Lundkvist-Briefe, Schostakovitsch. Als Dank- und Arbeitsjournal des Montags, den 18. Mai 2020, dem nämlich schon neunzehnten Krebstag mit mittags der Chemo-Vorberatung.

Poesie:
Eine Wäscheleine ausgespannt zwischen einem Leuchtturm und einem Kirschbaum.
Artur Lundkvist, Poetik 2
(Dtsch. v. Friedrich Ege)

[Arbeitswohnung, 5.14 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 2 A-Dur, op. 68]

Erstmals seit, ist mein Eindruck, langem wieder durchgeschlafen; nach dreißig Tropfen Novaminsulfon und einer Zolpidem gab es von 22.30 bis 5 Uhr  nicht einen einzigen Zwischenstop, nicht mal der Gleise Dehnungsfugen bekam ich mit, an die die Eisenräder stetig klopfen. Und noch etwas wie früher: Ich schlage die Augen auf und bin sofort zurück in der Welt, und gern. Mag sofort etwas tun. Jahrzehntelang habe ich so etwas wie “erst einmal wachwerden müssen” nicht gekannt, sogenannten Morgenmuffeligkeit sowieso nicht. Anläufe, um mich “dem Tag zu stellen”, benötigte ich erst, nachdem mich erstmals eine Depression erwischte, meist nach Trennungen, bis ich sie akzeptieren konnte, oder wenn mir das Betriebsmobbing nevermore noch abwendbar vorkam und mir jedes weitre Aufbegehren sinnlos geworden zu sein schien. Doch selbst das waren vorübergehende, meist sogar schnell vorübergehende Phasen, die erst in den letzten fünfsechs Jahren etwas Chronisches bekamen, ohne aber bereits meine Physis zu beeinträchtigen. Dafür klaffte erst ein Korridor auf, als mir bewußt wurde, ich dürfe nicht, wie ich’s mir doch so sehr wünschte, ein zweites Mal ein Vater werden. Darüber habe ich, Sie wissen es, Geliebte, im verstrichnen Halbjahrzehnt immer wieder geschrieben Und daß ich die Gründe verstand und den Ausschluß schließlich hinnahm. Genau das, spüre ich, war der Moment, daß → Liligeia ihren auch physischen Ort in mir einnahm. Die übrigens → wieder geschrieben hat, abermals eine Art Billet; ich habe, als ich’s eben las, sofort reagiert. Wobei mir gestern → lillyhalber etwas bewußt wurde, das mich fast umhaute; ich verdanke die Erkenntnis Frau von Stieglitz, die mich drauf aufmerksam machte … nein, darauf stieß. So daß ich mich ein zweites Mal dabei erwische, aus meinem Unbewußten abgeschrieben, nämlich unwissentlich eine Prägung reaktiviert  zu haben, die dann als etwas Neues, als ein eigener “Einfall”, in die Welt trat, obwohl es alles längst da und vor allem gar nicht von mir selbst war, sondern zum Werk eines anderen Künstlers gehört. Dennoch handelt es sich nicht um ein Plagiat, das ja Bewußtsein, sogar Absicht voraussetzen würde. — Doch hierzu insgesamt später mehr; ich möchte meiner Leserin auch nichts von der Beleuchtung nehmen, die, was sie gefunden hat, fiebrig wird erstrahlen lassen: schwarzes Licht des Unheims, wie Kinder die erste erotische Lockung erleben.

Vielmehr, geliebte Freundin, ist es Dank zu sagen Zeit. Denn in den letzten Tagen erreichten mich wieder und wieder teils bewegende, teils schlicht mir Beistand – welcher Art auch immer – zusichernde Nachrichten, meist übers Netz, doch bisweilen auch “richtige”, von Menschen ausgetragene Briefe, deren einem Leserin sogar 200 Euro, die ich allein der Krankenhauszuzahlungen momentan mehr als nur “gut” gebrauchen kann, “für vieles” beigelegt hat,

das ich in “Der Dschungel” lernen durfte, für Anregungen und dafür, daß Sie mir Mut machten, mich mit ganz anderer Literatur und Musik zu beschäftigen. (…) Ich wünsche mir so sehr, daß Sie den Kampf aufnehmen und ihn gewinnen. Sie waren in allem Körperlichen immer so mutig (…). Jetzt werden Sie auch dies schaffen und uns zeigen, daß es zu schaffen ist.

Seit ungefähr zehn Jahren lese sie in DER DSCHUNGEL, und gäb’s sie nicht mehr, sie würden ihr fehlen. Insofern finde sie, mir einen kleinen Betrag zu schicken, schlichtweg angemessen. Und eine mir einst höchst unmittelbar engstgewesene Dichterfreundin, von der ich aber nun, nach seither nahezu siebzehn Jahren, überhaupt nicht wußte, wie eng wir nach wie vor befreundet, ja aneinander sind, schreibt mir von sehr wahrscheinlich meiner “Hand am Schuh und im Schuh” und siezt mich nun, doch moduliert es aufs distanziertest Intime rhythmisch in ein mollbedecktes Du, das auf beklemmende Weise zu der Gabe paßt, die sie beigelegt hat: Dmitri Schostakovitschs sämtliche Streichquartette in einer Einspielung des Fitzwilliam String Quartets aus der All Saints Church in Petersham, Surrey, entstanden von 1975 bis 1977. Seit gestern laufen diese Musiken nun unentwegt, und zwar, wie ich es bei für mich neuen Gesamtaufnahmen meistens halte, von sozusagen hinten nach vorn. Erst danach folge ich der lebensgeschichtlichen Chronologie. Ich beginne also mit dem spätesten Werk und höre mich gegen den Zeitstrahl bis zum allerjüngsten durch – von der Nr. 15 aus Schostakovitschs Vortodesjahr 1974, mit 67 fast in meinem jetzigen Alter geschrieben, bis zur Nr. 1 des Jahres 1938; da war er zweiunddreißig und hatte bereits die berühmte fünfte Sinfonie geschrieben. Ich selbst in diesem Alter saß am WOLPERTINGER und Nabokov, in derselben Zeit – seines Berliner Exils allerdings – schrieb DIE GABE sowie die EINLADUNG ZUR ENTHAUPTUNG. Es gibt ein gutes Bild, sich solche Gleichzeitigkeiten vor Augen zu führen. Kein Jahr später marschierten die Hitlerdeutschen in Polen ein – durch jenen “Korridor”, den nun auch wieder, widerlicherweise, der NATO → Defender Europe 2.0 durchrollt hat, wenn am Ende auch, Corona sei ein “riesen” Dank, mit nur noch schwachen Panzern auf der Brust. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam: Ich  gebe weiter stur den Cato und beharre auf einem Vereinten Europa, das nicht länger die US-Stiefel der NATO ableckt wie brav der Hund die Hand seines Herrn. Zumal der in nicht nur seinem heimischen Garten an Datschen fürs Foltern schon längst nicht nur mehr “heim”werkt.
Nun diese Streichquartette also, die, seltsam genug, von allem Beginn an frühreif schon von Todesblässe sind, gänzlich anders als Schostakovitschs von mir besonders in Keith Jarretts Interpretation geliebten absolut mitreißenden → Präludien und Fugen, Hingegen die Quartette durch eine Membran zu uns herübersingen, die wir nicht sehen, aber spüren können, als hinge zwischen uns und den Klängen der taftene Vorhang einer opaken Dimension, die eben nur diese, die Klänge, hindurchläßt, nicht aber Licht. Und dazu schreibt die Freundin, es sei

ein halbes Leben vergangen seit unserer ersten Begegnung. Aber die Erinnerungen sind durch das Blättern in den alten Notizheften wieder präsent. Die Dämmerung im Fenster, die Vögel. Die Taxifahrt ins Hilton. (Um 7 Uhr, als ich das Haus verließ, wischte ein Schwarzer das Teppenhaus.)

