Arbeitsjournal. Dienstag, der 30. Januar 2007.

5.27 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
Gestern alles, was bislang übertragen werden konnte, ins ARGO-Typoskript übertragen. Nun warte ich nurmehr auf die letzte Sendung des Freundes mit dem ARGO-Ausdruck, um ihm unter entsprechender Formatierung diese Seiten beizufügen und das Romantyposkript dann spätestens morgen früh, am letzten Bewerbungstag, beim Berliner Senat abzugeben. Unmittelbar darauf werde ich nach Bamberg fahren, da übermorgen früh die Eidesstattliche Versicherung zwecks Offenbarung des Vermögens vor dem Gerichtsvollzieher abzugeben ist. Ich habe mich entschlossen, ganz >>>> in diesem Sinne, das Verfahren als einen Teil meiner literarischen Arbeit zu begreifen; so kann man das ohne Ehrverlust durchstehen und möglicherweise zugleich Poetologisches, das diesmal eine Produktionsbedingung meint, daraus entwickeln. Dazu wird gehören, daß ich den Abgabetermin selbst öffentlich mitprotokolliere (ich werde den melancholischen Geichtsvollzieher, Herrn M., fragen ob ich ein Foto von ihm machen und einstellen darf oder ob er zumindest ein Bild von mir macht, während ich das Formular unterschreibe); aber nicht nur den Abgabetermin, sondern auch alles was folgt. Zu protokollieren bedeutet in literarischer Hinsicht: eine Geschicht daraus erzählen. Ich werde davon dann einen Link an den Gläubiger, die Amex-Bank in Frankfurtmain, schicken. In einem ersten Sc hritt meiner Unternehmung habe ich jetzt jedenfalls das Ausfüllen der Formulare in die Rubrik >>>> ARBEITSFORTSCHRITT aufgenommen.
Bis nachts um eins saß ich gestern mit dem Profi zusammen und bereitete alles vor; ohne seinen Rat wäre ich wahrscheinlich wieder einmal völlig aufgeschmissen. Das Tolle ist, daß man in dem Protokoll zum Beispiel jeden Schmuckgegenstand angeben muß, den man hat; etwa >>>> meinen Familienring. Theoretisch wäre es wegen der Kreditschulden möglich, daß die Amex-Bank ihn mir fortnimmt; was bedeutete, daß eine Familientradition zerbrochen würde, nämlich die Weitergabe je vom Vater an seinen Erstgeborenen, und das, obwohl im Vergleich zur Schuldenhöhe der Wert dieses Ringes lachhaft ist, reiner Materialwert vielleicht 100 Euro, wenn‘s gutgeht. Nur hat die Amex-Bank, um nicht unnötig Verfahrenskosten zu riskieren, bislang nur einen zwangsvollstreckbaren Schuldtitel über eine kleine Teilsumme der eigentlichen Schuldhöhe erwirkt; sie kann das ja sozusagen häppchenweise fortsetzen und bekäme auf diese Weise Zugriff auch auf kleine Wertgegenstände. Zu den Pfändungsmodalitäten prinzipiell werde ich Ihnen später noch etwas schreiben; heute morgen ist kaum Zeit. Mein Junge hat heute seinen siebenten Geburtstag, und ich will gleich rübergehen. Gehen, ja, denn als ich gestern nachmittag das Fahrrad aufschließen wollte, brach mir der Schlüssel im Schloß ab. Momentan geht eines nach dem anderen kaputt. Ich trag‘s mit Stoik.

Dreieinhalb Stunden geschlafen. Bin müde, aber zuversichtlich.

Als ich nachts heimkam, nahm mich Katanga beiseite und informierte mich >>>> darüber. Es hat eine auffällige Serie von Angriffen auf Die Dschungel gegeben, „ein Amateur, kein Profi“, sagt Katanga, der den entsprechenden Text schon vorformuliert hatte und von mir die Einwilligung haben wollte, ihn einzustellen. Selbstverständlich gab ich sie. Darauf finde ich heute morgen >>>> diesen Kommentar, über den ich mir unbedingt Gedanken machen muß. Ein paar Ideen habe ich bereits; auch sie werden im Lauf des Tages ausformuliert und dann eingestellt sein. Bitte, Herr Nicolai, haben Sie so lange Geduld. Denn in der Tat haben Sie recht, und über derartiges ist – auch prinzipiell – nachzudenken. Wobei die Ästhetisierung, von der Sie schreiben, noch gar nicht stattgefunden hat… – nein, ich will meine Antwort noch nicht ihr selbst zuvorfassen.

