Auch ich war in Arkadien ODER Die Gärten der Nefud: Aus der Nefud, Phase II (6, Tag 9). Als Krebstagebuch vom Morgen bis zum MIttag des Mittwochs, den zweiundvierzigsten Krebstag 2020, geschrieben.

 

[صحراء النفود, Morgenlager
7.15 Uhr, 74.5 kg]
[Peter Maxwell Davies,
Symphony III (1984)]

Wir sind etwas spät heute dran, aber was ich sofort bemerkte,, als ich zwischen meinen Teppichen unter dem sandleuchtenden Planenhimmel meines Zeltes erwachte, war eine mir unterdessen ungewohnte Klarheit, die, möchte ich sagen, feste Kontur, die die Gegenstände sogar hier drinnen angenommen hatten. Daß außen in der Wüste nichts wirklich fest ist, wundert uns nicht; auch sie ist ein Meer, das, wie wir spätestens → seit Thomas Pynchon wissen, von Untersandbooten durchpflügt werden, die wir deshalb nie bemerken, weil sie nur selten in Flachsand, statt dessen meist in großer Tiefe tauchen, nicht selten in Höhe der Erdölblasen, wo es allerdings ausgefuchster Lotsen bedarf. Jedenfalls kann ich mir moment  überhaupt nicht mehr vorzustellen, daß sich die drei Sitzpuffs dort nicht verrücken, ja nicht mal anfassen ließen. Ich kann es sehr wohl, sie anfassen, und habe es eben, einfach für meine innere Sicherheit, erfolgreich probiert. Verrücken läßt sich auch der kaum zwanzig Zentimeter hohe, doch bestimme einen halben Meter umfangende Tisch mit den bunten Glasarbeiten in der von silbernen Mäandern aus Kalligraphien eingefaßten Ebenholzplatte; hauchdünn muß sie aber sein, sonst wäre er nicht so leicht. Doch die schmalen, entspiegelten Teegläser in ihren durchbrochenen, rosanen Bechern trägt sie wie das zum Service gehörende Kännchen. Das ibn Gamael oder jemand anderes unserer … ich schreibe so ungern „Diener“, und „Bediensteter“ ist häßlichst abstrakt, zumal mit fiesem Doppelsinn in der weiblichen Form, sofern wir nicht das aber dann noch abstraktere „Bedienstetin“ verwenden … – oder also jemand anderes hat das Kännchen bereits vorbereitet, während ich noch schlief. Wiederum Faisal kommt, wenn unser Nachtlager so lange steht, stets erst gegen neun zum Gespräch, auch zur Andacht. Mitunter fällt er in Abwesenheit, dann, spüre ich, spricht er mit seinem GOtt, oder dieser hat sich an ihn gewandt. Diese, ich schreibe einmal, Absencen sind ihm nicht unangenehm, auch nicht zu privat. Im Gegenteil scheint meinem Freund gerade der ihnen zugrunde liegende Glaube nicht nur Grund, sondern auch die Notwendigkeit zu sein, sie niemals zu verbergen. Herodes Satz, über Jochanaan, fällt mir da ein, wiewohl Dr. Faisal nun ganz sicher kein Prophet ist, auch wenn er, wie bisweilen gesagt wird, im Nebenberuf politische Ambitionen habe; sie seien seinen an den Einzelpatienten orientierten medizinischen Interventionen, wenn auf die ganze Gesellschaft übertragen, durchaus kongruent. „Der Finger Gottes hat ihn berührt!“

The finger of God has touched him, → Wilde. Und noch eine Li! Ah, verstehen, Freundin, Sie? Das Wadi der Verstrickungen — DIE STÖRUNGEN DER SALOMÉ: LULU sollte ein Performance-Theaterstück heißen, das ich in den frühen Neunzigern vom Verlag der Autoren bereits in Auftrag hatte, doch wegen des damaligen noch Mißerfolgs meiner UNDINE niemals fertig stellte, die ja erst fünfzehn Jahre nach ihrem Erscheinen → uraufgeführt wurde und aber auch da nicht von einem großen Theater, sondern dem allerdings hinreißend engagierten Off-Ensemble der Gütersloher Weberei. Auch sie, wenn auch in sehr viel milderem Sinn, auch Undine also ist eine Li – nur möchte sie nicht töten, sondern raus aus der mythischen Bestimmung. Was ihr wie uns mißlingt —

