III, 463 – Schattenprozession

Gespenstisch war’s dann doch, als ich am Tag, nachdem ich einer mir bekannten Person über FB zum Geburtstag gratuliert hatte, in einer lokalen FB-Gruppe einen Beitrag fand, der den Namen der gratulierten Person mit einem RIP in Verbindung brachte. Gestern fragte ich im Bioladen nach (in dessen Umfeld man sich einst kennengelernt hatte… was man so kennenlernen nennt) und erfuhr, sie sei schon vor einigen Tagen gestorben, so daß ich einer Toten zum Geburtstag gratuliert habe.
Die’s mir sagte, war S., die Neue im Bioladen. Sie schafft es immer wieder, mich in ein Gespräch zu verwickeln. “Romana di Roma”, San Lorenzo, per intenderci. Und so ging’s dann auch los, daß sie sich nämlich oft frage, was denn „danach“ sei. Da müsse doch irgendetwas sein. Niente, meine Antwort, außer vielleicht noch einem Achselzucken. So richtig könne sie es sich nicht vorstellen, dieses Niente, ja, sie versperre sich diesem Niente. Naja, vielleicht noch Humus. Skeptische Blicke. Die Vorstellung, fiel mir dann ein, die mir vom Danach gefalle, sei, daß man in den Köpfen der anderen weiterlebt. Worauf wir uns dann einigten.
Mittlerweile im Bioladen-Angebot Corona-Masken. Sie, die Neue, hatte mir das Mal davor etliche unter die Nase bzw. vor die Augen gehalten. Die kleineren mit florealen oder graphischen Mustern bedruckten erinnerten mich an Slips oder zumindest Bikini-Unterteile. Wozu S.. zwar etwas skeptisch, aber ohne Widerspruch nickte. “Slips”, quittierte sie. Die größeren Masken in Vollfarben. Bis sie mir ein Blau hinhielt, dessen Farbton mich an Herrenunterhosen erinnerte. Herrenmasken? Nein, ich kaufte keine Maske. Ich hab’ noch welche aus der Apotheke, die man hinter den Ohren festmachen kann. Denn, wie soll ich, dachte ich, zum Friseur gehen, wenn das Gummiband über den Hinterkopf zu stülpen ist?

Das liegt bereits zwei-drei Wochen zurück. Mein Haar wird immer länger. Plötzliche Brotarbeiten hindern mich derzeit ständig, überhaupt etwas zu planen.

Und heute, am Fronleichnamstag, nicht mal eine Schattenprozession, keine blumengeschückten Gassen bzw. Infiorata. Hübsch aber jetzt die Stelle eines Kraftwerk-Konzerts zum Beginn von “Autobahn”: die Fiktion eines zunächst nicht anspringen wollenden Käfers (? ja doch, das typische Motorengeräusch eines Käfers, man erkannte es schon von weitem).
Mein Weiterschreiben hat etwas von diesem nicht anspringen wollenden Käfer.

Das letzte Mal gelang es mir kurz vor dem 29. April, dem Tag, an dem ich die → Nachricht von der Karzinom-Diagnose erhielt. Das lähmte sowieso. Eine Woche lang infauste Vorstellungen. Aber dann kam er wieder zurück mit seiner Mephistophelin, aus eines Pudels Kern entstanden. Und dann mochte ich das Nefud-Narrativ nicht unterbrechen. Also eine gewisse Scheu. Aber es sei immer noch vorhanden die Vielfalt des Alltags (oder Alttags, wenn ich meine Schreibzeiten berücksichtige). Natürlich chromatisch verbrämt, wie dieser täglich gesehene Winkel, sobald ich vom Schreibtisch aufstehend kurz aus dem Fenster schaue.
Und noch einmal Ricarda Junges Stimme herbeirufen. Ich meine tatsächlich die Stimme, das Timbre, die Artikulation der Worte. Es ist die Aussprache des Deutschen, die ich liebe. Und die mich entfernt an Dingerchen erinnert wie 99 Luftballons, wo ich es ebenso empfinde, weshalb ich’s mir gelegentlich doch noch mal wieder anhöre. Heimatsprech. Irrationales Sich-angeheimelt-fühlen. Iss so. Aber auch der Inhalt, der ein gedankliches Einhalten b-einhaltet. Bein sagen und Knochen meinen. Schlüsselbein.

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister;
thû biguol en Frîja, Folla era swister;
thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda:
sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.

Merseburger Zauberspüche aussprechend, schielend zu Nabokovs Gesicht (ich meinte Gedicht, aber vielleicht liegt’s am Cover meiner aus England bestellten Ausgabe der Collected Poems) “Lilith” (“Shielding her face and to the sparkling sun / showing a russit armpit, in a doorway / there stood a naked little girl” (all ending in a world, where hell’s mood reigns, quite onangonamed (FW)), um auch der Silbe “li” gerecht zu werden. Und schweige von Malapartes Neapel kurz nach der Befreiung in “La Pelle” und den blonden Schamhaarperücken, die den schwarzen Amis so sehr gefallen, oder der Seekuh, una sirena (Sirenia, mit den Elefanten am nächsten verwandtes Rüsseltier (bei Malaparte allerdings als Fisch bezeichnet)), die als letztes Exemplar des neapolitanischen Aquariums gekocht auf dem Tisch eines US-Generals serviert wird und aussieht wie ein gekochtes kleines Mädchen, das niemand essen will.
Malaparte lesen: verstörende Geschichte aus einem verstörten Europa. Auch bei ihm immer wieder der Anlasser bzw. das Konstruieren der Veranlassung (stets in hohen gesellschaftlichen Kreisen, besonders in “Kaputt”, bevor die jeweilige Geschichte tatsächlich erzählt wird. Daneben noch sein posthum erschienener, nicht übersetzter “Ball im Kreml” – Moskau 1929, Sowjetadel, einst gedacht als Fortsetzung zu “Kaputt” und “La pelle”.
Indes, so las ich heute in “An Evening of Russian Poetry” (Nabokov): “The rhyme is the line’s birthday”, um diesen Text mit einem allerdings ungereimten Geburtstag abzuschließen.

III, 462 – Spleen

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3 Responses to III, 463 – Schattenprozession

  1. … einen ausgesprochen schönen Text, finde, lieber Herr Lampe, ich.

  2. Avatar ReniIna von Stieglitz says:

    was für ein schöner Ort, an dem Sie leben – dieser zauberhafte „farbigWinkel“ – ein einladender Platz  zum Verweilen – tja, so einen Käfer fuhr ich derzeit auch – als ich diese Stelle in Ihrem Kommentar erreichte, hatte ich sofort dieses typische Motorengeräusch in meinem inneren Ohr – fast wehmütig in Erinnerungen versunken – für einige Minuten –  und dann noch diesen Hinweis auf Nabokov, dieses faszinierende Porträt, da kann man schon mal ins „Schielen“ kommen – lach – herrlich – wie Sie’s rüberbringen — diese AUGEN – fühle mich geradewegs hineingezogen in eine magische „LiteratenInnenwelt“ –  Danke und eine schöne Zeit Ihnen.. RIvS

     

    • Bruno Lampe Bruno Lampe says:

      ach, wohnen ist ein gewohntsein, die farben grauer, als man sie zeigt. der welt ein gesicht geben, hinter dem man sich (ver)bergen kann… hinter den sieben bergen, wie man so wandelt dahin

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