Wochenbericht: Das Arbeitsjournal des Freitags, den 31. Januar 2020.

[Arbeitswohnung, 9.32 Uhr]
france musique:
Kaarija Saariaho, für Cello, Geige und Klavier

Draußen immerhin mal wieder L i c h t. Bis fast unmittelbar vorm → Geburtstag meines (natürlich und mindestens genauso glücklicherweise u n s e r e s) Sohns, also bis er gegen fünf hier in der Arbeitswohnung einrollte, um seinen Caffè zu nehmen und ein Stückchen Kuchen zu essen und dabei meine Geschenke empfing, bevor wir zum anderen Teil der Familie aufbrachen und alle speisen gingen → im Chén Chè, am neuen Antrag an den Deutschen Literaturfonds gesessen, zwei ganze Tage lang, weil ich mich, Freundin, schwer damit tat, was und vor allem wie ich es einreichen sollte; mehr aber noch bereiten mir Exposés Probleme. Na gut, erst noch dachte ich, Kinderspiel, war aber klug genug, meinen Entwurf einer mir nahen Kollegin zu zeigen, die ziemlich sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlag. also eine von ihnen mit dem Smartphone. „V i e l zu lyrisch!“ Meiner Textauswahl wiederum wünschte sie einen anderen Anfang, erzählte dazu, wie Jurymilglieder „ticken“, notgedrungermaßen, wenn sie Hunderte Textproben zu bewältigen haben. Bei der spätestens dreißgsten werde man unwirsch, wenn eine und einen gleich zu Anfang etwas nerve; man finde dann in einen Text nur noch schwer hinein.
Sie hatte auch einen Vorschlag, „alles“ nur auf der ersten der eingereichen zwanzig Seiten. Der nun wieder mir zu unorganisch war. Also strich ich und kombinierte um. Nachdem ich ihr den neuen Anfang gewhatsappt hatte, kam ein „Perfekt so!“ zurück. – Nun noch das Anschreiben, nüchternst, formulieren sowie die sonstigen Anlagen ausdrucken, und alles ab zur Post, um der Sendung den notwendigen Zeitstempel verpassen zu lassen. Woraufhin, als es geschehen, alleine noch eines zu tun ist: Die Angelegenheit vergessen. Allzu viele Unwägbarkeiten bleiben im existentiellen Spiel, um sich irgendeine Hoffnung zu machen.
Davor wiederum verbrachte ich die Tage mit dem „Zweiten Teilwiderspruch“ gegen einen amtlichen Bescheid. Vor allem brauchte Bestätigungen Dritter, besonders dritter Instanzen, und immerhin, sie kamen, teils sogar grandios. Meine Verlage, Universitäten, Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Nur drei der Schriftstücke fehlen jetzt noch, so daß ich den Widerspruch heute und am Wochenende formulieren und montagfrüh hinausschicken kann; die noch fehlenden Belege werde ich nachreichen. Den „Ersten Teilwiderspruch“ habe ich aus Dringlichkeitsgründen bereits am vergangenen Montag eingelegt, sowohl als Mail als auch, um der Rechtsform zu genügen, postalisch. Daß ich bei alledem nicht mehr → zu Nabokov kam, braucht, denke ich, keine Erklärung. Dennoch, am neuen Béartgedicht, dem → Gratia plena, habe ich weitergearbeitet und denke, einen nächsten Entwurfsauszug morgen oder übermorgen hier einstellen zu können. Es tut „einfach“ gut, meiner wirklichen Arbeit nachzugehen. Besondere Freude bereitete mir, daß einer meiner Verlag schrieb, sowie der Zyklus vollständig sei, werde er ihn sowohl ins Französische als auch US-Amerikanische übersetzen lassen.
