Wenn im Herbst der Wind

Äste von den Bäumen zerrt,
brauch ich keinen Blumenladen,
denn nehme ohn‘ allmenden                                                        Schaden,
was sonst noch jemand                                                       überfährt,
vom Fahrdamm auf und wie ein                                                        Kind

an mich und heim,
bis es von selbst die Blätter                               fallen läßt
vom langsam wie mein Reim
entschlafenden Geäst.

Das EndlichdasChaosamSchreibtischbeenden!journal vom Dienstag, den 27., bis zum heutigen Donnerstag, den 29. September 2022.


[Arbeitswohnung, 6.51 Uhr
France Musique, La Contemporaine:
Jean Louis Florentz, L’Ange du tamaris op 12 pour Violoncelle]
Da ich weiterhin nicht in den Ton fand, der für die letzten beiden Triestbriefe notwendig ist, platzte mir irgendwann leise der Kragen, weil es auf  meinem Arbeitsplatz und um ihn herum nach purstem Chaos nicht nur aussah und ich ja weiß, daß ich eigentlich, um eine Hürde zu nehmen, Ordnung dort brauche, eine sogar pedantische – etwas, das ich mit Eigner immer gemeinsam hatte. Und hier lagen noch nicht zurückgeordnet, für meinen Lehrauftrag vor zwei Jahren nicht zurückgestellte Bücher, standen massenhaft durcheinander ebenfalls nicht zurückgestellte Schallplatten, lagen Haufen von verschiedenen Korrespondenzen, auch mit Ämtern, dazu der Kindle auf dem Tauchcomputer und das auf dem, weil der Akku nichts mehr hergibt, schon lange nicht mehr genutzte iPad, sowie die verschiedensten Kabel wild ineinanderverknüllt, sonstige Papierfetzen, Zeitungsausschnitte, Manuskriptausschnitt, Postkarten zwischen den Medikamenten und und und. Wenn ich also schon nicht vernünftig zum Schreiben kam, dann doch wenigstens die Voraussetzung herstellen, es wieder zu können — wobei ich nicht bedachte (ich dachte ja gar nichts, sondern folgte dem Impuls), daß, um es hinzubekommen, die große Bücherwand neu geordnet werden mußte, denn auf dem großen Mitteltisch hatten sich auch Bücherstapel aneinandergerückt, die ihn, den Tisch, für etwa gemeinsames Essen zu nutzen (allerdings: mit wem denn, mit wem?), unterdessen schlichtweg unnmöglich machten; dazu die sonstwohin gestopften Bücher … kurz, da ich sie eigentlich nach Namen der Autorinnen und Autoren ordne, es wurde ein riesiger Eingriff, insofern ich die gesamte Bücherwand umgruppieren, ja sogar noch erweitern mußte. Womit ich also anfing. Erst einmal mit den knapp tausend Vinyl-LPs, dann mit den CDs (es waren in diesem Fall nicht viele) sowie mit den Büchern.
Das Grundverfahren war schlicht: Alles Durcheinander vom und um den Schreibtisch herum auf den Mitteltisch häufen und dann Stück für Stück diesen Mitteltisch leerräumen, um danach zu den nächsten chaotischen Zimmerstellen zu wechseln und ebenso vorzugehen. Es funktionierte, aber brauchte Stunden. Parallel schuf ich im neben dem Schreibtisch hochgezogenen Regal Platz und ordnete dort diejenigen Bücher ein, die ich mir in nächster Zeit zu lesen vornahm. Insofern diese danach aber jeweils ebenfalls ins Hauptregal müßten, waren dort die Bücher lockerer einzuordnen, als ich es normalerweise tue; normalerweise stehen sie dort so dicht an dicht, daß man immer gleich drei herauszieht, wenn man nur eines herausziehen will. Da ich mich damit mehrmals verschätzte, waren auch mehrmals die Reihen zu verschieben. Ich denke, Freundin, Sie ahnen, was sowas bedeutet (kennen es vielleicht auch von sich selbst).
Es war aber nicht nur dies. Wenn Sie Bücher verrücken, die seit Jahren so standen, wie sie’s nun grad mal tun, haben Sie allerlei Begegnungen der Dritten Art, die unbeantwortet zu lassen eine hygienische Straftat wäre. Der Staubsauger war allerdings ohnedies zur Hand, denn auf den Büchern lagen Schichten vergangener Kohleheizungs- eben nicht nur Spuren. Es war ein ungeheurer Dreck; an sich hätte ich, bemerkte gestern abend in Whatsapp die Löwin zurecht, mit Staubmaske arbeiten müssen. Arbeiten, ja „arbeiten“, zumal: zwei Tage lang die Leiter bis ganz nach oben rauf, die Leiter bis ganz nach unten runter, die Leiter rauf, die Leiter runter. Heute habe ich Muskelkater in den Oberschenkeln. Doch das Ergebnis, siehe oben, befriedigt mich sehr. Auch, wenn ich noch nicht ganz „durch“ bin; der Schreibtisch selbst ist auch noch dran. Und ich bräuchte ein leicht verrückbares Beistelltischchen, damit die Arbeitsfläche sich nicht abermals undurchdringbar füllt und ich auch wieder ohne Komplikationen an die links stehende Handbibliothek (aus vor allem – für andere Berufler ungewöhnliche – Lexika) komme. Nur daß ich heute vormittag nicht weitermachen kann, weil um halb zwölf der am Montag ausgefallene Ultraschalltermin nachgeholt wird, in Moabit, also Aufbruch spätestens um elf. Vor allem muß ich auf jeden Fall vorher duschen und, wenn ich heute abend dann fertig sein sollte, nochmals duschen und das Bettzeug wechseln. Freilich, eigentlich müßte ich – und würd es gern – die Prozedur auch mit dem Musikregal wiederholen, das die Wand genau gegenüber dem Schreibtisch ebenfalls bis unter die Decke ausfüllt und in dem ja nicht „nur“ die CDs stehen, sondern sämtliche Bücher zur Musik sowie Noten, außerdem die Programmhefte und -bücher von mir besuchter Aufführungen und darüber noch etwa zweihundert mit Musik bespielte VHS-Videocassetten, auf denen vom Kohleofen der Aschestaub ganz besonders liegt; auch dies alles, wenn die Asche weggesaugt, will namentlich geordnet sein, und es sind an die hundert weitere Programmhefte neu einzuordnen, die noch auf einem anderen Beistelltisch, zwischen Küchen- und Flureingang, neben der Musikcassettenwand, in drei Stapeln aufeinanderliegen. Also quasi noch einmal der ganze Dreck. Aber welch ein Gefühl, wäre auch das erledigt! Vor allem weil ich dann wieder Übersicht hätte. Daß ich es unterdessen aufgegeben habe, alles schriftlich zu archivieren, steht auf einem anderen Blatt; ich hätte sonst keine Zeit mehr für irgendetwas anderes.

