وادي المقابر, fahl. Aus der Nefud, Phase III (Nacht von Tag 2 auf 3). Donnerstag, den 18. Juni 2020: Krebstagebuch, Tag 50.

 

[صحراء النفود.عالم آخر, Abendlager, 17.43 Uhr]

 

Doch es war – von vorgestern auf gestern – Nacht noch, als ich an meinem rechten Ohr die Stimme vernahm, die ich schon immer, muß ich beinah denken, kenne, seit also je — was selbstverständlich die Lebenszeiten ausschließt, die noch keine Erinnerungen bewußt bewahren; ob aber unbewußt, stellt sich bisweilen in Psychoanalysen heraus. Wobei nicht-bewahrte Erinnerungen auch mit dem noch unentwickelten Sprachbewußtsein zusammenhängen. Was ich erinnere (sofern ich das Verb einmal aktivisch verwenden darf, was unterdessen zwar usus, grammatisch dennoch falsch ist), muß ich benennen können, ansonsten ich allenfalls von Ahnungen, in keinem Fall aber Erinnerungen sprechen kann.
Es war also noch Nacht, die allzu bekannte Stimme allzu schlafnah, doch so jenseits der Membran, daß sie mich wirklich weckte. Ohne aber, daß ich sofort verstand, daß dies bereits die oder doch eine Wirkung des nunmehr dritten Kreises sei, in den wir eingeritten sind, und nach dem zweiten Tag schon! So wirken hier die Strahlungen.
„Steh auf, mein Schöner, komm!“, so säuselte die Wüstennixe sanft, ihre Stimme – Häuten von Schlangen gleichend, wenn sie noch leben – ein gekühlter Samt. Auch konnte ich sie riechen, den für sie, sobald erregt, typisch puderigen Duft des Nackens, in dem nur wenig Säure spielt, doch sie ist’s, die uns Männer hinzieht, sofern sie klandestin bleibt und also unsren Fetisch Autonomie so spöttisch wie bestimmend unterläuft. Nahezu alle meine Frauen hatten diesen Korridor, innen, der aus dem Schoß zum Nacken aufgeleitet. So daß ich’s kribbeln spürte zwischen meinen Teppichen. Bis ich dann wirklich wach war.
Sehen konnte ich sie nach wie vor nicht, auch nicht, als ich die Augen öffnete. Das Licht des Mondes war derart hart, daß es durch die Planen meines Zeltes wohl nicht wirklich schien, aber genügend hereinsinterte, daß ich mich gut zurechtfinden konnte, meine entäußerte Krebsin dennoch zwar spürte und, wie erzählt, deutlich roch, aber einfach nicht sah.
„Vertraue“, hauchte sie, gurrte sie.
Dann zog sie mich zum Ursprung.
Hinaus.
Zu einem ihrer Ursprünge, nicht meiner. Ich bin damit lediglich geboren. Was es bedeutet – oder, damals, bedeutete – hat zuerst sie austragen müssen. Denn

(w)er die Last für etwas tragen soll, das er sich nicht vorstellen kann, muß es sich erfinden. Er wird sonst krank oder verstummt. Sicher, vorstellen kann es sich jeder irgendwann, deshalb gibt es ja Geschichte als Lehrfach. Aber wie sollen wir es fühlen, wie Buße für etwas tun, innen, in uns, wenn wir uns nicht persönlich erinnern, wenn der Raum, in dem angeblich unsere Schuld sitzt, leer ist?
ANH,
Meere