So erinnre nun auch ich mich und sehe Ihre Augen unter den, entsinne ich mich richtig, leicht geschlupften Oberlidern. Oh nein, ich bleibe selbstverständlich diskret  Doch ist es ein  Zufall oder bewußte Anspielung, wenn Sie zur Beschreibung Ihres gegenwärtigen, mir als “Ungeduld und Lebensgier” ausgesprochen bekannten Zustandes ein Wort verwenden, das sich auf den Titel eines Gedichtbandes der von mir mehr als nur verehrten Poetin → Katharina Schultens reimt?
Und dann, es grenzt an ein Wunder, nein, übertritt die Schwelle jedes solchen … dann zitieren Sie am Ende Ihres guten langen Briefes ausgerechnet Ungaretti – und zwar genau die Zeilen seines Gedichtes Allegria di naufragi, die im dritten Band meiner → Anderswelttrilogie zu einem geradezu zentralen Leitmotiv werden. Wissen Sie, aus welch einer Stelle diese Verse zum ersten Mal hervorleuchten? Da hat der waidwunde Söldner Pord-Color Kignčrs soeben Abschied von seiner verstorbenen – an Krebs (!!) verstorbenen – Geliebten genommen:

Zwei getrocknete, gleichsam staubige Tränenpfade führten über die narbige Haut seiner fleischighohen Wangenknochen zu den breiten Nasenflanken. Als er sich auf den Rücksitz des Wagens setzte, der ihn zur Vernehmung fuhr, murmelte er, aber die Leute verstanden ihn nicht:

E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare

Argo.Anderswelt, S.335

Das, ausgerechnet das zitieren Sie nun mir! Es ist wirklich nicht zu fassen. Mir wird schwindlig, geradezu benommen. Dabei bin ich mit all den Wundern dieses heutigen Journales noch gar nicht am Ende, auch wenn ich das meiner letzten Lektüre,  → ADA also, krebshalber unterbrochen habe und in die → Nabokovlesen-Reihe nun erst wieder hineinfinden muß (allerdings, versprochen!, es auch werde).
Und diese sanfte, ergebene, schon hinübergehende Ungeheuerlichkeit des letzten Quartetts im sowieso schon unheimlichen es-moll; ich kann nicht einmal sagen, wie, doch es klingt da etwas aus Schostakovitschs drei Jahre zuvor abgeschlossener letzten, der fünfzehnten Sinfonie mit ihren bisweilen ins fast tändelnd-Spielerische aufgelösten Wagner- nämlich Todesanklängen mit, doch ohne noch in den Witz Rossinis gebettet zu sein (Schostakovitsch trumpft da am Ende ja doch wieder auf – wofür es in der Wahrheit eines Streichquartetts nahezu prinzipiell keinen Raum gibt).
Diese Quartette werden mich fortan begleiten – Entdeckungen für mich wie es die Wilhelm Stenhammars und Vagn Holmboes waren; letztre übrigens auf Empfehlung jener Leserin, von der ich oben berichtet habe. Überhaupt ist DIE DSCHUNGEL ein dichtes Blatt- und Wurzelwerk musikalischer, eben nicht nur poetischer Osmosen und so, wie eigentlich meine gesamte Poetik, von Anfang an gemeint gewesen.

So schickte mir denn auch mein alter Lektor Delf Schmidt etwas in die Dunckerstraße, nämlich Dieter E. Zimmers Übersetzung einer nachgelassenen, nie zuvor publizierten Erzählung des großen Romanciers. Aber das hatte ich Ihnen, Freundin, glaub ich, schon erzählt. Richtig, vor drei Wochen → dort. Aber von → Artur Lundkvist nicht.

Auch wenn ich ihn nun jahrelang geradezu vergessen habe, er, der einst berühmte schwedische Lyriker, stand ganz am Anfang meiner eigenen lyrischen Versuche, deutlich vor Benn und deutlich auch vor Rilke; entdeckt haben muß ich ihn schon in Bremen, also vor 1981, wiewohl ich in meinen bei Kiepenheuer & Witsch 1963 erschienenen und gewiß antiquarisch erworbenen Auswahlband meine seinerzeitige Frankfurtmainer Adresse, Waldschmidtstraße 29, eingetragen habe; signiert aber habe ich das Buch noch mit Alexander Ribbentrop, was ich seit Bremen eigentlich nie getan habe:

Wenn ich heute auf die allererste Gedichtversuche zurückblicke (soweit es nicht persönliche, mithin per se schlechte Liebeserklärungen an Frauen, bzw. Mädchen waren), wird mir unmittelbar deutlich, wie stark Lundkvists Einfluß auf mich war. Das zeigt sich nicht nur im Motto meine ersten Buches, MARLBORO von 1981, das eben noch in Bremen geschrieben worden war –

Und einige liegen zusammengekauert im Tod wie nie zur Welt gekommene Wesen
Und alle sind nackt im Tod, 46
(Dtsch. v. Friedrich Ege)

  • sondern schon an diesem vor ein paar Monaten hier eingestellten → Mitschnitt von 1980, in dem ich Lundkvists Wäscheleinenmotiv (siehe ganz oben das Motto) aufgenommen und weiterverarbeitet hatte. Doch auch in einigen der alten Gedichte aus DER ENGEL ORDNUNGEN, etwa Frankfurt am Main im Oktober 1981, das folgendermaßen endet:

: am ruhigen Uferschwarz
des Mainglitzers Wasser

Es sind Verse von Lundkvist gewesen wie

der Mensch ist ein Begräbnisplatz für ungelebtes Leben.
Er befindet sich im Schatten seiner eigenen Handlung,
und er kennt ihn nicht. Er ist sein eigenes Licht

oder

mit Wasser des Traumes erfüllt zu werden,
das das andere Geburtswasser ist

oder

die Furcht ist so natürlich wie das Atmen, nur die, die fürchten,
sind fruchtbar
(…)
wählen wir nicht das Leben als Gefahr, Unsicherheit und Ver-
wandlung, werden uns die Bazillen besiegen,
Lundkvist,
Ich bin weich wie ein Stein,

was mich damals enorm bewegte und, ja, vorantrieb. Und was – wie ich erst jetzt, in den Endarbeiten meines Béartzyklus steckend, begreife – sogar noch meine heutige, meine “erwachsene” Poetik grundiert:

Frauen mit hohen Busen, schwarzen Augen, schönen Lenden,
schwellend wie weiße Stuten, sie zünden dunkelroten Brand
in unseren Herzen an – wir rasen, bitten und raufen mit
blutigem Messer

im Sommerwind
im Heidekrautduft
beim Drehorgelspiel –
raufen mit blutigem Messer!

Lundkvist, Tatarenballade

Wie da – um alle Göttinnen der Welt! – habe ich das vergessen, Lundkvist vergessen können? — Und nun kam eben dieser Brief.

Geschrieben hat ihn Wolfgang Roth, ein damaliger Frankfurtmainer, eigentlich Wiesbadener → VS-Kollege, eigentlich Pfarrer war und, nachdem wir uns längst aus den Augen verloren, als Wolfgang Martin Roth Therapeut wurde und irgendwann nach Wien gezogen zu sein scheint, wo er heute ebenso lebt wie meine Dichterkollegin, die mich mit Schostakovitsch so beschenkt hat. Es ist schon eigenartig, wie viel sich in den letzten fünf Jahren für mich in Wien zusammengezogen hat, gleich zwei meiner Verlag sind dort, meine geliebte Lektorin lebt dort ebenso, wie dort lange Zeit mein Dichterfreund Wolfgang Schlüter gelebt hat und eine ehemalige Gespielin immer noch dort lebt, nach wie vor mit mir befreundet, ein eigenwillig-grandioser Buchhändler, Dieter Würch, hat seinen tollen Laden → gleich in der Domgasse, und dann lebt auch noch David Ramirer dort. Was mach ich eigentlich noch hier? (So auch in Facetime gestern Phyllis Kiehl: “Es ist doch eigenartig. Wenn du öffentlich Zuspruch bekommst, dann eigentlich nur aus Österreich. Woran liegt denn das?” – Wobei es so auch nicht mehr stimmt, nicht mehr, seit ich dem Alten Neummansschmieden Kurt auf seinen allzu eitlen Fuß getreten; seitdem hat halt auch Wien die Gitter vor mir fallen lassen.)
Doch ich gehöre nach Berlin wie quasi nach Neapel. Und nach Sizilien manches Mal.

Egal. (Wischbewegung).

Wolfgang Roth also. Ihm scheine ich damals, es müssen die ersten Achtziger gewesen sein, “meinen” Lundkvist zu lesen gegeben zu haben — so daß es nunmehr zu dem jahrzehntespätren Wunder der Rückkehr eines verliehenen Buches kam. Und er schreibt mir, also Wolfgang, folgendes:

Was andres bleibt mir jetzt zu sagen als allen, allen D a n k e?

Und gegen 12.45 Uhr breche ich zur ersten Chemo meines Lebens auf, möchte → hinflanieren — in, behauptet Goopglemaps, siebenundvierzig Minuten und ergo selber Zeit zurück, was genau der Dauer meines täglichen Spazierengehns entspricht, da ich joggen zur Zeit wohl eher nicht sollte.

Ihr ANH

P.S. (19.49 Uhr):
Es war erst das Beratungsoprgespräch. Die erste tatsächliche Chemositzung ( die eher eine -“liegung” werden wird) findet morgen früh von 9 bis 13 Uhr statt.