Und ich habe einen Entschluß gefaßt, ihn seit vorgestern auch umgesetzt: Schluß mit dem allabendlichen Serien- und Filmegucken, weil „man zu erschöpft ist“; stattdessen lesen, lesen, lesen. Das hatte meine Räum- und Putzaktion nämlich auch als Folge, daß ich mir selbst vor Augen führte, wie viele zu lesende Bücher sich angesammelt hatten, die tatsächlich zu lesen diese Filmabende rundweg verhinderten. Und es war klasse. Ich fing mit Martin R. Deans neuem Roman an, zwei Abende, und ich war nicht nur durch, sondern hatte noch Zeit genug, gleich den nächsten, längst, längst überfälligen zu beginnen, den mir Christopher Ecker mit einem Hinweis zu Nabokov zugeschickt hatte, als ich noch mitten in der Nabokovserie steckte (die ich nach den Triestbriefen als erstes wieder aufnehmen und beenden werde, damit Arco endlich daraus das Buch machen kann, wozu sämtliche Texte freilich noch bearbeitet werden müssen). Das mir von Ecker geschickte Buch ist Nicolas Borns, wie ich jetzt schon sagen kann, hinreißender Roman Die Fälschung. Welch eine Kraft bei viel, viel Leben und erzählerischer Komplexität! Fantastisch, ich fiebere heute abend entgegen, wenn ich weiterlesen darf. Wirklich ein extremes Versäumnis, dieses Buch bisher nicht gekannt zu haben.

Übrigens, Freundin, der → text+kritik-Band ist nun erschienen (bis vor zwei Tagen war er nur vorbestellbar); ich erhielt gestern einen Anruf Wilhelm Kühlmanns, der sein Belegexemplar bereits hatte, ich meines aber noch nicht. Wahrscheinlich wird es mittags im Briefkasten liegen, hoff ich jedenfalls; die Post ist derzeit nicht so zuverlässig auf dem Prenzlauer Berg. Sowie es mir vorliegt, werde ich es hier in Der Dschungel annoncieren, bin im übrigen selber gespannt, was in den einzelnen Beiträgen steht, von denen ich nur einen schon kenne; alle anderen haben die Autorinnen und Autoren unter quasi Verschluß vor mir gehalten.

So, sitze noch im Morgenmantel und will das ändern.
Ihr ANH
[France Musique, La Contemporaine:
Rautavaara, Vigilia op. 53]

***

[Abends, 18.56
Respighi,. La Fiamma]
Puh:

Es l e b e n lassen, das Tattoo! Das Zeichnen- und Montierjournal des Sonnabends, den 24. September 2014.

[Arbeitswohnung, 18.08 Uhr
Holmboe, Steichquartett N. 10 op. 102 (1969)]
Da ich mich nun entschlossen habe, die letzten Triestbriefe zu schreiben, bevor ich zur Erstellung der zweiten Romanfassung die Notate der → Recherchereise in sie einpflege, aber in den Text schon gestern nicht richtig hineinfand, habe ich den Tag bisher fast ausschließlich mit dem Entwurf der Weiterentwicklung → meines Bioport-Tattoos verbracht:

Sie wissen ja, Freundin, um meine Idee, es ständig sich verändern, gleichsam wachsen zu lassen; im Frühjahr wahrscheinlich werden erste Blätter an die Ranken kommen, möglicherweise danach auch, aber kleine, Blüten. Es soll nicht kitschig werden. Vor dem wird allerdings noch ein kleiner Zusatzeingriff nötig werden. Nämlich ist mir in der Triskelenmitte das Shakti-, mithin Venusdreieck nicht konturiert genug. Zwar habe ich auch daran heute herumgebastelt, aber alles, was ich zuwegebrachte, war mir zu unorganisch, also aufgesetzt. Hier auf der Abbildung zwar ist es deutlich erkennen, nicht aber in der bisherigen Ausführung, da steht es, weil nicht auf der Spitze, sogar falsch:

Da also muß nachgebessert werden. Doch erst einmal die Ranken.

Bin übrigens wieder auf 67 kg; zweieinhalb der während der Reise verlorenen mithin sind trotz der kurzen Krankheit schon wieder drauf. Was ich beruhigend finde. — Ach so, sicherheitshalber noch einmal, weil es sich offenbar noch nicht herumgesprochen hat: Ich habe → die Hamburger Veranstaltung leider absagen müssen, doch wird sie ebenso nachgeholt werden wie die für den 18. 10. geplante Karlsruher, die gestern wiederum mir abgesagt worden ist, leider; die Hamburger soll nun entweder zu Ende Januar oder Februar stattfinden, die Karlsruher in eben diesem Zeitraum. Bitte schauen Sie in der rechten Spalte unter „Veranstaltungen“; sowie der genaue Termin steht, wird er dort eingefügt werden.

Ihr ANH

P.S.: Gestern abend noch einen sehr schönen Gesprächsabend mit Hendrik Jackson verbracht, viel und lang außer über auch Persönliches über vor allem Lyrik gesprochen. Mit der meinen habe er Probleme – was aber so gut zu erläutern vermochte, daß es nicht die Spur schmerzhaft sondern, glaube ich, der Beginn einer Diskussion war, die in Lyrikerkreisen zu führen ich mir doch immer so gewünscht habe. Ich gab ihm → Das Ungeheuer Muse mit. Und tatsächlich mailte er mir heute schon einen ausführlichen kritischen Brief → zur Entsteigenden, auf den ich aber erst wieder im persönlichen Gespräch reagieren werde; und kurz darauf landete eine zweite, diesmal hellauf begeisterte Mail in meinem Postfach, diesmal zu → Ich habe so geweint im Schlaf.
Dieses 1 : 1 gefällt mir selbstredend sehr.

