In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Fünfundneunzigster Tag.
Zweite Serie, Neunundsiebzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Von einem Freund, der hing” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

Das Leben als einen Roman betrachten (15): Krebstag 2.

[Angela Puxi, Isle of Fire]

Irgendwann ging mir die Numerierung der 2013 begonnen Serie von Überlegungen verloren, also ging nicht verloren, sondern ich vergaß – oder es war dem Antisystematiker in mir “über” –, die Texte mit Zahlen zu versehen. Was ich in anderen Fällen strikt aber weitertat. Und irgendwann war, das Leben als Roman zu verstehen, derart mit den Journalen und andren Rubriken (“Kapiteln”) verschmolzen, daß es sich eh erübrigte. Nun allerdings, in der neuen Situation, bedaure ich es, weil es die Suche nach den einzelnen Beiträgen einigermaßen mühsam macht. Mehr als für mich selbst allerdings wird es für andere später mal ein Problem sein, so es solche, andere also als mich geben wird, die DIE DSCHUNGEL durchstöbern.
Insofern hätte ich solche Numerierung jetzt gerne wieder. Das letztgezählt-ausgewiesene Stück trug die symbolisch enorme Nummer 13, auf die noch die nur im Text-selbst, nicht schon in der Überschrift, genannte → 14 folgte. Alles weitere zum Thema ist nur noch, wenn überhaupt, mit “ff”, “fff” usw. zugeordnet oder gar nicht. Dennoch wähle ich jetzt, indem ich die Serie wieder aufnehme, die Anschlußnummer 15.

Daß ich sie wieder aufnehme, ist eine poetische Notwendigkeit des ARBEIT UND STRUKTUR–Charakters meiner Poetik, doch daß ich mich auf Herrndorf und, freilich gelinder, auch Schlingensief beziehe, ein Gebot der poetischen Redlichkeit. Niemand von uns schreibt geschichtslos; das gilt in diesem Fall auch dann, wenn ich seinerzeit weder jenes noch dessen Aufzeichnungen mitgelesen habe, was bei Herrndorf daran liegt, daß ich ihn als Romancier für schwer überschätzt und gegen sein berühmtes, doch, seien wir ehrlich, reichlich schlichtes TSCHICK mit allem sowohl stilistischen wie kompositorischem Recht Kjærstads viel zu wenig rezipiertes ICH BIN DIE WALKER BRÜDER gehalten habe, worin moderne Jugendsprache eben nicht imitiert, sondern auf eine Weise erfunden wird, die sogar meinen damals noch jungenhaften Sohn, nachdem ich ihm draus vorgelesen (er hatte sich über die von der Schule geforderte Tschick-Lektüre aufgeregt, weil da “jemand so tut, als spräche er wie wir”) … also, nachdem ich ihm dreivier Seiten Kjærstad vorgelesen, ausrief: “Ja, genau! So sprechen wir!” Was nicht stimmte. Kjærstads Buch ist eine komplette Kunstsprache, aber eben poetisch von solchem Geschick gesetzt, daß sich noch Jungens und Mädchen in vierzig Jahren werden damit identifizieren können, auch wenn deren Jugendslang längst ein völlig anderer. Dabei geht es nicht nur um “in”ne Begriffe wie “ätzend” für “gräßlich”, “geil” für “klasse” (in meiner eigenen Jungenzeit sagten wir “toff”) usw., also Wörter, die so schnell veralten und ersetzt werden, daß wir dabei zusehen können, sondern vor allem um Rhythmik und also Satzbau.
Das spielt seit ARBEIT UND STRUKTUR aber keine Rolle mehr. ARBEIT UND STRUKTUR dürfte, weil “plötzlich” Existenz direkt angesehen und erlebt und eben mitgeschrieben wurde, dasjenige sein, was von Herrndorf bleiben wird – und nun mit tatsächlichem Recht und wahrscheinlich über Schlingensief hinaus, der freilich, wie Phyllis Kiehl gestern anmerkte, “auch kein Schriftsteller” war.  Deshalb muß der von mir sonst gemiedene Herrndorf hier für mich bedeutsam sein — abgesehen davon, daß mich die von ihm frei gewählte Todesart – was sie nämlich an auch moralischen Vorüberlegungen implizierte – beeindruckt hat, vergleichbar nur noch mit Gunter Sachsens, der seinen Schritt zudem mit einem Satz versah, der von mir stammen könnte (nunmehr würde der meine von ihm stammen):

Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.

Beider Todes,ich schreib mal,technik allerdings, sich zu erschießen nämlich, wäre meine nur Zweitoption, abgesehen davon, daß es dem schwerreichen Sachs ein leichtes gewesen sein wird, sich eine Feuerwaffe zu besorgen, während es sich meiner Kenntnis entzieht, woher Herrndorf die seine bekam. Aber selbst angenommen, er hat sie auf dem Schwarzmarkt besorgt oder übers Dark Net, wird die Anschaffung immer noch einiges Geld gekostet haben. Über das meinerseits ich nicht verfüge. Herrndorf bezog deutlich höhere Tantiemen allein in einem Monat als ich in einem Jahrzehnt.

