III, 356 – Merkwürdige Begegnung

Seit einer Woche war die Wasserrechnung fällig und ich somit irgendwie gezwungen, doch noch das Postamt aufzusuchen. Gestern hatte ich hinunterspazieren wollen, aber es waren Arbeitsbestätigungen abzuwarten, vor allem eine recht heftige. Und die kam dann auch prompt. Was mir für die nächsten Tage kein geringes Handicap beschert (“Andy Capp”). 26 Seiten und ein Gemisch aus Kunstgeschichte und Kulturgütergesetzgebung, geschrieben von einer der oberen Ebenen der Gerichtsbarkeit. Man will etwas zurückhaben. Deadline: Montag “ora di pranzo”, wie es hier so schön heißt, meint “so zwischen Mittagessen und Verdauung, möglichst aber noch vor der Verdauung”.
Hinzu kam eine morgige Deadline, an der noch herumzutricksen war und ist. Aber die Quelle habe ich mittlerweile ausgemacht, an der das entlanghangeln kann: EG-Maschinenrichtlinie, wo sich manches wiederfindet, was der Text enthält.
Also Ende der Tage der Enthebung von aller fremdbestimmten Sorgfalt und Weckeraufmerksamkeit.
Und fuhr dann hinunter mit dem Auto, erst zum Supermarkt, nein, nicht Coop, sondern zu dem einen etwas verborgenen gleich neben der Feuerwehr, wo mir neulich der Mond schien und eine Gloria eine einzige Zitrone wog.
Auf dem Weg zwischen abgestelltem Auto und Supermarkteingang hielt ein Auto neben mir. Der Fahrer gestikulierte wild mit den Armen. Bis ich mich gezwungen sah, die Autotür zu öffnen. Ein völlig unbekannter Mensch. Wo ich denn gearbeitet habe so ums Jahr 95 herum? Naja, unter anderem bei Enel, der damals noch staatlichen Elektrizitätsgesellschaft. Und was das für eine Arbeit gewesen sei? Naja, Deutschunterricht. Und kam mit einem “Wie heißt du?” heraus. Ich beteuerte, ihn nicht zu kennen. Er bestand darauf, einer meiner Schüler gewesen zu sein. Das Ganze verdatterte mich nicht wenig, auch weil er sein Auto seitlich eingeparkt hatte, um mich zum Sitzen darin aufzufordern.
Aber natürlich ein ‘Wie es mir gehe usw.’. Er sei mittlerweile in Mailand, mache in Lederwaren, sei in Terni gewesen, um Musterstücke aus der Produktion bei einer bekannten Bekleidungskette vorzustellen. Immer noch nichts, was mir bekannt vorgekommen wäre in dem Gesicht.
Sprach von seinen Musterstücken, fragte mich, welche Größe ich trage. Fummelte mir im Mantelkragen herum und stellte fest: “L”, ließ mich seine Musterstücke befummeln: eine Mischung zwischen Lederjacke und -mäntelchen und ein Lederjäckchen. Die seien insgesamt über 1000 Euro wert. Er wolle sie mir geben. Denn er müsse noch heute Abend nach Mailand zurück.
Ich war immer noch verdattert und hatte immer noch keine Ahnung – wie auch jetzt noch nicht -, wer da neben mir saß. Das einzige, was sich sagen läßt: einer, der mich wiedererkannt hat. Auch sein Name, den er nannte, sagte mir nichts.
Welche Größe denn die Frau trage, denn er hatte auch eine weiße Damenlederjacke dabei. Nun, sagte ich, ich sei mittlerweile geschieden. Also wurde das Thema beiseite geschoben. Und er fuhrwerkte mir die beiden zuerst gezeigten Jacken in eine große Plastiktüte. Und überreichte sie mir. Aber einen kleinen Deal wollte er dann doch machen. Ich solle ihm doch wenigstens das Benzingeld geben. Wahrscheinlich für die Fahrt zum Flughafen. Und nahm mir dann 70 Euro ab. Also “einmal Volltanken und Autobahngebühr”.
Er habe, wie er vorher beteuerte, die Musterstücke loswerden wollen, um nicht am Flughafen Mehrwertsteuer dafür entrichten zu müssen. Was ich allerdings nicht verstanden habe. Unbegreiflich auch, was er da bei dem entlegenen Supermarkt zu tun hatte. Ok, es gibt da einen Gebrauchtwagenhändler, der auch gebrauchte Motorräder verkauft. Aber danach zu fragen, war mir nicht eingefallen.
Und so gab er mir die beiden Lederjacken, und ab dafür.
Zuhause dann probierte ich. Die eine paßt und läßt sich tragen, das Jäckchen allerdings zu eng. Wäre zu verschenken. Unter den superschlanken Personen (bin ja selber nicht grad großleibig), die ich kenne, käme eigentlich nur eine in Frage.
Merkwürdige Begegnung. 1995? 22-23 Jahre her! Und ich sehe immer noch so aus? Enel, Piazza Verdi, Viale Regina Margherita mit den Platanen und den Pollen im Mai, es schien immer, als ob es schneite. Und der Pollenschnee dann in den Straßenbahnschienen.
III,355 <<<<

