vers + welt im ausland. Im Arbeitsjournal des Freitags, den 23. März 2018. Mit Charlotte Warsen, Pit Noack, Alexander Filyuta, Tobias Herold und Leoš Janáčeks Jenůfa.

[Arbeitswohnung, 5.40 Uhr]

Es ist einer der Räume, die mir sehr gefallen:

 

 

 

Dennoch, ohne Facebook hätte ich auch diese Veranstaltung wieder einmal verpaßt wie neulich des Pietraß‚, dessen ich im Kopf auf erst den folgenden Tag gelegt, weil ich in meinem da noch die Zauberkammer beherrschenden Chaos nicht in den Terminkalender geschaut. Gestern aber poppte freundlichst Facebook auf. Auch das eine Wirkung des Chaos‘ auf mich: daß ich in ihm hockenbleibe. Doch zwischenzeitlich war Ordnung geworden, von daher ich mich kurz umzog, vorher die Achselhöhlen gewaschen, sie gecremt (ich hasse Deodorants) und zum dritten Mal die Zähne geputzt, dann Hut auf und los.

Die vor Nässe geradezu fetten Schneeflocken, die tags teils dicht gefallen, waren nun, ob endgültig, kann ich noch nicht sagen, zu Regen geworden; die Temperatur hatte zugelegt, die Lederjacke reichte. Es sind zur Lychener auch nur paar Minuten, das ausland liegt quasi, von mir aus, ums Eck. Ich gehe viel zu selten hin.
Es war, wegen der Länge der Veranstaltung, ihr Beginn vorverlegt und eigens darauf hingewiesen worden. Da ich stets pünktlich bin, kam ich, Sie sehn es, Freundin, auf dem Bild, viel zu früh. Wir sind hier in Berlin.
Also saß ich eine Dreiviertelstunde herum, ganz hinten, ich sitze meistens hinten, oft stehe ich sogar; hier tat ich’s nicht, es hätte nach Kontrolle gewirkt, was einfach Distanziertheit ist. Denn, ich möchte fast ’natürlich‘ schreiben, treffen sich an Orten wie diesem die Ingroups, zu deren keiner ich gehöre noch gehört jemals habe. Ob ich das bedauern soll, weiß ich ebenfalls nicht; es ist wie mit dem Regen, der vielleicht doch noch mal Schnee wird.
Dennoch, Alexander Filyuta , der viele Veranstaltungen des auslands nicht nur begleitet, sondern auch mit konzeptioniert hat, begrüßte mich herzlich, umarmte mich sogar, wir wechselten ein paar Sätze, dann glitt er in sein leises und freundliches Beschäftigtsein zurück. – Die ersten Leute kamen.
Jemand, Thomas mit Namen und Lyriker selbst, setzte sich zu mir, hatte einen starken Mitteilungsdrang. Es lief eine ausgesprochen gute Musik, free music hätte (und hat) Heinz Sauer, der Sexophonist, sie genannt: elaboriertes, fein ausgehorchtes, zugleich leidenschaftlich bis rauschhaft gesteigertes Piano, nicht minder komplexes Schlagwerk und Baß. So hätte ich lieber weitergehört als zu sprechen, wiewohl mich noch eine ganz andere Musik füllte, in mir geklagt und gejubelt hatte; nämlich war ich zuvor einmal wieder auf den Janáčektrip gegangen, sang die Jenůfa immer noch mit, Anja Silja als Küsterin, die Hauptrolle selbst Roberta Alexander, eine Schwarze ohne gutturalen Jazz. Mit Jenůfa wird es auch gleich weitergehen; aber ich werde nach der auslandsmusik noch in jedem Fall suchen.
Thomas erzählte von eigenen Lesungen und daß er sie stets mit Musiken kombiniere, die von Stockhausen über Pierre Henry bis in die Gegenwart reichten. Mir imgrunde sympathisch, vielleicht auch nah, aber ich wollte halt lieber schweigen und zuhören.
Es füllte sich, schließlich waren alle Stühle besetzt, auch die Seitenbänke, und Nachzügler nahmen auf der zu den Toiletten hochführenden Treppe Platz. Das ausland liegt im Keller, das entspricht unserer jetzigen Geflohenensituation. Thomas fühlte sich, sagte er jedenfalls, an die Hausbesetzeratmosphäre der Berliner Frühachtziger erinnert. Den Eindruck konnte ich nicht teilen, kenn ich ja auch nicht; ich kam erst über ein Jahrzehnt später hierher. Für mich ist das ausland ein geradezu idealer Ort für zeitgenössische Klangkunst – zu der ich Lyrik ebenso zähle wie Musik. Er, der Raum, überlastet nichts und hat vor allem die nötige Nüchternheit, die ich aber, weil er alles andre als steril ist, eine phantastische nennen möchte.