Heute vor sieben Jahren wurde ich um 6.47 Uhr Vater.

8.08 Uhr:
So, der Junge ist zur Schule gebracht – und wie wundervoll groß seine Augen über den Gabentisch waren! Ich werde ihn heute früher von der Schule abholen, um den Nachmittag bis in den Abend mit ihm und der Familie zu verbringen; also hab ich jetzt bis mittags Arbeitszeit.
Im Ohre allezeit dieses „Sancta Maria, ora pro nobis“ aus >>>> Monteverdis Marienvesper; wirklich ein – in seiner Melodik eigenwillig sperriger – Ohrwurm, der, als wäre die melodische Linie nicht zuendegebracht, das Perpetuale eines Rosenkranzbetens hat, man wiederholt und wiederholt; aber das ist nicht ‚abgebrochen‘, sondern selig. Etwas Meditatives, ja Meditierendes schwingt darin, das ist unfaßbar: eine Erlösung, die sich nicht einstellt, sondern auf seditative Weise verspricht und dadurch hoffnungsvoll stimmt.
Ich werde das verstärken und mir dieses Sancta Maria herauskopieren, um die Kopie als Dauerschleife laufenzulassen – bis ich wirklich jeden Ton geradezu mit der Haut aufgenommen haben werde. Denn ich versuchte, das Stück nachzusingen – eigentlich mir selbst nachzusingen, in dem es allezeit singt. Aber das gelang bisher nicht, gelang nur dem die Musik imaginierenden Gehirn; hingegen die Stimmbänder, die realisieren wollten, versagen. Gestern nacht, auf dem Heimweg, dachte ich: Welch ein Versprechen, jemanden zu haben, der für einen Fürbitte leistet und dem sich anvertraut werden kann. Ich hatte das gleiche Gefühl, als ich die Zwillinge im Arm wiegte: welch ein Versprechen, daß sie sich anvertrauen können. Weiterhin dachte ich: so geschehen Bekehrungen. Und mir fiel ein, daß die meisten Bekehrungsgeschichten des Islams von der klanglichen Schönheit der Suren erzählen: es sei d i e s e, die eigentlich zur Bekehrung führe.
Und es ist diese Marienfigur, die >>>> seit ich den Monteverdi gehört habe (Eintrag um 22.59 Uhr) in mir um- und umgeht. Ich habe nachgeschlagen. „Maria“ ist von Mirjam abgeleitet und bedeute, heißt es, je nach Auslegung „Gottesgeschenk“ oder „fruchtbar sein“; eine mythisch interessante Kombination. Mit selber kam, auf dem Weg über „stella maris“ eine weitere Assoziation, die den Namen nahezu unmittelbar mit „Meer“ in Verbindung brachte – und damit insgesamt auf den Lebensursprung verweist. – Übrigens scheint mir die berühmte „Maria“-Arie aus Bernsteins West Side Story melodisch direkt von Monteverdi abgeleitet zu sein. Da sollte man mal die Partituren vergleichen.

[Eigentlich gehörte dieser Eintrag unter >>>> LOYOLA.]

Ah! Ich sehe gerade, mein Gefühl besitzt >>>> ein auslegendes Recht!