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3 Kommentare zu III, 356 – Merkwürdige Begegnung

  1. Vom@Lampe Lastwagen fallen. Eine ähnliche Begegnung hatte ich vor Jahren in Rom. Mein damals noch kleiner Sohn war dabei.
    Es geschah, nachdem wir am Circo massimo vorbei die reichlich öde, den Palatin entlangführende Via dei Cerchi hinter uns gelassen hatten und in die – nun besonders eigenartig – unbelebte Via di San Teodoro eingebogen waren. Es war sehr heiß, erinnre ich mich.
    Da fuhr ein Wagen Schritt neben uns, der Fahrer hupte, ließ sein Gefährt stehen und winkte uns heran. Auch er hatte Lederwaren auf dem Rücksitz, in Kisten, teils in Tüten, und ebenfalls drängte er sie uns als Geschenk auf. Überzeugen tat mich eine Jungenlederjacke, die mein Sohn noch so lange begeistert getragen hat, bis er endgültig herausgewachsen war. Auch uns wollte der Fahrer sie – und andere Kleidungsstücke mehr – schenken. So etwas, wenn man den Mann nicht kennt, bringt einen in eine leicht peinliche Situation. Dem Drängen des Mannes war aber nicht zu widerstehen. Und auch hier, wie bei Ihnen, kam nach der Annahme des Geschenkes die unversehene Bitte um Spritgeld, denn auch er mußte – müsse – heute noch nach Mailand fahren. – Ich weiß nicht mehr, was ich ihm gab, wahrscheinlich 20 Euro, allenfalls 30. Er wirkte nicht zufrieden, stand von weitrem Drängen indes ab. Zufrieden, weiß ich noch, waren allerdings mein Junge, der sowieso, und ich. Da ich tatsächlich ein Geschäft gemacht hatte, verblaßte schließlich die Frage, woher diese Lederwaren stammten. Sie werden, wie Do es immer ausgedrückt hat (und wohl noch weiterhin ausdrückt), ‚irgendwo vom Lastwagen gefallen‘ sein.

    • Bruno Lampe sagt:

      Die Dynamik hatte so etwas. Hab’s öfter im Kopf abgespielt. Ich glaube mittlerweile, der Mann sei sehr geistesgegenwärtig gewesen. Denn er fragte, wo ich arbeitete, und ich sagte es, und er fragte nach dem was, und ich sagte es, alles in der Atmosphäre eines scheinbaren Wiedererkennens: sein Gestikulieren: Hallo, alter Knabe! Darauf baute sich dann alles in seinem Plan auf. Immerhin: kein schlechter Improvisator. Ich bin mittlerweile überzeugt, ihn nie als Schüler gehabt zu haben. Auch der Ort war nicht plausibel für seine Behauptung, er sei in Terni gewesen und müsse zum Flughafen, Amelia liegt nun wirklich nicht an der Strecke zwischen Terni und Fiumicino.

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