Tobias Herold, der die neue Reihe vers & welt konzipiert hat, deren erste Veranstaltung dieser Abend würde, nahm auf dem Podium Platz. Die Idee ist, den Vortrag ausgesuchter Lyrikerinnen und Lyriker mit wissenschaftlichen Vorträgen zu kombinieren; heute, also gestern, ging es um Synästhesien und Synästhetiker:innen. Für mich schon deshalb spannend, weil Gregor Lanmeister in seinen letzten zwei Wochen Tage als Farben erlebt, und einmal geschieht ihm dies auch bei Klängen, in die er, noch und noch ein- und dieselbe Taste anschlagend, versinkt.

Es wurde ruhig. Einführende Worte, dann wird Charlotte Warsen nach vorne gebeten. Sie liest in unentwegtem Staccato, ohne daß ein tatsächlicher Rhythmus kenntlich würde; den Semantiken ist eh kaum zu folgen, ich blieb auf schnelle Assoziationen angewiesen, zumal mir Warsens Fähigkeit abgeht, Vokale farbig zu sehen. Ein Blick auf eines ihrer Bilder, im Flyer, zeigt mir, sie gehn mich nichts an:

Erst später erfahre ich, daß sie ihre Texte auf den Seiten „nach Gewicht“ verteilt, einige steigen, weil sie leicht sind, sagt sie, auf, andere sacken hinab. Im Vortrag ist davon nichts zu spüren. „Weshalb nicht?“ frage ich. „Weshalb wird das nicht Laut?“
Man versteht mich nicht. Ich versuche zu erklären. Jetzt will man nicht verstehen, ich taste einer Frau Kunst an, die von allen gemocht wird.
Klassische Außenseitersituation, kenn ich seit meiner Kindheit. Ingroup und Outlaw: misfits mal wieder. „Ich kann meine Texte doch lesen, wie ich will!“ hält mir die Künstlerin entgegen. Kann sie, klar. Ein Argument indes ist dies nicht, sondern macht den Auftritt beliebig.
Später verstärkt sich die soziale, sagen wir, Ausscheidung noch, denn solch eine i s t es, als Warsen und Pit Noack, der den anschließenden Vortrag, eher eine phänomenologische Zusammenfassung, gehalten hat, sowie Herold zur Diskussion auf dem Sofa sitzen. Einen wirklich ästhetischen Mehrwert hat das nun folgende Gespräch nicht, auch keinen erkenntnistheoretischen; vielmehr wird auf der Erscheinungs-, also allenfalls Wahrnehmungsebene herumpalavert – abgesehen von einer von Warsen getroffenen Feststellung: Die abendländische Denkbewegung habe Gefühle, Empfindungen, Wahrnehmungen usw. stets ausgeschlossen, also, in meinem Wort, abstrahiert. Stimmt. Man müßte schauen, wie und ob sich das ändern ließe, es gebe dafür noch gar keine Sprache, worin Noack einstimmt: Man müßte die erst finden.
Jetzt melde ich mich doch noch einmal (scheiße, ich wollte doch schweigen): Wir hätten sie doch längst, nämlich die poetische, auch die der Musik. Woraufhin mich jemand, der sich kurz vorher aus mir, abgesehen vom Eitlen, unklarem Grund als Herausgeber oder Interpret Rolf-Dieter Brinkmanns vorgestellt hat, quasi zurückpfeift: Es sei ein völliger Irrtum, ja romantische Verklärung, dem Poetischen das Gefühl zuzuschreiben und daß es diesem nahe sei.
