Nabokovs Venezianerin von Sebastiano del Piombo. Nabokov lesen, 10. Die Erzählungen I,2.

[Zitate:
Übersetzung aus dem Russischen von Gisela Barker]

 

 


So bleibt also die trockene, verschrumpelte Frucht,
die der Gärtner zufällig fand, das einzig ungelöste
Rätsel in dieser ganzen Erzählung.

 

Die erste der frühen, doch nach meinem Eindruck höchst ungewöhnlichen, weil so hinreißend perfekten Erzählungen Nabokovs, daß ich gesondert von ihnen erzählen möchte, ist diese aus seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Er selbst notiert, sie sei am 5. Oktober 1924 entstanden, also an einem einzigen Tag. Was ich schon deshalb bezweifle, weil sie siebenundvierzig Seiten zählt. Wahrscheinlicher ist, daß Nabokov sie – auf Karteikarten damals schon? – an diesem Herbsttag skizziert hat. Es käme schon einem Wunder gleich – einem im Wunder, daß dieser Romancier ganz selber ist – wären ihm Sätze wie der folgende erst rasend durch den Geist, dann über Finger und Feder aufs pappharte Papier geflossen, ohne daß jener nachher noch hätte zumindest etwas feilen müssen:

Deshalb dachte jetzt auch Simpson, vor dem gerade eine längst verstorbene Vernezianerin in Samt und Seide auferstanden war, dachte, während er langsam den violetten Weg der zu dieser Vorabendstunde stillen Allee entlangging, sowohl an seine Freundschaft mit Frank als auch an die Harfe des Vaters und seine freudlose, beengte Jugend.
S.245

Inhaltlich ist die Erzählung eine Variation auf Wildes Dorian Gray. Mit der modernen Raffinesse eines quasi doppelt so alten Autors, wie damals Nabokov in Wirklichkeit w a r; nimmt sie gewissermaßen Buñuels Le Fantôme de la liberté voraus – Sie erinnern sich gewiß, wie morgens auf dem Bett ein Brief liegt, den nachts der Postbote im Traum gebracht …  Solch ein Brief ist in der Tat die trockene, im Motto genannte Frucht. Alles andre löst sich auf oder scheint sich aufzulösen. Ganz sicher ist nämlich auch dies nicht.  Es bleibt bei allem

das Knistern eines von unsichtbaren Füßen berührten Astes (, der) die klangvolle Stille des Waldes vollständig macht,
a.a.O.

der diese Geschichte, wie die Erzählungen zunehmend mehr, eben i s t. Reizvoll dabei ist eine der ersten s o ausgedehnten Tennisspielbeschreibungen (hier eines Doppels), daß sie nicht etwa ein sportlicher Bericht ist, sondern vor allem insofern der Charakterisierung der Personen dient, als wir sofort merken, wer hier erotisch zu wem gehört:

Inzwischen waren Frank – Sohn des Gastgebers, eines englischen Obristen – und Maureen, die schon fünf Spiele hintereinander gewonnen hatten, auf dem besten Wege, auch das sechste für sich zu entscheiden. Frank, der den Aufschlag hatte, warf den Ball mit der linken Hand hoch in die Luft, bog sich dabei weit zurück, als fiele er rücklings zu Boden, schnellte in einer großen Bogenbewegung wieder nach vorne und streifte mit dem aufblinkenden Schläger den Ball. Der schoß über das Netz, sprang hoch und pfiff wie ein weißer Blitz an Simpson vorbei, so daß der ihm nur noch hilflos hinterhersehen konnte.
S.235/236

Nur daß Maureen die jugendliche Gemahlin des Gemälderestaurators Magor ist, der den wohl deshalb auf Revanche sinnenden Schöpfer allen Lebens

lediglich für einen mittelmäßigen Epigonen jener Meister (hielt), die er jetzt vierzig Jahre lang studiert hatte.
S.235