Krank. Da war denn mit Arbeiten nichts. Als Arbeitsverhinderungsjournal des Mittwochs, den 21., auf Donnerstag, den 22. September 2022.

[Arbeitswohnung am Donnerstag, den 22. September 2022, 7 Uhr
Stille (außer etwas Spatzenstreiterei auf dem zweiten Hinterhof)]
Abends zuvor, also Dienstags, war noch nichts zu spüren; doch gleich gestern morgen Schwindel beim Aufstehen und heftiges Gliederreißen, geradezu Muskelschmerz, in den Beinen, und nach der langen, wirklich langen heißen Dusche — ich heize ja nicht, und mir war kalt — ging es mit einem Schüttelfrost los sondergleichen, so daß ich mich nach dem Latte macchiato und wenigen Blicken ins Netz gleich wieder hinlegte — bekleidet und mit Krawatte klugerweise, um dem Körper zu signalisieren, nein, ich lasse mich nicht wieder ins Bett zwingen, auf dem ich freilich nun dennoch lag —, um anderthalb weitere Stunden erst einmal, vielleicht fünfzehn Minuten lang vor mich hinzuzittern, mich hinwegzuschlafen. – Als ich aufwachte, war die Zitterei vorbei, dafür hatte ich Fieber.
Mein erster Gedanke war, scheiße, jetzt hast du schon w i e d e r Corona, was wegen der überfüllen Zugfahrt von Wien nach Berlin hätte gut möglich sein können, nunmehr wahrscheinlich der Omikron-Virus, der die bisherigen Impfungen bekanntlich unterlaufen kann und also auch den Genesenenstatus. Doch der Schnelltest sprach ihn frei. Das war erstmal erleichternd. Dennoch, Druck auf die Lunge, das Fieber … na gut, 38,2 ergab die Messung, die mittags von einer zweiten bestätigt wurde; also nur der Anfang von Fieber. So daß ich den Tag mit wechselndem Liegen & Schlafen und hin und wieder am-Schreibtisch-sitzen verbrachte, für die Arbeit indes unkonzentriert, und zwar komplett. Ein bißchen Husterei, sonst aber nichts außer diesem Lungendruck und einer teils heftigen … ich möchte es eine „Wirklichkeitsunsicherheit“ nennen, die schon eingesetzt hatte, bevor ich — gegen die möglicherweise Entzündung sowie vor allem, um Appetit zu bekommen; auf keinen Fall wollte (und will) ich abermals unter 65 kg rutschen — … bevor ich also zu den THC-Tropfen griff, die dann auch wieder gut funktionierten. Erstens mußte ich dauernd, sowie ich wieder wach wurde, etwas essen, zweitens ist heute morgen die möglicherweise Entzündung schon wieder eingedämmt. Genauso war es in meiner Coronawoche gewesen, bestätigt sich mithin. Ich kann Ihnen, Freundin, also nur nochmals Dronabinol empfehlen, sollte der Virus auch bei Ihnen auf die Lunge schlagen. Wobei selbstverständlich das, was ich eben „Wirklichkeitsunsicherheit“ nannte, durch Cannabis weißGöttin nicht behoben wird, sondern eher verstärkt. Aber der Tag war eh für die Arbeit dahin.
Um siebzehn Uhr dann ein feines Whatsapp-Videogespräch mit der ausgesprochen elegant wirkenden Löwin, die in alles einigen Witz brache, auch in das, was das Geschehen des Sonntags anbelangt, das mir immer noch nachging und möglicherweise Anteil daran trägt, daß ich mir diesen offenbar Infekt eingefangen habe. Ich meine, da ich keinen Magen mehr habe, kann mein Körper auf solch schmerzhafte Hilflosig-, ja Geworfenheiten nicht mehr „klassisch“ reagieren, nämlich mit meinen Magenkrämpfen, und sucht sich nun wohl andere Wege, die er, da er nach wie vor stark ist, halt auch findet. Und schickt mich auf die Ersatzbank, wo ich ausharren muß, bis der Körper dem Virus genügend in den Arsch getreten hat, physisch, und, psychisch, Geist & Herz die Kränkung überwunden haben. In aller Regel, ich merke es schon jetzt, geht das schnell — relativ schnell, selbstverständlich; einzwei Tage muß ich schon rechnen.
Jedenfalls legte ich mich, komplett ungewöhnlich, bereits um 22 Uhr zur Nacht, scheine auch sofort eingeschlafen zu sein; wie immer, wenn ich krank bin, TShirt an und Socken, etwas, das ich gesund nicht ertrage. Meinen Abendwein hatte ich mir komplett gestrichen und tagsüber auch die Pfeifen extrem reduziert, wobei es ein Vorteil ist, daß ich im Bett noch nie rauchen konnte, ich habe liegend einfach kein Bedürfnis danach, was sich geradezu schlagartig  ändert, sowie ich wieder aufstehe. Der Turnus eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen/eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen usf. war insofern auch Lungenschutz. Und einmal ging ich hinaus, um von Lindner das – im freien Handel –  unübertreffbare italienisches Brot zu besorgen und auch sonst noch einige nötige Einkäufe zu tätigen, dies alles zu Fuß, nicht mit dem Rad, für das ich einerseits zu zittrig gewesen wäre; vor allem aber war es nach einmal fünf und zweimal vier THC-Tropfen aus Gründen der Verkehrssicherheit zu meiden. Ich wollte zudem das Gefühl zu gehen genießen und kam, obwohl ich’s schlendernd tat, ins Schwitzen. Ahà, Bestätigung. Später wieder die drei Stockwerke hochzusteigen, machte mir indes nichts aus, ein angenehmes Indiz dafür, daß die, wenn es denn eine beginnende war, Lungenentzündung bereits gut abgewehrt wurde. Danke, Körper, danke.
Dennoch, obwohl ich heute morgen zwar noch nicht völlig wiederhergestellt bin und besser noch, wie meine geliebte Großmutter zu sagen pflege, „langsam machen“ sollte, habe ich → die Hamburger Veranstaltung des kommenden Sonntags abgesagt, schon, weil Lou Probsthayn ja Zeit haben muß, das Hotel zu stornieren; er reagierte traurig:

… das ist wirklich „bitter“, zumal es das 15 jährige des Literatur Quickies ist. Sehr, sehr schade, da einige der Gäste nur deinetwegen usw. Ansonsten Dir gute Besserung. Und sieh in Deinen Kalender, prüfe die ersten 5 Monate 2023 und vielleicht schickst Du mir einen Terminwunsch. Es ist immer der letzte  Sonntag eines jeweiligen Monats.

