Im Wadi der Verstrickungen, malwirbelnd Strömen, die große ungefixte Verbindung. Aus der Nefud, Phase II (5, Tage 6 bis 7). Montag, den vierzigsten Krebstag 2020.

 

Sie stürzen. Du mußt gehen, dem Näherstürzen näher gehen, doch geht das nur alleine. Schreitet Dir zu Seite jemand mit, ziehn die Geysir sich im Rhythmus dieses Schreitens zurück. Näher kommen darf alleine ich. So hatte es mir Faisal schon vorgestern abend gesagt, als wir erstmals des weiten Einganges in diese Ebene ansichtig wurden, ich spontan das Foto von ihm schoß, um es gleich in die Dschungel einzustellen, was mit unserem Satellitentelfon auch gut funktionierte; ich zeige es hier aber noch einmal, weil ich nicht weiß, wie viele meiner Leserinnen, die den Morgeneintrag lasen, am Abend noch einmal nachgeschaut haben, auch wenn sie eigentlich Ligeias Billet noch dazu hätte bringen müssen:

 

 

 

— hatte mir ferner erklärt, es könne immer nur eine Person den Vorhang der Geysire durchschreiten, eine bestimmte … nein, er sagte: „auserwählte“: Alleine sie werde im Tal der Verstrickungen empfangen, weil es nämlich alleine ihre Verstrickungen seien, denen die Person dort begegne und die sie vielleicht nicht überwinden werde, dies vielleicht auch werden nicht müssen, sie aber ansehen und sich ihnen stellen; das doch sehr wohl. „Ohne dieses keine Heilung“, sagte Faisal. „Verzeihen Sie, wenn ich jetzt etwas esoterisch klinge. Tatsächlich bin ich, wie Sie wissen, immer nüchtern, anders als“ – lächelte er? wenn, dann kaum ohne Infamie – „Sie jetzt“. Womit er wiederum recht hatte, ich hatte meiner ohnediesBekiffung gleich morgens nach dem Erwachen vier – tatsächlich vier! – THC-Tropfen noch draufgetan, die auch schnell zu wirken begannen. Nunmehr allerdings nicht zu Faisals Mißfallen; im Gegenteil, momentan unterstützte er mich in meiner Selbstberauschungslust. Nur Fahrrad, also in Berlin, sollte ich gegenwärtig nicht fahren; selbst beim kleinen Gang zu PENNY konnten meine Füße gestern abend die Gehspur nicht halten — bislang die deutlich stärkste Nebenerscheinung meiner zweiten Chemophase; in der Nefud hingegen ist es vergleichsweise wurscht, weil Röhrerich auf mich aufpaßt. Hab ich tatsächlich den Eindruck. Und wenn ich an dem hohen Dromedarsattel festgebunden bin, gibt es Gefährdungen eh nicht, es sei denn, mein Reittier würde fallen. Wovon nicht auszugehen ist.