Unbehagen und Einsicht | sowie:
“In zwanzig Minuten bin ich dran!”
Geschrieben als elftes Coronajournal am Dienstag, den 31. März 2020. Darinnen Soforthilfe II mit den Antragswirren im Internet.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr]
Anders, oh Freundin, hatte ich gestern geplant, heute früh mein Journal zu beginnen. Bereits der Titel war nicht so formuliert wie jetzt. Sondern über die Wirren wollt’ ich mich lustig machen, die mich mehr als nur zwei Tage lang mehr oder minder dauernd auf einen Bildschirm starren ließen, der ein Männchen zeigte, wie es langsam, langsam eine dunkle, doch hinter ihm sich ergrünende Zeile einem Ziele entgegen voranschritt, das mir bedeuten würde, nun “sei ich dran”:

Doch dann kam die Nacht, von der ich nicht weiß, was ich träumte vielleicht … — mir träumte, trifft es, fürchte ich, besser. Es ist wohl kein Zufall, daß ich mich gestern entschloß, von all den noch nicht in Der Dschungel erfaßten Essays ausgerechnet → diesen da jetzt einzustellen, in dem es – in poetisch weitem Sinn – um Entkörperlichung geht, die ich dort noch affirmierte, Neunzehnhundertsiebenundneunzig. Das “dort” heißt “seinerzeit”.
Viele meiner Texte hatten sich in diese Richtung bewegt. Im WOLPERTINGER streben die Geister in den Computer, um am Leben zu bleiben, Naturgeister, wohlgemerkt, und Elberich Lipom, einer ihrer politischen Führer, muß ganz am Ende beinah versagen, der er, wie seine Frau, so auf der Seite der Körper steht. Sie alle finden ihren schließlichen Platz auf etwas, das es heute und zu Beginn der ANDERSWELT-Bücher eigentlich schon gar nicht mehr gibt: auf einer kleinen Diskette, die nunmehr — der sozusagen running gag in Gestalt eines quadratisch-flachen Relikts einer technischen Vorzeit — die Trilogie von Hand zu Hand begleitet, bis schließlich ihr Inhalt in den Europäischen Zentralcomputer eingespeist wird, woraufhin, so sieht es aus, die Zivilisation gänzlich zusammenbricht und die Erde, Erda, sich aufs neue erhebt. In einer Lesart. Tatsächlich bleibt das Ende offen, ganz so wie noch heute für uns.
Vorgedacht, die Entwicklung, aber hatte ich schon. Weniger ich selbst als die Strukturen es taten, denen diese Bücher folgen: daß der Weg vom Körper weg ins Virtuelle längst beschritten. Ich sah es als quasi Evolution, als eine notwendige, wobei ich das “not” schon immer betonte, Emanzipation vom körperlichen Gebrechen, womit indes zugleich das, ich möchte schreiben, Wunder des Körpers kaputtging, das uns als Schönheit und Lust geschenkt ist.
Spätestens mit den Bamberger Elegien drehte sich meine Perspektive. Das trauernde MEERE hat dies eingeleitet, der Verlust, der das Geheimnis der Schönheit dieses Romans ist. Indes ich aber parallel, in den zwölf Jahren, → in denen ARGO entstand, dem Vorgedachten weiterfolgte: die Entkörperlichung, die Ungefugger fast calvinistisch bis zur schließlich kompletten Digitalisierung der Welt vorantreiben will und vorantreibt und die ihm und den Seinen auch beinah gelingt. Bis die Diskette dann wieder ins Spiel kommt, die eigentlich schon gar nicht mehr gelesen werden kann.
Was lief dem parallel, tatsächlich, in unserer realen Welt? Also neben den Kriegen, die auf 9/11 folgten? (Und worum wurden sie letztlich geführt?) Schon AIDS hatte mit der Unbedenklichkeit unserer körperlichen Vereinigungen Schluß gemacht; ich erinnere mich einer spöttischen Fiktion, in der ich die Krankheit hatte vom Vatikan in Auftrag geben lassen. Die “Moral” stand plötzlich immer mehr im Fokus, gegen die sich zugleich einige Szenen formierten. Während das Nahost der arabischen Welt am feudalen, feudalistischen Mittelalter hängen blieb, sich daran krampfte und ins Jerusalem der Neuzeit, New York City als Stellvertreter der gesamten westlichen Industriewelt, seine meuchelnden Kreuzritter fast genauso schickte, wie es diese, als sie selbst noch feudal war, ein paar Jahrhunderte vorher nach dort getan hatte, virtualisierte sie sich immer mehr. Donna Harraways Diagnose, daß wir alle Cyborgs längst seien, stand wie ein Mahnmal im Raum, ungeheuer. Und Judith Butlers Thesen, die schließliche, zunehmende Dekonstruktion des Geschlechts — also der irdischen Biologie, die mehr und mehr unter ein moralisches Sollen gebeugt wurde und heute fast de facto schon wird.
Dagegen mein, ich nenn es mal so, poetisches Aufschrein. Umso bedrückter, je älter ich wurde. Dabei lag alles auf genau der Linie, die ich vorher durchdacht und poetisch mitgestaltet hatte. Aber das Gefühl des Verlusts wurde größer und größer.
Zum Beispiel meine Weigerung, Brötchen bei einem Bäcker zu kaufen, deren Angestellte sich Latexhandschuhe anziehn, bevor sie sie, die Semmeln, in eine Tüte tun. Wie oft habe ich solch eine Backstube dann verlassen, “tut mir leid, ich will, daß Sie meine Brötchen berühren!” Die ständige Sorge, sich bei irgendwas zu infizieren. Der permanente Ruf nach Kondomen. Der Verdacht gegens Sekret, das doch englisch, secret, Geheimnis. Zwischen Körper und Körper, die für den Austausch geschaffen, ständige Grenzen. Und nun, mit Corona, der Mundschutz. Nicht einmal Lächeln mehr möglich.
Es muß erlaubt sein, dies in einer überblickenden Spekulation zu bedenken — zu interpretieren, heißt das; oder ihm, in meinem Metier, eine Geschichte zu erzählen, die nun, auf beklemmende Weise, ganz mit dem zusammengeht, was ich spätestens in den Neunzigern zu erzählen angefangen habe. Sie erzählt sich, diese Geschichte, furchtbar bruchlos weiter, ging über mich und meine poetische Entwicklung bedingungslos hinweg.
Das ist der Grund der Beklemmung, die ich bereits gestern empfand; aber noch schleichend nur stieg sie auf und war heute morgen beim Erwachen unabweisbar da. Indem ich die Augen aufschlug. Und den Titel änderte, kaum daß ich am Schreibtisch saß, dieses heutigen Arbeitsjournals.
Ich verstehe die Notwendigkeit, bin faktisch Drostens Meinung, daß, fortan einen Mundschutz zu tragen, auch ein Zeichen der Rücksichtnahme aufeinander ist, der Sorge füreinander, ob wir nun Symptome haben oder nicht. Aber gerade, daß ich’s verstehe, ja verstehen muß, ist ein Indiz der Unabwendbarkeit dessen, was ich abwenden unbedingt will. Die Entfernung von unsren Körpern, unsre physische Entfremdung, setzt sich fort. So gesehen, steht Corona — wie AIDS schon zuvor — Seite an Seite mit der Gender-Doktrin und diese neben der Gentechnologie zur schließlichen, einer in erster Linie “moralischen”, Replikantisierung des Menschen. Wir streben danach (werden danach gestrebt), ganz “sauber”, in Ungefuggers Worten: “rein”, und also technisch zu werden, so, wie umgekehrt die tatsächlich technischen (künstlichen) Geschöpfe der ANDERSWELT Mensch werden möchten. Deidameia, in BUENOS AIRES der Rebellinnen Anführerin, drückt es so aus:

Wir sind für Willkür, Hans Deters. Wir wollen Ekstase, nicht Ordnung. Dafür kämpfen wir, ja, auch mit Gewalt. Und meine Holomorphen… wenn sie sich wirklich autonomisieren wollen, müssen die Leidenschaft lernen. Das geht ihnen ausgesprochen gegen die Ontologie. Wer nur aus 1 und 0 besteht… (…) Nun aber vertreten wir das Menschenrecht auf Unmoral und bringen den Programmen das Tanzen bei.
Buenos Aires . Anderswelt, S. 223

Ja, es ist sinnvoll und nötig, den Mundschutz zu tragen, ist ein Zeichen der Rücksichtnahme, sogar der Solidarität, aber zugleich Symbol akzeptierter Entfremdung.

Aus einer weniger, ich schreibe mal, “geschichtsphantastischen” Perspektive hat vor vier Tagen Phyllis Kiehl sehr persönlich und mit deutlich leichterer Hand als ich beschrieben, was soeben geschieht. Fast tänzerisch → nennt sie uns Aerosolisten:

 

***

 

Da mag nun auch ich etwas tanzen.