Wieder spüre ich, nun sogar scharf, Ablehnung, Ingroup und Outlaw, habe aber keine Lust mehr zu kontern. Wozu? Die Leute schwimmen in ihrer selbstrationalisierten Sozialsuppe, von der sie sich ja nähren. Will ich, daß sie verhungern? Ecco. (Lustig, weil für dieses Umfeld ziemlich absurd, daß mir eine Freundin, die ich nicht nennen soll, SMSte, als ich im ausland noch quasi alleine herumsaß: „Darf ich – in aller Freundschaft – ein wenig neidisch auf die Schöne sein, die die Nacht Dir bringen wird?“)
Nein, wirklich besser schweigen, mir meinen Teil ins Notizbücherl schreiben, vielleicht nachher im persönlichen Gespräch noch mal drangehen. In vorüberfliegenden persönlichen Bemerkungen, während der zehnminüten Pause, bekam ich auch Zustimmung: Warsens Vortrag war nicht professionell, unabhängig von den Texten selbst, die sich aber nur in der Schriftform realisieren, nicht im, wie ich es für Auftritte fordere und brauche, Klang.
Verkopfung halt. Mit fiel das böse Wort erotischer Nagelbeißer ein; auch die Fingerkuppen blutig. Schließlich beißt man immer mehr, zuzzzelt und zuzzelt, und es wird rein gar nicht besser. In solchen Situationen stelle ich mir oft abstrahierte Beischlafszenen vor, im Moment des Akts von sich selbst abstrahierend, von der und dem Geliebten. Verliebtsein ohne Pathos, lieben ohne Pathos, lüstern, aber kalkuliert. Welch eine Angst vor Selbstverlust, welch Fetischisierung von Autonomie! So wurde gestern denn auch eine Poesie, die bei Gefühlen bleibt und unmittelbare Erfahrung nicht sofort sie entfremdend analysiert, „Selbstausschüttung im Gedicht“ genannt.

Es ist schon ganz gut, daß ich hier fremd bin.

Es ist schon ganz gut, daß ich mich dem immer wieder aussetze,  mich Orte wie das ausland dem aussetzen l a s s e n, auch und gerade, wenn mich die Ingroups oft unterliegende Ideologie in eine ganz besondere Distanz bringt.

Abgesehen davon war Pit Noacks Darstellung des Phänomens synästhetischer Wahrnehmungen durchaus erhellend, auch wenn danach das Gespräch nicht mehr als weitere Beschreibungen erbrachte, die bisweilen sogar den Charakter von Beteuerungen hatten. Kein Mensch der anwesenden Rationalisten etwa fand eine Beschreibung Wassily Kandinskis, wie er einen Sonnenuntergang über Moskau wahrgenommen habe, als das, was sie war: purer Kitsch. Ein angeblich unanfechtbarer Name wird als Zeuge aufgerufen, schon versagen die vorgeblichen Kriterien. Erst recht kam niemand auf die Idee, es könne sich bei ihr, der Beschreibung, schlichtweg um eine Erfindung handeln, eine Novelle sozusagen, die sehr viel mehr auf „meine“ Seite punktet als auf die der Abstraktion als fetischisierter Materialität. Abende wie gestern machen es so klar wie eine Empfindung plötzlicher Kälte. Auch dafür ist das ausland perfekt.
Auch dafür bleibt das ausland für Neue Klangkunst – also auch, ich wiederhole mich, für Lyrik – mein allerliebster Ort.

Nachher weckte allerdings ein Blick in Charlotte Warsens Buch durchaus mein Interesse, eines, das von der g r a f i s c h e n Komposition affiziert wird – etwas, das zu einer Lyrikerin, die vor allem auch Malerin ist, vollkommen paßt; mein Ungenügen ist klanglicher Natur. Ich höre, auch wenn ich nur lese, Töne; für mich ist nicht nur jedes Gedicht in allererster Linie Musik, sondern so „verstehe“ ich auch Prosa. Ich fühle, sag ich  mal, klangsemantisch.

