A u r e l i a n s: Nabokov lesen, 11. Die Erzählungen I,3.

 

(…) denn Pilgram gehörte zu einer besonderen Gattung von Träumern,
oder vielmehr war er bestimmt, zu ihnen zu gehören (aber etwas – der
Ort, die Zeit, der Mann – war schlecht gewählt worden), zu jenen näm-
lich, die im Englischen einstmals aurelians genannt wurden — vielleicht
um der
Chrysaliden willen, jener ‚Kleinode der Natur‘, die sie so gern
an Zäumen über den staubigen Nesseln von Feldwegen hängend fanden.

 

 

 

Die zweite der für mich herausragenden Erzählungen des Ersten Bandes scheint mir, auch wenn sie —

— hier erneut, nach Peter Pertzovs und Nabokovs eigener Übersetzung (aus dem Russischen ins Englische), aus
dieser ins Deutsche von Dieter E. Zimmer übertragen —

                                                                                                                                                  — des jungen Romanciers Matrix f o r m a l nicht verläßt, die 1930 entstandene, melancholisch süße Geschichte Paul Pilgrams zu sein, nach dessen Nachnamen sie benannt ist und in welchem, wiederum, nicht nur Charles Dickens mitzuschwingen scheint, sondern auch deshalb etwas von Pilgern anklingt, Weisheits- und Wahrheitssuchern, die, wie wir lesend erleben, auch in der Fauna Erscheinungen finden, jenseits herkömmlicher Religionen. Dabei dürfen sie sogar, wie dieser, von einem kleinschurkischen Tau überzogen sein (sofern es ihr Schicksal denn wollte), dabei zugleich nur

ein abgekämpfter, älterer Mann mit gerötetem Gesicht, glatt anliegendem Haar und einem nachlässig gestutzten, angegrauten Schnurrbart. (…) Unweigerlich bestellte er Rum, stopfte seine Pfeife und sah dem Spiel mit rötlich gerandeten, wässerigen Augen zu. Das linke Augenlid hing leicht herab. Seine Beine schienen für den Körper zu dünn (zu sein).
S.499/500

Daß er kein wirklich geselliger Mensch, sondern einer ist, der trotz seiner Ehe am Rande der Gesellschaft steht, erfahren wir quasi sofort, eine verschrobene, irgendwie eingestaubte Antiquität, die nicht nur mit kleinproletarischem Ekel über „Diese heutige Jugend!“ ächzt (S.503), sondern von der man darüber hinaus anzunehmen geneigt ist, daß ihre allnächtliche

Steppdeckenstarre völlig frei (…) von Traumvisionen (war); doch in Wahrheit träumte dieser ungeschliffene, schwere Mann, der sich hauptsächlich von Erbswurst und Pellkartoffeln nährte, (…) von Dingen, die seine Frau und seine Nachbarn völlig unbegreiflich gefunden hätten (…).
S. 502

Nämlich

so deutlich, als wäre es eine eigene Erinnerung, sah sich Pilgram die Nachtruhe eines kleinen Hotels stören, indem er in einem Zimmer herumstapfte und -sprang, durch dessen weit geöffnetes Fenster ein weißlicher Nachtfalter aus der schwarzen, freigebigen Nacht hereingeschwirrt war und in einem geräuschvollen wirbelnden Tanz seinen Schatten an der Zimmerdecke küßte.
S.509

Aber mehr noch hatte er in

diesen seinen unmöglichen Träumen (…) die Insel der Seligen besucht, wo in den heißen Barancas, welche die unteren Hänge der mit Kastanien und Lorbeer bedeckten Berge zerschneiden, eine merkwürdige lokale Rasse des Kohlweißlings vorkommt; und auch jene andere Insel, jene Bahndämme bei Vizzavona und die Kiefernwälder weiter oben, die das Revier des gedrungenen und dunklen korsischen Schwalbenschwanzes sind.
S.509/510

Indessen statten diese Träume genauso sein Arbeitsleben aus, und tatsächlich konkret. Seinen kleinen dunklen Laden füllen neben vielerlei Krimskrams Schmetterlingssammlungen, sowohl präparierter, also genadelter, als aber auch lebender Tiere besonders im Zustand der Verpuppung; Nabokov schenkt das Glück, das ihm seine eigene Leidenschaft gewährte, hier einem ganz anders gearteten Menschen, als er selber ist, und er schenkt ihm, so oder so, Erfüllung. Es ist diese Prosa gewiß eine der menschlichsten Geschichten dieses Autors, eine, die ihre Hauptfigur liebt. Nebenbei bemerkt er, es sei nach ihm, Pilgram, ein Nachtfalter sogar benannt: agrotis pilgrami – wobei wir selbstverständlich nicht überprüfen können, ob der Wiener Herr Dr. Rebel, der den Namen prägte, tatsächlich unseren Helden im Sinn hatte; er habe über Falter aber, dieser, „mehrere Beschreibungen publiziert“, ganz wie später Nabokov selbst.