Bekanntlich hat das Berliner Land eine Soforthilfe II auch für Künstler ins Leben gerufen. Tatsächlich platzen uns allen die Aufträge weg. Lesungen können nicht mehr durchgeführt werden, wenn wir nüchtern gucken: auf ziemlich unabsehbare Zeit. Aber auch neue zu akquirieren, ist über die sowieso schon klammen Chancen hinaus fast unmöglich geworden, einfach, weil Veranstalter keine Verpflichtungen ins Ungewisse hinein auf sich nehmen wollen. Das ist verständlich, und immer mehr verschiebt sich ins Netz, in dem wir alle aber kaum je verdienen. Auch meine ständige Arbeit, für Die Dschungel, bringt nichts ein — oder nur selten, wenn etwa eine Leserin oder ein Leser mal einen Hunderter in einen Briefumschlag tut. Kommt vor, aber ist höchst rar. Nein, keine Bitte, schon gar keine Klage. Es geht mir um Dichtung und darum, das, woran ich aus der “alten” Buchkultur glaube, in die Neue Zeit, die angebrochen ist, hinüberzuführen, vielleicht drin zu retten, nun jà, wenigstens ein bißchen was davon.
Ich empfinde es als poetische Verpflichtung. Die Teile müssen, wie in einer Collage Ror Wolfs, an den Nähten geradezu unsichtbar ins Gewebe eingefügt werden. Daran arbeite ich, seit es Die Dschungel gibt. Doch es hat mich, wie Sie, Freundin, wissen, immer wieder in ökonomische Engen gedrückt, zuletzt im vergangenen Dezember. Wovon ich grad lebe, ist weniger als wenig. Es läuft auch nur noch bis Mai. Da sollte wieder die erste große Veranstaltung sein, die etwas einbringt, und weitere würden folgen. Dessen konnt’ ich schon sicher sein. Doch dann kam Corona.
Derzeit ist quasi alles, was geplant und schon abgemacht war, in Frage gestellt. So lag es nicht nur nahe, sondern war ein Gebot der Notwendigkeit, daß auch ich diese Soforthilfe beantragen würde.
Man konnte es tun seit vorigem Freitag, mittags um zwölf.
Ich probierte es erstmals da um halb eins. Es war auf die Site kein Hineinkommen. Ich probierte es unentwegt bis 15 Uhr. Dann erwischte ich eine, sagen wir, Lücke — und war drin. Aber: Vor mir hatten schon 117.361 Leute den Antrag gestellt, ich meinerseits bekam die Nr. 124.611 und möge nun bitte auf eine Email warten, die mir bescheiden würde, jetzt sei die Bahn für mich offen — für den Antrag, wohlgemerkt. Ich möge bitte, wenn diese Email eingehe (und ich solle drauf achten, daß sie im Spamordner landen könne), möglichst sofort den entsprechenden Link anklicken, um dann das nötige Verfahren zu durchlaufen. Meine Wartezeit betrage mehrere Stunden.
Ich habe Ihnen, Sie wissen’s, dazu → schon dort geschrieben.
Auf einem meiner Bildschirme blieb nun das Postfach immer geöffnet, und dauernd, dauernd starrte ich hin. Sehr spät abends, fast halb zehn, kam die Nachricht. Und ich brach alles andere ab, ging auf die Site.
Sie öffnete sich auch, und ich begann. Schwierig war nur schon, daß ich ankreuzen sollte, nicht bereits vor dem, ich glaube, 17. 3. in Liquiditätsschwierigkeiten gewesen zu sein. War ich aber. Nur daß es ja jetzt um was anderes ging, nämlich daß mir ab dem Mai alles zusammengebrochen. Wenn ich bis dann aber wartete, wären die von Land und Staat zur Verfügung gestellten Gelder längst aufgebraucht. — Was also tun?
Doch es gab noch ein anderes Problem. Ich hatte mich als Alban Nikolai Herbst angemeldet, wie ich es immer tu, unter welchem Namen auch mein Bankkonto läuft und eigentlich alles sonstige auch — die Steuerbescheide und die Nachrichten der KSK gehen immer an beide Namen —, jetzt aber sollte ich die Nr. meines Personalausweises eingeben, in den der Künstlername zwar eingetragen ist, aber weiß ich denn, ob das dann auch bei den Bearbeitern auftaucht? Nein, wußte ich nicht. Und entschied mich, den angegebenen Namen in den Ribbentrop zu ändern und ANH in das Feld für die Firmenbezeichnung einzusetzen … war eine Lösung, ja, und auch passend, weil “Firma” schlichtweg “Name” heißt und “firmare” “unterschreiben”. Also auf ZURÜCK geklickt.
Und damit warf das Programm mich raus.
Komplett raus.
Es war auch kein Hineinkommen mehr. Statt dessen erhielt ich die Nachricht, ich sei ans Ende der Schlange zurückgeschickt worden und hätte nunmehr die Nummer 295.208. Ich möge auf die entsprechende Email warten und mich dann unverzüglich einloggen.
Ich nahm es, wenngleich verärgert, wie es war: komisch. Komisch verärgert.
Noch.
Denn zwar nutzte ich am nächsten Morgen das Kontaktformular der IBB, um den Vorfall zu schildern und vielleicht dann doch wieder vorgerückt zu werden. Aber obwohl ich zweimal alles ausfüllte und dann wegzusenden versuchte, wurde ich jeweils beschieden “Page not found”. Ich versuchte es abermals, diesmal beim für meinen Kiez zuständigen Sachbearbeiter. Doch auch da:

Gut es war Wochenende, mir taten die Mitarbeiter auch leid. Der Server sei unter dem Ansturm dort mehrmals zusammengebrochen, las ich am Sonntag.
Nun versuchte ich es gestern telefonisch, die Nummern waren angegeben, sind es noch. Nach dem Wählen einer jeden kommt das Freizeichen. Und kommt und kommt und kommt. Nicht mal ein Callcenter scheint es zu geben. Dabei hätte ich die Angelegenheit mit der Liquidität gerne ebenso geklärt wie mit meinen beiden Namen.
Keine Chance.
Dann, abermals fast nachts, die Email, ich sei nun fast dran.
Sofort hin!
Das Männchen noch ganz am Anfang der Strecke. Ich müsse mit “mehr als einer Stunde” rechnen.
Es wurden über achtzehn Stunden. Das Männlein bewegte sich Schrittchen für Schrittchen, ich starrte es immer und immer neu an. Schließlich gab es das folgende Bild, da facetime ich grad mit Frau Kiehl:

“In zwanzig Minuten bin ich dran!” rief ich aus. Und so war es schließlich auch. Wirklich. Das Verfahren lief sogar weitaus schneller als beim ersten Mal. Plötzlich gab es auch nicht mehr die Frage nach der vorherigen Liquidität. Seltsam. Auffallen tat’s mir aber erst, nachdem ich alles schon ausgefüllt und weggeschickt hatte. Wobei der letztanzuklickende Button WEGSENDEN UND DRUCKEN hieß. Das zweite geschah nicht, ärgerlicherweise, so daß ich keine Kontrolle habe, und ob erstres, kann ich jetzt nur glauben:

Unterdessen habe ich gelesen, es habe unter den Tausenden Anträgen bereits einige Betrugsversuche gegeben. Was mich zusätzlich unruhig macht. Falle ich selbst vielleicht darunter? Denn ich kann nicht, ohne die Sicherheit, diesen Zuschuß auch zu bekommen, dem Jobcenter adé sagen — was ich doch gar zu gern täte. Deshalb werde ich es folgendermaßen halten. Sollte das Geld der Soforthilfe eingehen, dann aber schon auch das Jobcentergeld, werde ich dieses umgehend zurücküberweisen und mitteilen, auf die laufende Hilfe derzeit nicht mehr angewiesen zu sein, und auch den Grund dafür nennen. 5000 Euro reichen mir für ungefähr vier, vielleicht auch fünf Monate, finanziell lebe ich durchaus genügsam. Danach werde ich weitersehen; mit ein bißchen Zuversicht werden ab September zumindest die Seminare wieder stattfinden können; dann steht auch die erste Hochzeit an, für die ich wieder einen Redeauftrag habe. Ob allerdings in Italien ..? Außerdem hat mir der Deutschlandfunk die Wiederholung eines meiner Hörstücke in vorsicht’ge Aussicht gestellt.

Dieses, Freundin, jedenfalls wollte ich Ihnen aus meiner, sagen wir, GradTagesPraxis erzählen und habe es nunmehr getan.

Ihr ANH
10.51 Uhr

P.S.:
Ich höre derzeit fast keine Musik, lausche nur immer, sowie sie drauß’ singen, den Vögeln.

“Warum schreiben Sie eigentlich nie einen Roman über Ihre Börsenzeit?” | § 1: Optionsdrücker

(Die Leute lesen halt nicht:)

