Yōsei ODER Die Leaves of Grass der Horu-Shi. Berliner Tattoo-Convention, September 2022. Briefe nach Triest, 65.

[Aus dem Achtunddreißigsten Brief:]

(…)

Du wirst, nehme ich an, die Arena Treptow nicht kennen. In einem der Gänge hatte Gerald für die Tattoo Convention einen nicht sehr großen Stand angemietet, zwei auf drei Meter, die Rückwand mit einer linksläufigen giftgrünen Triskele auf braunschwarzem Grund tapeziert, deren Arme in eine Art Schlangenköpfe ausliefen, die aber keine waren. Erst bei nahem Herantreten offenbarten sich statt dessen Schriftzeichen, eine Mischung aus Hiragana- und Katakana-Moren sowie vielleicht Runen, aber auch etwas, das ans Feanórische Alphabet2 erinnerte, die aber alle insgesamt, doch eben nur aus der Entfernung, die Konturen der drei, und nur dieser, Schlangenköpfe formten, denen inhaltlich jedoch kein oder ein so geradezu phylogenetisch fremder Inhalt entsprach, daß wahrscheinlich nicht einmal Yōsei selbst zu sagen wußte, was sie bedeuteten. Das zeigte sie freilich nicht; wurde sie um ihn befragt, dann lächelte sie nur.
Senkrecht zum Gang war, auch als Abgrenzung des Standes, eine hüfthohe, mit einer ornamental gemusterten Plane bespannte Liege aufgestellt, neben der die Ablage der Tätowierinstrumente stand, übrigens keine modernen, sondern traditionelle Teburistichel, die auch nur anzusehen wie selbst schon Schmerzen auszuhalten war. Es sind ja tatsächlich oft nur vermittels eines äußerst feinen Seidenzwirns an den Griffeln befestigte kaum sichtbare, so dünn sind sie, Metallnägel, die, nachdem sie, um die Farbe aufzunehmen, in einen damit getränkten Schwamm gedrückt worden sind, in die Haut gestochen werden. Der, ich möchte fast schreiben, „Delinquent‟, der aber, wenn er sich wieder erhob, ein für immer Erhobener war, legte sich mit dem Kopf zum Publikum, je nachdem, wo das Motiv appliziert werden sollte, auf den Rücken, auf eine Seite oder Brust und Bauch, und die Künstlerin beugte sich so nahe über ihn, daß fast ihr Mund den Körper berührte, die Augen keinen Zentimeter von den schnell wie offene Ritznarben aussehenden Einstichstellen entfernt. Und Yōsei berührte ihn wirklich, ich stand ja dabei und konnte es sehen. Ja aber was tat sie denn da? Die Tätowierer und Tätowiererinnen der anderen Stände, ich hatte es jetzt ein paarmal beobachtet, wischten das wenige austretende, stets mit der Farbe gesättigte Blut immer schnell vermittels feiner Lappen hinweg, die sie zwischen den vorderen Fingergliedern ihrer meist linken Hand hielten. Einstechen, wischen, einstechen, wischen, das war die Bewegung. Yōsei aber leckte, züngelnd flink wie Schlangen. Und wenn sie den Körper des andren so berührte, ging durch ihn ein Schauern, dem ein leises Stöhnen, das des zu Erhebenden, den irdischen Klang gab, den sonst nur Seismographen vernehmen.
Vielleicht war ich der erste, der es vernahm und alles andre mitbekam, aber ich blieb nicht allein. Es ging durch uns Zuschauer, die wir uns vor dem kleinen Stand unterdessen schon drängten, etwas hindurch wie über Whitmans Leaves of Grass3, die sich in der gesamten Breite beugten ihrer Weite, der Prärie – bis an den fernen Horizont heran, und wir hörten das seismographische Schauern als einen Wind durch unsere Ohren wie in eine Seemuschel fahren. Nur aber ich erkannte, als Yōsei – war sie bereits fertig? pausierte sie nur das Viertel einer Minute? – ihren Kopf hob, welchen Spuren die ihren ähnlich sahen, die sich von den Mundwinkeln abwärts zogen, als wären rote Tränen gelaufen, nicht ganz bis zum Kinn, nur ein winziges Stückchen, doch aber sichtbar. Ja, die Lippen insgesamt waren unversehens zu denen der Carsomarer Venus geworden, nachdem sie wiedergefunden in Lenzens Grenzhäuschen war; hier aber diese Spuren noch frisch, ein nicht leuchtendes, aber doch schimmerndes Rot. (Auf den Fotos, die später in einer Szene-Zeitschrift erschienen, aber wie eingetrocknet erblaßt; sie gingen dennoch um die Welt). Weiters erkannte man in Geralds Tätowierungen zwar ein bildliches Motiv, doch welch ein, w a s es also zeigte, vermochte niemand zu sagen, und zwar umso weniger, je mehr Zeit seit der … – man sprach bald nur noch von Performance … – verging. Ja, anfangs … anfangs hatte noch Leute gesagt: ein Tiger, ein Drache, ein Olivbaum, aber wurden sich stetig unsicherer, und traten sie näher an das Tattoo heran, waren nur genau solche Zeichen zu erkennen wie die der vermeintlichen Schlangenköpfe am Ende der Triskelenarme. Indessen ich | nichts als Deine Lippen sah.

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Frage an die Tattoo Convention Berlin, nämlich Briefe nach Triest, 64, diesmal zur Recherche. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 26. November 2022.

