Krank. Da war denn mit Arbeiten nichts. Als Arbeitsverhinderungsjournal des Mittwochs, den 21., auf Donnerstag, den 22. September 2022.

[Arbeitswohnung am Donnerstag, den 22. September 2022, 7 Uhr
Stille (außer etwas Spatzenstreiterei auf dem zweiten Hinterhof)]
Abends zuvor, also Dienstags, war noch nichts zu spüren; doch gleich gestern morgen Schwindel beim Aufstehen und heftiges Gliederreißen, geradezu Muskelschmerz, in den Beinen, und nach der langen, wirklich langen heißen Dusche — ich heize ja nicht, und mir war kalt — ging es mit einem Schüttelfrost los sondergleichen, so daß ich mich nach dem Latte macchiato und wenigen Blicken ins Netz gleich wieder hinlegte — bekleidet und mit Krawatte klugerweise, um dem Körper zu signalisieren, nein, ich lasse mich nicht wieder ins Bett zwingen, auf dem ich freilich nun dennoch lag —, um anderthalb weitere Stunden erst einmal, vielleicht fünfzehn Minuten lang vor mich hinzuzittern, mich hinwegzuschlafen. – Als ich aufwachte, war die Zitterei vorbei, dafür hatte ich Fieber.
Mein erster Gedanke war, scheiße, jetzt hast du schon w i e d e r Corona, was wegen der überfüllen Zugfahrt von Wien nach Berlin hätte gut möglich sein können, nunmehr wahrscheinlich der Omikron-Virus, der die bisherigen Impfungen bekanntlich unterlaufen kann und also auch den Genesenenstatus. Doch der Schnelltest sprach ihn frei. Das war erstmal erleichternd. Dennoch, Druck auf die Lunge, das Fieber … na gut, 38,2 ergab die Messung, die mittags von einer zweiten bestätigt wurde; also nur der Anfang von Fieber. So daß ich den Tag mit wechselndem Liegen & Schlafen und hin und wieder am-Schreibtisch-sitzen verbrachte, für die Arbeit indes unkonzentriert, und zwar komplett. Ein bißchen Husterei, sonst aber nichts außer diesem Lungendruck und einer teils heftigen … ich möchte es eine „Wirklichkeitsunsicherheit“ nennen, die schon eingesetzt hatte, bevor ich — gegen die möglicherweise Entzündung sowie vor allem, um Appetit zu bekommen; auf keinen Fall wollte (und will) ich abermals unter 65 kg rutschen — … bevor ich also zu den THC-Tropfen griff, die dann auch wieder gut funktionierten. Erstens mußte ich dauernd, sowie ich wieder wach wurde, etwas essen, zweitens ist heute morgen die möglicherweise Entzündung schon wieder eingedämmt. Genauso war es in meiner Coronawoche gewesen, bestätigt sich mithin. Ich kann Ihnen, Freundin, also nur nochmals Dronabinol empfehlen, sollte der Virus auch bei Ihnen auf die Lunge schlagen. Wobei selbstverständlich das, was ich eben „Wirklichkeitsunsicherheit“ nannte, durch Cannabis weißGöttin nicht behoben wird, sondern eher verstärkt. Aber der Tag war eh für die Arbeit dahin.
Um siebzehn Uhr dann ein feines Whatsapp-Videogespräch mit der ausgesprochen elegant wirkenden Löwin, die in alles einigen Witz brache, auch in das, was das Geschehen des Sonntags anbelangt, das mir immer noch nachging und möglicherweise Anteil daran trägt, daß ich mir diesen offenbar Infekt eingefangen habe. Ich meine, da ich keinen Magen mehr habe, kann mein Körper auf solch schmerzhafte Hilflosig-, ja Geworfenheiten nicht mehr „klassisch“ reagieren, nämlich mit meinen Magenkrämpfen, und sucht sich nun wohl andere Wege, die er, da er nach wie vor stark ist, halt auch findet. Und schickt mich auf die Ersatzbank, wo ich ausharren muß, bis der Körper dem Virus genügend in den Arsch getreten hat, physisch, und, psychisch, Geist & Herz die Kränkung überwunden haben. In aller Regel, ich merke es schon jetzt, geht das schnell — relativ schnell, selbstverständlich; einzwei Tage muß ich schon rechnen.
Jedenfalls legte ich mich, komplett ungewöhnlich, bereits um 22 Uhr zur Nacht, scheine auch sofort eingeschlafen zu sein; wie immer, wenn ich krank bin, TShirt an und Socken, etwas, das ich gesund nicht ertrage. Meinen Abendwein hatte ich mir komplett gestrichen und tagsüber auch die Pfeifen extrem reduziert, wobei es ein Vorteil ist, daß ich im Bett noch nie rauchen konnte, ich habe liegend einfach kein Bedürfnis danach, was sich geradezu schlagartig  ändert, sowie ich wieder aufstehe. Der Turnus eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen/eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen usf. war insofern auch Lungenschutz. Und einmal ging ich hinaus, um von Lindner das – im freien Handel –  unübertreffbare italienisches Brot zu besorgen und auch sonst noch einige nötige Einkäufe zu tätigen, dies alles zu Fuß, nicht mit dem Rad, für das ich einerseits zu zittrig gewesen wäre; vor allem aber war es nach einmal fünf und zweimal vier THC-Tropfen aus Gründen der Verkehrssicherheit zu meiden. Ich wollte zudem das Gefühl zu gehen genießen und kam, obwohl ich’s schlendernd tat, ins Schwitzen. Ahà, Bestätigung. Später wieder die drei Stockwerke hochzusteigen, machte mir indes nichts aus, ein angenehmes Indiz dafür, daß die, wenn es denn eine beginnende war, Lungenentzündung bereits gut abgewehrt wurde. Danke, Körper, danke.
Dennoch, obwohl ich heute morgen zwar noch nicht völlig wiederhergestellt bin und besser noch, wie meine geliebte Großmutter zu sagen pflege, „langsam machen“ sollte, habe ich → die Hamburger Veranstaltung des kommenden Sonntags abgesagt, schon, weil Lou Probsthayn ja Zeit haben muß, das Hotel zu stornieren; er reagierte traurig:

… das ist wirklich „bitter“, zumal es das 15 jährige des Literatur Quickies ist. Sehr, sehr schade, da einige der Gäste nur deinetwegen usw. Ansonsten Dir gute Besserung. Und sieh in Deinen Kalender, prüfe die ersten 5 Monate 2023 und vielleicht schickst Du mir einen Terminwunsch. Es ist immer der letzte  Sonntag eines jeweiligen Monats.

Ich werde ihm noch heute Vormittag antworten. Es wär jedoch ohnedies ein knapper Ritt gewesen, weil ich am Montagvormittag darauf einen wichtigen Termin bei meiner Angiologin bekommen hatte, der, reiste ich noch so früh von Hamburg zurück, möglicherweise nicht einzuhalten wäre. Nun werde ich den quasi freigewordenen Termin nutzen, um an Katharina Schultens‚ → Einführungsfest als neuer Chefin des Hauses für Poesie teilzunehmen — sofern der Infekt denn auch wirklich aus meinem System gefeuert worden sein wird.

 

Bin weiterhin etwas zittrig momentan, ja, aber arbeiten werde ich heute schon wieder können. Wichtig dabei, immer wieder Form, – noch sitz ich eingemummt in den Winter(!)bademantel hier – daß ich mich wieder kleide, auch Hemd und Krawatte tragen werde, ganz wie ich’s bereits gestern tat, um dem eignen Geist deutlich vorzuführen, man(n) lasse sich auch von Infekten nicht beugen oder schlüpfe gar unter eine der Nacht vorbehaltene leinenbezogene Bettdecke, ziehe sich gleichsam zurück. Oben schrieb ich ähnlich ja schon. „Erlaubt“ und wohl auch nötig ist, sich hinzulegen, wenn der Körper neu gesteigerte Schwäche zeigt, aber eben nur bekleidet und unter eine Steppdecke auf das gemachte Bett (bei mir bekanntlich sowieso Couch).

Noch immer bin ich mir uneines, ob erst die letzten beiden → Triestbriefe schreiben und dann erst die Umarbeitung zur Zweiten Fassung oder ob umgekehrt. Ich werde die bislang letzten zwei bereits fertigen Briefe nachher noch einmal lesen und danach entscheiden. Vor allem muß ich auch Einfälle haben. Aber die Löwin hat schon recht, als sie mir gestern sagte: „So durchgetaktet und minutiös, wie du sonst arbeitest, wirst du die erste Fassung erst einmal beenden müssen, bevor du die zweite angehen kannst.“

Ihr ANH
[9.55 Uhr]

 

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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