Elster & Geck. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 3

 

Buchfassung 1983:

Im länglichhoch aufgestreckten Baum gegenüber, einer Pappel – ich sitze vorm Schreibtisch in der Wohnung der verreisten B., weil ich die Blumen verpflegen soll und muß; selbst hierhin hat sich also mein eigenartiges Verhältnis zu Pflanzen schon herum­gesprochen: die Pappel, Pappelpapp, Pappelpappkarton –, ist die durch ein Nestgespinst gebildete Verdickung mir erst aufgefallen, als die Elster kam. Grauenhaft, daß ich beim Auftauchen solcher Vögel sofort an Diebe denken muß: soweit ist man also nicht autonom! Und dann bemerkte ich sogar Leben im Nest, ein bereits verhältnismäßig großes Tier, spitzbeschnäbelt. Auch sowas ist wichtig, man sollte es nicht glauben. Die Stimmung, die sich mitteilt über solcherart Wahrnehmung. Wahr-nehmen. Etwas für wahr nehmen. Solcherart Falschnehmung. – Und in gleicher Richtung, knapp über den Hausdächern, ein wie in Zeit­lupe gleitender Jet: weißriesig, mit einem großen roten Streifen über dem Ruder, das auf dem Maschinenrücken messerartig stakt. Doch mein Bedürfnis, Frankfurt wieder zu verlassen, ist eigen­tümlich gering. Irgend etwas brauche ich, was es nur hier gibt, zu geben scheint. Oder in Paris. Vielleicht rede ich mir da etwas ein. Doch ich habe mich festgesetzt hier und beobachte, beobachte unausgesetzt nach rückwärts, rekonstruiere pedantisch, was nie gewesen ist. Nehme es jetzt erst wahr. Nehme es falsch. Denn er hat sich hier festgesetzt, weil meine Rede von mir – verstehen wir uns da recht! – immer die von Laupeyßer und Falbin ist,

dessen Veränderung umgehend seine Unbeliebtheit im Kollegen­kreis verstärkte, eine nicht mehr nur eingebildete jetzt. Nicht aber, er hätte sich nun nur mehr noch dem Spott und der Ver­achtung seiner Kollegen im Autohaus Schmidt ausgeliefert fühlen müssen, weil er ihnen eine größere Angriffsfläche bot als früher. Eigenartigerweise zeigte sich die Verachtung vielmehr dadurch, daß er akzeptiert zu sein schien und sogar, was Wochen vorher keineswegs auch nur in Betracht gezogen worden wäre, zu Skat- oder Kegelabenden eingeladen wurde. Doch er wußte insgeheim, wie wenig solches besagt. Was nämlich früher Geringschätzung und Hohn gewesen war, schlug nunmehr um in eine sehr bestimmte Form von Aggressivität. Man mußte Falbin beachten jetzt, er war zu einer unübersehbaren Person geworden im Büro, allein schon aufgrund seiner zwar nicht unbedingt modisch zu nennenden, dafür ausgesprochen eigenen Bekleidungsweise: Den Papageienjacketts und dem Schal gesellten sich breitkrempige Hüte zu. Daß er beachtet wurde, weil jeder Blick eines neu eingetretenen Kunden sofort auf Falbin sich zog, – das war mehr als ein Ärgernis. Auch die Not­wendigkeit, umzudenken. –

(…)

 

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Im länglichhoch aufgestreckten Baum gegenüber, einer Pappel – ich sitze vorm Schreibtisch in der Wohnung der verreisten B. (Würdest du meine Blumen gießen?“ Den Gefallen tat ich ihr liebend gern; selbst zu ihr, in sie, hat sich also mein intimes Verhältnis zu Pflanzen herum­gesprochen: Pappel, Pappel, Pappkarton) –, ist mir die Verdickung durch das Nestgespinst erst aufgefallen, als die Elster kam. Erst die eine, dann eine zweite. Grauenhaft, daß ich beim Auftauchen solcher Vögel sofort an Diebe denken muß: schon soweit ist man nicht autonom! – Da bemerke ich Leben auch i m Nest. Ein bereits verhältnismäßig großes Küken, vielleicht sogar schon flügge, reißt es infam den Spitzschnabel auf, um weitergefüttert zu werden. Spürn wir dasselbe, wenn wir es sehen? Empfinden auch Sie die Gemeinheit? – Wahrnehmung. Wahr nehmen, für wahr nehmen. Falschnehmung. – In derselben Blickrichtung, höher indes, die Hausdächer knapp quasi streifend, ein gleichsam in Zeitupe gleitender Jet: weißriesig, mit einem großen roten Streifen über dem Ruder, das auf dem hintren Rücken der Maschinen schwertartig aufstakt.
Ich will in Frankfurt erstmal bleiben. Ich brauche etwas, das es nur hier gibt, Oder zu geben scheint. In Paris freilich auch. Ich red mir vielleicht nur etwas ein. Doch festgesetzt hier, kann ich ungestört beobachten. Ich tu es nach rückwärts, unausgesetzt, rekonstruiere etwas, das niemals gewesen, nun aber wird. Daher meine Pedanterie auch in meinen Aufzeichnungen. Nehme wahr, indem ich falschnehme. Denn
Er hat sich hier festgesetzt, weil meine Rede von mir – verstehen wir uns recht! – die von Falbin und Laupeyßer bleibt,

dessen, Falbins, Veränderung ihn leider im Kollegenkreis noch unbeliebter machte; dies war nicht mehr ‚nur eingebildet‘. Bloß daß er jetzt im Autohaus Schmidt keinen weiteren Spott ertragen mußte und auch nicht mehr offen verachtet wurde. Dergleichen hörte aber nur auf, weil seine Angriffsflächen nicht kleiner, doch glatter geworden, glitschiger muß man beinah sagen, waren. Es ward nahezu sofort die Warnung verspürt, daß man drauf ausrutschen würde. Da wichen die Leute lieber zurück, ja luden ihn sogar, was eine Woche vorher nicht mal in Betracht gezogen worden wäre, zu Skat und Bowling ein. Wie wenig allerdings das in Wahrheit zählte, war an einer gewissen Aggressivität zu merken, in die sich der Hohn und die Geringschätzung verwandelt hatten, weil Falbin jetzt beachtet werden mußte. Das wurde als Nötigung empfunden, Allein schon, dauernd dem Anblick dieser grellen Papageienjacketts ausgesetzt zu sein, denen sich nun obendrein farbig karierte Schals zuaddierten und restlos übertrieben breitkrempige Hüte. Gut, die hatte er nur beim Kommen und wenn er wieder ging auf. Trotzdem fiel der Blick jedes Kunden zu allererst auf ihn. Und weil er zunehmend eloquenter geworden, konnte daraus schnell ein Kaufgespräch entstehen. Und entstand. Und wurde mehrfach abgeschlossen. Es war alarmierend. Um Gotteswillen, der Typ zieht an uns noch vorbei! –

(…)

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