DAS DUNKLE FASZINOSUM
Kleine poetologische Anmerkung
zu Stella Goldschlag als Romanfigur

[Geschrieben für den WDR 3,
ausgestrahlt am 26. 5. 2019 in „Gutenbergs Welt“
Mit Walter van Rossum]

>>>> PODCAST

 

Wir selbst, die letzte Instanz
der Verdunklung.
Walter van Rossum am 25. Mai 2019

Spezielle Figuren der Weltgeschichte tendieren dazu, literarische Fiktion zu werden, ja rufen, nein, schreien danach. Dabei ist es ohne Bedeutung, ob es sich um schlechte oder gute Menschen gehandelt hat oder ob um erzwungenermaßen „schlechte“ wie eben Stella Goldschlag, die nach einer Folterbehandlung durch Schergen des Hitlerregimes, sowie aufgrund schärfster Erpressung, sich mit den Völkermördern handgemein machte und, selbst eine Jüdin, im Verborgenen lebende Juden der Gestapo auslieferte und damit, was sie wußte, der Vernichtung anheimgab. Dabei war sie, anders als etwa Eichmann, durchaus nicht banal, sondern strahlte ein Faszinosum aus, dem möglicherweise etwas zugrunde lag, das wir heute Empathielosigkeit nennen. Das Möglicherweise, genau diese Nichtgreifbarkeit der „Greiferin“, auch „Tigerin“ genannten Frau ist es, was die künstlerische Darstellung sogar verlangt – nicht anders als, sagen wir, Messalina oder Poppea, Richard III oder Gustav Gründgens. Es stellt sich allenfalls die Frage, ab wann sie realisiert werden darf. Vielleicht wäre es im Fall von Takis Würgers Roman „Stella“ besser gewesen, auf eine Zeit zu warten, in der auch indirekt Beteiligte und Betroffene nicht mehr am Leben sind – so, wie es Richard Ellmann für James Joyces autobiografische Dichtung „Giacomo Joyce“ verfügt hatte: wenn niemand mehr verletzt werden kann – schon gar nicht ein Opfer.

Indes, daß sich die Darstellungen solcher Figuren von ihren Urbildern oft sehr unterscheiden, ist dem Entstehungsprozeß von Kunst zuzuschlagen, nicht einem Unvermögen ihrer Urheber. Es gibt einen Fetisch der Dokumentation, den die Künste zu mißachten haben. Rücken sie sie – wie leider Würger und sein Verlag – dennoch in den Vordergrund, ist das Debakel schon erzeugt.

In Frau Goldschlags Fall, als einer Engführung von Täterin und Opfer, ist das künstlerische Darstellungsdrängen allerdings besonders massiv. Nur daß Takis Würger derselben Faszination zum Opfer fiel, die schon auf die Männer wirkte, mit denen das Urbild seiner Figur sich umgab. Allein schon, daß er seinen Roman nach ihrem Vornamen nennt, indiziert eine falsche Vertraulichkeit. Sie ist ein Mangel an der nötigen gestalterischen Kälte. Er wird dem Roman zum Verhängnis – künstlerisch aber, nicht hingegen moralisch. Deshalb gehen die meisten seiner Kritiker fehl.

Ja, das Buch ist über weite Strecken Kitsch. Das liegt an der Konstruktion des Erzählers als naivem jungen Mann, der imgrunde Junge bleibt und deshalb gar nicht anders kann, als jungengemäß zu schildern. Er kennt weder Ambivalenz noch Zweifel, und wenn er doch mal einen spürt, begibt er sich umgehend in die Komfortzone zurück, die vielen Lesern lieb. Was jenseits der Liebesgeschichte, nämlich unter ihr, dräut, das Ungeheure, wird übersurft. Eine „Verdunkelung“ oder gar Leugnung „der Umstände“ hat Würger hingegen nicht betrieben und mit Absicht schon gar nicht. Sein Roman sieht nur die Abgründe nicht, Stellas Gründe, weil es sein junger Mann Anton nicht tut. Und auch die Folgen ihrer Handlungen kaum. Sie werden in dem Buch nur in Form mit der Erzählung-selbst unverbundener, zudem rechtsstaatlich fragwürdiger Protokolle zitiert, kaum anders als die ziemlich schlicht dazugeklatschten Reader‘s Digest Abrisse historischer Parallelgeschehen. Und wenn es doch einmal um die Schilderung eines Unheils geht, etwa der Folterung, wird der Roman plötzlich holzig. Da referiert er, anstatt zu gestalten. Ferner als dort kann ein Autor seinem Stoff gar nicht sein.