Mit dieser, wie wir sie → in meiner Analyse nannten, schuldlosen Schuld wuchs ich auf, die auch allenthalben vorgeworfen wurde und aber zuhause kein Thema war, weil schon mein Vater ihrerseits sich geduckt hatte und verschwunden war und meine Mutter den wirtschaftlichen Vorteil sah, der in diesem Namen steckte. Den sie auch nach der Scheidung weiternutzte. „Du wirst auch einmal aufgehängt wie dein Großonkel“, auch der Satz steht in MEERE. Ein Lehrer sagt ihn dem Buben vor versammelter Klasse und feixt sich eins, dies linke Arschloch. Ich weiß natürlich noch heute nicht, schon gar nicht in der Nefud, welches Trauma der damals durchaus noch sehr jungen Pädagoge quasi aus Notwehr weiterreichen wollte; jedenfalls ist es ihm gelungen.
„Schau nur die …“ säuselte Liligeia flatteratmig in mein linkes, dann „… vielen schönen Toten!“ in mein rechtes Ohr.
Wir warn schon draußen vorm Zelt. Es war empfindlich kalt, aber das lichtdurchfunkelte Firmament sensationell. Ich hatte mir über den Thawb noch zwei Ziegenfelldecken, die nach ihren unfreiwilligen Spendern selbst noch hier draußen durchaus rochen, um Schultern und Brust gezogen. So ging es einigermaßen. Und in dem extrem harten, fast schmerzhaft weißen Mondlicht, war irgendetwas von Lilly schon zu sehen, eine Art schweifender, oft zerfransender, dann wieder sich nach DNA-Manier zu wenigstens zwei, ich glaube aber eher vier bis fünf matt-opaken Strängen einrollender, allenfalls zu einem Siebtel materieller Hauch, der mal voranschlängelte, dann stehenblieb, was bedeute: meinen Körper orbitierte, schneller wurde, und der Nacken duftete hindurch. Schon war ich erneut an den Händen, ja, beiden, gefaßt und weitergezogen.
Da wurde die Blickfläche weit und das eigentliche Tal erst sichtbar, dahinter der nächste Höhenzug, auf den ganz offenbar das in Sicht gekommene, offenbar granitene  Mementum zur Hälfte hinausführte – die Kuppel der krönenden Rotunde oder was immer es war, riesig mußte sie sein, mit einer der Büste von Lillys Kopf … nun  jà, geschmückt? Es war durchaus zum Erschrecken. Zumal auch die Zeitabläufe wieder durcheinander gerieten. So kam es mir vor. Der Mond wie auf den rechten Hang gepinnt, sein Licht eher nicht nach Naturgesetzen strahlend.

„Was soll ich hier? Was muß ich hier?“
„Deine Angst verlieren.“
„Welche Angst?“
Lilly mußte lachen. Lachte sie wirklich? „Sie natürlich erst mal zugeben“, lachte, nein, kicherte sie. „Das fiel dir doch immer am schwersten. Und dann … dann  kannst du sie verlieren. Also komm schon weiter! Sie werden dir verzeihen, die Schuld von dir nehmen, die auf die nicht ist.“
Wen meinte sie mit ’sie‘?
„Doch mußt du zuhören.“
Weh Dir, mußte ich denken, daß du ein Enkel bist! Momentlang schwoll mir der Groll wie ein Hahnenkamm auf. Schuld als genetische Erbschaft ist eine Idee des Faschismus:

Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der die Missetat der Väter heimsucht über die Kinder ins dritte und vierte Glied, die mich hassen.
5 Mose 5:9

