ANH an Liligeia, vierter Brief. Montag, den 11. Mai 2020. (Krebstag 12).

[ICE 944, Berlin-Hannover 7.40 Uhr]

Nun gut, dann,

sehr verehrte gnädige Frau.

eben so, wobei ich zwar damit gerechnet hatte, Sie würden – täten Sie’s überhaupt – ein wenig ungehalten auf meine vorhergegangenen Briefe reagieren. Daß Sie mir allerdings eine grobe Mißachtung des zwischen (um einmal aus dem von Ihnen bevorzugten Wortfeld zu wählen) „Standspersonen“ selbstverständlich auch in der Ansprache zu achtenden Respektes → vorwerfen, ja gar, ich wollte Sie diminuierend vereinnahmen — dieses, Misignora Liligeia, kann und darf ich unwidersprochen nicht stehen lassen. Vielmehr habe ich auf einen Distanzverlust reagiert, den Ihrerseits Sie verschuldet haben, indem Sie mir – überdies körperlich – näher getreten sind, als jede noch so übergriffige Formulierung es vermöchte. Sie sind mir im Wortsinn unter die Haut gefahren, etwas, das nur dann berechtigt wäre, ginge tatsächlich eine Verbindung voraus, die Standes- und sonstige gesellschaftlichen Regeln längst nicht mehr anerkennt oder doch sie zu unterlaufen dabei ist. „Ich habe Dich unter der Haut“, I’ve got you under my skin, Je vous ai dans la peau, sind alles doch wohl Expressionen einer … ja der besonderen Nähe. Daß ich diese nunmehr, da Sie so unvermutet in mir wuchsen – tiefer, weit tiefer noch, als daß hier die Haut als ein Abwehrorgan noch eine Rolle spielen könnte –, ganz meinem Temperament gemäß erotisch interpretierte, ist mir nun wirklich nicht vorzuwerfen.
Die erste Übertretung haben mithin Sie begangen, und aufgrund der Natur dieses, denn das ist es, Eindringens war und ist mir eine Abwehr, die der Ihres Briefes entspräche, gar nicht möglich. Gewiß, ich kann nun, und werde es wohl, erst auf Sie schießen und Sie danach, ein wenig Glück vorausgesetzt, operativ entfernen lassen — aber führte ich damit nicht Krieg in mir selbst und einen, der auf Jahre hinaus meine eigene Erde verheerte?
Es gibt damit unterdessen einige Erfahrung; die Lebenserwartung über sechzig Monate hinaus liegt bei unter 30, manche schreiben sogar unter 20 %. Vielleicht, so mein Gedanke, daß ein anderer Weg, einer des Annehmens, hier einen Ausweg böte — und eben auch für Sie. Denn Ihr Zellvermögen mag die potentielle Unsterblichkeit zwar erlangt haben, bewundernswert, keine Frage, aber wie umso schmerzhafter muß die Erkenntnis sein, sie, diese Unsterblichkeit, aufs elendste in die Sterblichkeit derer unablösbar festgebunden zu sehen und auch schließlich zu erfahren, von denen sie sich, sagen wir, emanzipiert zu haben vermeinte. Hier, Ligeia, liegt nicht nur Ihre Tragik, sondern große Komik auch. Indem wir sie zulassen, sie wahrzunehmen zulassen, dürfen wir uns doch wohl ein Lächeln und eben einander auch Koseworte erlauben, die nur scheinbar „verkleinernde“ sind. In Wahrheit nämlich erhöhen sie.
Und so auch das „Du“, das Sie sich verbitten. Dieses ist zum einen ebenfalls gerechtfertigt, weil Sie sich mir genähert, sich in mir einquartiert haben, nicht umgekehrt, und so mich schädigen. Siezte ich Sie da, ließe ich ein Fremdes in mir zu, das mit der Absicht, mich zu töten, von außen in mich eindrang — in Raupenkörper gelegten Schlupfwespeneiern gleich, deren geschlüpfte Larven den Wirtskörper allmählich innen verzehren, bis nichts, aber auch gar nichts mehr übrig von ihm ist. Doch die Wespenlarven sind jetzt zur nächsten Metamorphose bereit und werden bald ihre transparenten, sirrenden Flügelchen breiten. Darin liegt ein Sinn. Nicht indes in eines Leibs Verzehren, an dem die Larven genauso eingehn wie ihr Wirt. Das aber genau, gnädige Frau, ist Ihre Situation, auch wenn Sie mir zum einen den Vergleich mit einer Insektenart bitte nachsehen möchten – und zum anderen bitte das Mitleid, das mich zu Ihnen erfüllt. Denn die Hilflosigkeit dieser Situation kommt durchaus der eines Kindes gleich, das die Selbstbedrohung nicht erkennt, die sein eigenes Handeln erst herstellt. Nein, da ist es nicht, wie Sie meinen, „sentimental“, wenn ich Sie „Lilly“, „Liligeia“ undsoweiter nenne. Sondern ich spreche Ihnen wie ein Erwachsener einem Kind zu, das grad keinen Ausweg weiß — und auch aber er weiß keinen. Doch ist es an ihm, ihn zu finden.
Doch nur in dieser Hinsicht tu ich es so, in jeder anderen sind und bleiben Sie für mich Sirene, bleiben die Frau, die mich mit Inspirationen beschenkte und nun halt zum Zahltag gerufen hat, und ich habe gar kein Problem damit, vor Ihnen das Knie zu beugen — und zwar gerade, weil Ihre Macht derart ambivalent ist. Da hat es der Herleitung Ihrer Bedeutung aus antikem, gleichsam, Adel, fürwahr nicht bedurft, ja hatte sogar für meinen starken Geschmack ein zu schwaches Geschmäckle. Doch ich will nicht gegen Vorhaltungen Vorhaltungen setzen. Dieses sei auch erstmal nur Reaktion, die nicht zu lange auf sich warten lassen möchte. Ja, es ist mehr zu besprechen.

Doch nicht heute. Ich sitze im Zug nach Hannover, zum als Spezialklinik → eigens für das Kardiakarzinom lizenzierten MHH; das Gespräch soll um 10.30 Uhr stattfinden, in Hannover werde ich um 9.28 Uhr ankommen. Das paßt alles bestens. Gegen Abend, schätze ich, werde ich in Berlin zurück sein.
Ich weiß, es gefällt Ihnen dieser mein Termin nicht. Sie haben einiges dafür getan, daß ich ihn verpassen würde, ließen mich mit Bauchschmerzen um halb ein Uhr nachts erwachen, nachdem ich bereits um zehn zu Bett gegangen und auch gut eingeschlafen war. Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, ein weiteres Mal. Erst um vier wurde ich wieder müde. Da war die Gefahr groß, den rechtzeitigen Aufbruch zu verschlafen. Doch mein Wille, Krebsin, ist so stark wie der Ihre – mindestens. Des‘ seien Sie versichert.

ANH

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