Ich werde ihm noch heute Vormittag antworten. Es wär jedoch ohnedies ein knapper Ritt gewesen, weil ich am Montagvormittag darauf einen wichtigen Termin bei meiner Angiologin bekommen hatte, der, reiste ich noch so früh von Hamburg zurück, möglicherweise nicht einzuhalten wäre. Nun werde ich den quasi freigewordenen Termin nutzen, um an Katharina Schultens‚ → Einführungsfest als neuer Chefin des Hauses für Poesie teilzunehmen — sofern der Infekt denn auch wirklich aus meinem System gefeuert worden sein wird.

 

Bin weiterhin etwas zittrig momentan, ja, aber arbeiten werde ich heute schon wieder können. Wichtig dabei, immer wieder Form, – noch sitz ich eingemummt in den Winter(!)bademantel hier – daß ich mich wieder kleide, auch Hemd und Krawatte tragen werde, ganz wie ich’s bereits gestern tat, um dem eignen Geist deutlich vorzuführen, man(n) lasse sich auch von Infekten nicht beugen oder schlüpfe gar unter eine der Nacht vorbehaltene leinenbezogene Bettdecke, ziehe sich gleichsam zurück. Oben schrieb ich ähnlich ja schon. „Erlaubt“ und wohl auch nötig ist, sich hinzulegen, wenn der Körper neu gesteigerte Schwäche zeigt, aber eben nur bekleidet und unter eine Steppdecke auf das gemachte Bett (bei mir bekanntlich sowieso Couch).

Noch immer bin ich mir uneines, ob erst die letzten beiden → Triestbriefe schreiben und dann erst die Umarbeitung zur Zweiten Fassung oder ob umgekehrt. Ich werde die bislang letzten zwei bereits fertigen Briefe nachher noch einmal lesen und danach entscheiden. Vor allem muß ich auch Einfälle haben. Aber die Löwin hat schon recht, als sie mir gestern sagte: „So durchgetaktet und minutiös, wie du sonst arbeitest, wirst du die erste Fassung erst einmal beenden müssen, bevor du die zweite angehen kannst.“

Ihr ANH
[9.55 Uhr]

 

Das Wäschewasch- und später erst Arbeits-, nämlich weiteres Reisevorbereitungsjournal des Sonntags, den 4. September 2022.

[Waschsalon Eco-Express, Danziger 7, 8.45 Uhr]

Na, da is‘ ja mal wieder einiges zusammengekommen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 11.06 Uhr
Keith Jarrett, solo Sun Bear III, Nagoya 1976]
Und sauber alles wieder zurück:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Jetzt die im Waschsalon bereits vor-zusammengelegte Wäsche in die Regale einordnen. Ein halber Tag geht tatsächlich immer drauf; andererseits wissen Sie ja, Freundin, daß ich, weil ich so viel Zeug habe, diese Prozedur nur alle anderthalb bis zwei Monate verrichten muß. Erster „Grad“messer ist stets mein Rucksack: Läßt sich de facto nichts mehr reinstopfen und auch draußen nichts mehr dranschnallen, ist es soweit. Der zweite sind meine Unterhosen; das ist aber nicht ganz so verläßlich, weil ich die vortags getragenen Boxershorts gelegentlich mitwasche, wenn ich unter der Dusche stehe; dito die Socken. Zum dritten wasche ich – wie heute – gerne vor Reisen, einfach weil ich den Rucksack, in dem die Schmutzwäsche verwahrt wird, dann für seinen eigentlichen Lebenssinn brauche. Reisen, ich und dieser Rucksack sind eines, jedenfalls wenn sie länger als drei Tage dauern. Do hat ihn mir vor bald vierzig Jahren geschenkt; ein so professionelles Stück, daß → der Hersteller es sich leisten konnte, auf sämtliche Nähte und sogar die Reißverschlüsse eine lebenslange Garantie zu geben. Bis heute mußte ich sie nie wahrnehmen; nur zweimal – dazwischen ein jahrelanger Abstand – brach einer der Kunststoff-Klinkverschlüsse, die indes sich sehr einfach ersetzen lassen. Und ich wiederhole, was ich bisweilen gerne sage: „Alt werde ich sein, wenn ich nicht mehr mit Rucksack reise.“ Rollkoffer sind mir ja allein schon wegen der Geräusche suspekt, mit denen sie mich besonders auf Kopfsteinpflaster quälen, und an jeder Treppe werden sie zu echtem Ballast, während sich mein aufgehuckter Rucksack auch dort allerbestens tragen läßt. Abgesehen davon, daß man mit einem Rollkoffer auch nicht Fahrrad fahren kann.)

***

[19.47 Uhr
Keith Jarret, solo live Bordeaux 2016]

So, jetzt auch die „Mitnehmliste“ fertiggestellt und ausgedruckt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Falls mir noch etwas Zusätzliches einfallen sollte, werde ich es per Hand nachtragen. Bis morgen mittag soll dann alles gepackt sein. Aber dieses Journal beschließe ich hiermit.

ANH

Es ist gestochen! Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 3. September 2022, drei Tage vor Triest und Karst. Mit Erläuterungen des weiteren Tattoo-Votiv*plans.

