Fahlmann im Regen ODER Liebeserklärung an ein Buch. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 7. August 2013.

12.10 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Jetzt ist er, weil naßgeworden, verzogen, der dicke Pappeinband vom >>>> Fahlmann. Ein riesiges Gewitter ging über dem Strandbad Mitte los, gestern frühnachts; alles flüchtete unter die Markisen, preßte sich in Trauben an die zur Spree hin offene Bar; der Profi und ich fanden leidlichen Schutz an den hölzernen Kiosk der Cassa gepreßt. Ich schlürfte fasziniert meinen verlängerten Mojito weiter, preßte rechts den dicken Band mit dem Oberarm an den Leib. So bekam der Fahlmann alles mit. Bücher werden auch so, nunmehr dinglich, ein Teil unseres Lebens. Böen gingen, die Palmen flatterten, rauschten, Papier- und Pappfetzen flogen durch die Luft. Überm Himmel flammten erst permanente Wetterleuchten, dann Blitze. Es prasselte nur so. Im Amphitheater drinnen (es war Vorstellung) muß es lustig zugegangen sein, stell ich mir vor und stellte es mir schon am Kiosk vor und – war beglückt, Auch wenn ich dann, nach einer halben Stunde unausgesetzten und weiter anhaltenden Weiterprasselns, ganz wie der Profi den Weg heimwärts nahm, die empfindlichen Teile meiner Ausstattung, Ifönchen, Armbanduhr, Buch usw. in einer dicken Plastiktüte geschützt – so radelte ich stehend durch den Guß. Es war die… „Feuer“probe ist nun wirklich falsch, also: Wasserprobe für meine schönen bastenenen Schnürschuh aus Tanger; sie trocknen jetzt noch immer, wie der helle Anzug, der, als ich hier angekommen war, vom Bügel ins Duschbecken troff.
Großartiger Abend!
Ja, ich liebe das. Wir sind doch nicht aus Zucker.
Und ich schwärmte dem Profi so sehr vom Fahlmann vor, daß er mir vorschlug, da ich mich ja ohnedies um die Nibelungen zu kümmern hätte, ihm den Roman gleich mitzugeben; nächste Woche bekäme ich ihn zurück. Bei nur wenigen Büchern geht es mir so, daß ich mich, aber, auf gar keine Weise mehr von ihnen trennen möchte – auch nicht von ihrem Leib. So ist’s bei diesem. Man eignet sie sich an, schlürft sie, trinkt sie leer: Sie werden Teil von einem selbst, w e r d e n man selbst… Es ist eine – Paarbeziehung. (Ich hätte, fällt mir aber jetzt erst ein, den Fahlmann trockenfönen können, hätte ich denn einen Fön… nur, wozu brauche ich denn einen? trockenfönen wie das Haar einer Geliebten, die naßgeregnet worden ist und die man dann wärmt).

Aber ich muß heute eine Sportpause einlegen, auch wenn das bedeckte, etwas kühlere Wetter zum Laufen geradezu verführt. Doch es mußte dringend gewaschen werden; so haben sich nun die letzten Spuren der Italienreise verweht – abgesehen von dem Dreiteiler, der noch in die Reinigung muß. Jedenfalls verbrachte ich einen Teil des Vormittags im Waschsalon, wobei ich immerhin den Fahlmann weiterlesen konnte; dann mit dem Einordnen der sauberen Wäsche usw. Wenn ich bis zum Wochenende den Nibelungentext fertigbekommen möchte, was nötig ist, kann ich mir keine weitere Unterbrechung leisten, zumal heute nachmittag noch ein allerletztes Treffen mit dem >>>> Elfenbein-Verleger wegen allerletzter Korrekturen vor Drucklegung ansteht, nunmehr der Seiten 501-872, und ich am Abend >>>> Ralf Schnell treffen werde. Außerdem pressiert’s, das Problem mit meiner Steuerschuld zu lösen; eine Hoffnung, soeben, ging in Dampf auf. Aber ich laß mich nicht nervös machen: Nibelungen jetzt und bis ins Wochenende, danach die Überarbeitung des Neapel-Hörstück-Typoskripts, dann sofort ans Sterbebuch. Und „zwischendurch“ die amerinischen Mauergedichte.

(Eigentlich könnte ich mal wieder einen schwarzen Anzug anziehn. Und dafür vom Hutmacher meinen Pariser 30er-Jahre-Hut abholen, der jetzt aufgearbeitet sein wird. Irgend ein Kolonialist muß ihn >>>> in Dschinnistan zurückgelassen haben, wo ich ihn, das war noch im Juni, bei einem arabischen Trödler fand und das erst gar nicht fassen konnte.)