Ich stand schon sehr früh auf gestern, kurz nach fünf, stellte mich wie dann stets auf die Reisewaage, weil es wichtig ist, daß ich bei unserer Ankunft in Aqaba nicht zu wenig auf den Tippen habe, was allerdings auch heute, also gestern, nicht gut gewesen wäre. Aber 73,5 kg bei meinen nach wie vor 1.80 sind akzeptabel.
Es gibt einen von einer Quelle gespeisten Tümpel nahbei, der Eingang in das ungeheure Wadi wird von einer lockeren, oval geschnittenen Oase flankiert, deren Ostrand eine Kakteenpflanzung schützt, die wahrscheinlich dafür da ist, den Grundwasserspiegel zu heben. So jedenfalls hat es mein Vater in seiner ortschaftsfernen Eremitage von Cas Concos/Felantix bis zu seinem Tode gehalten; wer in die enge, rund ummauerte Kakteenpflanzung hineingefallen wäre, wäre nicht mehr zu retten gewesen.
Hier nun mußte ich aber gar nicht so nahe heran, ich konnte sie ohne weiteres seitlich neben mir lassen, auch wenn ich nach einigen hundert Metern alleine weiterreiten mußte. Lars ibn Gamael führte mich bis dort an der kurzen Longe. „Hier muß ich umkehren, Herr, nimm es mir nicht übel.“
Ich lächelte ihm zu, erfolgte auch noch ein paar Minuten seinen kraxelnden Rückweg, dann drehte ich mich wieder nach vorne.
Der Weg führte auf einem Grat über eine Art wegen all der Wasser- zumindest Dunstschleier nicht ganz erkennbare Schluchttiefe unter der es ziemlich gewaltig dröhnte und zischte, und über mir hatte sich der gesamte Himmel zu einer drohenden ich weiß nicht, ob Schicht aus tatsächlich stürzenden Geysiren oder aus nur Wolkenballen zusammengezogen, bevor ich in das tiefer gelegene eigentliche Wadi hinabreiten konnte.
Als ich sie umtost denn auch liegen sah, auf einer Erhöhung, doch Erhöhung viertels rein selbst, die Haut der kabbeligen Oberfläche einer Küstenwassers gleich, in das dauernd wechselnde Winde blasen, doch ihr Gesicht, deutlich Lis Gesicht, fast ruhig, wartend ruhig, bis ich heran wär, Landras Augen, übrigens, Landras kalte blaue Augen, nicht die, die ich gestern im Vorhang gesehen. Die waren braun gewesen, braunoliv und also mir vertrauter, näher. Hier hingegen war alles Forderung:


وادي التشابك, Wadi der Verstrickungen: Unmittelbar begriff ich, noch bevor ich Rih zum Weitergehn bewegt, was hier gemeint — wem hier mich zu stellen war und daß es ohne deutliche Schmerzen nicht wäre zu bewältigen. Nun  habe ich allerdings das Glück, auf Schmerzen anders zu reagieren als viele mir Bekannte; ich denke immer zuerst: „Oh, ein Schmerz, ich lebe!“ Übertrieben ausgedrückt, käme ich mir ohne ihn gar nicht da vor. So bewegt man sich denn fast gerne auf ihn zu, davon abgesehen, daß es El Aurence den scheinbaren Trick mit der Kerzenflamme erlaubt hat, der auch recht gut zu Kara ben Nemsi gepaßt hätte, von dem ich allerdings fürchte, daß er letztlich denn doch zwar heimlich homophil, aber in Wirklichkeit eher ein Waschlappen war, was ihn zum Beispiel von Buffalo Bill Cody, aber auch vom → deutschen of Arabia unterscheidet, dem 1914 vom Generalstab zwecks Bemächtigung der Ölquellen in den Irak entsandten Hauptmann Fritz Klein, der ganz wie El Aurence für die Briten die Reibereien der verschiedenen Wüstenstämme in sein strategisches Konzept einbezog und sich nach Kriegsende sogar zu einem Gegner des Imperialismus entwickelt hat. Interessante Figur, in der Tat. Da stand ich aber schon unter der Kolossin, zu der die Krebsin nun gewachsen, und saß ab. (Röhrerich beugt sich erst in die vorderen Knie, läßt sich auf den Unterschenkeln nieder, der Hinterleib folgt nun erst; so kann ich aus dem Sattel und seitlich von dem Körper rutschen). (Und beginne den Aufstieg, von dem ich noch nicht weiß, daß es ein Einstieg sein wird in die Göttin). (Deren Leib selbst birgt die Grotte, er selbst ist Hörselberg). Wie ich im Herbst 1998 bis zur Voragine golosa aufstieg, gegen Kälte und Ausbruch, das trifft es besser, vordrang und dann im Zischen des Vulkans direkt am Krater stand, scharf umpfiffen von sich in weiße Fetzen hüllenden, sich immer wieder aus ihnen entblößenden Sturmstößen, gegen die ich mich vorgebeugt stemmte, indes ich das Mädchen am Kragen griff, das seinem sturen Großvater ganz hier hinauf gefolgt war, der grad strammen Schritts mitten in die riesige Gefräßige hineinmarschieren wollte, wie immer sie auch glühte, was sie auch auswarf … so daß ich auch ihn noch festgreifen und dann die beiden mit mir an den Hang zerren mußte, wo ich uns allen einen Stoß gab, der uns straucheln und teils auf dem Hosenboden, teils rollend einhundert, einhundertfünfzig Meter aus der unmittelbaren Gefahrenzone herausrutschen ließ, bei freilich längst fast erfrorenen Fingerspitzen, dem Mädchen waren die Tränen zu Eis auf dem schon blauen Gesicht geworden. Da fingen uns dann die Bergjäger ein, hüllten uns in silberne Folien und rieben uns warm und führten uns an Armen und Schultern bis zum nächsten Stützpunkt, wo es heißen Tee gab und niemand auch nur auf die Idee kam, uns eine Anzeige zu verpassen, weil wir das Verbot mißachtet hatten. Es war seit dem großen Ausbruch der ganze Berg doch gesperrt, jedenfalls ab etwa 1000 Metern Höhe oberhalb der den unteren Mongibello durchsprenkelnden Ortschaften. Auf einen „Djebel“, جبل, schaute ich aber auch jetzt, eine bella Signora Montagna, kältest‘ Regina Montagna,  die über mir ausfloß, in deren Strömen ich bis zu den Knien schon stand, den Schnellen des schmelzenden Eises, die mir die Seiten hinab wie tausend Lurche liefen, und neue und neue Gesichter fügte sich ein. Das waren die Verstrickungen ausschließlich meines Lebens, die sich aus Spaltungen der EInen, eben Lis, in aber- und aberneue Gesichter, Leiber, liebende Hände geteilt und wieder geteilt hatten, ganz wie sie jetzt, Lilifee, sich immer weiter teilen und durch mich hindurchstreuen wollte, noch will, wenn ich ihr nicht in die Augen sehe, ohne meinen Kopf zu beugen.
„Komm,mein Schöner, komm“, hauchte sie oder hauchte sie, wahrscheinlich, nicht, auch wenn ich’s deutlich hörte.

