„Maria, veni, stella maris!“: zum Finale der Béarts: Als Arbeits-, nebenbei auch wieder Coronajournal des Sonntags, den 7. Juni 2020, sowie als Krebstagebuch am 39. Tag/Chemo II Tag 6. Die Brüste der Béart, 50.

 

[Arbeitswohnung, 9.03 Uhr
73,3 kg | Ruhepuls 47]
[John Corigliano, → The Ghosts of Versailles (1992)
Radiomitschnitt der UA aus der MET]

Dazu, zu dieser von mir fast vergessenen, nun durch Zufall → wiederentdeckten Aufnahme, kam ich zurück, als ich nun auch ein Gerät neu installiert hatte, mit dem ich noch zu Frankfurtmainer Zeiten auf VHS-, also Videocassetten aus dem damals noch funktionierenden Satellitenradio Übertragungen deshalb in besserer als CD-Qualität aufnehmen konnte, weil ich die Musik über sämtliche Spuren aufnehmen ließ, über die solch eine Videocassette verfügt, also auch auf den Spuren für die Bilder. Dadurch erreicht sich eine sowohl extrem hohe dynamische Auflösung als auch ein riesiger Frequenzgang, was alles selbstverständlich nur dann wahrnehmbar ist, wenn nicht nur das Abspielgerät selbst, sondern auch das dahintergeschaltete Equipment es darstellen kann. Dann allerdings, liebste Freundin, fliegen Ihnen schon mal die Ohren weg oder Ihnen wird vor erschüttertem Staunen schwach in den Knien, doch feuerig im Herzen und frei, so frei im Geist!

Außerordentlich lange geschlafen heute; die Zeit wird mir nachher fehlen. Dennoch muß und will ich mich heute um anderes als um Liligeia kommen, die mich fast ausschließlich in Anspruch nimmt, zu ausschließlich, weil ich mit den anderen Arbeiten nicht vorankomme. Und auch, wenn ich weiß, wie sehr Sie darauf brennen, von Herbsts Erlebnissen im Wadi der Verstrickungen (وادي التشابك) zu hören, das er → gestern wirklich erreicht und von dem er eine fotografische Aufnahme aus wohl keinem anderen Grund als dem innerlich gefühlten Beweisenmüssens angefertigt hat, daß einem wirklich ganz schummerig wird (ja, Geliebte, scrollen sie bis 18.21 hinunter) und aber auch die Krebsin selbst zu reagieren sich, so spüre ich, genötigt sah — und in welch anderem Ton plötzlich! — , auch wenn ich das sehr genau weiß, sogar für nachfragende Leserinnen → Lis Handschrift zu übersetzen versucht habe und rasend gerne nun weitererzählen würde, muß ich jetzt einfach an die zweidrei CDs, die hier schon lange zur Rezension liegen, und mich vor allem um die → Béart XXXIII kümmern, für das ich nun endlich den Ansatz fand oder gefunden zu haben doch glaube, um nämlich des Gedichtzyklus‘ Finale wirklich als einen Hymnos gestalten zu können, der zugleich tief in der Geschichte ruht. „Hymnos“ war tatsächlich der Schlüssel. Daß mir dann Veni, Creartor, Spritus einfiel, hängt wahrscheinlich erstens mit dem soeben vergangenen Pdfingstfest zusammen als sicher auch damit, daß ich in den vergangenen Wochen wieder so viel Mahler hörte, dank auch meiner Leserinnen und Leser, der → Hrabanus Maurus‘ Dichtung bekanntlich für den ersten Satz seiner VIII auskomponiert hat. Da der Text allerdings ausgesprochen patriarchal ist, monotheistisch halt, war mir andererseits sofort klar, daß ich ihn verändern würde, nämlich nur seinen Rhythmus verwenden, auf den ich völlig andere Wörter schreiben würde, solche, die sich auf das Ave Maris stella beziehen sollen, um der innere Verbundenhei der vor allem südlichen Maria mit uralten Demeter-, aber auch nahit-Figuren poetisch zu folgen.
Der ersten Ansatzentwurf sieht nun so aus, wobei zwischen die „klassischen“ Venicreatorverse freie „moderne“ (freirythmische) Strophen geschaltet werden sollen:

