Joachim Zilts‘ Verirrungen. Der Anfang. Aus der Überarbeitung für Wanderer, Erzählungen I. Septime im Frühjahr 2019.

Meine Wanderungen begannen im April. Man wird sie mir so wenig glauben, wie daß ich diese Zelle, wann immer ich will, verlassen kann. Das will ich aber gar nicht. Ich fühle mich hier geborgen.
Es war ein warmer Sonntagmorgen. Christine hatte sich ins Bad begeben, derweilen ich noch etwas döste und, als sie unter der Brause stand, dem fernen Prasseln des Wassers gegen das milchige Plastik der hohlen Duschwände lauschte. Durch das offene Schlafzimmerfenster jubelte Kinderlachen vom Hof herein.Das Sonnenlicht stand ein bißchen streifig auf der Scheibe. Ich wendete den Kopf auf dem Kissen, verschränkte unter ihm die Hände und sah zur Decke hinauf. Wir hätten längst renovieren müssen, sie hatte sich scheckig vergilbt, wohl aus der Zeit noch, als wir beide rauchten.
Langsam glitten meine Blicke unter der Zimmerdecke dahin. In Wirklichkeit kletterten sie wie ein Insekt, dessen hakige Beinchen noch in der geringsten Unebenheit Halt finden können. Dabei entdeckte ich eine Art Krater. Es war nicht mehr als ein Dübelloch von irgendeinem Bohrer – aber wie seltsam! Wieso befand es sich da? Kein Mensch brächte derart seitlich eine Deckenlampe an. Dennoch fesselte es meine Aufmerksamkeit. Ich krabbelte näher heran und hatte das Gefühl, irgend etwas gehe davon aus, durchaus eine Lockung. Die Vertiefung war auch leer, doch wie von einem akustischen Schleier umgeben. Denn die Geräusche vom Hof, selbst die aus dem Badezimmer klangen, als ich den Kopf durch den Schleier steckte, unversehens fern. Ich sah zu mir hinab, legte dazu den Kopf in den Nacken, hielt mich aber am Rand des Lochs fest. Unter mir schien das Zimmer von einem weißlichen Film überzogen zu sein, der etwas Nebelhaftes gehabt hätte, wäre er nicht so trocken gewesen – pergamenten trocken, nahezu stumpf. Schnell sah ich wieder weg, schaute hoch und tiefer in das Loch und folgte der Lockung. Schon hatte ich einen Arm in den, dachte ich mit einem Mal, Krater gesteckt, der sich nach einer kurzen Verengung aber nicht weiter verschmalte, sondern so weit wurde, daß es ein leichtes war, auch mit dem zweiten Arm hineinzuschlüpfen und mich mit halbem Körper nachzuziehen.Ich war wirklich aufgeregt und tastete im Dunklen umher, um einen besseren Halt zu finden. Tatsächlich gab es in etwa einem halben Meter Tiefe einen gut zu umgreifenden Vorsprung, der sich nach einer Pflanzenranke oder einer Wurzel anfühlte, jedenfalls deutlich hölzern war. Nun hing ich momentlang hüftabwärts frei in der Luft, nahm all meine Kräfte zusammen und brachte mich vermittels eines halben Klimmzugs in die Lage, rechts einen Fuß in die Kraterwand zu stemmen. Indem ich nun das Knie streckte, schaffte ich es mit dem gesamten Körper in den Krater hinein, stand drinnen sicher mit gespreizten Beinen auf der inneren Wulst und richtete mich auf.
Einen Moment lang holte ich Atem. Dabei spähte ich umher, um zu sehen, wo ich eigentlich war. Denn eine Zimmerdecke, also der Boden der Wohnung über uns, konnte es nicht sein. Dazu war viel zu viel Raum.
Natürlich mußte ich vorsichtig bleiben. Es bestand immer noch das Risiko, plötzlich abzurutschen, durch den Krater nach draußen zu gleiten und nach gänzlich freiem Fall wieder im Schlafzimmer aufzuknallen. Daß ich glücklich im Bett landen würde, war nicht ausgemacht. Bei einem weniger glücklichen Sturz schlüge ich vielleicht halb aufs Gestell und bräche mir das Rückgrat.
Doch ich hatte Glück, mußte nur etwas weiter in den Raum vordringen. Was ich tat. Dann reckte ich mich, um nach weiteren Ausgängen zu schauen, die es, obwohl ganz am Ende des, ja, Saales, muß ich sagen, auch gab. Allerdings sah ich sie erst, nachdem ich einen Horst niedriger, kieferartiger Gebilde oder Gewächse passiert hatte. Es waren ihre Wurzeln gewesen, was mir beim Hineinklettern den Halt gegeben hatten. Die harten Blätter dieser Pflanzen, oder was immer es war, waren ganz wie die Wurzeln zu Spiralen eingedreht. Neben einem in das Gehölz führenden Weg hatte jemand gesägte Stämme aufgeschichtet. Es war dies ein deutliches Zeichen von Zivilisation. „Ist jemand hier?“ rief ich deshalb in die Leere der Weite hinein.