— und somit  mich aufs Thema der Nebenwirkungen zurückbringt. Nun jà, sie sind nicht schlimm, erzählte ich gestern ich weiß nicht mehr wem, sondern in meinem Fall allenfalls lästig. Genau, das sei das Wort (und ist es), lästig. Etwa die dauernde Nasenbluterei, wenn ich schnaube; nur aber dann, tatsächlich. Schnaube ich nicht, juckt es bloß, doch ebenso dauernd. Nett ist die Parallele am untren Ausgang gegenüber, immerhin dort ohne Blut. Doch die Schleimhäute sind ziemlich angefaßt, schnell wachsendes Gewebe eben, das von der Chemo abgeschossen wird. Gestern abend dachte ich sogar, auwei, jetzt sind die Augenbrauen doch noch dran. Sie wirkten lichter an den Seiten. Ich zog an ihnen, ob sich etwas wegfluffen lasse. Nö, hielt. Auch jetzt sind sie noch da. Aber vielleicht doch etwas lichter. Hm.
Was ich definitiv sagen kann, ist, daß der Bartwuchs deutlich nachläßt; es reicht momentan, mich alle zwei Tage zu rasieren; normalerweise muß ich es, gehe ich abends nich aus, stets ein zweiten Mal tun. Und gestern bei der Fußpflege … — Fußpflege? Wie? In der Nefud? Ich kann mich nicht erinnern, eine … – egal. Faisal fragen. Moment, ich notier mir das eben, vielleicht kommt auch Vergeßlichkeit, ein bißchen aber nur, hinzu. Also meine Fußpflegerin, die da erst von Liligeia erfuhr, bemerkte, es sei auch auffällig wenig Hornhaut diesmal an den Füßen. Wobei ich genau da, als ich bei ihr saß, meiner Krebsin Nachricht mit dieser Frucht bekam. Ja, → Sabine Scho, an eine Papaya hab ich auch zuerst gedacht: Dann aber …. Phyllis Kiehl, abends in Facetime, nannte es ein Drachenei, indessen ich selbst, oh Li, erneut an → SPECIES denken mußte, Sil, und dachte an den Kokon, der das → Wadi der Verstrickungen in einem gewissen, nein, ungewissen Sinn mit Sicherheit gewesen ist. Den ganzen Tag über hing es mir nach, hing er pulsend in mir, und nachdem bei der Fußpflegerin wieder hinaus war und auf Röhrerich stieg, der liegend-sanft gewartet hatte, und als das riesige Tier dann zu schwanken begann, führte sie, die Frucht, zu unentwegten Erscheinungen, wie sie in einer Wüste wahrscheinlich noch niemand so gehabt. In keinem Fall, auch nicht bei Pynchon, habe ich von dergleichen gelesen, auch schon bei Karl May nicht (Durch die Wüste, 1892), weil, wahrscheinlich, in seinen Quellen-Baedeckers von den verwunschenen Pfaden nirgends was zu lesen war, noch vierunddreißig Jahre später in Thomas Edward ben Iinjiltiras → SEVEN PILLARS OF WISDOM, derer nun aber ich auf jeden Tritt Röhrerichs gewärtig wurde. Eben noch stehen mir im Osten an die fünfzig Meter hohe Dünen zur Seite, muß ich nur das Gesicht nach Westen wenden, um einen Vorhang Grüns zu erkennen in den hinein ich Rih denn auch treibe. Schon öffnen sich die verschwiegendsten Wege meditierender Parks.

Nein, es sind dies keine Oasen; zumindest den Beduinen wären sie bekannt. Vor allem sehen aber die Gefährten sie nicht; Faisal läßt sich nur gerne erzählen und notiert dies und das in seinem Merkbuch. „Keine Araber liebt die Wüste“, sagte er, „aber was Sie nun zu sehen bekommen, liegt vielleicht genau daran.“ Ich hätte entgegnen können, daß Lawrence, der die Wüste liebte, auch keine Gärten gesehen hatte. Doch schluckte ich die Bemerkung nicht nur deshalb hinunter, weil damals die → FLOT-Prozedur noch nicht bekannt war, von der eine Freundin mit die durchaus arabesklen Zeilen schrieb:

Hinter der Entwicklung des FLOT Schema steht ein ungewöhnlicher 50 jähriger (arabischer/ palästeninscher Herkunft) Professor, der Gedichte schreibt und malt und der ärztl. Direktor des Instituts für Klinisch-Onkologische Forschung am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main ist. Auf AEG Tumore spezialisiert, hat er die Kombi ab 2003 entwickelt und betreut mehrere Multi-Center Studien: Prof. Dr. med. Salah-Eddin Al-Batran. Sie tragen alle wundersame Namen: Renaissance (FLOT5), Petrarca (FLOT6), Ramses (FLOT7), Dante (FLOT8).
Vielleicht auch das eine Option, mit den behandelnden Ärzten zu besprechen, ob die Rekrutierung in eine der derzeitigen Studien in Frage käme, sobald die Immunhistochemie bekannt ist, bzw. der Herceptin-Status.

Wie auch immer, statt realistisch zu sein, gab ich die etwas, zugegeben, großspurerische Antwort zum besten, es liebe ja auch niemand seine Krebsin so wie ich und wahrscheinlich seinen Tumor insgesamt keiner, egal ob der ein Mädchen oder Junge. Wobei ich schon einsehe, daß wirklich allein die Idee ein bißchen lebensmüde ist oder doch zu sein scheint. Denn das eben bin ich ja nicht, im Gegenteil. Ich bin quickespritzlebendig. Und tauchen in den nächsten Blätterwald dieser Wüste schon ein, mein Röhrerich und ich:

 

 

