„Dies viele, viele Grün!“ Aus der Nefud, Phase III (Tag 9): Mittwoch, den 24. Juni 2020. Das heute staunende Krebstagebuch, Tag 56.

Allabends wird die Nefud grün. In einer Wüste hätte ich so etwas niemals für möglich gehalten. Doch wir müssen nur unser Abendlager aufgschlagen haben und ich mache mich für den täglichen Spaziergang bereit, der mein Lauftraining vielleicht nicht grad ersetzt, aber in der Nefud sinnvollwerweise seinen Platz eingenommen hat, beginnt die Landschaft, üppig vor Leben zu werden. Ich sehe dann sogar Straßencafés voller teils so junger Erwachsener, daß sich all meine Sorgen wegen eines WeitersderWelt von selbst zerblasen; überall Gelächter, überall Kinder, und Eis wird geschleckt, bei Hokey Pokey, aus mir schleierhaften Gründen – die seit über zwei Jahrzehnten betriebene Kleine Eiszeit ist ebenso gut und aber deutlich preiswerter, nur halt nicht ganz so „hip“ – stehen die Leute nach quasi Kilometern an; der auf Coronas Abstand bedachte Flaneur verläßt den Bürgersteig hier besser und schreitet auf dem Fahrdamm weiter. Und wir verlassen die Wüste immer mehr, indessen doch die Wahrheit diese ist – jedenfalls für mich:

Ich weiß es. Ich komme damit klar. Einen Großteil meines Lebens war ich uneinverstanden; zwar einverstanden mit dem Leben immer, indes mit den Sozialitäten nicht, nicht mit den Hierarchien und darunter der Gleichmacherei. Nicht mit dem gleich zu denken. Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Auch hier bin ich jetzt einverstanden, schau’s mir an und lächele. Will ja gar nicht, daß all das vorbei sei, im Gegenteil. Selbst ihra Musi sulln’s nur spüü:n. Und dann kommt, am Ende des aus dem Mauerpark hinausführenden Birkenwäldchens, nicht nur der erste Free Climber in Höhensicht, hier an einem Massiv am Wulst des Wadis Rumادي رم), sondern vielleicht anderthalb Kilometer weiter erblickte ich dies da – zweifellos eine Geschichte für sich, die erzählt werden sollte:Irgend jemand ist bis hierhin geradelt (was mich an eine weitere Prägung meiner späten Kindheit erinnert, nämlich an Heinz Helfgen) und hat das Rad mitten in der Nefud stehen lassen, aber irrerweise angeschlossen. Dann ist er oder ist sie aus höchst rätselhaften Gründen zu Fuß weitergegangen, indessen das Rad, als ob’s im tiefsten Dschungel gestanden, gleichsam Wurzeln in der Wüste schlug, aus denen Ranken, Blätter, schließlich violette Blüten das verlassene Gefährt nach und nach umschlangen, bis es, das Fahrrad, zu einer Oase-in-der-Gestalt-eines-Fahrrades ward:

 

 

 

Solches, ja, sind während der allabendlichen Spaziergänge — sie dauern je zwischen einer und zwei Stunden — meine Wahrnehmungen, von denen ich aber gar nicht bestreiten will, daß auch sie sie Nebenwirkungen der Strahlungen sein können, denen Li und ich hier ausgesetzt sind — beide gleichermaßen: Wer also wollte behaupten, daß ich zur Krebsin unfair sei? Dafür bin ich viel zu dankbar, der Welt dankbar, daß sie mich in ihr ließ und körperlich mir immer gut war, egal, wie sehr ich’s hedonistisch übertrieb. Jetzt läßt sie mich noch einmal schauen. Und gestern abend dachte ich, da war ich erst so spät aufgebrochen, daß ich nicht früher heimkam als 21 Uhr … dachte ich also, wenn ich dies überlebte (es sind bis zur OP nur noch etwa drei Wochen, etwas, das ich dauernd vergesse), dann würde ich gerne noch einmal ein paar Stätten sehen, und Städte, um dort ein wenig zu verweilen:

* Die Ciane– und Arethusa-Quellen auf Sizilien, sowie ebenfalls dort Catania und Palermo je für paar Tage
* Napoli und beim Freund in Amelia
* die Serengeti noch einmal sowie im Kruger → OLIFANTS
* Mumbai mit Mahalakshmis Bucht
* die Isola del Giglio für einen letzten Tauchgang
* Paris und Wien je für ein paar Tage
* Soufrière auf St. Lucia und – zu Fuß durch die Dschungel hinauf – den kochenden See auf Dominica

 

 

 

 

  • Und gerne, einmal, bei St. Helena dreißig Meter unter den Blauwalen tauchen:

Doch alles dies mit Nefudblick auf Aqaba, Lis und meinem Ort der schließlichen Vereinigung, von der wir nicht wissen, ob sie nicht doch zu einer wird im Tode — vor dem ich mich schon deshalb nicht fürchte, weil er das Leben garantiert, ein Weiterleben und nicht-enden eben, wenn auch, gerechterweise, anderer als mir, denen die Herrlichkeiten dieser Welt genauso wenig vorenthalten werden dürfen, wie sie mir vorenthalten wurden. Ich habe das meiste, was zu sehen war, gesehen und ausgeschöpft, was immer an Genuß es gab (zu dem auch Leid gehört, selbstverständlich).
Aber immer wieder auf meinen Abendspaziergängen kehren hierhin meine Gedanken zurück. Auch gehe ich durch den Prenzlauer Berg wie einer, der schon nicht mehr ganz dazugehört. Und falle natürlich auf, trage es an mir, verberge es nicht; bereits die Kleidung ist ein Spiegel:

 

Vieles steht so auf Abschied, einem ruhigen, besonnenen, der auf getanes Werk zurückschaun kann; alles Weitre wäre eh der Nachwelt, einer auch, die noch mir Mitwelt ist, aber wie ich vielleicht schon spürt. Und selbst, wenn meine Krebsin und ich Aqaba überleben sollten, würde das Leben ein anderes werden, wie es jetzt bereits schon ist. Denn auch das ist mir bewußt, daß das Wort „geheilt“ auf die Tumorin schon deshalb nicht angewandt werden kann, weil sie eben keine Krankheit ist; und genau deshalb würde ich auch nach solch einer „Heilung“ mit ihr für immer weiterleben müssen, vielleicht sogar wollen. Denn jederzeit wird zu gewärtigen sein, er sei, der Krebs, „zurück“; „jederzeit“ bedeutet: in den kommenen fünf Jahren. Hält Li sich da bedeckt, könnten wir neunzig werden zusammen; sollte sie zu ungeduldig sein, werde ich froh sein müssen, wenn wir die siebzig erreichen. – Ich sollte meiner Krebsin vielleicht → wieder schreiben, sie meinerseits locken, mit einer, sag ich mal, anderen Erotik zu „Dingen“ verführen, die auch sie begeistern könnten, obwohl ich so genau nicht weiß, was de facto sie bedeuteten: etwa daß ich, sollten sie und ich überleben, auf jeden Fall LSD ausprobieren möchte, ebenso Mescalin, ebenso chemische Drogen – alleine, um auch das erlebt zu haben … und um zu erfahren, wie sich meine Poetik möglicherweise dann noch ändern würde, ja, ob es überhaupt einen Einfluß auf mich hätte. Was ich annehme, aber faktisch wissen nicht kann.