 

An info@tattoo-convention.de
25. November 2022, 18.28

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leute,
ich sitze an einem Roman, in dem eine Szene auf der Tattoo Convention Berlin im September dieses Jahres spielt, also September 2022. Was ich dafür noch wissen muß, ist, wie hoch da die Standkosten sind. Es soll ein nur kleiner quasi Privatstand für eine junge, in der Szene bis dahin noch völlig unbekannten Künstlerin sein, die unter dem Namen Horishi-Shi[1]Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH auftritt.  Meine Erzählung ist insgesamt eher dem phantastischen Genre zuzuordnen; umso wichtiger ist, daß die realen Grundlagen stimmen.
Für Auskunft wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit besten Grüßen,
ANH
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→  Briefe nach Triest 65
Briefe nach Triest 63
[Arbeitswohnung, 10.17 Uhr
Beethoven op. 95, Koeckert-Quartett]
Hoffentlich bekomme ich Antwort. Sonst werde ich fantasieren müssen, wo ich fantasieren nicht will. Doch den Entwurf der – wenn eben auch noch nicht vollständigen – Szene, auf die ich mich in der Mail beziehe, werde ich heute nachmittag gesondert in Der Dschungel einstellen. Hier aber möchte ich erst noch ein zweites Mal an Werner Ost erinnern, dem ich gestern → diesen kleinen Nachruf schrieb. Ich bin mir, Freundin, nämlich unsicher, ob Sie ihn bereits gesehen haben. Menschen, wie er war, sind mir wichtig.

“Nebenbei” laufen meine Pregabalinprotokolle weiter; heute früh schrieb ich → das vierte. Und vorgestern, weil ich mich wieder einmal durch sämtliche – abgesehen von den Nres 1 & 2 und dem ohnedies Schmock der Neunten – Sinfonien Beethovens durchgehört habe, die folgende Notiz:

Ich kann’s nicht anders sagen. Beethovens Kammermusik ist “einfach” um Dimensionen besser als seine Sinfonien:

Welche geradezu Erholung jetzt diese noch nicht ganz späten Quartette! Zumal von dem famosen, heute “historisch” zu nennenden Koeckert-Quartett, dessen magischem Klang ich erstmals in einer Aufnahme von Schuberts D.810, Der Tod und das Mädchen, verfiel, auf Vinyl zeitlogischerwiese, wahrscheinlich – in Stereo “transkribiertes”[2]stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle. Mono – aus den Fünfigern, an der einem allerdings der Kommentar eines nicht genannten Autors (einer Autorin in dieser Zeit wohl eher nicht) die Fußnägel hochbiegt:

Und da es Musiker von deutscher Eigenart sind. vermögen sie den seelischen Tiefen und hintergründigen Zusammenhängen eines solchen Werkes intensiv nachzuspüren.

Auf die kaum zurückliegende Shoa völlig vergessen, und das Völkerrechtsverbrechen des gesamten Weltkriegs. Da will ich nur noch kotzen — doch die trauernde Eleganz der Einspielung ist ja dennoch da, der Schlüssel unseres Lebens unentwegte Ambivalenz.
Immerhin sind d
ie Triestbriefe jetzt am geradezu, burschikos ausgedrückt, “Rennen”. Heute werde ich den achtunddreißigsten, nämlich vorletzten beenden und gleich mit dem letzten anfangen. Womit ich sehr gut im Zeitplan liege; für Ende Dezember habe ich den Abschluß der ersten Fassung geplant. Dann werden zu Beginn der zweiten sämtliche Notate ins Typoskript eingepflegt werden müssen, bevor ich damit beginne, den Roman noch einmal ganz von vorne durchzuarbeiten. Das wird bis etwa Ende Februar gehen; wahrscheinlich kann Elvira dann schon dran – auch wenn ich eigentlich immer gern noch eine dritte Fassung erstelle. Aber vielleicht geht es diesmal parallel, etwas, das allerdings mit niemandem sonst als ihr denkbar ist, geschweige denn auch möglich wäre. Ich brauche aber noch einen guten Schluß für diesen achtunddreißigsten Brief, einen der von der jetzt letzten Szene noch einmal die Fäden aufnimmt, die nach Triest zurückführen; daran werde ich etwas herumdenken müssen, außerdem sind einige noch lose Fäden miteinander zu verbinden; der des Yōsei/Tattoo-Motivs soll der einzige offene bleiben, und zwar, weil aus ihm ein eigenes, ein späteres Buch entstehen soll, achmaler als dieses, eine, wie im Roman-selbst angekündigt, Novelle wahrscheinlich. Die dann wunderbar zu Elfenbein passen dürfte. Der Verleger wartet ja schon länger auf ein schmales Buch von mir.

Gut, jetzt zweites Frühstück, dann einkaufen gehen, danach gleich an Triest.

Lassen Sie sich, Freundin, von dem nun einmal normalen Novemberwetter nicht ergrämen.

ANH
[Schubert, D.810 “Der Tod und das Mädchen”, Koeckert]

References

References
1 Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH
2 stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle.

Werner Osts gedacht. Am Freitag, den 25. November 2022, statt eines Arbeitsjournales geschrieben.

Werner Ost, verstorben vor zwei Tagen in Frankfurt am Main.