22.56 Uhr:
[Monteverdi. Sancta Maria, ora pro nobis.]
Bin noch einmal von der Familie fort an den Küchentisch geradelt, netzhalber, vervollständigungshalber. Werd wohl eine Stunde bleiben, dann wieder zurückradeln, um drüben zu schlafen und die Morgenarbeit dann am Terrarium aufzunehmen. Es wird ein voller Tag werden morgen, noch sind auch die Ausdrucke nicht geliefert worden, auf die ich wie auf Kohlen warte. Notfalls werd ich d o c h den gesamten mehrhundertseitigen Rest durch den Drucker jagen müssen, um die Abgabe nicht zu verpassen. Eigentlich hatte ich morgen mittag nach Bamberg fahren wollen, nun wird es, aus familiären Gründen, doch der Abend werden. So daß ich dann erst nachts ankommen werde und gleich am nächsten frühen Morgen zur Abgabe des Offenbarungseides aufbrechen muß. Na gut, man hat ja ein Fell.
Eines, ein Schönes, ist noch zu berichten. Nach >>>> meiner Erzählung von der, na ja, Höllenfahrt am Sonntag abend (22.59 Uhr) fand ich gestern morgen die Mail eines Lesers mir >>>> übers Kontaktformular zugestellt:falls sie mögen, könnten sie einen noch recht gut erhaltenen wickeltisch von mir bekommen, steht auseinander gebaut bei mir im keller. kostenlos natürlich. wäre in der dunckerstraße abzuholen. einen wickeltisch-heizstrahler gäbe es noch dazu.Nachdem ich zurückgeschrieben und mich bedankt hatte, kam heraus, daß der Leser in derselben Straße wohnt, in der sich seit vierzehn Jahren meine Arbeitswohnung befindet. – Vorhin hab ich das Ding abgeholt; der junge Mann kam mir bekannt vor, ich weiß aber nicht, woher. Irgend etwas ‚klingelt‘. Jedenfalls bot ich ihm aus Dank eines meiner Bücher an, und er hätte gerne THETIS. Auch so kann ein Literarisches Weblog Realitäten schaffen.

Mir geht >>>>> die Marienvesper nicht aus dem Kopf. Und nicht, daß ich >>>> vor nahezu zwei Jahren die Rubrik LOYOLA begonnen habe, was auch das Ergebnis eines intensiven Gespräches mit >>>> Ricarda Junge gewesen ist, einer Autorin, die neben ihrer stupenden Begabung durch ihre Gläubigkeit bekannt ist; ich selbst bin ja eher atheistisch, wenigstens Agnostiker. Doch merke ich, interessanterweise aufgrund meiner Beschäftigung mit dem Islam, zunehmend nicht ein Interesse an, sondern ein Gefühl für Religiöses, und die Marienvesper hat mich dabei, gerade durch die sinnliche Inszenierung, auf beiden Hinterbacken erwischt. Das wirkt nun. Daß ich mit dem Katholizismus flirte – einem synkretistisch-heidnisch-mediterranen freilich -, ist aber schon eine ältere innere Bewegung. Und jetzt stehe ich ein wenig staunend da und merke, was das offenbar in mir bewirkt hat. Heute sogar – immer hatte ich mich über diese Verssammlung geärgert (gerade, w e i l sie formal so schön ist); mit >>>> Godards ‚Je vous salu, Marie‘ ging es mir seinerzeit ähnlich – heute also hatte ich das Bedürfnis, unbedingt Rilkes Marienleben wiederzulesen, das ich erstmals in der tatsächlich himmlischen Vertonung Hindemiths kennengelernt habe. Momentlang dachte ich: ist es d a s, ist es Bekehrung, was da grad mit dir passiert? Wie mußte ich da an den älteren Alfred Döblin denken, dessen später Katholizismus dem Dichter so sehr verübelt wurde – und an meine Begegnung mit >>>> Manfred Hausmann. Ich war damals 17 und hatte seine Gedichte und „Salut gen Himmel“ verschlungen; ich schrieb ihm, sandte ihm eine längere Erzählung; wir saßen dann lange mit dem Blick auf die Oberelbe zusammen, der alte, feine, hochdurchgeistigte Mann und der junge, der noch nicht recht wußte, wohin sein Häufchen tun. Hausmann sprach mir von dem Geheimnis, das sich nicht herstellen läßt, sondern das nur i s t und das zu einem k o m m e… Seltsam. Mir war zu viel Gläubigkeit in ihm; jetzt ahne ich, daß es darum gar nicht geht. Sondern um ein Gefühl von anderer Wirklichkeit… darum, was dieses Gefühl qualitativ ist. Es geht gar nicht um den Glauben und ob i s t, was einer glaubt, sondern um eine Wahrnehmungsform, die Milde, Hoffnung und Leuchten in dem Menschen, der wahrnimmt, als ein Gefühl herausschält. Die Formulierung trifft es aber noch nicht ganz oder nur zu einem Achtel, Sechzehntel, Zweihundertsechsundfünfzigstel.

Mein Sohn schläft. Er hat heute sein achtes Lebensjahr begonnen.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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3 Antworten zu Arbeitsjournal. Dienstag, der 30. Januar 2007.

  1. Markus A. Hediger sagt:

    Iemanjá, Marias Entsprechung in afrobrasilianischen Kulten wie dem Candomblé, ist die Göttin des Meeres.

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