Aber ich führte in Facetime auch noch ein erstes Gespräch mit einem neuen Paar für die nächste Hochzeitsrede. Und die Contessa schimpfte mit mir, weil ich mich von mir aus  nicht intensiv genug — oder, der Wahrheit zuehren, gar nicht — um weitere Aufträge kümmerte. „Zehn Klienten jährlich würden doch völlig reichen. Ich verstehe Sie da einfach nicht!“ Sie wurde wirklich ärgerlich. – Meiner poetischen Sache gewiß, blieb ich völlig ruhig, und bald scherzten wir schon wieder. Wobei ich natürlich weiß, wie recht die edle Frau hat, aber auch wie recht ich selber habe, auf dem Vorrang meiner Kunst zu bestehen, auch dem vor ökonomischer Sicherheit. Wenn ich jetzt formuliere, daß sie Opfer zu bringen verlangen kann, ist das nicht heroisch, sondern sogar nüchtern, nämlich dann, wenn sich ihre, sagen wir, „Richtung“ dem allgemeinen Dafürglauben so sehr widersetzt, wie es mit meiner Literatur der Fall ist. Wo allgemein Konsens verlangt und auch begehrt wird, sind diss(id)ente Haltungen, auch Ästhetiken, höchst störend und verstimmen. Treibt man diese über Jahrzehnte voran, wird man schließlich selbst, als Person, zur unangenehmen Erscheinung. Dahinter steht nicht mal böser Wille, sondern einfach ein faktisches Nichtverstehenkönnen, sogar ja bei der mir höchst gewogenen, mir längst befreundeten Contessa. Wie sollte es Leuten da anders gehen, die gar nichts mit mir zu schaffen haben?
So gerät mir jetzt eine gewisse Weisheit d o c h noch ins Herz.
Und das Literaturhaus Fasanenstraße hat sich gemeldet, also eine der beiden Damen, die es leiten. Es kam eine Einladung zwar nicht, tatsächlich meine Erzählungen dort vorstellen zu dürfen, die nach wie vor kaum besprochen wurden, was selbstverständlich ungute Folgen für ihre Präsenz im Buchhandel hat. Doch ob ich an einer geplanten Lesung des →  Hyperions (einem jener raren Bücher, bei denen es reicht, ihren Titel zu nennen, und wir kennen ihren Autor) teilnehmen wolle, des gesamten? Ein Blick auf die anderen Hinzugeladenen erheischte die sofortige Zusage, taktischerweise, klar, doch auch, weil das Projekt selbst sehr spannend ist und Hölderlins Dichtung, als ich noch jung gewesen, für mich ein Richtmaß war und mich schon früh darauf prägte, auch Prosa stark rhythmisch durchzuformen. Auch klanglich ist es zu bezweifeln, daß ich zu meiner (e)musikalisch orientieren Erzählästhetik jemals gefunden hätte. (Und ich erinnere mich sehr gut, wie ich, im privaten Gespräch mit Ernest Wichner über meinen Thetisroman, nebenbei bemerkte, eigentlich gern auch Lyrik schreiben zu wollen. Daraufhin er – und las aus dem Roman paar Zeilen vor: „Hörst du denn nicht? Du tust es längst!“)
Die Geamtlesung des Hyperions wird am 20. März dieses Jahres stattfinden; bislang werden außer mir Ulrike Draesner, Norbert Hummelt, Nico Bleutge und Nora Bossong mit dabeisein, ich selbst habe noch Daniela Danz vorgeschlagen, alle also Lyrikerinnen und Lyriker, was in meinem „Fall“ ausgesprochen wichtig ist. (Ich weiß, „man“ wird mal wieder ächzen, weil ich so offen bin.)

Schließlich kam hier als Geschenk noch eine wunderbare Sendung von Le Vi Arte an: sechs Flaschen ausgesuchten Rotweins, zwei davon aus dem Jahr 2012, eine sogar von 2011, auf einer Karte beigelegt die folgende Bemerkung:

 

Diesen Weinen geht es wie Deinen Büchern: Sie werden kaum verstanden.

 

Da mußte ich doch lächeln.

Ihr, Geliebte,
ANH

(der keinen dieser Weine öffnen will, bevor der 7. Februar sein numerisch dann betagtes  Haupt heben wird. Oder, um es mit dem gestrigen Geburtstagsgruß seiner einst engen Freundin Cosima an meinen Sohn zu sagen: „Genieße jetzt die Zeit. Ab 30 sind wir alt.“)

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