Ich sah ihn zuletzt schwer erkrankt auf der → Buchmessenpräsentation der edition Faust im Papageno, Frankfurt am Main. Einen wirklich persönlichen Kontakt hatten wir nie, sahen uns zwar zuweilen, doch zu einem intensiven Austausch von Ideen, Haltungen, Poetiken kam es nicht. Doch dies beiseite. Denn schon, als er noch die edle Zeitschrift BÜCHNER herausgab, nahm er kleinere Arbeiten von mir darin mit auf.

Meine besondere Hochachtung aber galt ihm als dem, mit seiner Gefährtin Ulla Bayerl, hochklugen Gründer und Herausgeber des – unterdessen wahrscheinlich das bedeutendste des deuschen Sprachraums – enorm qualitativen Online-Kultur&Kunstmagazins Faust Kultur, dessen, um ein Modewort zu verwenden, das seinerzeit noch nicht in dem banalen Schwang war, Diversität alles in den Schatten stellt, was dergleichen sonst im Internet sich finden läßt. Heute kann es aufs leichteste mit den gedruckten Feuilletons von FAZ bis ZEIT nicht nur konkurrieren, sondern überflügelt sie. Was auch damit zusammenhängt, daß Werner Ost offenbar seiner Plattform den Generationenwechsel mindestens insofern zunutze gemacht hat, als er bedeutende Denkerinnen und Denker auch der älteren Generationen um sich versammelt hat und ihnen ein Podium gab, das ihnen die Zeitläuft’ hatten entzogen. So klingen deren Stimmen weiterhin und sorgen auch für eine, im guten Sinn, konservative Kontinuität, anstelle hinter jedem ausgepupsten Hype sofort einherzuhecheln, um ihn dann auch noch einzuatmen.

Auch davor, daß Ost es eben nicht tat — nie mittat —, verbeuge ich mich.

ANH
25. November 2022

Leider wird es mit der Graphic Novel nun wohl doch nichts. Notiert im leicht taumeligen Arbeitsjournal des Donnerstags, den 24. November 2024. Darinnen zu Giacomuzzis “Briefe an Mimi” sowie Briefe nach Triest, 64.

Es ist mir einfach zu wenig Geld, das der Verlag mir für den → Zilts als Gothic Novel bietet, unehrenhaft zu wenig. Es gingen nun vier Briefe hin und her, schon in meinem ersten war ich unter die Summe gegangen, die ich mir eigentlich vorgestellt hatte, woraufhin der Verleger in seiner Antwort eine für mich eben inakzeptable anbot, der ich in meinem letzte, vorgestern geschrieben, einen noch immer sehr weit unter meinem ersten liegenden Vergleichsvorschlag machte, auf den ich bislang keine Antwort bekommen habe. Wird auch heute geschwiegen, werde ich morgen Pavlenko schreiben, er möge bitte noch nicht anfangen, Entwürfe zu zeichnen, oder, falls er schon welche habe, damit einstweilen aufhören; viele Ideen habe er, hatte er mir zuvor noch geschrieben, nämlich schon.
So dringend ich auch Geld b r a u c h e , darf “Not” (angesichts der Ukraine eh ein lächerliches Wort für mein Leben) meine Entscheidungen ebensowenig diktieren wie die Freude an einer in Aussicht stehenden, bzw. in Aussicht gestandenen hochkünstlerisch graphischen Interpretation einer meiner phantastischsten Erzählungen wie also eben auch Ruhmsucht. Sich eine Handlung von finanzieller Enge aufnötigen zu lassen, ist auch eine Form des Korrumpiertseins. Und wenn eines nach meinem Tod absolut unumstößlich gewesen sein soll, dann, daß Alban Nikolai Herbst niemals, niemals, niemals korrupt gewesen ist. Es ist das einzige Erbe von Wert, das ich meinem Sohn werde hinterlassen können und hinterlassen will.

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[Arbeitswohnung, 10.28 Uhr
France Musique contemporaine:
Bruno Mantovani, D’une seule voix]

Dafür war gestern der Abend gut, der späte Abend sogar schön. Erst war mein Sohn hier und wir sprachen lange; auch er hatte ein neues Tattoo, und zwar nach einem Foto des der → Sonderausgabe meines Béartzyklus’ beigelegten Stilettos von Cudeman; — sowie das Tattoo abgeheilt ist, werde ich es an meinem Sohn fotografieren und in  Der Dschungel einstellen. Ich meine, mein  knapp Dreiundzwanzigjähriger hat so die Béarts geehrt! Da muß der Vater stolz sein.

Abendstimmung 24. November
Blick auf das Dach des Vorschreibtischregales

Und wie raffiniert er’s getan hat! Über den Ellbogen hinwegtätowiert, so, daß sich die Klinge einklappt, winkelt er den Arm an, und wieder aus, sowie er ihn streckt.

Und dann habe ich mich ganz begeistert festgelesen, nämlich in Peter Giacomuzzis → Briefe an Mimi, einen, nun jà, Roman ..?, der eigentlich eine Collage aus den Liebesbriefen ist, die ein Mann einer schon in der Kindheit des Dichters alten Dame geschrieben hat, und Assoziationen dazu, poetischen Miszellen und Parallelführungen zur Gegenwart sowie zuweilen historischen Erläuterungen, etwa über Häuser, die es heute nicht mehr gibt, und der Situation, in der sich Südtirol vom Beginn der Dreißiger Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs befunden hat und was dies mit den Menschen machte, teils nach wie vor noch tut. Die oft dunklen Eigengedanken Giacomuzzis etwa zur digitalen Welt bestechen quasi gegen ihren Pessimismus in ihrem poetischen Ton:

die Dolomiten (…) sind der in fels gehauene ethnische konflikt.