(„Ich bin doch da, ich bin doch da.“
„Ja wo? Ja wo?“
„Hier, bin hier, bin hier.“
„Unter meinem Schulterblatt?“
„Unter deinem Schlüsselbein.“
„Unter meinem Herzen?“
„Unter deinem kalten Herz.“
„Mein heißes, heißes kaltes Herz.“
„Und deine heißen Krallen.“
„Reich mir den Mund zu Kuß.“)

***

Wie lang ich dort lag, weiß ich nicht, nicht, wie ich zurückgekommen. Doch eben wachte ich auf, über drei aufeinandergelegte Teppiche ausgestreckt, und Faisal hält mein Handgelenk, wobei er murmelt. Wohl mißt er meinen Puls. Bemerkt, daß ich erwache, lächelt und sagt: „Na gut, das wäre überstanden. Aber Sie müssen noch ruhen, derart desolat, wie Sie zurückgekommen sind.“ – „Desolat, ich?“ – „Wir reden später, bitte. Aufbruch um sechs, damit wir das Wadi noch bei Helligkeit hinter uns lassen. Ich fürchte, sonst wird Ihre Li …“ – Was sie werde, entgeht mir. Denn tatsächlich, ich schlaf schon wieder ein.

[وادي التشابك , Uhr 16.20 
John Corigliano, Erste Sinfonie]

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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1 Antwort zu Im Wadi der Verstrickungen, malwirbelnd Strömen, die große ungefixte Verbindung. Aus der Nefud, Phase II (5, Tage 6 bis 7). Montag, den vierzigsten Krebstag 2020.

  1. Avatar chez sagt:

    jetzt geht es los, aldi.

    scheiss krebs, es geht ganz genau jetzt los.
    tschack, hörte die klappe.

    now is the

    time

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