[Arbeitswohnung, 7.58 Uhr
Keith Jarrett, solo live Shelburne, Vermont 1977]
So hab ich vor Triest nun selbst d a s noch hinbekommen; die Grundform des Tattoos ist gestochen. Jetzt muß es vier Tage unter der Schutzfolie ruhen, die ich also in Triest abziehen werde, am Dienstag. Und gleich nach meiner Rückkehr aus dann bereits Wien, wohin ich unmittelbar nach Triest weiterreisen werde, wird es weitergehen. Denn die Idee ist ja, daß aus den Spiralarmen der Triskele immer wieder Ranken herauswachsen werden, die dann auch Blätter tragen — bis sich ein komplettes Bild ergeben haben wird, das ich aber ebenfalls sich weiterentwickeln lassen möchte, ein quasi-organisches work-in-progress. Und wer weiß, was meiner Tattoo-Künstlerin alles noch einfällt. Ich muß ihr nur meine Vorstellung übermitteln, daß ich ihr die größtmögliche Freiheit gebe – für sie möglicherweise ungewohnt, weil Fotorrealistin. Was sich an diesem Tattoo sehr gut erkennen läßt, das meine Vorlage präzis realisiert hat, aber nicht, wie ich wollte, über sie hinausgegangen ist. Doch wie genau Elena gearbeitet hat, ist auf der Vergrößerung trotz der Folie sehr gut zu erkennen (dieses Bild entstand unmittelbar nach Fertigstellung im Studio):


Sehr gut ist die von mir so gewollte Haarstruktur zu sehen, aus der dann später die Ranken heraus in die Zwischenräume wachsen sollen. Was jetzt witzigerweise wie eine dritte Brustwarze aussieht, also die Erhebung unter dem Triskelenzentrum, ist übrigens der Bioport; am Ende des oberen Spiralarms erahnen Sie außerdem den kleinen ebenfalls unter der Haut liegenden künstlichen Zuführungsschlauch, den Elena ziemlich raffiniert mit dem Spiralarm verband. Aber die eigentliche Wirkung insgesamt wird sich wahrscheinlich erst erkennen lassen, wenn die Folie abgezogen sein wird.
Elena, ja. Ich hatte bis gestern ja nur von ihr gehört. Und wie fast fassungslos war ich, als sie mir dann entgegentrat; vielleicht fünfundzwanzig Jahre, allerhöchstens achtundzwanzig alt, entspricht sie dennoch frappierend dem von mir so verehrten Frauentypus: eine sehr schmale, geradezu fragile Figur mit ausdrucksvoll schmalem Gesicht unter dunklem Haar; für eine Frau erstaunlich breite, bewußt so gepflegte Augenbrauen, schmale Hände an nahezu zerbrechlich wirkenden Handgelenken, die Unterarme ein einziger sehniger Traum; wenn sie spricht, hingegen, die Stimme, sie ist kräftig, selbstbewußt – und wie hinreißend, daß sie während des Stechens immer wieder – es lief eine Musik, die ich unter Rockpop einordnen würde – nicht zu singen, nein, aber doch mitzusummen begann. Welch eine innige Konzentration! Überhaupt war die Prozedur alles andere als schwierig auszuhalten, im Gegenteil wogen die Berührungen – auch weil sich Elena immer wieder mit einem Arm auf meiner Brust und meinem rechten Unterarm abstützen mußte – jeglichen, nun jà, in Häkchen, „Schmerz“ so sehr auf, daß es meinetwegen hätte noch Stunden so weitergehen können und ich es wirklich bedauerte, als alles nach knappen zwei vorbei war. So viel körperliche Zuwendung war mir lange nicht mehr vergönnt gewesen, organisch pulsierende, warme Berührungen. Einmal, als sie meinte, bereits fertig zu sein, und mich das Ergebnis im Spiegel begutachten ließ, zögerte ich die Prozedur noch einmal hinaus, bat darum, die Spiralarme noch etwas breiter anzulegen und das Zentrum etwas mehr zu betonen. So daß ich immerhin eine weitere Viertelstunde gewann. Übrigens läßt es sich für meine Empfindung von „stechen“ nicht eigentlich sprechen; es kam mir eher wie ein leicht schrammendes Ritzen vor, dem der Brummton des schmalen Tätowier-… — ich möchte es –stifts nennen … entsprach. Wie entscheidend Klänge für mich sind, zu denen Geräusche unbedingt gehören, wissen, Freundin, Sie ja.
Einhundertfünfzig Euro wollte der Chef nachher von mir haben, dreißig weniger, als er kostenveranschlagt hatte. Ich legte zehn für Elena drauf, bat ihn, sie ihr zu geben, weil ich selbst, es zu tun, für übergriffig hielt und nach wie vor eigentlich jetzt noch halte. Solche Bakschischs sind immer etwas von oben herab, streichen die Augenhöhe durch, die mir gerade bei einem solch intimen Prozeß wichtig ist, als den ich diese „Liegung“ allezeit empfand. Ich fühlte, Elena zu beschämen, steckte ich ihr Geld zu, sie vielleicht sogar zu beleidigen. Aber er, der Chef, bat mich, es ihr dennoch selbst zu geben. „Sei sicher, sie mag es mehr, als wenn ich es ihr gäbe.“ Und so geschah es denn.
Jedenfalls ein weiteres Lebenserfahren für mich, n o c h etwas durchaus berauschend Neues, wie es seit meiner OP vor heute fast genau zwei Jahren und einem Monat nun schon so oft bereitgestanden und gewartet hat, daß ich mich darauf einließ.

Und spätabends rief Freund Sascha an, ob ich nicht auf einen Absacker schnell noch rüberkäme, es gebe Neuigkeiten … So saßen wir von halb dreiundzwanzig bis halb vierundzwanzig Uhr bei Bier auf seinem Balkon und plauderten. Er werde noch einmal Vater … – was er sich so lange schon gewünscht hat … Mich durchfuhr erneut ein Glücksgefühl mit einer nur ganz leisen Beimischung Schmerz, weil mir dergleichen nicht vergönnt gewesen ist und nach der Chemo nun auch vergönnt gar nicht mehr sein kann. Doch sowieso, Sascha ist ja fast zwanzig Jahre jünger als ich, da läuft es in den Bahnen der schönsten Natur; bei mir, jetzt mit siebenundsechzig, wäre picassohin/picassoher leicht ein Hautgoût denn doch dabei, zumal der Krebs erst nach drei bis fünf Jahren als geheilt gilt. Die finanzielle Enge kommt noch drauf, die – wenn ich mir ansehe, wie wenig Engagements und sonstige Aufträge ich überhaupt noch bekomme – möglicherweise noch zunehmen wird; damit, daß eines meiner Bücher plötzlich Geld abwirft, ist sicher nicht zu rechnen; zu sehr liegt meine Arbeit neben dem Mainstream auch in der Literatur, und viele gute Kräfte sind nachgewachsen und fordern ihr Recht, zurecht. — Nein, Freundin, ich bin nicht im entferntesten niedergeschlagen, lebe gerne wie seit je und mit derselben Leidenschaft, was aber nicht bedeutet, sich etwas vorzumachen. Abfolgen sind natürlich.