(…)
Maierhoff schlendert zu den Sushis und bestellt. Setzt sich Balmer gegenüber. Legt das Handgelenkstäschchen auf den Tisch. „’tschul­digung, gibt’s hier ‘n Spielautomaten?“ Die süße Bedienung catwalkte rauf, Backe links hoch, Backe rechts runter. Maierhoff, ohne sie dabei anzusehen, denn er fingerte in seinem prallen Portemonnaie, orderte einen Black Label und Wasser. Alles wie damals. Immer trank er seinen Whisky ver­dünnt, im Büro oft ein Blatt Papier oder einen Prospekt über das Glas gedeckt, damit der Chef nichts roch. Dann telefonierte er oder ließ doch seine Gruppe telefonieren, eine kleine fermündliche Drückerkolonne. „Der Dollar! Ich sag Ihnen: Dollar!“ Das war Techling, am Nebentisch. Ins Telefon, das er so weit von sich streckte, um Grund für sein Brüllen zu haben. „Der steiiigt! Der steiiiiiiiigt!!!“ „Ich würde den Dollar verkaufen“, grummelte Maierhoff über unseren Tisch und hebelte damit die Hausmeinung aus. „Guck dir nur mal, Axel, den Chart an.“ In Wirklichkeit war ihm der Chart ziemlich wurscht, er handelte rein nach Instinkt. Damit spielte er durchaus nicht schlechtere, oft sogar bessere Ergebnisse ein als die meisten Kolle­gen, die den Prognosen unserer Analytiker folgten. Es gab Broker, denen ging es mit Handlesen ähnlich. Mittags waren wir oft zusammen essen, Maierhoff steckte fünf Mark in den erstbesten Spielautomaten, bestellte ein Bier, wir aßen, derweil rödelblinkte das Gerät, tölende blökende Dragons klimpernde Glorias ratternde Time Breakes, und die Skys flöteten pfiffen fanfarten. Kam die Rechnung, klapperten bereits Schwälle aus Münzen in die Leichte Musik der Auffangschale, aus der Maierhoff dann sei­ne Zeche beglich. Ich habe ihn nie verlieren sehen. Nur warf er manch­mal, während des Essens, einen Fünfer nach. – Ein halbes Jahr lang hat er mich ausgebildet, dann ist ihm Da ist eine Handlung er­fordert dazwischengekommen. Und er war mit seinen Millionen verschwunden. War, schon ein nächstes Opfer witternd, nun zurück, das sich, dachte ich, noch lange für seinen Komplizen halten würde. Freundschaft gibt‘s beim Gaunern nicht. Man kauft und verkauft. So einfach ist die Finanzwelt.
Gib rüber das Gelump“, sagte Maierhoff zur Bedienung, als sie ihm die Sushi brachte. Das Porzellantellerchen gewölbtes Japanblau. Zum ersten Mal guckte er hoch: „Da­von soll ich satt werden? Na nun sehn Se sich das doch mal an..! Sie verarschen mich, oder? Ah, ich verstehe!: a möse, göll?“
Maierhoff profanierte Sprache und Kultur. Bisweilen, auf Empfängen, führte er den Suppen­teller zum Mund und schlürfte seinen absichtsvoll schlechten Benimm durch genau den Kakao, den ihm die High Society kochte. „Wer sagt, daß man nen Löffel nehmen muß, wenn’s auch
so geht?“ Er hatte Aura, das muß man sagen, auf Menschen mit Geld wirkte er durchweg hyp­notisch. Er affizierte in den Leuten die Gier und führte sie vor; beide, Leute wie Gier. Sowie er sie an seinem Spielerglück teilhaben und vor allem mit ihm gewinnen ließ, rettungslos verfingen sie sich. Gaben schließlich, da seine Positionen derart gewannen, alle Vorsicht auf. Er hatte Bankers als Kunden, Leiter großer Unternehmen, Pro­fessoren, sogar Künstler. Ohne daß sie es merkten, zerrte sie Maierhoff aufs Niveau seiner eigenen Herkunft herunter. Waren sie da angelangt, kam stets der Moment, an dem es den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit gefiel, ihren alten Rang einzunehmen. Dann verloren die Leute. Verloren weiter. Und abermals. Zentrifugierten sich. Trotz und Not schleuderten sie in einem Strudel Orders herum. Schon konnten sie nicht mehr zurück. Und Maierhoff erhob sich über sie. Wozu sonst war man ein Kleinbürger geblieben?
Ich habe zwei Kunden erlebt, die in den Wohnwagen kamen, weil ihnen alles andere unter den Hammer geriet. Da waren die Ehen zerstört. Die Kinder kamen ans BAFÖG. Zu früheren Zeiten hätten sich solche Väter vor die Spiegel gestellt, einmal ge­nickt und aus der mittleren Schublade die Pistole genommen. Mittlerweile zieht man den Konkursrichter vor. Bevor der aber tätig wurde, gingen noch dreivier Mona­te durchs Land, in denen es Maierhoff noch einmal versuchte. Vielleicht gab‘s Erspartes. Das sollte auch noch weg.
Bisweilen wurde er verklagt. Er zog jedesmal den Kopf aus der Schlinge. Dabei läßt es sich nicht behaupten, er habe einen Kunden jemals getäuscht. Keinen hat er übers Risiko jemals im unklaren gelassen. Es wär ihm viel zu unbequem gewesen, den Opfern etwas vorzumachen. Vielmehr gab ihm gerade seine unverblümte Gnaden­losigkeit den fatalen Charme. Daß der ganz ohne Mitleid war, das eben zog die Leute an. Täglich schrieben sie Schecks aus. Gab es nichts mehr auszuschreiben, ging Maierhoff akquirieren. Telefonierte herum. Meistens überließ er das
Coldcalling
uns.
(…)
ARGO, III,11. S. 120-122

Argo.Anderswelt
Epischer Roman
Elfenbein, Berlin 2013
ISBN 978-3-941184-24-4

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Bücher müssen duften dürfen. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 14. Februar 2018. Mit, vor allem, Kazantzakis.

[Arbeitswohnung, 6.36 Uhr
Weit geöffnetes Oberlicht, aus der Dunkelheit (noch ist es Winter)
das hohle Rauschen einer nahenden SBahn.]

Sie fragen mich,
Freundin,
weshalb ich nicht schreibe („schriebe”),

und meinen ausdrücklich mein Arbeitsjournal. Es fehle Ihnen, manchmal sogar sehr. Mit melancholischem Anflug dächten sie bisweilen an die Zeiten zurück, da es zu Ihren Frühstückslektüren gehört – was Ihnen doch eigentlich eine Antwort bereits gibt. Um Die Dschungel derart auf, sagen wir, Draht zu halten, bedurfte es – seinerzeit, eben, (ihrerzeit also) –, daß ich bereits um fünf, zu Argozeiten sogar halb fünf aufstand, sofort loslegte, um dann, war der Beitrag eingestellt, mich heiß genug geschrieben zu haben, daß ich mit dem Roman sofort weitermachen konnte. Jetzt aber, gegenwärtig und seit schon langem, hält mich kein solches Projekt. Meine anstehenden Arbeiten sind entweder korrigierende, neu durchsehende oder „fremde”, also solche, die aus Aufträgen resultieren, allem voran der Contessa Familienroman. Da ist meine Fantasie nicht zu beflügen, vielmehr zu stutzen, die Tagesarbeit also eines Angestellten, der für sie gut bezahlt wird, ohne daß es aber seine poetische Leidenschaft wäre, der er die gute Einkunft verdankt. Er hat, ich möchte es so ausdrücken, gewissenhaft zu sein, während doch die Kunst einer zumindest gewissen Gewissenlosigkeit bedarf, einer geradezu Asozialität auch dann, wenn ihr tiefster Grund das Verlangen nach Gerechtigkeit ist, ja Liebe und nicht zuletzt eine Anerkennung durch die Gemeinschaft. Nur wird es eben von Leser:inne:n als schmerzhaft empfunden, legt jemand seinen Finger auf die wunde Stelle; sie soll gestreichelt, nicht aufgebohrt werden, auch wenn ohne Bohrung der Karies ein Einhalt kaum geboten werden kann. Ich gebiete dir zu verschwinden – ach, das funktioniert halt so schlecht. Schon beim Contessaroman hatte ich dieses Problem; ich allein für mich wär die Angelegenheit radikaler angegangen. Alleine muß man, ecco, verfügen – verfügen dürfen. Kunst nimmt Rücksicht nicht auf sich, wie sollte sie‛s auf andere können? – Wie ich es meinen Seminarist:inn:en erklärte: Was tut ihr, wenn ihr Liebeskummer habt? Ihr werft euch aufs Bett und weint und weint. Bis ihr einschlaft vor Erschöpfung. Jetzt denkt einmal nach. Welch eine Kraft muß das sein, euch so in den Schlaf hineinzupressen! Diese Kraft fängt der Künstler auf, die Künstlerin, und statt sie im Heilschlaf zu verträumen, gestaltet sie und er aus ihr. Die einen wollen den Schmerz nicht mehr leiden, und also schlafen sie. Die anderen verstehen ihn als Material, von dem man nicht wegsehen darf, dem frau sich aussetzen muß.

Dieser Konflikt zwischen den einen und den anderen haben die Arbeitsjournale immer wieder ausgetragen, weil das Problem darin bestand und besteht, daß der eigene Schmerz immer auch der eines, einer anderen ist und seine Gestaltung in dessen und deren Leben eingreift – es sei denn, die Gestaltung wird derart abstrakt („allgemein”), daß es ihrerseits einer Verdrängung gleichkommt. Kunst gräbt aus, heißt es in Meere.