Und mir besonders nah:

die welt sind meine sinne. alles andere ist religion.

Bei Seite 114, etwa der Hälfte des solide eingebundenen Buches, hörte ich gegen 22.30 Uhr zu lesen dann auf. Tagsüber allerdings, bevor ich an den Triestbriefen weiterschrieb, nämlich bereits morgens, begann ich eine neue Serie, und zwar das Protokoll eines Medikamenten-, ich schreibe mal, —versuchs, den ich jetzt, in meinem seit (fast zu) langem wieder alkoholfreien Monat einigermaßen risikofrei starten konnte. Worum es genau geht, lesen Sie, Freundin, → dort. Nur der erste Beitrag dieser Serie wird auf der Dschungel-Hauptsite stehen, alle weiteren finden sich dann im → Krebstagebuch, werden aber miteinander eigens so verlinkt sein, daß Sie von dem ersten Text lässig zu den nächsten Beiträgen weiternavigieren können. Wenn Sie denn mögen. Jedenfalls ist mir momentan, nachdem ich nach draußen war, um mein italienisches Lindnerbrot zu besorgen, von dem PREGABALIN, ein wenig “taumelig”; das Wort trifft es ziemlich gut. Sowie ich aber sitze, schreibe und Musik dabei höre, wird der Kreislauf wieder linear. Was auch recht spannend ist. Machen wir uns bewußt, wie enorm chemische Mittel auf uns einwirken, doch ebenso, daß es ebenfalls chemische “Mittel” sind, die uns ohnedies konstituieren, wird deutlich, wie chemisch determiniert wir insgesamt, also auch natürlicherseits sind — so daß wir gar nicht sagen können, was wirklich ist und was nicht. Womit wir sofort in der Konzeption meiner literarischen Ästhetik zurücksind und ganz besonders in der sich nun, gegen Ende der ersten Fassung, zuspitzenden “Botschaft” der Briefe nach Triest.
An der ich gestern saß. Zwar nicht nach Anzahl der Seiten (momentan täglich neue etwa drei), doch in dieser Zuspitzung bin ich sehr gut weitergekommen, weiß allerdings nicht, ob ich den Übergang, wie er jetzt dasteht, so werde lassen können:

Magisches Denken, Geliebte,

30. August
David Ramirer, d o t s für Rahel (2017)

so wird etwas Ähnliches bei Kindern genannt, ein Blütenblätterzupfen, wenn Du so möchtest: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Bis wir es wissen und hüpften über die Pflasterung, demn wenn wir es schafften, mit den Schuhen keine der Fugen zwischen den Steinen zu berühren, würden wir auch die Mathearbeit nicht verhaun oder es gibt hitzefrei. Doch ist dies ein Andres, magisch nämlich in der Tat. Ich habe vor der Flixbushaltestelle gestanden, das Foto beweist es, beweist es mir selbst, und möglicherweise oder sehr wahrscheinlich sind Du und ich tatsächlich im Revoltella schon gewesen, selbst dann, wenn ich noch gar nicht in Triest war. Die Carsomarer Venus hat zu sehr protestiert, die Lenz nach Deinem Leib gestaltet hat und vielleicht nach ihm nicht nur. Ach Amphitrite, die mir schon vor sechzehn Jahren vollendet für die Schönheit galt! Das Werk als Ausdrucksform des Lebens., des meinen anders nicht als Klingers. So falten wir die Wirklichkeit. Ach, tu da doch ein bißchen mit. Die Illusion sei das, schrieb Louis Aragon, Fleisch auf den Dingen. Fast sechzehn Stunden, ich erinnere mich, währte meine Busfahrt nach Triest. Sie ging über Prag, Klagenfurt und Ljubiljana. Die Sonne gleißte, als wir den Karst die Serpentinen in Deine Stadt hinabgefahren sind; ich hatte kaum vier Stunden und auch mehr nur gedöst als wirklich geschlafen und kam doch völlig ausgeruht an.

Doch das soll die Überarbeitung zur zweiten Fassung zeigen. Jetzt wird erstmal bis zum Ende weitergeschrieben.

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Briefe nach Triest 63

Bene, jetzt die tägliche Frühjstückscaprese, dann an die Briefe.

Ihr
ANH
[France Musique La Baroque:
Bach, Cantate BWV 201]

 

Yōseis Tätowierkunst im Arbeitsjournal des Dienstags, den 21. November 2022, worin die Triskele | radikal zum Rhizom geworden und damit — literarisch a u c h.

[Arbeitswohnung, 6.43 Uhr
Erste Morgenpfeife, Latte macchiato
Kaija Saariaho, Nymphea]
Es gibt Komponistinnen und Komponisten, die ihre musikalischen Themen vollendet melodisch schon haben, bevor sie ihre Verarbeitung, die “Arbeit am Material” (Adorno), beginnen, und solche, die sie während dieser Arbeit erst finden. Ich hörte viel Rautavaara, nun die von mir fast geliebte Saariaho; er gehört in die erste, nun jà, “Kategorie”, sie gewiß in die zweite. Ganz wie ich selbst, der ich, wenn ich ein Buch beginne, zwar eine Idee verfolge, nie aber wirklich weiß, wohin sie mich führt. Dieses ergibt sich erst aus dem Schreibprozeß. Wie abermals n u n, da die zweite Erweiterung meines → Bioport-Tattoos gestern abgeschlossen wurde. Es hat jetzt, wie ich Phyllis Kiehl in Whatsapp schrieb, genau dies Organische, das mir vorgeschwebt war, als ich das Abenteuer ohne schon zu ahnen anfing, das es zugleich ein literarisches würde, und zwar sogar doppelt gebunden.
Vielleicht wäre aber absehbar gewesen, daß ich dieses Erleben in einen poetischen Text einbinden würde, in w e l c h e n, aber sicher nicht. Ich hatte ja bloß die Idee, daß eines Morgens auf Yōseis Rücken ein Symbol erscheint — es sollte anfangs → ein Drache, Ryū, sein, was ich indes, weil es Klischee gewesen wäre, sehr schnell verwarf —, von dem sie selbst gar nichts spürt; dort hinten sieht sie es freilich auch nicht. Aber ihr neuer Freund, beim gemeinsamen Aufwachen, bemerkt es, übrigens nicht auf dem Rücken, sondern inmitten ihres schmalen Nackens.