Da die „hochgewachsene, dunkelhaarige, fröhliche Maureen genauso unbekümmert lebte, wie sie spielte“, fällt die Revanche nicht schwer. Wobei es in dieser Geschichte darum nicht eigentlich geht. Sondern wer einem Gemälde verfällt, den nimmt es auf —falls er den Versuch denn wagt und auch den Schlüssel findet, auf dessen Reite in der Venezianerin allerdings keine Zahl, sondern eben MAUREEN steht, und es ist keineswegs dieser Frank, mit dem die menschlich ebenso Benannte sich offenbar nun auch im Gemälde zu vereinen anstrebt, sondern sein schüchterner Freund Simpson, bei dessen insgesamter Einschätzung wir allerdings, rät Nabokov, bedenken sollten,

daß er ein krankhaft exaltierter Mensch war, (der) das Leben kaum kannte(,) und daß Empfindsamkeit bei ihm den Verstand ersetzte.
S.264

Schon deshalb kann er nicht wirklich ein Kunstkenner sein. Dennoch offenbart ausgerechnet ihm

das Gesicht der Venezianerin mit ihrer glatten, vom geheimnisvollen Widerschein eines olivgelben Mondes übergossenen Stirn, mit ihren undurchdringlichen, dunklen Augen und dem ruhig abwartenden Ausdruck ihrer sanft geschlossenen Lippen die wahre Schönheit jener Maureen (…), die ständig lachte, das Gesicht verzog und mit den Augen rollte – in beständigem Kampf mit der Sonne, die in hellen Flecken über ihr weißes Kleid huschte, wenn sie auf der Suche nach einem verschlagenen Ball mit ihrem Schläger das raschelnde Laub zerteilte.
S.241

Und weil ihn der jungen Dame ziemlich hagestolzer Gatte sich vorzustellen aufgefordert hatte,

es gelänge jemandem, statt eine gemalte Figur aus dem Rahmen herauszuholen, selber in das Bild hineinzusteigen,
S.251

und überdies darauf besteht, ihm selbst sei dies gelungen, darum geschieht, was geschieht. Nur daß der arme Simpson aus dem Bild dann nicht mehr souverän herauskommt. Statt dessen wird er morgens von seinem Gastgeber mitten im Gemälde entdeckt, der ziemlich sauer darob ist – ist ihm doch hintertragen worden, daß sein Sohn, das lebensfrohe Urbild eben jenes James Deans, heimlich selber male. In der Tat, eine Neigung, die den jungen Mann verdunkelt.
Nun ist der Oberst Brite:

Er spürte sofort, daß es unangebracht war, seinem Zorn freien Lauf zu lassen vor einem Mann, dem gerade die Frau davongelaufen war,

nämlich dem Magor mit James Dean, also Frank, der nun seinem Vater den festgemalten Simpson als Souvenir statt eines Grußworts dagelassen. Jener nun, dies bedenkend, ging

zum Fenster, blies die eine Hälfte seiner Wut hinaus, schluckte die andre hinunter, strich sich den Schnurrbart glatt und wandte sich, schon wesentlich ruhiger, an Magor.
S.274

Es ist dem Oberst sofort klar, daß sich sein Sohn an ihm wohl jener Rüge halber gerächt hat, die der Senior dem Junior wegen dessen allzu allzu offensichtlicher Affaire mit seines Freundes Frau erteilt. So hatte Dean nun flugs den eignen Freund in die Venezianerin nächtens hinzugemalt. Welch eine ironische Schändung! Bei deren Qualität es, übrigens, egal ist, daß sich der del Piombo später als eine Fälschung herausstellt. Die ist ja nunmehr echt. — Der Vater spürt’s so tief, daß seine Achtung zum letzten Satz dieses ganzen Kabinettstückes wird:

„Ich bin stolz auf meinen Sohn“, sagte der Oberst ruhig.
S.278

Erst einmal soll aber der Simpson aus dem berückenden Bild wieder raus, zumal es erstmal noch als echt gilt. Wozu, sofort damit beauftragt, Magor selber, der nun gehörnte Restaurator, „Salmiakgeist, eine Rolle Watte sowie verschiedene Lappen und Radiermesser“ nutzt, bevor er die Schlieren des armen aufgelösten Simpsons als in jenen haftende Farbe erst betrachtet, dann sie

mit sonderbar verzerrtem Gesicht zu einem Klumpen zusammen(drückt) und (…) aus dem Fenster (wirft), neben dem er gearbeitet hatte.
S.276

Seine Form der Rache. Zwar gab es

eheliche Beziehungen (…) (…) zwischen ihnen schon über ein Jahr nicht mehr, doch er ging trotzdem jeden Morgen zu ihr und schaute mit hilfloser Erregung zu, wie sie sich frisierte, heftig den Kopf hin und her warf und mit dem Kamm in dem kastanienfarbenen Fittich ihres straff gespannten Haars ein zirpendes Geräusch erzeugte. Heute, zu dieser Stunde mußte er feststellen, daß das Bett nicht benutzt und mit einer Nadel ein Zettel ans Kopfkissen geheftet war.
S.272

Dem er den Sachverhalt, nunmehr allein zu sein, bereits entnahm, bevor er den Simpson aus dem Gemälde erst löste und dann, ihn aus dem Lappen pulend, zusammenklumpte und, wie erzählt, aus dem Fenster warf. Bloß daß er nun, der Simpson, direkt unter diesem, dem Fenster, als im Fleische auferstanden entdeckt wird, und zwar ziemlich sofort nach dem, im Wortsinn, Hinauswurf. Jetzt auch im Geist erwachend, stammelt er, einen ungeheuerlichen Traum gehabt zu haben, nachdem er nachts, nämlich hier auf dem Rasen, eingeschlafen sei.

Der wundervolle poetische, lassen Sie es mich „Trick“ nennen, dieser Erzählung ist nun aber eben n i c h t diese doch recht klischierte Auflösung, als vielmehr, daß zugleich die surreale Erzählung in der Möglichkeit b l e i b t. Genau darin zeigt sich die Kunst des jungen Meisters. Denn nun hebt der Gärtner, der den noch Schlafenden zuerst entdeckt, jene „kleine, dunkle Zitrone mit dem Abdruck von fünf Fingern“ aus dem Rasen auf, die nicht nur einer der verschlagenen Tennisbälle sein könnte, nach denen tagsvor Maureens im Laub scharrender Schläger offenbar erfolglos gesucht hat, sondern  —

Die Venezianerin lächelte ihm von der Seite her zu, zog ruhig ihren Pelz zurecht, ließ ihre Hand in den Korb sinken und —

— ja!, reichte ihm eben diese Frucht, die nun vom Gärtner, nicht im entferntesten im Traum, vielmehr in einer höchst materiellen Hosentasche davongetragen wird. Wir wissen es nicht, aber vielleicht wird es ihm nachher, wenn er sie wieder hervorholt, wie Simpson ergehen (und wir wünschen es ihm), als der noch in dem Bild war:

(…) sowie er deren genarbte, feste Kühle und die trockene Wärme ihrer langen Finger spürte, begann eine unwahrscheinliche Glückseligkeit lieblich in ihm zu sieden und zu brodeln.
S.271

 

 

 

 

 

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Vor einem roten Schloß grünte eine von prächtigen Ulmen umstandene junge Rasenfläche. Am frühen Morgen glättete sie der Gärtner mit einer steinernen Walze, rupfte zwei, drei Gänseblümchen aus, zog mit flüssiger Kreise die Linien nach und spannte zwischen zwei Pfosten ein neues, elastisches Netz. Aus dem nahen Städtchen brachte der Majordomus einen Pappkarton, in dem ein Dutzend schneeweißer, sich stumpf anfühlender, noch leichter, noch jungfräulicher Bälle ruhte, die – kostbaren Früchten gleich – einzeln in Seidenpapier gewickelt waren.

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