Nun haben die letzten Jahre ergeben, daß ich in den Arbeitsjournalen über so vieles nicht mehr schreiben darf; verschärft hat sich dies zum einen der Contessa wegen, deren Anonymität ich zu wahren habe, zum andren wegen der Sídhe, über die zu schreiben permanent bedeutete, meiner Löwin wehzutun (es tat ihr weh schon genug); drittens wegen der Trennung von ihr, nämlich ihres eigentlichen Grundes, und viertens kam La Mâconière noch hinzu, ein hochheikler Erfahrungsraum, der mich nach wie vor beschäftigt, ohne daß ich dem hier Ausdruck verleihen dürfte: Mein Wort steht dagegen. Die bösen Briefe, die sie mir später schrieb, werden es nicht brechen; allerdings las ich von den letzten nur noch erste Wörter: Ich habe nicht Lust noch Kraft, eine Auseinandersetzung weiterzuführen, die noch die letztre aussaugt – vor allem dann nicht, wenn ich hier nicht drüber schreiben darf. Was ich geschrieben, scheint, entnahm ich der letztüberflogenen Nachricht von ihr, mich als Unhold bestätigt zu haben: Derartiges öffentlich auszutragen, habe ihr ein Mentor gesagt, sei unter aller Sau. Nur daß ich ja nicht sie austrug, sondern eine Fiktion; wie nahezu immer aus Personen, mit denen ich umgeh, habe ich aus ihr eine Romanfigur gemacht – was ihr zu Anfang auch gefiel. Sie hatte sogar ausdrücklich drum gebeten, daß ich über Fuerteventura schriebe, nur wie ich es schließlich tat, wie angedeutet tat, fand ihr Mißfallen.

Es ist also heikel g e b l i e b e n mit meinen Arbeitsjournalen, und ich habe den Willen nicht mehr, gegen das Diktat der „Privatheit” anzurennen, vielleicht auch nicht mehr die Energie. (Ach, seit ich vor meinen Geburtstagen flüchten will! Und kein Wecken mehr der Löwin um acht. Dazu die Sídhe sehr sanft reserviert. Auch Sublimation kostet Kraft. Außerdem macht mir, an der peinlichen Stelle, weiterhin eine Infektion zu schaffen, die mich von Menschen – ich meine Frauen – eh distanziert.)

Aber nicht nur dieses Persönliche hielt mich ab. Sondern neben dem Familienbuch bin ich weiterhin mit den Fahnen der Ausgabe Zweiter Hand von Thetis beschäftigt, sowie mit der Zusammenstellung meiner noch nicht als Buch erschienenen Gedichte. Da es, weil das Geld für solch ein Mammut fehlt, mit dem Sammelband meiner Arbeiten zu anderen Autor:inn:en erst einmal nicht kommen wird, will Arco zum kommenden Herbst sie herausbringen, jedenfalls eine Auswahl. Schon Benjamin Stein hatte angemerkt, daß die Stücke nicht alle zueinander paßten; besonders die Langgedichte müßten separiert und getrennt veröffentlicht werden. Woran etwas ist, einiges sogar, auch wenn meinerseits ich die Disparatheit gerade geschätzt hätte. Leser:innen zerstört sie freilich die Aura. Diesem Eindruck füge ich mich. Bücher müssen duften dürfen.

Lektorieren wird wieder Elvira M. Gross, ohne deren innige Klugheit ich eigentlich keinen poetischen Schritt mehr tun will.

Freilich ganz vermeiden läßt es sich nicht; mit der Thetis-Durchsicht wäre sie allein des Zeitaufwandes wegen überfordert worden und weil ihr solch einen Aufwand niemand wirklich bezahlen kann. Ich bin ihr eh schon sehr vieles schuldig.

 

Und dann… Ich lese immer wieder Ulrich Becher, dessen Prosaeleganz ich zu bewundern lerne; bereits Das Herz des Hais hatte mich im November ja furchtbar becirct; danach kam >>>> Williams Casino, hinreißend „causiert” (Causeur: auch ein Wort, das kaum jemand noch kennt – wohl weil in Zeiten des, ecco!, „Chattens”), und nun:

 

 

 

 

 

 

… doch ward ich drin unterbrochen, unterbrochen von einem Koloß, unterbrochen von dem Feuer selbst der allerepischsten Poesie: hart männlich (was nicht mehr erlaubt ist) und heikel in seiner Gewalttätigkeit, zugleich von rasender Energie, von wütendem Willen & Wollen – und von F o r m:

Allabendlich nehme ich den knappen Zweitausendseiter mir vor (allerdings nur „einseitig”, da ich des Griechischen nicht mächtig) und lese laut einen Gesang, möglichst einen kompletten pro Tag… – …

Doch war das nun nicht durchzuhalten. Der „Umzug”  Der Dschungel von dort nach hier kam dazwischen; es ist immer noch einiges feinzujustieren; gestern ein längeres Skypegespräch mit Stein, der mir einzelne Funktionen erklärte… ich lerne, ich lerne… usw. usw. …

… aber will wieder da h i n ! – :

Ihr ruheloser Geist durchstreifte weit entfernte, fremde Länder,
die Ohren sind berauscht von Klängen, und die Augen fließen über –
und wenn die Drachen auch, die vier, am heimatlichen Strande sitzen,
so seufzen sie und ächzen doch wie Segelschiffe, welche träumen.

Diese Gesänge müssen wirklich laut gelesen werden, am besten im Stehen. Ich schrieb an Elfenbein, wie gerne ich dieses Buch öffentlich vortragen würde; allein schon, diese Odysseia zu wählen, wäre der purste geschlechtspolitische Akt – vor der rhythmischen und der Schönheit der Bilder ganz einmal abgesehen. Segelschiffe, ächzend im Traum: wie hier das Knarren der Planken und Wanten zum Ausdruck wird des Seufzens (und in der Takelung trauert der Wind). Denn in der Tat, auf des Turmseglers (quasi) Frage ist noch eine Antwort zu geben.

Aber heute nicht mehr. Nicht mehr heute. Mein zweiter Latte macchiato ist getrunken, wir haben‛s nun Viertel vor neun. Ich muß und will an den Familienroman, bis mittags, dann werden die Fahnen weiter korrigiert; zwischendurch wird mich Madame LaPutz vertreiben.

Abends bei der Familie.

Haben Sie, Freundin, einen guten Tag.

Ihr ANH

P.S.: Ah jà: Gestern, in einem nächtlichen Briefwechsel, schoß mir ein neues Paralipomenon aus dem rasenden Hirn in die Finger. Ich hab es hier schon eingestellt.

Alban Nikolai Herbst
Die Anderswelt-Trilogie
Bei Elfenbein

 

 

 

Thetis. Anderswelt
Fantastischer Roman
2., überarb. Aufl. 2018, geb., 895 S.
€ 39 [D] / € 40,20 [A] / sFr 47
ISBN 978-3-941184-22-0
Bestellung

 

 

 

 

 

 

 

Buenos Aires. Anderswelt
Kybernetischer Roman
2001, 2. Aufl. 2016, geb., 272 S.
€ 19 [D] / € 19,60 [A] / sFr 27,50
ISBN 978-3-941184-23-7
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Argo. Anderswelt
Epischer Roman
2013, geb., 872 S.
€ 39 [D] / € 40,20 [A] / sFr 47
ISBN 978-3-941184-24-4
Bestellung

 

 

 

 

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[Rezensionen
→ dort]

Aus Beth-al-Sâm, Fortsetzung mit Nono. Arbeitsjournal. Freitag, der 16. April 2010. Mit dem Ursprung der Welt.

6.15 Uhr:
[>>>> Nono: Come una ola di fuerza y luz.]

Silbern glänzten die Weiden
und dunkel vor Wärme das Holz
Wir gossen die Milch in die Wannen
zum Blut

Erinnerung an >>>> Beth-al-Sâm, Bruchstücke: wie Tatzen aber weich, niemand schrie, keiner wurde vergewaltigt, alles war Hingabe, ohne Erlösung schließlich: dennoch. >>>> Ophelia Abeler schreibt mir zu den Auszügen aus ARGO: „Meine Herrn, das ist ja mal ein Werk! Meine Lieblingspassage ist die Beschreibung Brems, seine Lebens- und Wohnsituation, die Geschichte, wie er zu seinem Beinamen “Gelbes Messer” kam.
Die Frage ist, wie man das alles, zumal das Science-Fiction-artige Szenario mitsamt seinen Charakteren, Orten und Gesetzen dem Leser unbekannt ist, verständlich machen kann – die Länge würde passen! Eine Legende? Eine Zusammenfassung des bisher geschehenen in groben Zügen? Ab- oder zugeneigt, Du?” – Zugeneigt. Logisch. Sowieso: „na logo, statt logisch”, wie >>>> Aikmeyer in Heidelberg spottete, allerdings auf den zunehmend bildungslosen Ereignishorizont der „Neuen Deutschen Universität” gemünzt.

Um kurz vor sechs auf, Latte macchiato, Morgenpfeife und eine Erektion, die den deutlichen Character eines Vektors hatte: mathematische Erregung. Wille. Man kann sich damit recht gut konzentrieren, wenn man den Vektor verschiebt. Klar, man könnte das eine Sublimation nennen; das ist es aber nicht. Sublimation moderiert, genau darum geht es (mir/meinen Arbeiten) nicht: k e i n e Beruhigung. Deshalb heute morgen >>>> der Nono. Erst wollte ich K.A.Hartmann hören, aber dachte dann, wenn ich das mit den Eingangszeilen dieses Arbeitsjournal kombiniere, kommt eine falsche, eine unbedingt zu meidende Assoziation dabei heraus.