Ich mag nicht, wie mein Sohn es ausdrücken würde, “spoilern”; doch es ist ein Tattoo. Nur daß sie das Symbol, eine wie bei mir linksläufige Triskele, niemals hat stechen lassen. Und etwas geschieht mit ihm, weil das Ding nämlich lebt. Was in den Griff bekommen werden muß. Imgrunde mein Thema: Wie ermächtige ich mich dessen, was mir geschieht, und drehe also ein Geschehen, dem gegenüber ich eigentlich hilflos bin, weil ich objektiv keinen Einfluß auf es habe, so herum, daß es mein eigener Wille gestaltet. Hier sehe ich stets den künstlerischen Prozeß. So wird denn Yōsei eine Tätowiererin werden, und zwar eine meisterliche und daher radikale Künstlerin ihres Fachs. Auch dies dann wieder aus dem Leben genommen; wenn ich sie, Yōsei, bei der Arbeit beschreibe, beschreibe ich, was ich an → Elena beobachten darf.
Die zweite Bindung des thematischen Motivs ergibt sich daraus, → daß ich neulich begriff, eigentlich gehöre der Prozeß, mich, eben von dem Bioport ausgehend, tätowieren zu lassen, in das → Krebstagebuch, allerdings in seine Fortsetzung nach der noch nicht geschriebenen Klimax, für die ich erst nach Aqaba muß, um den “Spielort” der “Enteinigung”, also der OP, zu finden. Für die Reise dorthin fehlt mir noch das Geld (allerdings die Flüge dorthin → sind erschwinglich); ein guter symbolischer Zeitpunkt wäre im Februar mein Geburtstag. Nur hält mich noch mein, sagen wir, Aberglaube davon ab, mich zu verhalten, wie ich es eigentlich täte – mit dem vitalistischen Schlachtruf “Sei’s drum!” Vielleicht nämlich sollte ich warten, bis medizinisch objektiv gesagt werden kann, daß ich “geheilt” sei, bis also nach dem fünften Jahr. (Meine nächste Kontrolluntersuchung findet am 6. Dezember statt). – Wie aber nun auch immer, läßt sich dieses Tattoo-Projekt auch als eine Verbeugung vor → Liligeia verstehen, die ich als – bislang – Unterlegene e h r e. MIr ist das wichtig. Hatte ich aber s i e schon, also den Krebs, in mein literarisches Werk integriert — selbst unvollendet, gehört das Krebstagebuch bereits, wenn auch nur in Der Dschungel publiziert, zu meiner Literatur[1]Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben. —, so nun auch den, den sie “befiel”, – meinen Körper. Es ist dies eine unabdingbare Logik meiner Poetik. Was nämlich die Realitätskraft der Fiktionen anbelangt, bekommt das gesamte Unternehmen mit einem Mal sogar fiskalische Valenz, indem ich die Kosten des Tattoos von der Steuer werde absetzen können. Diese Volte ist eben nicht nur ein Schelmenstreich (ein bißchen freilich auch), sondern vor allem eine nächste Nagelprobe auf die Wirklichkeitsvalenz von Dichtung, und nicht nur der meinen. Die von mir längst nicht mehr nur projektierte Ästhetische Theorie ist, soweit nicht Praxis, durchaus normativen Charakters – allerdings im Bezug auf ihre historische Zeit. Spätere Entwicklungen der Künste (und also der Gesellschaften sowie der Naturen[2]Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich … Continue reading, in die sie eingebettet sind) werden sie relativieren.
Wiederum aber die rhizomatische Form des Tattos entspricht sogar insgesamt den auch anderweitig immer wieder attestierten prozessualen Strukturen meiner insbesondere Romane, die ich somit fortsetze auf Haut.

*** (Unterbrochen, um zu duschen usw.) ***
 

[Sophia Gubaidulina, София Асгатовна (Sonnengesang)]
Gestern kam die endgültige Zusage zur Graphik Novel; tatsächlich → der Zilts wird es werden. Nur über den Vorschuß ist noch zu verhandeln. Woran ich eigentlich gedacht hatte, was ich mir gewünscht hatte, wird wahrscheinlich zu erreichen nicht sein. Aber vielleicht doch noch genug, um mir einzwei Monate durchzufinanzieren.  Es wird doch einige Arbeit zu leisten sein, um die lange Erzählung auf Pavlenkos zeichnerische Bedürfnisse auszurichten. Gut, liebste Freundin,wir werden sehen. Mich drängt es erst einmal in die Briefe nach Triest zurück. Sie stehen ja ziemlich kurz vor dem Abschluß ihrer ersten Fassung. den ich sehr, sehr gerne noch im Dezember sehen möchte. Es wäre ein feiner Beginn für 2023. Das meiste dann wird nur noch konzentrierte Fleißarbeit sein; vor allem wird gestrichen werden müssen, aber klug. Manches, was in der Ersten Fasung jetzt steht [3]Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand., kann so nicht mehr bleiben; viel zu viele Angaben sind ungenau oder sogar unmöglich. Doch um das zu beheben, braucht es fast durchweg nur kleine Verrückungen; und einiges kann oder muß sogar ganz weg. Die Geschichte hat sich – siehe oben – geschrieben, jetzt ist die Fassung anzugleichen.