So schaue ich ziemlich neugierig dem Kommenden entgegen, so angstfrei auch deshalb, weil ich in einen sehr guten Tag erwachte, zwar nochmals abgenommen habe (71,4 kg heute), aber nahehzu beschwerdefrei nach abermals sechs Stunden tiefen, ununterbrochenen Schlafes erwachte; selbst die Füße sind nicht geschwollen, kribbeln allerdings weiter, und das bißchen dauerndes Nasebluten … nun jà … – zudem sich ein nächstes, bislang nicht aufgetretenes Blutungsphänomen dazugesellt hat, und zwar an Stellen, die ihr Haar verlieren, besonders der Bartbereich, der jetzt ohne Bart ist, dafür wie in der Pubertät Pusteln bekommen hat, die eben bluten, wenn ich an ihnen kratze. Neu ist auch ein ständiges Jucken in den Achselhöhlen – ebenfalls an den Haarwurzeln. Da ich sie seit Jahren rasiere, kann ich nicht sagen, ob dort noch etwas wächst; mein Eindruck ist hingegen: nein. Wiederum bin ich am Körper nach wie vor behaart; ich wäre mir ein Fremder, wäre es anders, und werd ein solcher wohl noch werden. Doch am Brustpelz kann ich noch, auch härter, zupfen, ohne daß die Haare „abgehn“; nur wächst nichts nach, wo aus medizinischen Gründen wegrasiert werden mußte. Die Gegend um meinen Bauchnabel, nach → der Laparoskopie, ist geblieben, als was Herrn Straussens Haushofmeister Ariadnes  Naxos bezeichnet, zwar eine „wüste“ Insel nicht (allenfalls im Sinne der Nefud, ich meine, auch sie, Ariadne, erwartete eigentlich Hermes – als Walkürich in diesem Fall), aber jämmerilch halt doch, so nackt im dunklen Haarmeer meines Bauchs.

Ich will jetzt eine Stunde schlafen; die Kontrollstation, in der wir für mogen um neun Uhr gemeldet sind, haben wir fast schon erreicht. Ich bin grad gut zu Dromedar: kein Schwindelgefühl, keine Übelkeit, keine Schwächeanfälle, kein Schmerz. Zum ersten Mal tut mir eine Chemo gut, wenn sie wieder abklingt; bislang war es genau umgekehrt. Dafür spinnt mein Verdauungssystem auf alles andere als noch verstopfende Weise, und zwar so drängend-dauernd-klecklich (kläglich), daß es nicht gut ist, sich allzu weit von möglichen Örtchen zu entfernen. Aber auch das ist eher lästig als schlimm.

Ihr ANH

[صحراء النفود.عالم آخر, Mittagslager
13.35 Uhr
)

 

 

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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1 Antwort zu „Dies viele, viele Grün!“ Aus der Nefud, Phase III (Tag 9): Mittwoch, den 24. Juni 2020. Das heute staunende Krebstagebuch, Tag 56.

  1. Avatar ReniIna von Stieglitz sagt:

    Nach erledigten Einkäufen in meiner „StadtDschungelwelt“- wobei ich mich zwischendurch immer wieder ertappte, dass ich gedanklich mehr mit Ihnen in der Wüste unterwegs war, als im Supermarkt und fast geneigt war, mir die Schuhe auszuziehen um den (fantasierten) Sand rauszukippen – wieder zuhause – man merkt es deutlich: Ihre „Wüstenexpedition“, die ebenso spannend wie beschwerlich, einen ungewissen  Verlauf impliziert, bewegt mich mehr, als ich mir selbst eingestehen mag, zu oft bin ich gedanklich in „Berlin“ unterwegs – einerseits spüre ich so einen „ErzählImpuls“ -könnte seitenlang schreiben – doch etwas bremst mich innerlich komplett aus – – nun, ist grad so – so bleiben mickrige Worthülsen übrig, die eben das Empfundene nur ansatzweise rüberbringen – – wenn ich mich recht erinnere – Morgen wieder? – „BloodCheckingDay“ – ich wünsche Ihnen „gute Ergebnisse“ – sozusagen für alles, was noch folgt bzw. folgen könnte…sende „magischGute“ Energien verbunden mit einem herzlichen Gruß, RIvS

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