„Bildungsnarzissmus“ & Oxytocin. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 3. April 2018.

[Arbeitswohnung, 8.39 Uhr
France muique contemporaine: Gerard Peson, Blanc mérité]

Gestern quasi durchgearbeitet; erst war mein Essay zu Schultens endlich fertigzustellen, also zu ergänzen, aber auch zu revidieren, dann schrieb ich meine Besprechung der neuen Falstaffinszenierung Mario Martones an der Staatsoper Unter den Linden: Am Ostersonntag war ich dort; geradezu ehrenvoll, daß ich – zu den Festtagen des Hauses -noch eine Karte bekam, zumal ich einer anderen Einladung wegen die Premiere hatte absagen müssen.
Nun gehört der Falstaff zu meinen allerliebsten Stücken der Operndichtung überhaupt („Dichtung“ meint bei mir stets auch und gerade die Musik), die Pressedamen des Hauses haben es vielleicht gewußt, ich hielt in Der Dschungel nie damit zurück, und im erst kürzlich fertigsanierten Aufführungssaal war ich noch gar nicht gewesen; die Eröffnungsvorstellung habe ich gewissermaßen geschwänzt – mir gefiel das Programm nicht; mein Verhältnis zu Schumann läßt sich nicht gestört nennen, weil ich überhaupt keines habe und die Faustszenen sogar öde finde. Wiederum nach Wagner steht mir seit dem da – fünf Jahre ist das her! – der Sinn fast gar nicht mehr.
Schon auffällig, wie eine einzige, Widerstreben auslösende Inszenierung mir eines Komponisten Werk, dem ich zeitweise wirklich rauschhaft verfallen, in Grund und Boden säuern kann. Als Liebe ist mir nur der Tristan geblieben und sind es vereinzelte Partien aus den anderen Stücken, Ortruds und Telramunds Dialog, zum Beispiel, im Lohengrin, selbstverständlich dessen Vorspiel noch, sowie die Nachtszene der Meistersinger, Kundrys Klagerufe im Parsifal. Aber ein geradezu Gebräu einander spinnefeindlicher Gefühle kochen in mir hoch, wenn ich nur Wagner d e n k e; der Mann macht mich schäumen. Anders Verdi, Giuseppe Verdi, der mir auch als Typ gefällt, dessen Macbeth ich aber albern finde, um vom Trovatore zu schweigen. Also hatte ich, schwer parteiisch, gesucht und die Traviata entdeckt, vor allem aber Simon Boccanegra. Doch erst die französische Fassung des Don Carlo, und nur sie, die italienische nicht, konnte mich mit Nachdruck ergreifen – und dennoch so noch nicht wie nachher, mit wirklich bleibender Wirkung, Otello und vor allem, allem der Falstaff.
Interessanterweise hört man (höre ich, Sie haben, Freundin, recht) danach auch anders zurück, die frühen Werke anders. Und versteht. Oder kommt einem Verstehen emfindungsweise nahe. Etwa dem mir vordem restlos unzugänglichen Ballo in maschera.

Jetzt also der neue Falstaff.
Meine Besprechung wird bei Faustkultur erscheinen, deshalb hier „bei mir“ noch nichts – oder nur soviel, daß der politische Barenboim die Partitur geradezu wütend angeht – von „Altersruhe“ kein Moment, nix Abgeklärtheit, sondern Kampf -, Hand in Hand mit Mario Martones, des Regisseurs, genauso politischem Blick. Kann man das sagen „Hand in Hand mit einem Blick“? Eher nicht. Dennoch, hielt ich auf ihnen, den Händen, in ihn das Opernpublikum hinein, ward der Abend geradezu beklemmend.
Doch dazu dann bei Faustkultur mehr; ich werde, sowie mein Text erschienen, drauf verlinken und ihn auf jeden Fall im Dezember wieder auf die Startseite Der Dschungel holen, wenn diese Inszenierung erneut gezeigt werden wird. Ja, tut mir leid, erst im Dezember.

Aber zur Überschrift dieses Journals.
Ich schrieb es bereits dort, daß unterdessen Bildung als Reflex sogenannt Elitärer verstanden werde,

als ein großbürgerliches, „bourgeoises“ mithin, Aas, dessen vorgeblich schon zerfallenes Rückgrat die Form sei.