Ach so! Gestern sehr spät am Abend der plötzliche Impuls, wieder mit dem Sport anzufangen. Er hängt wohl mit meinem begonnenen alkoholfreien Monat zusammen. Wirklich wieder riesige Lust … nein, nicht zu joggen, meine 15-km-Läufe “kosten” zu viele Kalorien, die krieg ich in den Körper nicht rein. Aber neu mit leichtem Krafttraining zu beginnen, erstmal an den Slings. Zu Anfang nicht mehr als jeden Tag eine halbe Stunde, danach dann weitersehen. “Sicherheitshalber” schaute ich aber im Netz wegen des Tattoos nach. Also, ich soll noch bis zur Abheilung warten. Gut, dann hoffe ich mal, daß der Impuls bis dahin so lockend mir erhalten bleibt. Aber mir gefiel einfach nicht, daß unter dem Bizeps die Haut hängt, was mir auf Foto mit der Tattooergänzung aufiel. Wie mein, nun gut, “verkaterter” Zustand des Wochenendes war auch dies ein mir von meinem Körper, den ich achte, als “Jetzt paß aber endlich mal auf, versammt!” zugefunktes Signal. Und wie immer, wenn er mir etwas sagt, höre ich darauf. Nicht bei den Menschen, nur bei meinem Körper.

Ihr, Allerverehrteste, wie immer
ANH

References

References
1 Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben.
2 Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich auch subjektiv ändern, ist momentan ausgesprochen gut an mir selbst zu beobachten, der doch über Jahrzehnte ein Gegner von Tattoos gewesen.
3 Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand.

Rossis dritte Begegnung, und nunmehr mit Dir. Briefe nach Triest, 63.

[Siebenunddreißigster Brief, Ende:]

(…)

