)

  2. cellofreund sagt:

    Astor Hervorragend die Idee mit der MS Astor. Gerne begleite ich Sie wieder, wenn ich mit Ihnen auch an einigen Orten davon schon war (Lissabon, Mallorca). Schade nur, dass Sie den letzten Teil- Kroatien- dann nicht ganz mitbekommen. Soviel ich weiß, haben Sie sich mit den dalmatinischen Inseln und dieser Küste noch nicht viel beschäftigt. Ich verbrachte mehr als 50 Sommer meines Lebens dort. Diese Region würde Ihnen bestimmt gefallen. Aber allein schon die Bucht von Kotor und Dubrownik zu sehen (möglichst auch Hvar und auf der benachbarten Insel St. Clement das Paradies Palmizana) wäre die Reise wert. Dort halten Sie es vielleicht nicht aus, auf dem Schiff zu bleiben.

    Noch das andere: Falun und Franz Werfel? Sind Sie sicher?

    • @Cellofreund zu Falun. Seltsam. Ja, ich war mir sicher. Aber jetzt habe ich nachgeschaut, auch im Netz, und finde, daß das Bergwerk zu Falun von Hofmannsthal stammt, von dem ich mir sicher war, ihn mit zwanzig noch nicht einmal zur Kenntnis genommen zu haben. Der Text jedenfalls hat mich tief beeindruckt. Und nun stammt er gar nicht von Werfel. Von dem ich dennoch damals einzwei Bücher gelesen habe, aber ich weiß nicht mehr, welche.

      Die Kreuzfahrt, die ich im Auge habe, legt auch in Hvar an, aber möglicherweise erst nach dem 2.10., das werde ich noch herausbekommen. Insgesamt sind es folgende Stationen: Bremerhaven-Ijmuijden-Dover-Le Havre-Villagarcia-Lissabon-Almeria-Palma de Mallorca-Messina-Kotor-Hvar-Zadar-Katakolon-Piräus. Es wäre bezeichnend, ginge meine Reise, wenn sie denn zustandekommt, für mich in Messina zuende, also auf Sizilien, das mir nach wie vor eine Heimat ist.
      Doch Sie haben mit Kroatien ganz recht; ich spürte ja schon >>>> in Triest, daß nicht nur dieses Land, sondern insgesamt der Balkan für mich ein Thema und damit eine Landschaft der Sehnsucht zu werden beginnt – noch allerdings „rein“ in der Imagination.

    • cellofreund sagt:

      Kroatien Schön wäre es, sicher auch für Ihren Sohn, von Insel zu Insel zu fahren, reizvolle Buchten zu erkunden, zu schnorcheln oder kleine Radtouren zu machen: http://www.inselhuepfen.de/schiffe-princeza-diana.html, http://www.inselhuepfen.de/schiffe-tarin.html oder sowas: http://www.amazing-adventures.ch als Musikreise. Das gibt es sicher auch mit einem preisgünstigeren Schiff. 1000 Möglichkeiten, in noch ursprüngliche Natur Schönes zu erleben. Interessant vielleicht auch: http://www.palmizana.hr.
      Dies alles vor allem, weil man jetzt noch in so schöner Sommerlaune ist und der nächste Sommer ganz bestimmt kommt.

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