Zungenbisse & Otologie. Die Verwirrung des Gemüths (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Beispiel 2

[Schreibtisch am 21. Januar abends,
bei Allan Petterssons Violinkonzert No 2
(revidierte Fassung 1977-78)
Isabelle van Keulen, Schwedisches RSO,
Thomas Gausgaard
26. – 27. März 1999, Berwaldhalle Stockholm]

 

 

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zum Vergleich:

Buchfassung 1983:

(…)
Als Laupeyßer ging, biß er sich zum neunten Mal heute auf die Zunge. Irgend etwas störte neuerdings an den Zähnen. Es häufte sich und sollte sich noch mehr häufen,

denn das Ursprungsproblem hatte ja nicht in dem Geruch bestanden, der vielmehr erst als eine gewissermaßen Folge der anderen Absonderlichkeiten aufgetreten war. Vermutlich hatte er Laupeyßer schon seit je begleitet und war nur erst jetzt bemerkt worden. So sagte er sich jedenfalls, mutmaßte eine all­mähliche Verfeinerung des Nervensystems, von welcher, sofern ich mich erinnere, die Rede bereits gewesen ist. Erwarten Sie bloß nicht, ich vergewisserte mich, schlüge zurück, läse nach. Ich tue es freilich, aber ich habe keine Lust, mich von Ihnen dazu verpflichten zu lassen. Wenn ich es tue, dann nur, um noch eine gewisse Gliederung zu gewährleisten, als literarischem Pendant zur Konsequenz, die allerdings ebenfalls höchst lächerlich ist. Aber zum Beispiel hörte Laupeyßer besser. Er bemerkte es, als sich die Gespräche an den Nachbartischen seinen Gedanken zu untermischen begannen und sich kaum noch von ihnen trennen ließen, nahezu jedes Zu-Ende-Denken verunmöglichten. Wann immer er sich bemühte, eine seiner Ideen durchzugehen oder gar ein neues Gedankenspiel anzufangen, zerriß der Versuch an den wie geschrienen Konversationen seiner Nachbarn. Auch hierin liegt ein Grund für Laupeyßers Nachtwanderungen, weil dabei so gar keine Stimmen laut wurden außer der eigenen, inneren. Denn die anderen, ob er nun bekannt war mit ihnen oder nicht, drängten sich ihm geradezu auf mit dem, was sie ihre Sorgen nannten. Lächerliche Sorgen! Es war eine Zumutung, wirklich. Dabei sprachen sie ihn – welche Frechheit! – nicht ein­mal direkt an, niemals wandte sich einer seiner Nachbarn an ihn. Sondern sie richteten ihre Augen auf imaginäre Gesprächsteil­nehmer, die zwar körperlich vorhanden, nicht hingegen Adressat der Wortketten waren. Sie alle steigerten das Volumen ihrer Stimmen ausschließlich, weil sie von mir gehört werden wollten. Und das Café saß voll mit diesen aufdringlichen Personen. Aber das Lästige besaß auch Reiz: Ich spürte, wie ich mich solcher heimlichen Kommunikation zuwandte, wie die Laute aus den zahllosen, miteinander verschmolzenen Einheits­mündern mich ansogen und fortbrachten von Falbin und mir. Begonnen hatte es damit eines nachts, in der Nacht nämlich, in welcher ich zu Hause geblieben war und die die beiden Tage des Verkaufs meines Hausstands verband. Da, am Tag, bevor ich den Geruch erstmalig bemerkte, hatte es sich mit großer Kraft angekündigt. Gelauscht allerdings habe ich immer schon gern. Auch im Zug, ja, seit ich zurück war aus Frankfurt. Zum Beispiel habe ich mich in Kneipen noch nie auf meine Freunde konzentrieren können, sondern stets galt mein Interesse dem, was um uns geschah. Die Laute. Die Wortbrocken.

Was könnte sich in Frankfurt abgespielt haben?

Und was hast du getan in Frankfurt? fragte Agnes, zu der sein zweiter Weg nach der morgendlichen Ankunft geführt hatte.
Nichts Besonderes, antwortete er. Ich sagte doch, ich müßte mal raus.
Was gelogen war. Was auch die Folge verschwieg, die Anzeige nämlich, die er vorhin aufgegeben hatte, unmittelbar bevor er ins Café gegangen war.

