Arriver à nouveau. La revue de travail du Vendredi 12 Août 2016e.


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[Rive gauche, 11 Uhr
Von nebenan leiser Schwarzer Jazz: gutturaler weiblicher Blues
Fotografie (©): Shasharad Lowan]



Die Tage verfliegen; sie wurden, aber nur klimatisch, zunehmend kühl.
Denn hier wird gearbeitet. Das wärmt.

An Jussieu, siehe oben beim Kir, dachte ich >>>> an die Béart, sann auf die Fortsetzung, dachte aber auch über den Auftrag der Contessa nach. Hingegen sind die Versuche, den Pariser Agenten zu erreichen, erfolglos geblieben: August halt, Siebenachtel der Stadt sind da ans Meer ausgeflogen. Möglicherweise muß ich im Oktober/November erneut hierher, dann aber nur für einzwei Tage.
Auch von meinem Übersetzer kam keine Nachricht, ich schrieb ihm eben besorgt noch mal.
Im übrigen wird weitergekocht, gestern waren es Moulles. Für morgen abend sind wir eingeladen.
Und täglich SMSen die Zwillingskinder von ihrem Reiterhof. Geradezu poetisch gestern das Mädel:

…das war sooooooooo kras(s) wie als wären wir auf der größten welle der welt
Sehr vorsichtig merkte ich in meiner Antwort an, daß diese Nachrichten zwischen Deutschland und Frankreich her- und hingingen und also a bisserl teuer seien.

Mit etwas Glück, sofern die Arbeit weit genug vorangeprescht sein sollte, geht‘s in einer Stunde wieder zum Laufen in den Jardin. Gestern und vorgestern mußte ausgesetzt werden.

Ach ja, eine weitere Idee verfestigt sich, deren erste Knospe ich schon >>>> am Mittwoch angestupst habe, für eine kleine Erzählung diesmal, von der ich erst gemeint hatte, sie in die Folie eines Arbeitsjournals wickeln zu können – oder mehrerer Journale, die aufeinander folgen: Wie dieser Kerzenständer wächst und wächst… nicht nur die Blüten wachsen, klar, sondern die Stengel wachsen, ranken die Wände hoch, umschließen schließlich das gesamte Zimmer, dringen dann aber durch die Scheiben, die platzen, nach draußen. Ich habe aber mehr die Bilder in mir als eine Geschichte; eine Geschichte muß noch hinzu. Außerdem will ich das „Zypressenbild“ der verschleierten Béart-Frau auf einen italienischen Friedhof projezieren, vielleicht auch zu Böcklin hinüber – wie es >>>> in der Aeolia heißt:

Es fährt ein Boot hinüber
lieber geht niemand an Bord

Kein Wort, kein Lied
zieht heim von dort –



Dazu heut früh dann auch >>>> das da.

(Mein Aufenthalt hier wird zunehmend ein Wiederankommen, auch für Berlin. Dies übrigens auch sinnlich.)

[17.42 Uhr
Leszek Możdżer/Lars Danielsson, Fresco, Praha 8.10.2013 live]

Laaaangsam komme ich mit Béart XX weiter; es war eine kleine Recherche zur Verschleierung nötig, ihrer Herkunft und kulturübergreifenden Bedeutungsspiele, bevor ich in die Friedhofsszene überleiten kann. Alle „Dinge“ sind mehrfach grundcodiert, Eineindeutigkeiten gibt es nicht. In eben diese Zwischenräume will ich meine Verse schreiben. Wie gestern die Löwin sagte: mich interessiere in den Künsten – nur genau das und fast aussschließlich spreche mich in ihnen, allen, an –, was auch jenseits der jeweiligen Zeitläufte Bedeutung habe und deshalb Gültigkeit bewahre. Ebendas hat eine Figur wie die der Pietà so herzschnürend gemacht, daß sie eben nicht bloß die Trauer nach der seinerzeit konkreten Abnahme vom Kreuz erzählt, sondern die Trauer aller Mütter über das gestorbene Kind, egal, ob sie Japanerin, Französin, Polynesierin, Inderin, Iranerin ist, ob katholisch, sunnitisch, hinudistisch, shintoistisch, und ebenso egal, auf welche Weise dieses Kind umkam. „Jenseits der jeweiligen Zeitläufte“ heißt aber genauso: auch heute, unbedingt jetzt, in diesem Moment unter diesen politischen und ökonomischen Umständen; es heißt nicht, daß die jeweilige Zeit egal ist, sondern sie wird mit in den Blick genommen, aber eben mit. Es ist mir wichtig, dies zu betonen.

Großartiger >>>> Możdżer/Danielsson-Mitschnitt! Und jemand hat mir Keith Jarretts Konzert vom 6. Juli zuge-,im Wortsinn,-spielt. Auch so schwimme ich in der Gegenwart; dazu braucht es keinen Mainstream.

Ninsun: der nächste Name der Béart. Und was mich immer interessiert hat: wie bekommt man ein Gesicht.

Gleich geht‘s zum Abendkir:

Die Sonne möcht sich wieder senken.
Wir werden unsre Schritte
durch dieses neuen Abends Gnade
wieder zu den Stühlen lenken,
die vorm Café‘chen stehen.
Im Kopf die freundliche Ballade
der gut getanen Arbeit
und in den Gläsern Wein,
ach Freundin, laß uns sehen
auf eines Menschen Zeit.
Und lange stille sein.

(Pardon: eben mal so hingeworfen… wenn Sie so wollen, frei nach Brahms. Sehn Sie’s als ‘ne Formklammer zu dem Foto oben.)

ANH

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5 Responses to Arriver à nouveau. La revue de travail du Vendredi 12 Août 2016e.

  1. Bruno Lampe, übrigens, dürfte >>>> bereits auf den Alpen sein.

  2. Avatar cellofreund says:

    Foto mit Hut Super das Foto! Merkt denn das hier sonst keiner? Gut steht Ihnen der Hut. Der Blick reif, ausdrucksvoll, fast schon gütig….Und auch der eines Menschen, der weiß, was Leid ist.

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