Für den Nibelungentext gestern einiges gelesen, >>>> im DTs hab ich’s verzeichnet; heute steht der Hebbel an. Ab morgen früh will ich meinen eigenen Text schreiben, hab aber noch keine spezielle Formidee. Die wird mir schon noch kommen, ich bin sicher.

Mir fehlt aber was, wenn ich nicht laufe oder schwimme oder Krafttraining mache; seltsam, ich sprach heute mit der Löwin drüber, der es ähnlich geht: Man bekommt so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Dabei ist, was ich bei Aufnahme des Tainings mir vorgenommen hatte, längst erreicht, und auch, nunmehr wöchentlich einen Tag Pause zu machen, entspricht eigentlich meiner Planung. Komisch, diese Psyche.

13.41 Uhr:
Wozu Eitelkeit so alles gut ist. Nachdem ich den Hut abgeholt hatte, der wirklich wunderbar geworden ist, hatte ich auch sofort die Formidee: Ich könnte ja über die Nibelungen s o schreiben, wie Bernhard >>>> Alte Meister schrieb, mein Lieblingstext von ihm. Das ist nämlich nicht nur als Stilübung reizvoll.
Wiederum, in einem Kontaktforum schreibt mir eine 46jährige doch tatsächlich zurück, sie wolle keine Treffen mehr mit Männern, die sich dem Rentenalter näherten. Rentenalter! Man faßt es nicht. Als wäre so etwas für einen eine Kategorie, der nichtentfremdet arbeitet, also: lebt. Durch welch einen Wust von müder Bürgerlichkeit man sich im Netz fressen muß…. na ja, muß man ja nicht, stimmt schon. Aber das war heute der nächste Moment von hoher Komik. Ich schrieb ihr zurück, daß ich eine Weltreise plante… zu Fuß und mit möglichst wenig Geld (tu ich ja auch wirklich, aber erst muß das Sterbebuch fertig und mein Junge volljährig sein).

Fand übrigens >>>> die sehr schöne Hausarbeit eines Studenten zu meiner >>>> Vergana-Erzählung. Man kann sie von der Site kostenlos als pdf herunterladen.

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7 Responses to Fahlmann im Regen ODER Liebeserklärung an ein Buch. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 7. August 2013.

  1. Die Psyche ist nicht komisch, sie wirkt nur so, wenn man sie beobachtet, durch die Gitterstäbe hindurch, hinter der wir sie eingesperrt wähnen, während sie uns eingesperrt weiß.

    • Ja. Komisch sind wahrscheinlich w i r. Wobei sich die Frage spöttisch stellt: was uns von ihr unterscheidet. Daß sie leiblos sei? Bekanntlich teile ich diese Auffassung nicht.

    • Avatar Dein esotherischer Freund says:

      Ja. Auch.
      Aber auch I C H.
      JA! Aber auch: WIR! Ja sogar: WIRR!
      Auch durch die Gitterstäbe der Vernunft… Aber: JAAA!

      Eingesperrt, doch luzid. Verkannt, doch von den Erzengeln geachtet.
      So: SIE!!!

      Und doch teile ich Ihre Auffassung nicht.

    • @esotherischer Freund. Welche Auffassung?

    • Avatar wer auch immer says:

      Wer schon so fragt, hat doch faktisch NICHTS begriffen…

      Aber auch verständlich – man kennt es von der Pubertät:
      Bilder, bildernahe Erregungen, personennahe Anfeindungen, Treffpunkte (seelische) ausblenden, sich ins Allgemeine flüchten… etc… gähn.. etc… schläft schon…
      (Aber glauben Sie nicht, dass der Gesamttext eine recht offene Analyse ermöglicht..#
      … sogar für den vorbeireisenden, harmlosen Deppen?

      Das ich Sachen aufgrung meines getestesten IQ anders sehe – das musste ich auch lernen- aber das hier ist: Weder intelligennt, auch nicht besonders originell, offenliegende Fragen werden weder benannt (nirgendwo! nicht mal versteckt)
      .. etc. …etc. …

    • Verzeihen Sie, wer auch immer, aber Ihrem getesteten IQ, vielleicht wegen der Testungen – gab’s da einen Anlaß? -, entgeht beinah alles, was nicht Lobster heißt, bzw, sich so nennt. Es ist schon ein Kreuz mit dem Dope… ein bißchen wie Alzheimer: Selbst spürt man es nicht, und die anderen, aus Mitleid, schweigen.

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