So, jetzt mal ins Bad, dann kleiden, heute wieder Anzug, dann Besorgungen tätigen, auch und gerade für Triest. Die Planung für den Aufenthalt ist abgeschlossen; wahrscheinlich am Montag stelle ich die Pläne ein. Morgen wird es den wieder nötigen halben Wäschewaschtag geben, und vielleicht schaffe ich es ja doch, wieder etwas am siebenunddreißigsten Triestbrief weiterzuschreiben. Wichtig ist es aber nicht, hat Zeit bis nach Triest, wenn ohnedies einiges wird umgeworfen werden müssen.

Genießen Sie den Sonnabend. Wie, o Freundin, ich es ebenfalls tun werde, der in Musik doch jetzt schon schwimmt.

Ihr ANH

[10.02 Uhr
Keith Jarrett, solo live Budapest Oktober 2007]

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*) Ja! „Votiv-“ statt „Motivplans“!

Der Tag des Bioporttattoos mit einer Piaggiorückschau auf gestern. Als Arbeitsjournal des Freitags, den 2. September 2022.

[Arbeitswohnung, 9.47 Uhr
Keith Jarrett, Solo Amsterdam 1983]
Also, Freundin, erst einmal erzählt, daß ich umdisponiert habe. Was folgendermaßen kam:
Punkt 10 Uhr also holte ich gestern die 125er Piaggio, was problemlos vonstatten ging, nur daß das Maschinerl erstmal nicht anspringen wollte, es beim dritten Versuch des sehr freundlichen Verleihmitarbeiters dann aber tat. Ich also in den Sattel, Helm auf, festgeschnallt und los. Womit wir bereits beim ersten Problem des Tages sind, eben dem Helm. Kaum hatte ich ihn auf, war er mir extrem unangenehm – was damit zu tun hat, daß er meinem Sensorium nach die Ohren verschließt; ich hörte alles gleichsam wie weggefiltert, etwas, das ich sowieso nur schwer aushalte. Auch deshalb kann ich nur bei geöffnetem Fenster schlafen, egal, wie warm oder kalt es ist. Überhaupt habe ich ja mindestens ein Fenster immer offen, was eben damit zu tun hat, daß ich, sind Außengeräusche weggefiltert, mich extrem isoliert fühlte. Dies ist so, seit meinen zwei Tagen Einzelhaft im, mit fünfzehn, Jugendknast. Etwas übertrieben ausgedrückt, hat mich damals nicht „traumatisiert“, eingesperrt, sondern von den Tönen der Welt weggesperrt gewesen zu sein. (Aus selbem Grund hat mir die grad vergangene Covid-Isolation überhaupt nichts ausgemacht; solange ich die Welt hören kann, bin ich nicht eingesperrt). Jedenfalls, mit diesem Helm  auf dem Kopf begann diese „Welt“ dann auch, sich derart zu entfremden, daß ich gegen den gespürten Eindruck höchst konzentriert andenken mußte. Funktionierte auch gut, solange ich in der Stadt herumgurkte – was ich etwa eine Stunde lang tat und allmählich sehr zu genießen begann, wie kraftvoll das kleine Maschinchen alles hinter sich ließ, wirklich alles, wenn die Ampel von Rot auf Grün umsprang und ich Gas gab. In diesen Situationen vergaß ich sogar den Helm. Der mir allerdings noch etwas weiteres verunmöglichte, nämlich meine Sonnenbrille auf- und abzusetzen. Durch → die künstlichen Linsen ist meine Lichtauswertung aber nicht sehr gut; bei Schatten muß die Sonnenbrille weg, indessen im scharfen Sonnenlicht drauf. Mit dem Effekt, daß ich sie draufließ, aber sich, fuhr ich in eine Schattenzone ein, meine Weltwahrnehmung zusätzlich, ich muß es so schreiben, „surrealisierte“. Durch konzentriertes Denken und weil meine Reaktionen nach wie vor schnell sind, ließ sich dieser Effekt ausgleichen — bis ich …. ja, bis ich, weil ich zum Wannsee und vor allem weiter in den Glienicker Park wollte, unbedingt … – bis ich auf die Avus fuhr, also auf die Autobahn. Darf eine 125er.
Klar, ich wollte „meine“ Liberty aufdrehen. Und tat es, war im Nu auf 95 km/h.
Nun ist die Avus ein unsägliche 10 Kilometer langes, einfach nur grades Ding, das ich schon, wenn ich Auto fahre, nicht sonderlich mag. Hier aber geschah etwas komplett Neues, das ich bislang nur einmal in meinem Leben erlebt habe, als ich nämlich, alleine wandernd, in den Hochalpen an den Rand eines enormen Kessels kam, der sich gut begehen ließ, allerdings auf einem in die quasi rundum laufende Steilwand eingetretenen Pfad von freilich fünfzig bis sechzig Zentimeter Breite, durchaus genug für guten Tritt und Halt. Aber psychisch passierte etwas Unvorhergesehenes: Blickte ich hinüber auf die andere Seite, wo es ein gut sichtbares Refugio gab, begann ich unversehens die Fähigkeit zu verlieren, Entfernungen einzuschätzen … mehr noch kamen mir diese Entfernungen jede Minuten, nein, viertelminütlich stark variierend vor. Es konnten zwei Kilometer sein, dann wieder zehn, dann wieder fünf … Was in mir eine Art Schwindel erzeugte. Genau der trat jetzt auf dieser beklemmend langen Avus auf. Ich mußte alle Konzentration zusammennehmen, um meinen Kreislauf wieder runterzukriegen, wogegen sich allerdings auch dieser leidige Helm sperrte, der unbedingt wollte, daß ich in