Es wurde ein nicht netter, sondern tief angenehmer Abend. Pietro und Jan verstanden sich sofort, obwohl dieser sich nicht ganz sicher war und es niemals werden würde, ob zwischen dem, wie sich nebenbei herausstellte, Patentrechtler und der Lydierin nicht mehr war als nur Kameradschaft. Überdies war er mit Jessir befreundet, obwohl die beiden um der Lydierin Hand einst sozusagen wettgebuhlt hatten. Es entging dem auf ersten Blick recht konservativen Mann auch keineswegs, daß mit Jan ein nächster erschienen war, dem es seinerseits um mehr als bloß neue Freundschaft ging. Doch hatte er auch Lenz … nun jà, „ertragen‟ wäre zuviel gesagt, „respektiert‟ trifft es besser. Aber auch noch nicht ganz. Er hatte ihm sogar finanziell geholfen, zweidreimal schon, als es anders gar nicht mehr ging, und ohne ihn, also seinen juristischen Beistand, hätte Lenz das Grenzhäuschen auf Dauer nicht behalten können. Er war ja illegal eingezogen, hatte das verfallende Gebäudchen sozusagen besetzt. Nur wegen seiner, Pietros, geschickten vorgerichtlichen Verhandlungsführung war es zu dem Wohnrecht gekommen, das bis Lenzens Tod Bestand hatte, erblich natürlich nicht übertragbar. Doch dies nur nebenbei, es kam an diesem Abend selbstverständlich nicht zur Sprache. Statt dessen Michael Wollny und Vincent Peirani, die beide in Jans CAVEZZ ebenso schon gespielt hatten, Stücke aus Tandem und spontane Impovisationen, wie Craig Taborn, aber auch — sowie andere Größen der atonalen Avantgarde, deren intellektuelles, bisweilen restlos verkopftes Spiel auf die harmonischen Bedürfnisse ihrer Hörer so wenig Rücksicht nahm, daß dringend wieder ein Weltmusikabend eingeschoben werden mußte. Pietro mochte beides nicht, war bei Wollny und Peirani, Jarrett, Możdżer und Bartholomey & Bittmann, nämlich derart entschieden, daß sich Jan geradezu gezwungen sah, einerseits den Free Jazz zu verteidigen, sich andererseits aber auf die Seite der Esoteriker ganz ebenso zu stellen, schon um das Kalkül des Kaufmanns zu verteten, der er eben auch war. Jedenfalls diskutierten die beiden zwar zivilisiert, doch hitzig genug, daß es zeitweise den Anschein hatte, die Lydierin sitze gar nicht dabei.
Sie nahm es den Männern nicht übel, fand die Situation sogar amüsant; erleichternd indes auch, weil gelungen genug, um eine sich vielleicht doch schon eingeschlichene amouröse Verwicklung deutlich aufgelockert zu haben. Solange die Spiel blieb, fand sie’s in Ordnung, weil ohne Lehm an den Füßen. Und balancierte die Männer weiterhin aus. Zum Beispiel, indem sie sie nun zu einem Abendessen in ihre neue Wohnung lud. Und dort eben, aber noch im Treppenhaus des Gebäudes, begegnetet Ihr Euch, Jan und Du, zum ersten Mal.
Du bliebst auf der Etage stehen, als sich Eure Blicke trafen. Er blieb ebenso stehen, das halbe Stockwerk tiefer. In der linken Hand trug er einen in Papier eingeschlagenen Blumenstrauß mit roter Schleife daran.
Es traf sich Euer Blicken. Muß ich mehr erzählen?
Schade‟, sagte Jan.
Schade?‟
Ich bin zum Essen eingeladen und schon etwas spät dran. Deshalb werde ich Sie nicht begleiten können.‟
Schade‟, sagtest Du nun auch. „Schade, in der Tat.‟ Und schicktest Dich an, weiter abwärts zu steigen. Wozu Du an ihm vorbeigemußt hättest, der aber stehenblieb, das untere Drittel des Straußes vorsichtig unter den Arm geklemmt, nunmehr sein Smartphone gleichsam gezückt. Du hattest bislang nicht bemerkt, daß er es in der Hand hielt.
Er tippte, mitten und direkt vor den zumal kaum breiten Stufen auf den grauen und beigen Kachelquadraten des Plafonds weiter im Zwischenstock stehend. So daß Du vorbei nicht konntest, hättest ihn denn berühren oder sogar wegdrängen, zumindest Dich an der schulterhohen rostbraunen Kachelung der Flurwände entlangquetschen müssen. Zumal war der dauernd rutschende, bei jeder Tippbewegung raschelnde Blumenstrauß im Weg.Es sieht mir nicht ähnlich‟, sagte Jan. „Was?‟ fragtest Du. „Nicht höflich zu sein. Sowas zu tun. Dabei ist es wahrscheinlich schon die nächste Tür da oben, sehn Sie? Gleich neben Ihnen.‟ „Hier?‟ „Ich glaube, diese Pflanze da …‟ „Pflanze?‟ Aber sie ließ seinem zu dem links neben der Tür, die aussah wie aus Rosenholz, auf einem gestauchten dreibeinigen Holzhockerchen stehenden, fast bereits mannshohen Kletterphilodendron hinaufnickenden Kinn ihr Blicken nicht folgen. Dabei stand sie direkt daneben. Statt dessen sah es Jan unverwandt in die Augen, suchte sie, läßt sich sagen. „… könnte zu ihr passen, meiner neuen Bekanntschaft.‟ Da Du der Lydierin noch nicht begegnet warst, wozu es doch erst draußen vor der Haustür bei unserer wirklichen Begegnung kommen wird, also der mit tatsächlich mir, nicht meinem fiktiven Stellvertreter, war Dein Interesse an Deiner neuen Nachbarin ungefähr so groß wie an dem eingetopften Philodendron. Wie sehr Ihr Euch ähnelt, konntest Du schließlich nicht ahnen, und daß Ihr sehr wahrscheinlich Freundinnen würdet. Nicht nur geahnt, sondern wahrgenommen hatte es aber Jan, und zwar unmnittelbar. Und dennoch: „Und jetzt – sag ich ihr schon ab! Doch wird sie ja nicht allein sein, ihr Freund Pietro will ebenfalls kommen. Wahrscheinlich ist er schon da.‟ „Sie sagen ihr ab?‟ „Wollen Sie sehen?‟ Er nahm die Stufen hinauf und streckte Dir bereits ab der vierten der elf das Smartphone mit der Bildseite zu. „Ich kann nicht einfach so wegbleiben.‟ „Also lesen werd ich das bestimmt nicht. Sein Sie bitte‟, wobei Du mit Deiner Linken seine das Mobilchen haltende Rechte leicht in einer andere Richtung drücktest, so daß Ihr Euch eben doch schon berührtet, „so gut.‟
Er räusperte sich. Und weil jetzt Euch beiden nicht so recht klar war, wie es weitergehen würde, kann immerhin ich, denn so viel Zeit ist, einen Blick auf diese Kurznachricht werfen:

Stehe schon vor der Tür, aber habe im Treppenhaus eine Begegnung gehabt.
Deshalb muß ich absagen. Verzeihen Sie. Doch schauen Sie bitte in zehn Minuten
auf den Hausflur. Ich melde mich wieder. Jan

“Wenn Sie mich bitte kurz vorbeilassen?‟ Du tratest einen Schritt zurück. Er versicherte sich erst auf dem Klingelschild, bückte sich dann und legte den Strauß auf den Fußabtreter. Wieder aufgerichtet und sich zu Dir gedreht, sagte er: „Also lassen Sie uns gehen.‟ Und hakte sich bei Dir ein.

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Briefe nach Triest 62<<<<
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Zwei schwierige Tage, gestern und heute. Als Arbeitsjournal des Sonntags, den 20. November 2022.

