III, 435 – Stavolta: No! obwohl…

Sein Vokabular erweiterte sich jeden Tag. Das Licht, der Himmel und auch die Fenster hießen ‘tole’ (‘sole’). Die Außenwelt hinter der Eingangstür, die ihm von der Mutter verwehrt und verboten war, hieß ‘no’. Die Kreatur ist nicht mal ein Jahr alt. Rom, Anfangs der vierziger Jahre. Frucht der Vergewaltigung durch einen deutschen Soldaten, eines im Grunde unerfahrenen Jungen aus der Gegend von Dachau. Drei Tage später auf dem Weg nach Afrika abgeschossen, ertrunken, wer weiß schon was.
Die junge Mutter ist Witwe eines aus Messina, der auf wunderbare Weise das dortige Erdbeben und den dortigen Tsunami überlebt hat, aber nicht seinen Krebs, die Mutter eine Jüdin aus Padua, sie, die Tochter, aufgewachsen in Caserta, Kalabrien. Eine lebensscheue Lehrerin, keine Freunde. Einen Sohn hat sie schon, mittlerweile halbwüchsig, ein ziemlich dreister Bursch’, Dialekt die Sprache seiner herausfordernden Kommunikation. Natürlich Schwarzhemd-Pimpf, aber ohne politischen Hintergrund, es sei denn Prahlerei tout court. Die Schwangerschaft wird verheimlicht… Dann aber doch die Wehen. Niederkunft bei einer im römischen Ghetto kennengelernten Hebamme. Danach Segregation des Kleinen.
Der schon vorhandene Bruder ist ganz aus dem Häuschen, denkt sich sein Teil angesichts der Lüge vom “gefundenen Kind”. So lebt das Kind in den vier Mauern der Wohnung bis zum nächsten Frühjahr/Sommer. Als der Bruder beschließt, ihn zu einem Spaziergang nach draußen mitzunehmen, gegen das Verbot der Mutter (die in dieser Sequenz gar nicht mehr auftaucht). Und so geht’s die Treppen hinunter, der Kleine (Giuseppe) auf den Schultern des Bruders:

E così detto, con azione immediata, si issò Giuseppe a cavalluccio sulle spalle, volando come il ladro Mercurio giù per la scala, mentre Giuseppe, nella tragedia divina della infrazione, mormorava in una sorta di cantilena esultante: “No… No… No… No…”

Elsa Morante: La storia (eine Lektüre, die anfängt, mich in ihren Bann zu schlagen: Geschichten unscheinbarer Leute (selbst da ansatzweise Identifikationsmuster zur eigenen Geschichte, mutatis mutandis, was kindliche Lebensverhältnisse betrifft)).
Für jedes Jahr eine Art Wochenschau über das, was in der Welt vorgeht: Abessinien, Nordafrika, Stalingrad, Flächenbombardements. Wie ausgeblendet aus der Geschichte, die erzählt wird, die aber nicht die Geschichte ist, aber dennoch mit ihr zu tun hat.
Und so auch am Samstag. Setzte mich auf meine Schultern in einem langsam ausklingenden “No, No, No”, zunderte alle Treppen, log mir etwas von wartenden Schuhen vor und näherte mich dem Höllenfluß, der da Rio Grande heißt, ohne den Atlantik überqueren zu müssen, lediglich ein schilfbestandenes grünfarbiges Gewässer, das dem amerinischen Hügel zu Füßen liegt. Ja, eher liegt als fließt, auch wenn dann der Wind den Eindruck eines solchen Fließens erweckte, als ich unten war, weil sich das Wasser in der Richtung des Windes kräuselte. Ich weiß, Ibn Hamdîs hat dafür ganz andere Assoziationen.
Aber beim Hinabgehen auf einer mittlerweile für den Autoverkehr gesperrten Straße (der Grund hierfür ist mir nicht wirklich klar) ging es durch einen Wald hinab. Das machte ich ganz langsam. Wann komme ich schon durch eine Art Wald? Durch solche Geräusche? Blattwerk fingert, vorwitzige Feigenblätter.
Kurz, da unten am Rio Grande feierte der Bioladen, der Pianeta Verde (in der Tat: “il pianeta”), sein zehnjähriges Bestehen. Und traf tatsächlich so ziemlich all die Leute, die ich im Lauf der Jahre hier kennenlernte. Es war behaglich. Aber zum Essen mochte ich doch nicht mehr bleiben (Schlange stehen und an irgendeinem Tisch sitzen mit zusammengewürfelten Leuten: meine Gespräche hatte ich schon geführt). Zum Glück traf ich jemanden aus dem sizilianischen Noto (Geburtsort von Ibn Hamdîs), der hier in der Gegend wohnt und gemeinhin “Ciccio” genannt wird, der ebenfalls das Essen desertieren wollte und mit einem Auto da war.
Die Sache war nämlich die, daß die Altstadt am Abend wegen eines Laufwettbewerbs für Autos gesperrt war. Tatsächlich stieg ich vor dem Stadttor aus seinem Wagen und sah mich gezwungen, den Weg hinauf selbstbeinig anzutreten. Das ging wegen meiner Beine deshalb sehr glimpflich, als ich ständig laufende Leute hinter mir schnaufen hörte, weshalb ich ab und an ein Weilchen stehen blieb, um sie vorbeizulassen. So wurde ich dauernd überholt, um aber dann bei mir als erster anzukommen.

III, 434 – Ja!

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3 Responses to III, 435 – Stavolta: No! obwohl…

  1. Welch ein s c h ö n e r Text, lieber Herr Lampe!

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