Der Tagesablauf ist noch unklar; es ist einiges Administrative zu erledigen, vor allem sind Rechnungen zu schreiben. Dann wird es ganz sicher wieder >>>> um Hettche und den FREITAG gehen, also durchaus um FAZ ./. DSCHUNGEL via FREITAG, was nicht ganz ohne Witz ist, weil ich ja selbst bisweilen für die FAZ schreibe, wenn auch vor allem über Musik. Ich muß meinen diesbezüglichen Dschungeltext noch ein wenig modifizieren, er muß mit der verstreichenden Zeit gehen. Ans Cello will ich. Und „zwischendurch” muß Zeit für Beth-al-Sâm sein. Nachts telefonierte ich noch einige Zeit mit der Löwin, d a rüber und über anderes, das in Zusammenhang mit Netzpoetiken steht. Ich will auch wegen der BAMBERGER ELEGIEN telefonieren, nein, besser noch: im Verlag vorbeischaun und beim anderen Verlag wenigstens anrufen.

An Vergil habe ich für das Gelage, das durch die Nacht ging, mich aber schließlich am Flughafen Rheinmain erwachen ließ, keine direkte Erinnerung mehr. An Šahrzād aber sehr wohl, und an شجرة حبة, sowie an die Dienerinnen, die uns den Tee brachten. Vergil, spüre ich, beobachtete; ich m u ß das kursiv schreiben, damit sämtliche Ober- und Untertöne dieses Wortes Klang werden können; an sich ist es kein Wort, das kursiviert werden müßte. „Sie haben”, sagte Šahrzād, „von dem Kuchen genommen, den ich Ihnen gereicht habe. Sie können ihn nicht mehr ausspeien, nachdem Sie geschluckt haben. Sie müssen jetzt verdauen. Es war Ihre eigene Wahl.” Ich verstand sie erst nicht. „Wenn einer bestimmte Übertretungen begonnen hat, kann er nicht aufhören, ohne sich einem Leiden auszusetzen, das letztlich körperlich ist. Übertretungen sind, wenn sie Erfahrung wurden, irreversibel. Es sei denn, er gründet eine Religion.” „Sie sprechen verrätselt”, sagte ich. Sie tat eine fürstliche Handbewegung: so knapp hat damals Arafat dem sich neben ihm ständig herabbeugenden christlichen Lakaien gewunken: schweige! der aussah wie ein KP-Funktionär. Ein Einflüsterer war das gewesen. 2001 in Ramallah, wohin ich tatsächlich wegen eines freilich ganz anderen Artikels im FREITAG eingeladen worden war; woraus dann für den Deutschlandfunk mein Jerusalem-Hörstück entstanden ist (wer mag, kann es als CD >>>> über das fiktionäre Kontaktformular bestellen, 10 Euro bitte plus Porto). Die Wannen wurden gebracht. „Lassen Sie sich baden”, sagte Šahrzād, „ich will Ihnen zusehen.” Da stand Vergil noch bei ihr und sah furchtbar wie Arafats christlicher Ratgeber aus. Es war eine Prüfung, das Bad war eine Prüfung. Ich erinnere mich ihrer wahrscheinlich nur der Morgenerektion halber wieder: irgendwie war das Bad Nobilitierung. Šahrzād selber, selbstverständlich, blieb unerreichbar, unberührbar, aber jede der anwesenden Frauen symbolisierte sie, symbolisierte sie körperlich. In diesem Moment, jetzt, hier am Schreibtisch, verstehe ich, in welchem Umfang sie „körperlich” meinte.

Aber zurück zum FREITAG. Ich bin wieder hier, das muß ich mir klarmachen. Mein Sohn, die Zwillingskindlein, लक, auch >>>> Aléa Torik. Und >>>> Melusine. Die Arbeitswohnung sieht aus wie Sau. Ich fange an, völlig zu verstehen, was Šahrzād mit „verdauen” gemeint hat. Der Fünfte Zwischenbefund zur Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens ist liegengeblieben. Die Skizzen zur Polyamorie sind liegengeblieben. Leute, ich brauche den zweiten Latte macchiato. Die Erzählung Der Dschungel geht weiter.7.57 Uhr:
„Alles, was dich antreibt”, sagte شجرة حبة, „ist Sexualität – ob deinen Geist, ob deine Beweglichkeit, selbst, ob du kochst. Und wenn du Musik hörst, dann sowieso.” Sie hat recht. „Alles ist für dich ein Ausdruck von Eros. Du darfst nicht den Fehler begehen anzunehmen, daß das auch bei jedem anderen so ist. Das führte auf allein Seiten, auch deiner, zu Mißverständnissen und Fehlurteilen.” Wahrscheinlich hat sie recht. Selbst Zerstörungen, Erdbeben, Kriege, das Meer, die Wüste, die Dschungel erlebe ich in allererste Linie als sexuelle Erscheinungen, erst danach kommen politische und soziale Überlegungen: sie sind für mich wie Rationalisierungen, die die eigentlich wirkenden Kräfte verschleiern.

9.37 Uhr:
Sò. Jetzt steht auch >>>> die Originalfassung meiner Polemik in Der Dschungel, allerdings als Kommentar. Auch Zintzen hat begonnen, die Geschehen zu dokumentieren, >>>> wobei sie auch FAZ-Kommentare erfaßt. Ich bin sehr gespannt, ob >>>> Johannes Auer sich ebenfalls melden wird.

13.35 Uhr:
[Vor dem Mittagsschlaf nach den Wegen.]Post: Das Finanzamt stundet einstweilen einen Betrag, das Belegexemplar >>>> vom Freitag kam an, die Visacard möchte ihren Betrag, Tammen schickt mir Besprechungen des >>>> Horenbandes und >>>> Martin v. Arndt hat mir seinen Roman >>>> „Der Tod ist ein Postmann mit Hut” eingetütet. Ich darf nicht vergessen, ihm im Gegenzug, so ist es verabredet, eines meiner Bücher zu schicken; er wünschte sich „In New York”, aber ich habe, sah ich gerade, kein Exemplar mehr außer dem eigenen für mich in meiner Bücherbordreihe. Nun steht >>>> dieser Roman aber ja online, so daß Arndt es vielleicht verschmerzen und sich etwas anderes aussuchen mag.

Auf dem Fahrrad ging mir >>>> Sumuzes Kommentar durch den Kopf, vor allem eine Stelle in ihm, auf die ich hier und nicht in dem Hettche-Beitrag eingehen will; dort gehörte meine Replik nicht hin, führte zu weit vom Thema ab:Sie lieben den Gestus des Risikos, das macht sie oft amüsant und spannend, aber auch sie müssen Miete zahlen und ihre Kinder in die Schule schicken.Das finde ich ein bißchen allerhand („sie” ist nicht großgeschrieben, sondern meint „die Künstler”), denn auch ich habe Kinder zu versorgen, ohne daß ich mich korrumpiere. Dieses nicht zu tun, ist sogar Pflicht des Vorbilds. Ja, das Leben wird dadurch ein wenig weniger leicht, das ist wahr. Aber es geht doch im Kunstbetrieb nicht darum, wie unter der Securitate, daß man selbst oder die Familie tatsächlich an Leib und Leben bedroht wäre; es geht doch wirklich nur um ein bißchen mehr oder weniger Einkünfte. Sich deretwegen korrumpieren zu lassen, ist, schaut man sich andere Länder an, nicht nur peinlich, sondern geradezu ekelhaft. Daß bei tatsächlicher Lebensbedrohung manche Werte disponibel werden, rein aus Notwehr, stelle ich nicht in Abrede – wohl aber innerhalb einer Gesellschaft, in der niemand wirklich umkommen kann. Mitläuferei h i e r ist durch nichts, durch gar nichts zu entschuldigen. Und jetzt lege ich mich schlafen.

21.30 Uhr:
[>>>> Bar am Lützowplatz. Straßenterrasse.]Warten auf den Profi. Ich hab den Laptop mitgenommen, um die Hettchediskussion in Der Dschungel im Auge zu behalten: die Trolls sind wieder unterwegs. Vorher Am Terrarim bei der Familie gewesen, zu Abend gegessen, mein Sohn kam von einem Fest; >>>> Susanne Schleyer, mit der ich mich nachmittags traf, gab mir eine Serie Fotos, die sie mit meinem Jungen wie jedes Jahr, seit er zwei Jahre alt ist, im Oktober aufgenommen hat: sie stellt eine Reihe zusammen dreier gleichaltriger Kinder, die ihre Entwicklng bis zur Volljährigkeit begleitet. Spannendes Unternehmen, mein Bub ist eh eine Rampensau. Morgen, à propos, ist er bei einem Filmcasting dabei; das war nicht meine Idee. Aber ich werde ihn begleiten und bin gespannt.
>>>> D a war viel los, aber unterm Strich bestätigt sich gegen meine Meinung seine Vorausschau, es werde letztlich alles beim Alten bleiben; jedenfalls bestätigt sie sich vorübergehend&einstweilen: man muß nur mal auf der FAZ-Site schauen. >>>> Dafür melden sich beim Freitag die alten Widersacher, mit denen ohnedies zu rechnen war, wieder: Stulli ist Hadie, für den ich eine Haßnummer bin; keine Ahnung, welches Mädel ich ihm mal ausgespannt habe oder ob er nur für sich selbst aus der Ostherkunft eine innere Ethnie gemacht hat. Immerhin mäßigt er sich im Freitag, während er hier stets ordinär herumblökt.