[Arbeitswohnung, 9.11 Uhr
France musique, Concerts Radio France:
Tschaikowski, Violinkonzert op. 35]
Der “Kater” oder was-ich-für-ihn-hielt wurde und wurde nicht milder; leichte Übelkeit und ein unguter Widerwille dagegen, etwas zu essen … ja, empfunden, daß ich’s gar nicht könne. Also auf kleine Häppchen umgesattelt und abends sehr früh zu Bett gegangen, obwohl ich bereits die gesamte Rückfahrt im Flixbus vielleicht nicht wirklich geschlafen, aber vor mich hingedöst hatte. Der Kreislauf insgesamt weich. Irgend etwas scheine ich am Freitagabend nicht vertragen zu haben, wozu der Alkohol sicherlich gehört, vor allem trugen die beiden Negronis offenbar einen ziemlich Anteil, die im → “Tortue” in riesigen Gläsern serviert werden, deren eines allein schon mindestens fünf normale Negronis faßt — “Eimer” nannte gestern die Contessa diese wasserglashohen Whiskygläser. So daß ich, bevor ich schlafen ging (und quasi unmittelbar wegsackte), fast schon auf sowas wie eine Alkoholvergiftung tippte. Nachdem beim Wiederaufwachen heute morgen immer noch diese unterschwellige Übelkeit dawar, so daß ich nicht um sechs, sondern erst kurz vor acht aufstand, wollte ich meine, nun jà, “Diagnose”, verifizieren und schaute im Netz nach den Symptomen. Außer dieser leisen Übel- und starken Appetitlosigkeit habe ich aber keines davon. Also habe ich zwar auch diese Mengen Alkohols nicht vertragen, was Wunder, doch etwas anderes muß der eigentliche Bösewicht gewesen sein, oder halt eine Mischung aus allem. Interessant ist dabei, daß sich dieser Zustand über den gestrigen Tag überhaupt erst verstärkte; beim Morgencafé mit dem Freund war alles, aus einer nachvollziehbaren Mattheit (ich war erst gegen halb vier/vier ins Bett gekommen), soweit noch alles in Ordnung gewesen. Auf dem Weg zum Hamburger ZOB aber schwoll es an – und besonders, nachdem ich mir vor der Abfahrt noch schnell im Hauptbahnhof, dem der ZOB gegenüber gelegen, eine vietnamesische Suppe besorgt hatte und sie auf einer Bank vor dem Busparkplatz zu löffeln begann. Mit jedem Löffel wurde mein Zustand schlimmer. Da fing’s auch schon mit den Bauchschmerzen an, leichten, aber genau unter der OP-Narbe mittig. Schon wollte ich nicht mehr weiteressen, aber setzte, es doch zu tun, mit meinem Willen durch. Ich war so stolz gewesen, wieder auf 69 kg gekommen zu sein, daß mir die Vorstellung zuwieder war, im Körpergewicht erneut zurückzufallen. War wahrscheinlich der Fehler.
Jedenfalls weiß ich nun gar nicht genau, welche Melange meinen unguten Zustand bewirkt hat. Dazu kommt momentan diese Kälte, die ich, was eigentlich physio|l o g i s  c h ist, nach meiner Krebs-OP tatsächlich nicht mehr so gut vertrage wie seinerzeit, als ich aus, sagen wir, Abenteuergeist zweidrei Winter lang nicht heizte, “um auszuprobieren, ob ich’s könne”. Ich hab ja so gut wie kein Körperfett mehr. Da macht es sich nun gut, daß mir die Löwin – mit den Worten, sie wisse schon, daß ich die Kälte zu ertragen verstünde, aber sie nicht ertrage, müßt ich sie ertragen – eine Heizdecke geschickt hat, die nicht nur “geschickt” wurde, sondern schick auch i s t (chic) und nun wie ein erwärmbares Fell über meinem Schreibtischstuhl liegt. Hinzu knipse ich manchmal den neuen “Handy Heater” an, den ich neben meinen Arbeitsplatz montiert habe und der zwar nicht, wie beworben, einen ganzen Raum zu erwärmen vermag, mir aber in solcher Nähe doch ganz gut Warmluft zubläst. Bei übrigens Helmut Parallalie Schulze abgeguckt, der es so mit einem allerdings sehr viel größeren Gasofen hält. Ich schalte das Ding aber nur ein, wenn ich in meinen “rauchfreien” Phasen das Oberlicht nicht aufklaffen habe. Nett übrigens, daß unter dem “Heater” ausgerechnet Anna Kavans wirklich grandioses → “Eis” liegt (Ice, 1967). Eigentlich müßte ich Schulzes “tetraglott” gleich danebenlegen:

Indes, was jetzt Die Dschungel anbelangt, war ich gestern, nur → dieses einzustellen, fähig. Und das Arbeitsjournal heute “dient” eigentlich nur dem Wollen, nicht n i c h t s zu schreiben; ob ich heute wieder an die Triestbriefe kommen werde, ist also längst noch nicht ausgemacht. Obwohl ich’s unbedingt will. Nun gut, wir werden sehen; eine Suppe habe ich gestern schon vorbereitet und soeben fertiggestellt; jetzt muß sie nur noch etwas ziehen. Sehr scharf, um den Appetit zu triggern. Bald werd ich’s Löffelchen für Löffelchen versuchen. Auf das, was sonst immer gut wirkt, die Dronabinol-THC-Tropfen, will ich noch unbedingt verzichten, wie sowieso, nà logisch, erst einmal auf Alkohol. Vielleicht nehme ich die Situation jetzt insgesamt zum Anlaß, endlich wieder einen komplett-alkoholfreien Monat durchzuziehen, auch wenn Ende der Woche eine Geburtstagsfeier ansteht und ich am 7. und 8. Dezember der neuen Hochzeitsreden wegen nach Salzburg und Stuttgart reisen muß und will.

Gut, liebste Freundin. Mal schauen, ob ich in die Briefe finde.

ANH
[France Musique contemporaine:

Britten, Suite für Cello solo No 1, Truls Mork]

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