einer wie luftdicht verschlossenen Kapsel durch ein Weltall jagte, das nur so tat, als ob es der Abschnitt einer Berliner Autobahn wäre. Hinzu kam, daß sich auch der Straßenrand mal hob, mal senkte, obwohl ich genau wußte, es sei dies eine wenn auch enorme Wahrnehmungsstörung, die übrigens frappierend dem glich, was ich bisweilen erlebe, wenn ich kiffe. Also bloß das Gas wegnehmen! Und tatsächlich, war ich auf siebzig runter, renkte sich die Wirklichkeit wieder ein, abgesehen von der Helmeinschränkung selbstverständlich, die nach wie vor so lästig blieb wie übrigens auch die auf einem Motorroller typische, von mir als komplett unorganisch-verkrampft empfundene Sitzhaltung. Ich bin mir sehr sicher, daß, hätte ich auf dem Gefährt so sitzen können, wie ich auf dem Fahrrad sitze, nämlich quasi liege — bei mir ist der Sattel so hoch eingestellt, daß keiner meiner Füße, wenn ich sitzenbleibe, den Boden berühren kann  — … also daß, hätte ich auf einem Motorrad, nicht -roller ge-ecco!-legen, die meisten dieser Phänomene gar nicht aufgetreten wären. Ich werde das gelegentlich mit einer anderen 125er überprüfen, aber, logo, nicht mehr vor Triest. (Eine gerade Sitzhaltung ist mir auch auf einem Fahrrad nicht möglich; Hollandräder sind für mich ein Horror.)
Ah-und-dann endlich, endlich die Ausfahrt Wannsee! Was war ich über ihre Kurve dankbar, die mir wieder Orientierung gab! Jetzt war auch spontan eine Art Fahrsicherheit zurück. Und ich realisierte zugleich, wie ausgesprochen rücksichtsvoll, ja einfühlsam die Autos auf der Avus auf meine Fahrt reagiert hatten. Dafür ein großes Danke. Selbst die für ihre zuweilige Rangeligkeit verrufenen LKW-Fahrer waren alles andere als selbstbezogen gewesen; ich erinnere mich noch jetzt, mit welch einer Sanftheit sie rechts an mir vorüberglitten, halb die Spur gewechselt. — Ah, der große See, prima. Ob ich mal kurz ins LCB hineinschaue, da ich doch quarantänehalber hatte nicht auf das diesjährige Sommerfest kommen können? Nein, unterbrich jetzt nicht, nutze das jetzt gesammelte Wissen und baue es aus! Also gleich weiter Richtung Potsdam und die erste Möglichkeit rechts in den Pleasure ground des Glienicker Parks, erst Nikolskoer Weg, anderthalbspurig, kurvig auf und ab, ringsum Wald, das brachte richtig Freude jetzt, hier war mein Motorradchen richtig. Kurve, zurück, Moorlakenweg, fast zwei Stunden saß ich nun schon auf dem Brummer (dessen Ventile, übrigens, in den höheren Drehmomenten deutlich klapperten, da sollte jemand mal nachsehn), zwei Stunden also, ich sollte dringend eine Kleinigkeit essen und die innere Aufgeregtheit kühlen. Also mein Gefährtchen auf dem Waldparkplatz abgestellt, gut abgeschlossen, Helm und Nierengurt im hinten aufgebockten Case eingeschlossen und die letzten paar Meter zu Fuß. Wie wunderbar die Lake lockte! Dieses Stück zwischen Jungfern- und Wannsee ist meine liebste Landschaft in Berlin; seit ich zum ersten Mal hiergewesen bin, ging meine Zuneigung nie weg, die, glaube ich, der Ausdruck einer deshalb mythischen Verbindung ist, weil es keinen real-biografischen Grund für sie gibt. — Wie auch immer, ich bekam mein (für das Tässerl ziemlich überteuerte) Pfifferlingssüppchen – „Bitte ohne die Sahnehaube“ -, fand aber keine Muße, wenigstens noch eine halbe Pfeife zu rauchen, sondern es zog mich gleich zur Fortsetzung meines Herumgurkens zur Piaggio zurück – allein, nun sprang das Ding erneut nicht an. Ich versuchte und versuchte und versuchte, heruntergebockt, wieder aufgebockt, ohne und mit kurzem Abschieben usw. usf., kurz es war nix zu machen, immer nur das klackend hoffnungslose Schnalzen der Batterie zu hören. Weshalb ich endlich, aber nicht mal genervt, beim Vermieter anrief. Der freilich fiel aus allen Socken. „Haben Sie das Licht angelassen?“ Was dachte der sich? Außerdem geht es automatisch aus, wenn der Zündschlüssel herumgedreht wird. Egal. „Bitte geben Sie der Maschine noch eine Viertelstunde Ruhe und probieren es dann erneut.“
Ich mach es jetzt mal kurz: Keine Chance. Na gut, normalerweise hätte ich mich jetzt abholen lassen können oder gar ein Taxi rufen – die nächste Bushaltestelle befindet sich erst rund drei Kilometer entfernt an der Hauptverkehrsachse zwischen Wannsee und Glienicker Brücke/Potsdam. Aber die beiden Menschen der wirklich kleinen, sogar halb privaten Verleihstelle werden eh zu kämpfen haben, um über die Runden zu kommen. Nein, hätte ich als empathielos empfunden, egal, ob meine Trainingsexkursion nun den Bach hinunterging. Außerdem würde mir ein Spaziergang durch den Wald ganz gut tun. So daß ich zu Fuß loszuziehen begann, und es war in der Tat eine herrliche Strecke, zumal voller – ohne den unseligen Helm – Naturklänge und Düfte:

Nach einiger Zeit erreichte ich denn die Königsstraße wieder; die Bushaltestelle gleich gegenüber. Blöderweise würde der im 40-Minutentakt verkehrende Bus erst in etwas mehr als einer halbe Stunde kommen. Okay, dann spazierte ich halt zur nächsten Haltstelle weiter, was soll ich hier herumstehen? Und wenn ich Glück hatte, nähme mich auf meinen herausgehaltenen Daumen jemand bis zum Wannsee mit; bis zur SBahn-Sation waren es noch fünf Kilometer …
Ich erreichte den nächsten Halt, jetzt wären es noch fünfzehn Minuten, bis der Bus kam; vielleicht zu riskant, noch einen weiteren Halt weiterzugehen. Also bleiben und brav den Damen raus. – Auto für Auto rauschte vorbei; wahrscheinlich trägt auch Covid zum Unwillen bei, jemanden mitzunehmen. Meine Stimmung blieb dennoch prima. Auch sowas ist ein, wenn auch nur kleines Abenteuer; daß ich heute dem Schreibtisch fernbleiben würde, war ja eingeplant. Als aus Richtung Wannsee ein Wagen herankam und auf der wirklich befahrenen Straße einfach wendete und anhielt. „Ich habe Sie nicht gleich gesehen, dann aber gedacht, man kann diesen Menschen doch nicht einfach so stehen lassen. Wissen Sie, ich komme aus Potsdam und bin genau die Route gefahren, die der Bus nimmt. Aber nirgends war einer zu sehen. Ich schätze, der fällt aus, da würden Sie noch Ewigkeiten warten müssen.“ Und wir plauderten. Die Dame kommt aus Kroatien, lebt aber schon lange hier. Und erzählte aus ihrer Kindheit, wie man in ihrem koratischen Dorf eigentlich aufs Trampen angewiesen war. Die Deutschen hingegen hätten einfach einen ignoranten Blick, jeder kümmere sich nur um sich selber; ihr tu‘ das immer wieder weh, es mit ansehen zu müssen.
Da waren wir schon am S-Bahnhof, und mit einem Mal hatte sich der ganze Tag schon wegen dieser Begegnung gelohnt. Als ich erzählt hatte, daß ich, und weshalb, am Montag nach Triest reisen würde, war sie sofort entflammt. Für sie, in ihrer Jugend, war Triest die Stadt der Mode gewesen … Ich gab ihr meine Visitenkarte, weil sie nun etwas mehr wissen wollte. „Schauen Sie einfach im Internet, da finden Sie mehr als genug.“ Herzlichst verabschiedeten wir uns, und ich nahm die S7 bis Bellevue; das Restchen Weges bis Moabit ging ich wieder zu Fuß und wurde im Präsidentendreieckspark von einer rasend schönen Weide begrüßt:

 

Geradezu, Freundin, märchenhaft schön, nicht wahr?

Der Rest ist schnell erzählt. Anstandslos bekam ich mein Geld zurück und hatte jetzt also immerhin zwei Trainingsstunden umsonst gehabt und alle die anderen Eindrücke. Nein, um mißgestimmt zu sein, gab es keinen Grund. Doch ein wenig erschöpft kam ich mir vor, stieg auf mein Rad, fuhr heim, und als ich hier in die Arbeitswohnung kam, warf ich mich quasi aufs Bett. Anderthalb Stunden schlief ich durch, bereitete mir an der Pavoni einen Espresso (IONIA, immer wieder und nur noch IONIA) – und fing nachzudenken an. Erwog ich meine unterm Strich ja doch Fahrunsicherheit auf der 125er, dazu meine harte Abneigung gegen den Helm sowie die Wirklichkeitsverschiebungen, die mir widerfahen waren, und brachte das in Bezug auf den Umstand, daß für den Zeitraum meiner Piaggiomiete in Triest schwere Regengüsse vorhergesagt sind, dann sollte ich klugerweise, siehe oben, umdisponieren. Und handelte. Die 125er-Buchung zu stornieren, erwies sich als problemlos, zumal sich noch ein sehr freundlicher Mailwechsel anschloß. Parallel schaute ich nach einem kleinen Mietauto, wurde sehr schnell fündig, und warf auch meine Konzeption dergestalt um, daß ich bereits an den beiden ersten Tagen, die noch strahlendes Sommerwetter haben, den nunmehr Cinquecento nehme, der überdies keine fünfzehn Gehminuten von Trieste Centrale, wo ich ankommen werde, entfernt steht, und ich buchte einen weiteren Tag hinzu, so daß ich eben an diesen beiden ersten die Exkursionen auf dem Karst vorziehen und den dritten Tag für weitere Fahrten direkt an der Küste nutzen werde; für die Stadt selbst, dann ohne Auto, werde ich da immer noch vier ganze Tage haben. Und unterm Strich – im Wortsinn – fahre ich sogar billiger. Die beiden Motorrollertage hätten mich 113 Euro gekostet; die nunmehr drei Tage Cinquecento, und zwar Vollkasko inklusive, kosten 127. Den Voucher habe ich schon.
Soweit dies.

***

Und nun heute. In etwas mehr als drei Stunden, um 15 Uhr, werde ich in dem LSD Berlin Tattoo-Studio sitzen (oder wahrscheinlich eher liegen) und mir von der mir noch unbekannten Elena diese Triskele stechen lassen. Hübsch auch, was mir „mein“ Chirurg whatsappte, nachdem ich es ihm gestern angekündigt hatte:

Wobei ich zugeben will, ein wenig nervös s c h o n zu sein; ganz ohne Schmerzen wird’s ja nicht abgehn. Mein Sohn, der wie einige andere höchst interessiert an dem Ergebnis ist, riet mir, ein dunkles TShirt anzuziehen, weil es Nachblutungen geben könne; auf einem weißen „kommen“ die nicht gut (und gehn wahrscheinlich auch schlecht raus). Aber am Montagabend, wenn ich in den Flixbus steigen werde, dürfte bereits alles verheilt sein. Nà, vielleicht, Freundin, trage ich Ihnen heute abend noch ein wenig hier was nach. Jetzt aber diesen Beitrag hinein in Die Dschungel! Und dann die Triestplanung noch mal neu organisieren. Wie sie dann schließlich aussehen wird, werde ich als eigenen Dschungelbeitrag am Sonntag formen, der im übrigen, notwendigerweise, ein Waschtag werden wird.

Ihr weiters gutgelaunter

ANH
[Keith Jarrett, Solo live in Norway 1972]

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