 

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)
Als Laupeyßer ging, biß er sich zum neunten Mal auf die Zunge,

was eigentlich viel schlimmer war als der Geruch, der, dachte er, ihm möglicherweise schon seit je zueigen war; nur hatte er ihn jetzt erst bemerkt. So jedenfalls beteuerte er es sich, mutmaßte eine Verempfindlichung seines Nervensystems, von welcher, wenn ich richtig liege, die Rede schon war. Erwarten Sie bitte nicht, daß ich die Seiten zurückschlage, um mich zu vergewissern! (Ich tu es freilich doch, hab aber keine Lust, mich von Ihnen drauf verpflichten zu lassen. Wenn ich es also tue, dann allein, um noch eine Ordnung zu gewährleisten, die uns nicht völlig uns verirren läßt. In gewissem – ungewissem? – Sinn entspricht sie der erforderten Konsequenz. Die freilich ist fragwürdig auch, und damit lächerlich.) – Aber zum Beispiel hörte Laupeyßer besser.

Er bemerkte es, als sich die Nachbartischgespräche seinen Gedanken zu untermischen begannen, bis sie sich von ihnen kaum noch trennen ließen und schließlich nahezu jedes eigene Zu-Ende-Denken unmöglich werden ließen. Wenn er dann ein ganz neues Gedankenspiel begann, riß der Vorgang bereits zu Beginn ab. So sehr schrien die übrigen Gäste hinein, was zu inneren Echos über Echos führte. Auch deshalb wohl geisterte, hätte seine Großmutter gesagt, Laupeyßer nur nachts herum. Es bestand dann weniger Gefahr, fremden Stimmen und dem ausgesetzt zu sein, was sie ihre Sorgen nannten. Lachhafte Sorgen! Dabei sprachen sie ihn, diese Leute, nicht einmal direkt an, also die jetzt im Café. Niemals wandte sich einer seiner Tischnachbarn an ihn. Sondern alle richteten ihre Augen auf imaginäre Gesprächsteil­nehmer, weil die tatsächlich präsenten nicht Adressat dieser unabreißbaren Wortketten waren. Sondern das war ich. Sie wollten von Laupeyßer gehört werden. Daß der nicht reagierte, drehte ihre Stimmvolumen erst recht bis übern Anschlag auf.
Das Wallcafé war gespickt mit diesen aufdringlichen Personen. Ich kann aber nicht behaupten, es habe dies nicht auch einen Reiz gehabt. Denn ich spürte, wie sich mein Ohr den Stimmen mehr und mehr zuwandte, weil mich zwar nicht das, was sie konkret sagten, aber ihre pure Lautlichkeit weg von Falbin und mir sog – ein kollektiver Mischklang, legiert aus zahllosen, nicht länger differenzierbaren Mündern. Damit begonnen hatte es in der einen Nacht, in der ich zu Hause geblieben war, weil sie die zwei Verkaufstage meines Hausstands verband. Da, am Tag, bevor ich erstmals den Geruch bemerkte, hatte sich die otologische Sensibilisierung mit alles andrem als einer sensibilisierten, nein, mit fast schon brachialer Kraft angekündigt. Wobei, gelauscht habe ich immer schon gern. Auch im Zug, ja, seit ich aus Frankfurt zurückwar. Zum Beispiel habe ich mich in Kneipen noch nie auf meine Freunde konzentrieren können, sondern stets galt mein Interesse dem, was um uns herum passierte. Die Laute, die selten nur erkennbare Wortbrocken wurden.

Und was hast du in Frankfurt getan? fragte Agnes, zu der nach der morgendlichen Ankunft sein zweiter Weg geführt hatte.
Eigentlich nichts Besonderes, behauptete er. Ich sagte doch, ich mußte mal raus.
Was schwer gelogen war und auch die Folge der Geschehen verschwieg, die Anzeige nämlich, die er, unmittelbar bevor er ins Café gegangen war, aufgegeben hatte.

(…)

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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