Der Herr Vollrat (unwahrscheinlich, daß es eine Frau ist) liefert den Beleg. Auch hier hat Barenboim – nein, logo, n i c h t in Der Dschungel – deutlichste Sprache gesprochen; ohne seine Kunst wäre Europa nicht; es ist eigentlich nur der Kunst halber. Sie nämlich sei es, die diesen (Halb)Kontinent definiere – und zwar weitergehend, als jeden anderen der Welt. Und Bildung, tja, ist doch nichts als nicht nur ihr Wissen, vielmehr als eines, das d u r c h l e b t ward und wird, mit nämlich jeder Faser unseres Körpers; Bildung entsteht, wenn sich die Künste und ihre Geschichte(n) in uns verstoffwechselt haben und selbst ein Teil des Körpers wurden, Ohr, Stirn, Nase, Mund, Brust, Arme, Bauch, Geschlecht und Beine. Hände und Füße, Finger und Zehen.
Das Geheimnis der Kunst entspricht dem Sexualakt; nicht nur der leibliche Orgasmus schüttet Oxytocin aus; die Vereinigung, die sich in einem ekstatischen Kunsterleben vollzieht, tut es genauso. In der gelungenen Kunstbegegnung, im Kunstakt, wird jeder Mann zur Frau: Nun kann auch er gebären. Denn die Analogie geht noch weiter: „Oxytocin bewirkt eine Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur“.
Dieses Erleben als einen Narzissmus zu denunzieren, wie der Herr Vollrat tut, ist ein direkter Schlag ins Gesicht der Schöpfungsprozesse und darum – schlichtweg dämlich. Da die Bewegung der Künste prinzipiell unabgeschlossene sind, stimmt schon sein Bild-selber nicht. Sie verharren ja nicht im eigenen Anstarrn. Im Gegenteil, sie mischen sich, vermischen sich. Die Kunst kennt keinen Fremdenhaß, sondern das Fremde ist ihr Lockung.
Sicher, Herr Vollrat spricht nicht von Kunst, sondern von Bildung – ungenau schon deshalb, weil er wahrscheinlich „tote“ Bildung meint, also Inhalte, die sich überlebt haben. Doch ist dem so? Noch unser Gehirn hält Reste der Vorzeiten fest und läßt uns zuzeiten als sie reagieren. Nichts verschwindet. Es wandelt sich nur. Und um die jeweils neue Metamorphose zu verstehen, ist es nicht nur sinnvoll, sondern nötig, die früheren Formen zu kennen – um so mehr, als wir doch einen derartigen Wert auf unsere „Autonomie“ legen. Solche Kenntnis eben m e i n t Bildung.
Einmal abgesehen davon, daß sie – so lege ich es „meinen“ Stipendiat:innen immer und immer wieder ans Herz – ein Abenteuer voll unvorhersagbarer Wendungen ist, plötzlicher Erhebungen, unversehenen Erschreckens und zuvor nicht gekannter Erregungen von ungemeiner Sinnlichkeit.

[Karlheinz Stockhausen, Kontakt]

Es läßt sich also nicht einmal drüber streiten, ob stilistisch/sprachliche Korrektheit totes Wissen sei, das nicht mehr interessiere. Sehr wohl streiten ließe sich’s, wenn es um gesprochene Sprache ginge, nicht aber um ein Buch, das zwar mit im Zeitfluß schwimmt, doch aber auch konserviert und Normen damit setzt. Ich kann/darf in ihm jegliche Regel brechen, ja, aber ich muß wissen, weshalb ich es tue. Das heißt, der Bruch einer Regel findet auf bewußtem Kontrast zu ihr selbst statt; ich muß sie also kennen.

Übrigens bin ich grad selbst über m i r fehlende Bildung gestolpert, sogar ziemlich. Ob ich, schrieb mir Eickmeyer, beim Titel des Schultens-Essays auf René Chars Fureur et Mystère von 1948 habe anspielen wollen; wenn, dann müsse es im Text verankert werden. Womit er recht hat. Nur daß ich das Buch tatsächlich nicht kenne, nicht einmal den Titel kannte.
Also werde ich mir jetzt etwas überlegen müssen.
Das „Problem“ mit der Bildung ist ja nicht, wenn wir sie hier und dort nicht haben, sondern es w i r d zu einem, wenn wir bei Hinweisen, wo sie uns fehlt, die Kenntnisnahme verweigern und, anstelle die Leeren aufzufüllen, sie noch als besondere, gar politische Merkmale fetischisieren, bzw. Bildung selbst denunzieren. Im übrigen gehört zur Definition von Intelligenz, daß wir uns neue Sachverhalte unmittelbar erfassen und in unsere Handlungen sofort zu integrieren verstehen. Auch sie, Intelligenz, ist das Gegenteil von Ignoranz; das, in der Tat, hat sie mit den Künsten gemeinsam. Weder diese grenzen aus, noch tut es jene.

Aber jetzt muß und will ich an die Korrekturen. Auch von Faustkultur kamen soeben paar Fragen.

Ihr
ANH

[Gerard Grisey, Espaces acoustique: Transitoire]

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