Wie auch immer, durch mehr oder minder Zufall wird Herr Pilgram in den Besitz – nicht ins Eigentum, denn er soll die Ware weiterverkaufen – einer Sammlung versetzt, von der ihm, anders als der Verkäuferin – der „Witwe eines bedeutenden Kenners“ – selbst, unmittelbar bewußt ist, welch einen hohen Wert sie hat. Deshalb nun die kleine Schurkerei:

Er beeilte sich, dem törichten Frauenzimmer zu versichern, daß er dafür nicht mehr als fünfundsiebzig Mark bekommen würde (…),
S.512

und zahlt ihr sogar nur fünfzig, nachdem er allerdings lange, sehr lange fast vergeblich auf den richtigen Interessenten hatte warten müssen und nun aber wirklich aufbrechen will.

Er wußte, daß es Wahnsinn war; er wußte, er würde Eleonore hilflos zurücklassen, Schulden, unbezahlte Steuern, einen Laden, in dem nur Kleinkram verkauft wurde; er wußte, daß er mit den neunhundertfünfzig Mark, die er möglicherweise bekäme, nur ein paar Monate lang verreisen könnte; und doch nahm er alles das auf sich, denn er war ein Mann, der spürte, daß nur das öde Alter vor ihm lag und daß das Glück, das ihm jetzt winkte, seine Einladung niemals wiederholen würde.
S.513

Freilich, seiner Natur nach bringt er erst einmal seine Hinterlassenschaft wie nur möglich in Ordnung. Dann erst

sah (er) auf die Uhr und stellte fest, daß es Zeit war zu packen: Sein Zug fuhr um 8 Uhr 29. Er schloß den Laden ab, schleppte den alten karierten Koffer seines Vaters aus dem Korridor herbei und packte zuallererst die Fanggeräte: ein zusammenlegbares Netz, Tötungsgläser, Sammelschachteln, eine Handlampe für den Nachtfang auf den Sierras und ein paar Päckchen mit Nadeln. (…) Im Dämmerlicht
S.515/516

schließlich

des sonderbar stillen Ladens starrten ihn von allen Seiten die Augenflecken der Schmetterlingsflügel an, und Pilgram empfand fast etwas Unheimliches in dem Überfluß des ungeheuren Glücks, das sich wie ein Berg zu ihm herüberneigte.
a.a.O.

Seiner nichtsahnenden Frau läßt er bloß einen Zettel zurück:

Bin nach Spanien gefahren. Faß nichts an, bis ich schreibe. Borg Dir was von Sch. oder W. Füttre die Eidechsen.
S.518

So hätte es übrigens auch der Mann meiner Großmutter mütterlicherseits machen können, über den ich nach wie vor eine Geschichte schreiben möchte; bei ihm hätte dann „Füttre die Vögel“ auf dem Zettel gestanden. Indes verschwand er stets ohne Nachricht, und zwar auf Monate. Pilgram hingegen, dessen großes Lebensabenteuer nun beginnt, verschwindet und verschwindet doch gleichzeitig nicht. Nur will ich hier nicht mehr erzählen, als Nabokov es selber tut, nämlich daß er, Pilgram, „weit, sehr weit“ war:

Höchstwahrscheinlich war er in Granada gewesen und in Murcia und in der Sierra de Albarracín und war noch weiter gereist, nach Surinam oder oder Tapobrane; und kaum kann man bezweifeln, daß er all die herrlichen Insekten seiner Sehnsucht gesehen hatte – samtene schwarze Schmetterlinge, die hoch über dem Urwald fliegen, einen winzigen tasmanischen Nachtfalter, jenen chinesischen Dickkopffalter, der lebend nach zerdrückten Rosen riechen soll, und den schönen Falter mit den kürzen Fühlern, den ein Mr. Baron gerade in Mexiko entdeckt hatte.
S.518

So ist das schließliche Ende der Geschichte in der Tat – nicht nur „in gewissem Sinne“ –

ohne Bedeutung.
S.519/520

Bedeutung hat vielmehr, daß an regnerischen Abenden der Asphalt „wie ein Seehundsrücken glänzte“, und wie

ein schlüpfriger, polierter Mond (…) reibungslos zwischen Chinchillawolken
S.517

dahinglitt.

 

 

 

Ihr, Freundin,

ANH

 

 

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5 Responses to A u r e l i a n s: Nabokov lesen, 11. Die Erzählungen I,3.

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  2. Avatar Phyllis sagt:

    Ich warte auf diese eindrücklichen Lektüretexte wie ein Nachtfalter auf die Dämmerung. Danke dafür.

  3. Dafür, daß ich Sie so warten lasse? ((Lächelt.))

  4. Avatar Phyllis sagt:

    Sagen wir, a u c h dafür. ((Lächelt.))

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