ANH:
Scheine, Schöpf’rin, hernieder und
– | – | – | – x
ziehe es, des Sternmeers Licht,
– | – | – | – x
aus den Erdsekreten aufseh’nd
– | – | – | – x
über mich als Wasserhaut und
– | – | – | – x
Veni, creator spiritus
– | – | – | – x
mentes tuorum visita:
– | – | – | – x
imple superna gratia,
– | – | – | – x
quae tu creasti pectora.
– | – | – | – x

immer noch weiter, hoch an den Mund
und bis ich ertrinke, höher noch, drüber,
wie ich, Béart, Dich lebenslang trank,
bis Du mich aufsteigend einsinken läßt
unaufersteh’nd in die Erde zurück,
und ich zerfalle in was Du mir warst,
der ich gehöre, noch, ein letzter,
bevor uns die Welt zu gut, noch zu zeugen,
gemacht haben wird, und zu empfangen:

Goethe:
Du heissest Tröster, Paraklet,
Des höchsten Gottes Hoch-Geschenk,
Lebend’ger Quell und Liebes-Gluth
Und Salbung heiliger Geistes-Kraft.
Qui diceris Paraclitus,
– | – | – | – | x
donum Dei altissimi,
– | – | – | – x
fons vivus, ignis, caritas
– | – | – | – x
et spiritalis unctio.
– | – | – | – x

Und wieder ein Freirhythmer, wobei ich mich für die Übersetzung des lateinischen Hymnus an die weniger bekannte von Goethe anlehnen will, die im Versmaß, soweit es über die  Vierfüßigkeit hinausgeht, auf eine für ihn ziemlich typische Weise unphilologisch-locker gebaut ist, virtuos und elegant, zugleich aber – und genau das nimmt mich ein  – etwas dabei unternimmt, das → in Mathias Mayers vorzüglichem, für die NZZ geschriebenen Artikel

ISLAMISIERTES CHRISTENTUM, POETISIERTE RELIGION

genannt wird, ein Impuls, den ich von ihm, Goethe, sozusagen u nbewußt geerbt habe, denn mir den Islam, bzw. von ihm anzueignen (es zu „internalisieren“), was mir gefiel und was sich poetisch als für meine Ästhetik wunderbar geschmeidig erwies, ist etwas, mit dem ich ohne einen Fremdbezug begann, der mir jedenfalls klar gewesen wäre. Ist auch nicht wichtig. Doch „poetisierte Religion“ trifft ziemlich genau eine meiner Intentionen oder doch deren Umkehrung, die diese meine Innenbewegung wahrscheinlich schon früh bewirkt hat.