1.12 Uhr (17.4.):
[Arbeitswohnung.]
„Was w i l l >>>> der denn?” rief der Profi aus, als er kam und hatte gerade des Stumpfrichters Kommentar gelesen. „Das ist doch ein ganz großartiger Romananfang! Da wollte ich sofort weiterlesen!”
Einen Talisker noch, bin soeben heimgekommen, auch etwas essen sollte ich noch. شجرة حبة war nicht erreichbar, ich versuchte es gegen Mitternacht. Vorher über eine Frau Dadu, eine Sudanesin, gesprochen, die dem Profi die Sehnsucht verdreht; schließlich kam seine Geliebte in die Bar, wir sprachen über Heilkunde & Literatur, auch über >>>> Dietmar Sievers und seine Haßnummer(n), sogar die Löwin kam, aber nur am Rande, diskretionshalber, vor. Ich hatte zwei Ideen für die Paralipomena, vergaß sie dann aber wieder im bißchen Alkohol, den wir nahmen. „Du kriegst noch Geld von mir, ich weiß”, sagte ich. Zum Profi. Er kriegt sogar noch v i e l Geld von mir, ich würde das nie bestreiten. Visionen sind teuer, und wenn man sie selbst nicht bezahlen kann, aber ihnen konsequent nachjagt, zahlen andere die Rechnung. Das ist in Ordnung, aber sie müssen wissen, daß man es ernst meint und die anderen nicht ausnutzt.
Ich versuch’s nochmal bei der Löwin, dann geh ich schlafen. Beth-al-Sâm ist weit weg. Aber da.

Das Foto steht drin.

Sonntag, der 2. Juli 2006. Bamberg – Berlin.

5.15 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]

Bamberger Morgenglühen, zum Bett herübersehnend, als ich erwache.
Seit einer halben Stunde auf, kaum vier Stunden geschlafen und quietschewach. Arbeitslustig. Bis auch der Junge erwacht sein wird, werd ich an ARGO korrigieren. Dann sind in der Küche hinter der Sala des Schlößchens die Grillspuren zu beseitigen, dann ist auch hier im Studio Ordnung zu schaffen. V o r dem Frühstück, damit wir dann Ruhe haben. Vielleicht schaffen wir’s noch ins Hainbad hinüber, ich will endlich diesen blöden Ellis fertiglesen; lockend liegt der neue Krausser da. Und um 16 Uhr geht’s schon wieder nach Berlin. Ich werd diesmal etwas länger bleiben, da mein Sohn am Dienstag sein erstes Zeugnis bekommt. Da geh ich mit seiner Mama gemeinsam hin; als ich ihm das erzähle, hüpft er fast vor Freude und Stolz. Er hat auch wirklich was geleistet in diesem ersten Schuljahr, hat sich dem völlig gewachsen gezeigt, – ganz anders als ich selbst früher, der ich wegen ‚Unreife’ erst mit sieben eingeschult worden bin und mit sechs in einen sogenannten Schulkindergarten kam, der für mich die Vorhölle war zur Hölle der Schule darauf. Alles, was ich an früher Bildung meinem Jungen vermittle, an Bildungslust, Leistungsfreude und Begeisterung, wird neben der Liebe, die b e i d e Eltern für ihn haben, von meinem Willen geleitet, ihm solche Traumatisierung zu ersparen, ja ihr nicht ein Fitzelchen von Chance zu lassen. Er ist ein Draufgänger geworden, der zugleich für sein Alter enorme Eloquenz und enormes Wissen hat; ich selbst war ein zwar vitalistisches, aber völlig angstbesetztes Kind, da war niemals innere Sicherheit. Das ist bei ihm komplett anders, nicht nur, weil ich heute ein „Brecher“ bin und einer, der ihm, wenn’s sein muß, Schwierigkeiten immer sofort aus dem Weg kämpft – Schwierigkeiten, die er de facto nicht selbst packen kann -, sondern auch und gerade wegen seiner Mama, die ihn birgt und hält. So hat er trotz der verfahrenen Lebenssituation eine Grundsicherheit, die ihn wagemutig, intelligent-schnell und charmant macht. Außerdem flirtet er, was das Zeug hält. Manchmal hab ich den Eindruck, er wisse bereits, was eine Frau ist, was ein Mann. Ich selbst habe dazu fast drei Jahrzehnte gebraucht. Das Glück, das mir dieses Kind schenkt, kann ich Ihnen kaum schildern; er tut es noch mit Dingen, die mir gar nicht gefallen, etwa mit Fußball. Er bringt das Kunststück hin, mich mit Fußball auszusöhnen, ich seh ihm wahnsinnig gerne zu. (Auch Fußball ist für mich immer traumatisch besetzt geblieben: der Hohn der anderen über mein kindliches, schüchternes Ich, das immer Angst hatte, wenn der Ball kam; der nicht selten offene Spott auch der Lehrer, die Überhebung all der autoritäts- und regelgeleiteten Gruppentypen über den in seine innere Fantastik versponnnenen Außenseiter. Die Erinnerung daran und die Abwehr solcher Dynamiken wird von meinem Jungen langsam verflüssigt, wird normalisiert. Ein Satz wie „gegen das Spiel an sich hab ich ja nichts, das kann ich sogar spannend finden, nur die Gröhlerei find ich widerlich“ wäre mir früher nicht über die Lippen gekommen, sondern ich hätte eines fürs andre genommen. Jetzt lehrt das sechsjährige Kind den einundfünfzigjährigen Vater. Und auch hier wieder: im Handteller einer wechselseitigen Liebe. Sohnesliebe. Vaterliebe.)
ARGO.

Noch eines. Wie man Probleme löst, Ungerechtigkeiten.
Als ich meinen Jungen am Freitag von der Schule abhole, kommt er mir weinend entgegen. „Ein Junge hat meine neuen Pokemon-Bälle weggenommen, hat sie aufgemacht und die Figuren darin ins Klo geworfen und weggespült.“ „Wer?“ „Ich weiß nicht. Aber Vincent weiß.“ Wir zu Vincent hin, der mich, weil mir wohl die Wut auf der Nase steht, ängstlich ansieht; er ist selbst ein Lausbub: „Ich war’s nicht, ich war’s nicht.“ „Klar“, sag ich, „hab ich auch nicht gedacht. Aber w e r war’s?“ Er nennt mir einen Namen: J. „Komm mit, zeig mir den Burschen.“ Der hat sich aber verkrümelt, ich spreche eine Lehrerin an, die beiden Jungs um mich rum. „Da müssen wir den Eltern mal was sagen, sowas hat J. öfter gemacht in letzter Zeit.“ „Das lassen Sie bleiben“, sag ich, „das regeln wir unter uns. Aber wo ist er?“ Ich finde ihn, ich sprech ihn an. Er ist zwei Köpfe größer als Adrian, gewiß zwei Jahre älter. Schon das bringt mich in Harnisch. Man läßt seinen Machtwillen nicht an Schwächeren aus. „Lüge erst gar nicht“, sag ich zu ihm, „du bist gesehen worden. Also: Hast du das getan?“ Er nickt. „Warum?“ Nun eine Ausrede: „Ich hab die Bälle von jemandem getauscht, hab gedacht, das seien dessen.“ Er bekommt dabei ein Gesichtchen, dieser mir eigentlich sympathische Strolcher, daß ich ihm am liebsten, um ihm Mut zu machen, freundschaftlich auf die Schulter schlagen würde. Aber hier muß er allein durch. „Ah ja? Und warum hast du die Figuren dann weggespült?“ Darauf weiß er keine Antwort. Er druckst. Neben ihm hockt ein anderer Vater mit seinem Sohn, beide gucken mich ganz erschreckt an, soviel energischen Ärger scheine ich auszustrahlen. „Also paß auf“, sag ich. „Am Montag früh hast du die gleichen Pokemon-Bälle wieder besorgt. Dafür garantiere ich dir, es wird keinen Ärger mit den Lehrern geben, keine Strafe von denen, nichts. Du bringst die Sache einfach wieder in Ordnung.“ „Wie soll ich das denn tun?“ fragt er und weint fast. „Kann ich Adrian nicht was anderes geben?“ „Nein“, sag ich, „sondern das gleiche. Es müssen genau die gleichen Figuren sein.“ „Aber das geht nicht, das kann ich nicht!“ „Du wirst es hinkriegen. Du hast zweieinhalb Tage Zeit. W i e du es machst, ist d e i n Ding. Es war a u c h deines, die Dinger wegzuspülen. Also ich verlaß mich drauf, dann wird alles vergessen sein, von mir aus, von Adrian aus, und wenn die Lehrer noch mit etwas kommen sollten, dann sag es mir, dann schütz ich dich.“ Damit dreh ich mich um, mein Junge sieht mich an, lächelt. „Weißt du“, sag ich, „man regelt solche Dinge unter sich. Man rennt n i e zu fremden Autoritäten.“

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