Dennoch gelingen Würger Formulierungen, die durchs Mißlingen funkeln wie Bernstein im Licht. „Schweigen wurde meine Art zu weinen“ ist so etwas, auch wenn es natürlich „zu schweigen“ heißen müßte, um ein wirklich guter Satz zu sein.

Doch Würger behält einen Blick bei, den er aus den Erinnerungen eines ganz anderen Autors übernommen hat, nämlich von Peter Wyden, der sich als Stella Goldschlags einstiger Mitschüler auf ihre Spuren begeben hatte, eines in seiner Erinnerung eben noch Mädchens, in das er als Junge verliebt gewesen. Wydens hoch bildhafte Dokumentation seiner Recherche erschien in deutscher Übersetzung 1993 bei Steidl.

Indem Würger Wydens einstigen Bubenblicks konserviert, doch Wydens spätere geradezu Not ignoriert, wirkt nun auch die erwachsene Stella wie ein noch immer argloses Mädchen, ja ein zu Schuld gar nicht fähiges Kind – etwa wenn sie in innigen Momenten mit ihrem, muß man fast sagen, Händchen Antons Zeigefinger, nicht etwa den Phallus umklammert. Kein Gedanke daran, daß sowas vielleicht inszeniert ist, weil die raffinierte Frau ihr Jungchen halt kennt. Womit ich wieder beim Kitschvorwurf wäre.

Nur gehören auch kitschige Bearbeitungen in den Bereich künstlerischer Prozesse. Kaum jemand regt sich darüber auf, daß nahezu jeglicher Beatles- und jeder Song Madonnas Kitsch ist; wieso soll das anders in der Literatur sein? Es gibt halt gute und schlechte Literaturen – und formal ambivalente. Daß Würgers sentimentales Buch die Kulturindustrie füttert, ist das eine; ihm dies moralisch vorzuwerfen – als etwas auf Kosten der Opfer – , dagegen bizarr. Man müßte denn auch Händels Cäsar verbieten, um von seinem Alexander zu schweigen.

Der Roman ist einfach nur nicht Dichtung. Antons Jungenblick vertut die künstlerische Möglichkeit, in das zwiespältige Wesen des, ich sage mal, „Bösen“ einzudringen – etwa dort, wo Stella Goldschlag ihre Judenjagd weiterbetrieb, als der Grund der Erpressung wegfiel, nämlich ihre Eltern zu retten. Zumal sich bei Wyden mehr als nur Indizien einer Perversion von Nötigung in Wollust – die triumphale Ekstase der „Tigerin“ am erlegten Wild – finden lassen, –– eine der Identifikation mit dem Aggressor wahrscheinlich verwandte Dynamik. Bei ihm, bei Wyden, ahnen wir wirklich das Ungeheure, Ungeheuerliche, das Würger nahezu tilgt. Hier wäre eine Konstruktion zu finden gewesen, die es zumindest berührt. Und daß genau dies die enorme Faszination, die dunkle, am Leben hielt, die Stella Goldschlag umgab. Mithin, welch künstlerisch hinreißende Vorlage!

Daß jetzt ein Prozeß wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts gegen Würger angestrengt wird, ist hingegen ein ebenso banaler, doch halt geschäftspfiffiger Akt, auf den sich der moralische Vorwurf ganz genauso anwenden läßt. Es will schlicht jemand Geld verdienen. Einerlei aber, ob Würger unterliegen wird – es wird weitere künstlerische Arbeiten zu Stella Goldschlag geben, wie sie zu Messalina eben auch entstanden und weiterhin entstehen werden. Dazu hat Takis Würger den Anstoß gegeben. Das wird ihm und seinem Buch bleiben – als Verdienst. Nämlich interessiert die Kunst nicht Moral, schon gar nicht das Recht, sondern bildhafte Wahrheit jenseits der Zeit. Für die lassen sich Künstler auch nach Tomi verbannen.

__________
ANH, Mai 2019

Berlin

Dieser Beitrag wurde unter Essays, Kulturtheorie, LexikonDerPoetik, Rezensionen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu
DAS DUNKLE FASZINOSUM
Kleine poetologische Anmerkung
zu Stella Goldschlag als Romanfigur

  1. Beate Dirnfellner sagt:

    Hallo Alban, Dein Einwurf „Zu schweigen wurde meine Art zu weinen“ ist Literatur!! Ich danke Dir für den Hinweis zu Peter Wydens „Stella Goldschlag“. Peter Wyden, der nichts anklagt, sondern verstehen will, trotz aller Schmerzen. Interessant auch die Verbindung zu Robert Jay Lifton und dessen Studien über die Ursachen und Folgen von Krieg. Ich habe ihn übrigens mal persönlich kennen lernen können. Eine faszinierende Persönlichkeit. Liebe Grüße Beate

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.