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>>>> Béart 51
Béart 49 <<<<

Genau deshalb muß ich grad wieder dran denken, daß ich → die PRÄGUNGEN-Reihe fortsetzen will, ein Gedanke, vielleicht sogar eine künstlerische, als quasi Nachlaß, Notwendigkeit, die mir neulich neu bewußt wurde, als ich mir vergegenwärtigte, welche Musiken mich vor allem geprägt haben – früh geprägt haben, meint das. Etwa trägt die älteste Schallplatte, die ich habe, bzw. an die ich mich als an die älteste erinner, die durchlaufende von mir selbst (damals noch als Alexander Michael v. Ribbentrop, der ANH war da noch fern) vergebene Nummer 5: Es ist Tschaikowskis Fünfte Sinfonie in einer Billigpressung der Gloria, damals, ich erinnere mich, für 5 DM zu bekommen, als es „normale“ Schallplatten noch nicht unter 25 DM gab. Wobei die Nummer, also die 5, nicht der Realität entsprechen dürfte, weil nämlich die Nres 1 – 4 für die vorherigen Sinfonien Tschaikowskis von mir vergeben wurden, ich also sehr wahrscheinlich eine Chronologik am Archiv haben wollte. Doch genau diese fünfte Sinfonie, New Philharmonic Orchestra unter Artur Rodzinski, ist mit Gewißheit die zweite Musik, die mich zutiefst geprägt hat; die erste hörte ich vielleicht zwei Jahre vorher, mit elf oder zwölf, als ich den Plattenschrank meiner Großeltern durchstöberte (da liebte ich, wie sie, Hermann-Löns-Lieder und Karel Gott, is‘ scho‘ an bisserl peinlich; später kam noch Daliah Lavi dazu) und auf → Kienzles Evangelimann stieß, nämlich auf „Selig sind, die Verfolgung leiden“ – was, zumindest in der Schule, meinem eigenen Grundgefühl entsprach und eben ein „Gefühl“ viel weniger als die tägliche Erfahrung von etwas war, für das es den Begriff Mobbing damals noch nicht gab. – Diese Platte aber, es muß eine Single gewesen sein, die ich heute gar nicht mehr abspielen könnte (mein Linn ist Purist; nichts geht als, allerdings perfekt, 33 1/3 Umdrehungen pro Minute), habe ich nicht. Die dritte allerdings, die mich dann lebenslang prägt, trägt die Nummer 22: Mahlers Erste Sinfonie unter Bruno Walter mit dem  Columbia Symphony Orchestra vom Januar und Februar 1961 aus Hollyood. Auch hier habe ich noch nicht als ANH archiviert; ich habe die Platte während meiner letzten beiden Braunschweiger Jahre auf dem Grabbeltisch gekauft, wohl ebenfalls für fünf Euro, bevor ich mich zwischen einem Erziehungsheim und → meinem Vater entscheiden mußte, den ich seit meinem vierten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte. Was dann auch reichlich schief geht. Doch dort, in dem haushalb zerfallenen, doch hälftig mit seinen eigenen, in dieser Hinsicht begnadeten Händen wieder aufgebauten reetgedeckten Gesindehaus des Fleckens Bramstedt, – dort erreichte mich als Geschenksendung gleich der nächste Mahler-Archetypos, nämlich seine zweiter Sinfonie, auf die ich dann sogar eine Erzählung schrieb, die hier immer noch herumliegt und von der ich versucht bin, sie in eine neue Fassung zu bringen, die Gültigkeit bewahrt. An dem alten Text ist nämlich etwas, spüre ich dran; es war wahrscheinlich genau dies, was damals den alten → Manfred Hausmann bewog, mich → zu sich einzuladen und in seinem weißen Haus an der Unterweser ein Gespräch mit mir zu führen, das mir einen Weg wies, der sich erst nach Jahrzehnten vor mir zeigte und den ich dann, nach Jahrzehnten, tatsächlich ging. Jedenfalls setzte ich immer wieder den Fuß, um ihn zu prüfen, darauf. Und stehe nun fast am Ende dieses Weges mit Hausmanns mich seit damals, als ich noch achtzehn, begleitenden Versen, von denen Sie, Geliebte, mir nachsehen möchten, wie oft ich sie schon zitiert habe:

Laß uns, wie gut es auch, wie schlimm es um uns stehe,
laß uns barmherzig zueinander sein.

In dieses Barmherzigzueinander hat sich vieles bewegt, das ich seit den Bamberger Elegien geschrieben, und hier werden auch die Béartgedichte enden, fast, in einer Anrufung der Schöpferkraft, aber eben nicht einer vorgestellt männlichen, sondern eben weiblichen — für genau die ich so darauf beharre, daß es Geschlechter jenseits der sozialen Konstruktionen gibt und eben derenthalben, und nicht aus lächerlichem Machismo, ich solch ein Gegner  der sogenannten Gendercorrectness bin, bleibe und bleiben auch muß, hinter der ich etwas ganz anderes wirken spüre, als sie selbst überhaupt will oder zu wollen meint. In einem ganz anderen Gedicht habe ich es schon einmal ausgedrückt:
DER ÜBERMENSCH GEHT
Der da kommt
kennt nicht den Rauch und die Mandel
weiß von den Pforten Andromedas nicht
hört nicht an Zweigen die Toten
nicht Neros Räusche, als er Prometheus dankte fürs Feuer
und kaute mit an der Leber

hat clean auf der Klinke die Hand unverdammt liegen
und drückt sie
zur Zukunft hinunter