Wieso ist ausgerechnet Charlotte Auerbachs schmales Buch, das eher eine Einführung als , als eines der ersten in meine gerade entstehende Bibliothek gelangt? Ich kann da noch keine zwölf/dreizehn gewesen sein. Auch dies einer der monatlichen Vorschlags“bände“ des Bertelsmann-Buchclubs, dem meine Großeltern ebenso selbstverständlich angehörten, wie sie Brathähnchen nur beim Wienerwald aßen? Die Billigbroiler kamen damals gerade erst aus. Als ich, bei KARSTADT, eines klauen wollte, wurde ich erwischt und saß dann drei Tage Einzelhaft in der Jugendstrafanstalt … oh, wie kann ich jetzt ihren Namen, ihren Ort vergessen haben? – ist es das bleiche Licht, sind es die namenlos Toten, die mir die Erinnerung plötzlich verwehren? Auch an dem Ort, in den ich gesperrt war, waren Hinrichtungen sogenannt unwerten Lebens wie am Schnürchen weggespritzt worden. Jede Wand atmete noch Schreie aus. Die Wärter hieben, wenn ich mich tagsüber auf die Pritsche legte, mit ihren Hartgummistöcken auf die Tür ein. Bis ich mich zurück an den Tisch gesetzt hatte. Ich sollte meine Schuld überdenken und zur lebenslangen Reue finden. Deshalb war mir kein Buch erlaubt, nichts dergleichen, auch kein Papier, um zu schreiben, ein Stift war es sowieso nicht. Ich war da, glaube ich, fünfzehn. Seither kann ich nicht mehr bei geschlossenem Fenster schlafen.
„So nahe warst du ihnen schon. Dann leg dich doch zu ihnen, jetzt. Ich lege mich dazu. Ist es nicht sowieso mein Platz, zu dem ich dich nur hole?“
„Der Toten nicht alleine wegen.“
„Nein, es geht auch nicht um Schuld. Es geht um Schuldgefühle, die nicht zugelassen werden.“
„Ich hätte dazu keinen Grund gehabt.“
„Doch: Gesund zu bleiben. Wer sich nicht anpaßt, der wird krank. Oder ausgesondert. Auch das ist ein Naturgesetz. Die Welt ist nicht moralisch. Du warst, mein Freund, zu hart.“
Wir hatten die Nekropole unterdessen betreten, schritten durch die Reihen der meist liegenden, indes im Zentrum stehenden Betonquader, mir drückte es das Herz, zumal ich einmal im Hintergrund ich etwa Liligeias Kopf, sondern das Label der Deutschen Bahn aufragen sah, der Vorläuferin die Lagertransporte besorgt hat. So bleibt die Kontinuität heute noch zu spüren. Und mein Vater, das Wasser steht zum Herzen, und jede Vene ist verkrebst, fällt vor seiner Finca ins Koma, wird gefunden, nach Deutschland überführt, wo er vergeblich stirbt, mit etwas über sechzig. Er sprach nicht mehr, nun wollt’s er’s nur noch, mit seinem Vater etwas, dem da noch lebenden Südtiroler Nationalsozialisten mit Hitlerbild auf dem Altar. Wolf Graf Welsperg, so durch die Entnazifizierung geschlittert und deshalb schon nicht willig, mit seinem ‚Sozialistensohn‘ (womit er ihn als SPD-Parteimitglied meinte) auch nur ein einzges Wort zu wechseln. Meine Mutter fand diesen Mann charmant, der meinen Vater um mehr als dreißig Jahre überlebte, unserer, meines Vaters und meiner, Schuldgefühl völlig bar, die hätten müssen seine. Wir trugen sie für ihn.
„Verstehst Du noch nicht? Auch so fängt sowas an. Aber nun lege dich schon her zu mir. Laß uns hier einfach schlafen, bis uns die Sonne weckt, und mit den Toten träumen. Sie wissen gut zu singen.“
Da ward das Mondlicht fester und fester, wurde schmiegsam, anschmiegsam, legte sich um beide uns, und als wäre ich gar nicht erwacht, sondern läge weiterhin zwischen den Teppichen im Zelt, so war’s mit einem Mal. Nur lag nun außen Li an mir, direkt an meiner Haut, war nicht nur mit unter die Ziegenfelle´geschlüpft, nein hatte es auch irgendwie geschafft, unter mein Gewand zu kommen, doch immer nun, wenn ich kurz davor war, wegzunicken, pustete sie in eines meiner Nasenlöcher, dieses muntre, ungebundne Kind. In seinem – ihrer, diese Krebsin – Kichern schlief ich denn ein … —

This entry was posted in Arbeitsjournal, Hauptseite, KREBSTAGEBUCH and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .