Lehrer müssen b r e n n e n. START IV (2), Halberstadt. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 11. März 2018.

[K6 Tagungshotel, Z.288, 5.50 Uhr
Chopin, Balladen (Evgeny Kissin]

Seit fünf auf, und keine Ahnung, was ich in dieser knapp einen Stunde getan habe. Vor mich hingesonnen, den Schultensgedichten nach und vor: „Vergiß die mal“, sagte abends Phyllis Kiehl, der ich ein wenig beim Lektorat der Texte ihrer Seminarist:inn:en half. „Du mußt völlig andere Kriterien anlegen.“ Was stimmt, selbstverständlich, aber dem Gespür für andere Kriterien sind Grundlagen zu legen, doofe Folge: „lagen legen“. Überdies bin ich in meinem „eigenen“ Seminar vom didaktischen Modell abgewichen. Nicht beabsichtigt, nein, sondern es ergab sich aus einer unserer eigentlich längst bekannten Übungen: Die jungen Leute sollten einen Text schreiben, der nur aus Fragen besteht, aber ohne sie sich auszudenken, sondern spontan und schnell nach Art der écrit automatique. Was bei meinen fünf jungen Damen dabei herauskam, war frappierend. Normalerweise behalten Stanzen und gutgemeinte banale Phrasen die Oberhand. Hier war es anders. Es gab sie auch, ja, aber eben nur auch und vor allem nur wenige. Also legte ich nach: „Erinnert euch an euer Leben seit eurer Geburt, seid nahe bei euch und bleibt es auch, und dann erzählt euer Leben bis heute in Fragen.“
Was sie taten. Abermals war das Ergebnis staunenswert, so daß ich auf die Idee kam, alle Texte miteinander zu mischen, sie ineinanderzuschneiden, um einen einzigen Vortragstext daraus zu machen.
Aber es schob sich die Arbeit mit Bildern dazwischen, die ich den jungen Damen nicht vorenthalten mochte. Sie ist imgrunde das Kernstück unseres schreibpädagogischen Ansatzes, auch wenn ich in letzter Zeit immer öfter mit Musik, sagen wir, ‚dazwischengefahren‘ bin. Jetzt lockte es mich, meiner Seminaristinnen Blicke auf die Formung, weniger auf die zu gestaltenden Inhalte als Inhalte zu richten. Aber sie sollten, nachdem ihre Geschichten denn entstanden waren, selbst entscheiden: Arbeiten wir bis zur quasi-öffentlichen Vorstellung, also dem Vortrag der Ergebnisse, an den Bildtexten oder nehmen wir wirklich den Fragetext noch einmal vor und strukturieren ihn gemeinsam durch: nach Rhythmik, nach Allitarationen, die wir auch setzen können, nach Sinnclusters usw.
Ich war nicht wirklich erstaunt, daß sie sich unisono fürs Zweite entschieden.
Tatsächlich ist es, in Anbetracht unserer wenigen noch verbleibenden Zeit mutig; wir werden heute vormittag anderthalb Stunden dafür haben, dann noch knappe dreißig Minuten, um den gemeinsamen Vortrag zu üben. Denn alle fünf(innen) werden sprechen. So wird es auch um die Rhythmisierung der Vortragsabfolge gehen.
Bekanntlich komme ich erst unter Druck in gute Form. Diese Disposition werde ich auf die jungen Damen übertragen, sie mit ihr anstecken müssen. Ohne Feuer kein Huhn, wie ich schon gestern schrieb; Lehrer müssen b r e n n e n – also ihre, läßt sich’s Materie nennen? lieben. Damit dies auch so bleibt, muß sie sich wie jene verändern, darf nicht in der Repetition feststecken bleiben. Deshalb haben es wir Künstler, ich gebe es zu, leichter als tatsächliche Pädagogen, die sich Routinen unterwerfen müssen, und sei es „nur“ eines Schulapparates. Der institutionalisierte Inhalt wird entflüssigt und erstarrt. In den Künsten spräche man von Kunstgewerbe.

Auf der Rückfahrt, liebste Freundin, werde ich Ihnen berichten, wie unser Versuch ausgegangen sein wird.  Vielleicht erlauben mir die jungen Damen auch, was ich nämlich gerne täte, ihren fertigen Text in Der Dschungel einzustellen. Ich werde sie nachher fragen. Vorher aber noch ein Blick auf die Großzügigkeit der Halberstäder Anlage, für gemeinsames Arbeiten ist das K6 unbedingt zu empfehlen:

Und am Abend – der des Freitags gilt der mehr oder minder ritualisierten „Corporate Identity“ der von allen so genannten „START-Familie“ – wurden die mit den regionalen Organisationen beauftragten Landeskoordinator:inn:en von ihren „Stips“ im Wortsinn eingewickelt:

 

 

 

Indessen ich nun packen muß; bevor der Endspurt beginnt, müssen wir ausgecheckt haben und sollten zivilisatonshalber auch, wo anfällig, rasiert, geduscht und gekleidet sein. Dann geht’s bis 12.30 Uhr rund.
Ich meld mich wieder aus dem Zug.

ANH

 

 

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2 Kommentare zu Lehrer müssen b r e n n e n. START IV (2), Halberstadt. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 11. März 2018.

  1. Phorkyas sagt:

    Kennen Sie „Findet mich das Glück?“ von fischli & weiss?
    Die haben auch einiges aus Fragen gemacht…

  2. Nein, lieber Phorkyas, das kenne ich noch nicht. Phyllis Kiehl, von der die Grundidee dieser Übung stammt, bezieht sich auf Pagett Powlles >>>> Roman in Fragen. Aber auch Max Frischs >>>> Fragebogen lag wohl zugrunde. Jeder von uns Trainer:inne:n variiert die Aufgabenstellung allerdings je nach einzelpersönlicher und gruppendynamischer Struktur der Seminare

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