Hell ist sein Aug
Hell ist sein Haut
Hell ist sein leerer Gedanke

So tritt er ein
analphabet von den Alephs entbunden
Dazu paßt nun wahrlich mein Krebs, all dieses zusammenzuführen. Wobei mich die Chemo ja doch ziemlich in Ruhe läßt, von den Bekifftheitszsutänden abgesehen, die ich → nicht erfunden habe, sondern seit der Phase II extrem erlebe; sie geben meiner Durchquerung der Nefud eine fiebernde Realität, unter der sich alles andere wegbeugt, seien es die bisweiligen, doch eh gut aushaltbaren Tumorschmerzen in der Brust, sei es die dämliche, weil lästige Obstipationsneigung, sei es das neuerdings immer wieder mal auftretende, leichte Nasenbluten; auch hier Schädigung der Schleimhäute durch die Zytostatica, und seien es selbst die Kribbeleien in Fingerspitzen und zuweilen Zehen oder auch das allein nach Art einer „physokosmischen“ Hintergrundstrahlung spürbare, gleichsam subkutane Übelsein, das man mit Haltung einfach so vergißt, Medikamente sind ganz unnötig. Ligeia zieht mich auf einen Erkenntnispunkt, vielleicht mehrere solche Punkte zusammen; Sie können, Freundin, sagen, daß sie mich konzentriert. Und seltsam dabei, wie in den Hintergrund Corona gerückt ist, obwohl ich mir eine solche Infektion nun wirklich nicht einfangen sollte. Mit meiner Diagnose bin ich vorderste Risikogruppe und habe dennoch nicht die Spur von Furcht. Was ich im Blick habe, ist meine Arbeit, weil sie sein wird, was zurückbleibt und es auch bleiben soll, und um die ich nun eine Formklammer leben möchte, eine Lebensformklammer, so, wie im – kurz vor Porto Empedocle – Flecken Caos, es hat mich immer beeindruckt, Pirandello unter der unterdessen sehr hohen, immer wieder vom Scirocco gefledderten Pinie hinter seinem Geburtshaus beerdigt ist, die so direkt am mare africanus zu diesem Anlaß erst gepflanzt wurde und heute noch immer da steht, doch bereits fünfzehn Jahre älter jetzt, als der geworden war, dessen posthumer Beschirmung sie dient. Wer „dient“ der meinen? Meine Pinien sind die Bücher. Und ich nur kann mich um sie kümmern, fast nur ich. Sollte – nein, ich fürchte es nicht – bei der OP dann doch etwas schiefgehen, muß vorbereitet sein, was noch herauskommen soll. Es ist dies der reine Pragmatismus, nichts anderes, doch, stimmt nicht … – ist künstlerische Verantwortung noch. Und da nun stehen an erster letzter Stelle die Béarts. Die müssen, vor der OP, lektoratsfertig sein. Und erst danach, wenn ich sie überstanden haben werde, mit oder gegen Ligeia, werde ich auf Nächstes blicken können, die Triestbriefe, den Melusine-Walser-Roman, die alte Erzählung DAS HAUS auf der Grundlage der zweiten Mahler-Sinfonie. Sich zurück in die Vergangenheit biegen, doch festen Stands im Heute: auch dies ist ein Pfeil- und Bogenbild, Robin Hood, dessen Erzählungen dennoch die Zukunft anvisieren, oder gerade deshalb.
Und Alban ben Nemsi? Er wird zur Zeit im Rausch sein. Ich habe keine Ahnung, noch keine, durch was er gerade treibt, getrieben wird, was ihn voranschlägt Hieb um Hieb (und Kuß wahrscheinlich auch um Küsse), doch werd ich es erfahren, sowie ich mich wieder anders ausrichte, als es jetzt vonnöten. Wahrscheinlich gegen Abend. Dann werde ich es ihn | für Sie niederschreiben lassen.
Ihr ANH

 

 

 

[20.45 Uhr
Peter Maxwell Davies, Second Fantasia for Orchestra (1964)]


Sashimi der Verstrickungen

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