Damit ihn die Eindrücke nicht allzu überfordern, wann sieht ein solches Dromedar schon derart solches Grün?, heiß‘ sanft ich ihn, sich zu legen und gleite von ihm herab. Unterdessen schon Routine, wobei ich gestern allerdings noch unter THC stand, das, ich hab’s wohl schon erzählt, in diesem zweiten Nefud-Höllenkreis eine engste, nämlich geradezu intime Verbindung mit den Zylostatica eingegangen zu sein scheint und mir vielleicht deshalb erlaubt, die verborgenen Gärten wahrzunehmen. Ich dachte an Semiramis‘, nur daß die ihren künstlich angelegt gewesen waren, auf den Terrassen einer unterdessen allerdings mythischen Stadt, und zwar, ja, im Orient, daran gibt es keinen Zweifel, doch eben nicht in der Wüste. Diese Parkwege hingegen, diese Park- und Gartenanlagen durchziehen die Nefud quasi unentwegt, weniger, doch → auch da schon, in ihrem ersten, von uns seit Tagen verlassenen Kreis, mehr nun, entschieden mehr, im zweiten. Es ist ein, kaum laß ich meine Spannung über des Dromedars gestrengelte Lederzügel baumeln, anstell‘ die straff zu halten, unentwegter Beschuß aus riesigen Wasserpistolen, ich meine diese gewehrartigen Wasserschußkolben für Kinder, nur daß aus den Mündungen nichts Nasses herauskommt, sondern ein lappiges, wilde wucherndes Grün spritzt. Und sich immer wieder zu verzauberten, in jedem Fall geheimen Wegen zusammenzieht, die sogar den Sand beiseitewischen und gänzlich vergessen lassen, dessen Metamorphose sie aber nur sind. Wer kann da widerstehen? Oder schauen Sie, Geliebte, dort:

Wer nicht stellt‘ sich am Ende dieses Pfades solch ein Gelege vor? Bitte, Freundin, spüren Sie nach!

 

 

Und all dies auf dem Rücken meines Rihs, denn selbstverständlich bildete ich mit immer nur ein, daß ich abgestiegen sei, andernfalls meine kleine Karawane ganz sicher hätte nicht gemeinsam das nächste Tagesziel erreichen können; zumindest ich wäre in den ewigen Sanden verloren gegangen.

 

 

 

Heute allerdings sollte ich mich nicht mehr ablenken lassen; insofern kommt mir die jetzige Klarheit sehr zupaß, zu deren weiteren Beförderung ich bis zum späten Abend meine Hände vom THC lassen werde. Denn für morgen steht die Kontrolluntersuchung zu dieser Chemophase an, bevor wir dann doch zusehen müssen, den zweiten Nefudkreis allmählich zu verlassen, um rechtzeitig am kommenden Dienstag die nächste Relaisstation erreichen zu können, die sich neben die dritte Höllenpforte, heißt es, duckt. Wobei ich fürcht‘, es gehe mir wie Don Giovanni, der’s in der inferioren Hitze einem Mann wie ihm zumindest →  angemessener fand, als in dem hohen Paradies nicht nur, peinlich genug, mit Flügelchen von Putten schlagen, sondern obendrein – auch noch mit nacktem Arscherl – fades Zeug dazu singen zu müssen. Besser doch, daß

(-) Don Juan, zum Acheron gestiegen,
Charon den Sold gezahlt für Totenschiff,
Ein Bettler stolz, wie die sich selbst besiegen,
Mit rachefestem Arm die Ruder griff.
(..)
Da lachte Sganarell und sprach vom Lohne,
Indes Don Luis auf den Frevler wiese,
Und alle Toten blickten nach dem Sohne,
Der weißem Haupte Schmach gedeihen ließ.
(…)
Ein Mann aus Stein, den strenger Harnisch schützte,
Am Steuer stand und schnitt die schwarze Flut.
Doch still der Held, der auf sein Schwert sich stützte,
Zum Strudel blickt und nichts zu sehn geruht.
Charles Baudelaire, Don Juan in der Hölle
(Dtsch. von Carlo Schmid)

Und aber doch — oh doch, oh doch! Es geht jetzt mit dem Haareausfalln los. Eben sah ich es im Spiegel. Noch, an den Augenbrauen, läßt es sich freilich kaschieren. Noch lohnt sich’s nicht, es Ihnen fotografisch zu dokumentieren. Doch geschehen wird es. Denn was ich spontan eben dachte, ist nicht ganz ohne Nachschrecksstolz: — daß ich erst nun, wenn ich alles Haar verloren, das Gütesiegel meines Krebses trüge: Auch ich war in Arkadien.

Und werde dort noch bleiben.

Ihr und, Lilli, Deiner
ANH

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2 Responses to Auch ich war in Arkadien ODER Die Gärten der Nefud: Aus der Nefud, Phase II (6, Tag 9). Als Krebstagebuch vom Morgen bis zum MIttag des Mittwochs, den zweiundvierzigsten Krebstag 2020, geschrieben.

  1. Avatar Gaga Nielsen says:

    (…) die schmalen, entspiegelten Teegläser

    (da capo…)

    und dann so gelacht bei

    B e d i e n s t e t i n

    – – – !!!

    (wenn ich hier so erheitert werden kann, sind ein paar Haare verloren, die wiederkommen, und ganz viel gewonnen)

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