 

***

 

 

Anruf von mare gestern: zwei neue Meere-Lesungen, „Erzählzeit ohne Grenzen“, in knapp drei Wochen bereits. Eine in Singen, eine in Rheinau. Jemand habe da absagen müssen, ob nicht vielleicht ich…? Das hat mich wirklich gefreut. „Du bist doch nun wirklich jemand, der über poetische Grenzerfahrungen sprechen kann.“ Wobei Lesungen aus speziell diesem Buch immer etwas heikel sind, nämlich gerade der sogenannten pornografischen Szenen – nicht, weil sie „pornografisch“ tatsächlich wären, sondern bei einigem Publikum lösen sie peinliche Empfindungen aus, was überhaupt nicht im Bereich meiner Absichten liegt. Ich will auch nicht provozieren. Sowas hat mich vielleicht gereizt, als ich zwanzig war oder dreißig. Heute interessiert mich nur noch Intensität, mit der aber auch schon viele nicht mehr viel anfangen können oder die sie aus sozialen Gründen scheuen. Siehe oben, Primat einer so genannten Rationalität; das Bedürfnis nach Rausch wird im Mainstream, um mal die a u c h schon versackte Raver- und Technoszene zu zitieren, „abgefeiert“: institutionalisiert quasi und damit entschärft. Dazu paßte gestern auch der Unwille eines Hörers, der fünf Banksitze entfernt von mir saß und, weil er rauchen wollte, hinausmußte, indessen ich drinnen sanft vor mich hindampfte, meine Ausstoßungen zudem aufs Minimum reduziert, um niemanden zu stören (bei eCigarren läßt sich das einstellen). Er finde das, mein Verhalten also, unmoralisch. Immer fordern Gruppen, und sind sie noch so klein, „Solidarität“ ein, auch mit ihren Schwächen, anstelle sie, also diese, selbsthandelnd in Stärken zu verkehren. (Die Anschaffung, hieß es  im folgenden knappen Worthick ’n -hack, eines solchen Gerätes sei zu teuer; mein Einwand, sie sei erheblich weniger kostenintensiv als eine Stange Zigaretten, wurde nicht akzeptiert. „Wer kauft schon eine Stange Zigaretten?!“ Komplett sinnlos, da noch argumentieren zu wollen.)

[8.30 Uhr
Und gleich wieder, au ja!, Jenůfa, sie singt in mir schon voraus!!]

Jetzt ans Familienbuch der Contessa, ff.

Haben Sie, Freundin, einen guten Tag.
Ihr, sozial, für immer fremder
ANH

 

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4 Kommentare zu vers + welt im ausland. Im Arbeitsjournal des Freitags, den 23. März 2018. Mit Charlotte Warsen, Pit Noack, Alexander Filyuta, Tobias Herold und Leoš Janáčeks Jenůfa.

  1. Interesse sagt:

    Ich würde gerne zu der Lesung in Singen kommen.
    Bitte seien Sie so freundlich und geben das gültige Datum an.
    Grüße

  2. @Interesse:
    Wenn Sie die rechte „Informations“spalte hinabscrollen, kommen Sie unterhalb der „Neu erschienen“ genannten Buchannoncen zu „Lesungen & Auftritte“; dort sind Datum und, mit Link, immer auch der genaue Veranstaltungsort angegeben. Aber gerne noch einmal auch hier: 12. März April (>>>> danke)), 19 Uhr.
    Beste Grüße, ANH

  3. franzsummer sagt:

    lol, ist doch ganz einfach, heute ist der 24.3. und in knapp drei Wochen ist der 12.3., nicht das Jahr vergessen 🙂

    beste Grüße
    F.

  4. @franzsummer:
    Oh, Sie haben recht. „Natürlich“ muß es April heißen! Wird sofort geändert.

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