>>>> Dort.

(…)

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4 Kommentare zu Joachim Zilts‘ Verirrungen. Der Anfang. Aus der Überarbeitung für Wanderer, Erzählungen I. Septime im Frühjahr 2019.

  1. elfi sagt:

    Ist das so eine Geschichte, in der der Held erkennen muss, wie klein er eigentlich in Wahrheit ist? Nicht schlecht. Keine unwichtige Erfahrung.

    Diese gestelzten, altertümlichen Wendungen, ins Bad „begeben“ und „derweilen“ sind sicher als charakterisierende Sprache für den aufgeblasenen Helden gemeint, der hernach erkennen muss, dass er in Wahrheit ins kleinste Dübelloch passt. Leute, die so sprechen, die spreizen ja auch den kleinen Finger ab, wenn sie die Teetasse geziert an den Mund führen.

    Na, mal sehen.

    • @elfi:
      Woher nehmen Sie den Eindruck, daß der – nun jà, Ihrerseits ein seltsames Wort – „Held“ aufgeblasen sei? Weil er eine veraltete oder Ihnen als so erscheinende Formulierung verwendet? Daraus schon erkennen Sie Selbstaufblähung? Sind Sie bei Verwendung von Umgangssprache auch so empfindlich und nennen jemanden, der in ihr schreibt, ordinär? Da hätt dann der Rap gar nichts zu lachen.
      („derweilen“ übrigens, da stimme ich Ihnen zu, sollte um „en“ verkleinert, auf keinen Fall aber durch ein fortwährendes „während“ ersetzt werden – einfach, um der Verarmung unserer Sprache zu wehren.)

  2. elfi sagt:

    Sagt man das nicht so? Ist die Hauptfigur eines Textes nicht der „Held“? Wenn das falsch ist, dann müssen Sie entschuldigen, ich kenne mich mit den höheren Geheimwissenschaften der Literatur nicht so richtig aus; bin nur eine banale Leserin.

    Aber es scheint mir schon so zu sein, dass jemand, der plötzlich feststellt, dass er in Wirklichkeit in son lüttes Dübelloch passt, vorher etwas ‚aufgeblasen‘ gewesen sein muss.

    Vielleicht ist das aber ja nur typisch Mann (ist ‚typisch Mann‘ und ‚aufgeblasen‘ eigentlich ein Pleonasmus? Das wissen Sie sicher besser als ich.) – also typisch Mann, einer der sich in jedes Loch zwängen muss, sei es noch so klein.

    Bitte retten Sie weiter die Sprache vor der „Verarmung“, macht ja sonst keiner. Aber, dass sie nun aus „derweilen“ wenigstens ein „derweil“ machen, das begrüße ich von Herzen. Also habe ich nicht in den Wind gesprochen.

    Ihre Ihnen immer geneigte Elfi

  3. @Elfi:
    Niemand, an deren und dessen Argument mir etwas zu sein scheint, spricht bei mir in den Wind. Leser:innen Der Dschungel müßten diese Erfahrung längst gemacht haben.

    „Mann“ und „aufgeblasen“ ist ganz sicher ein Pleonasmus, da es auch aufgeblasene Frauen gibt. Ihre allzu auf der Hand liegende Herleitung aus dem Dübelloch greift dabei metaphorisch, bzwl symbolisch zu kurz. Sie ist realistisch, da liegt das Problem. Ins Aleph, bei Borges, paßt die gesamte Welt, der ganze Kosmos, zu dem logischerweise dann auch „die“ Frauen gehören.

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