Das Leben als Roman betrachten, nunmehr mit drinnen dem Krebs. Möglicherweise ist solch eine Sichtweise nur Autorinnen und Autoren möglich, jedenfalls Künstlern, die es für ihr Werk ohnedies, nämlich notwendigerweise, gewöhnt sind, sich in fiktionalen Zusammenhängen zu sehen, ohne aber, wie seit je für mich wichtig, nur Beobachter und gleichsam Protokollanten zu sein – eine oft gängige Autorenhaltung, wie sie besonders Genazino kultiviert hat. Für mich und meine Poetik ein absolutes No-go. Sie wissen, Geliebte, wie wichtig es mir mein Leben lang war, zugleich immer mitten drin zu sein und es zu durchrauschen, zu durchleiden, mich durch es, sagen wir, durchzufuttern. Auszuschöpfen, was nur geht. Undistanziert, eben.  Aber allein der Umstand, daß wir uns irgendwann an den Schreibtisch setzen – oder wo immer wir arbeiten mögen; manche am liebsten (für mich gleichfalls unvorstellbar, doch immerhin mir ziemlich sympathisch) im Bett (oh dahingegossen, Autorinnen, auf dem Divan!)–, führt zu einer fast simultanen Spaltung ins Subjekt des Anschauens wie Angeschautwerdens. Nur in den Momenten des Glücks fällt beides zusammen, siehe Borges → dort, Das Glück ist schön für sich. Deshalb entzieht es sich der Kunst.
Anschaun indessen ist aktive Gestaltung, Angeschautwerden heißt auch: geführt sein, wenn es angeschaut wird, nämlich vom Anschauenden. Er macht sich, insofern er zu einem Teil immer die Figuren selbst sein muß, die er schafft (und die nur dadurch zu Personen werden), zum Objekt seines Gestaltens. Ich sehe einen Dichter kurz nach seinen sogenannten Besten Jahren vor mir, den der Krebs erwischt. Wie würde ich an seiner Stelle damit umgehen, wenn es das Thema eines Romans oder auch nur einer kürzeren Erzählung ist und er tatsächlich wär nicht ich “selbst”, sondern, eben, Figur? (Hier spielt jetzt die Frage der Intention eines Textes hinein, also die der Autorin/des Autors persönlich. Will er eine Botschaft vermitteln, die er schon mitbringt und die also von der Ästhetik selbst nicht abhängt, sondern diese wird nach jener gewählt und auf sie draufgestülpt, oder wird sich “die Botschaft”, wenn überhaupt, aus der Bewegung der Erzählung erst ergeben? Was wiederum bedeutete, daß diese Botschaft auch etwas sein kann, das den persönlichen Meinungen des Autors/der Autorin sogar widerspricht.) — Wie dem auch sei: Vermag die Romanperson durch ihre Haltung ihr Schicksal zumindest mitzuformen?
Daß dem so sei, ist die Hoffnung, die jedem ich schreibe es bewußt emphatisch – wahren Erzählen inneliegt.

Dies gilt nun auch für den Krebs. Das Leben als einen Roman zu betrachten, bedeutet Selbstermächtigung und möglicherweise die Initiation eines Selbstheilungsprozesses. Zwar gibt es darauf keine Gewähr, sondern alles andere als das, aber als Möglichkeit mitbestimmt sie das Geschehen auch außerhalb des fiktionalen Raums, nämlich in der Alltagsrealität. Die Haltung meines Ichs als einer Figur überträgt sich auf mein Ich als realer Person. Es ist wie mit den, im monotheistischen Verstand, Namen:

(…) außer du lehrtest mich zuvor den wahrhaften und unverstellten Namen Gottes, kraft dessen du auffährst, wenn du ihn aussprichst [Unterstreichung von mir, ANH].
Th. Mann, Joseph und seine Brüder, I,99

Denn, so eine Seite vorher (ich habe die Stelle schon oft in DER DSCHUNGEL zitiert):

Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen befehlen und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten [Unterstreichung von mir, ANH].

Setzen wir hier an die Stelle der Tiere den Krebs, so wird Ihnen, Freundin, die beschworne Dynamik sofort klar:

Wäre er nur gekommen mit Fauchen und gehässiger Nase, lang schleichenden Trittes, so hätte er mir doch den Sinn nicht geraubt mit seinem Schrecken und mich nicht erbleichen lassen vor seinem Rätsel. [Unterstreichung von mir, ANH].

Sich den Sinn nicht rauben lassen, auch dann nicht, wenn der Löwe, der in der Erzählung gemeint ist, den, der seinen Namen weiß, dennoch reißen kann und auffrißt. Es ist dieses, was ich mit “Haltung” meine und gemeint immer so habe — auch wenn, wie Phyllis mir gestern erklärte, nachdem ich ihr von meinem Staunen, ja meiner Ergriffenheit über all die teils öffentlichen, teils privaten Nachrichten und Zuschriften erzählt hatte, die ich aufs gestrige Journal hin bekam … tatsächlich habe ich in meinem Leben niemals zuvor auch nur entfernt solche, ja, Wogen des Respekts erfahren und der Zustimmung zu meiner poetischen Arbeit … — die mir also erklärte: “Die Leute haben deine Äußerungen immer für Attitude gehalten und begreifen erst jetzt, daß es eine wirklich existentielle Haltung war, die auch dann noch hielt und hält, wenn du schwer bedroht bist. Daher jetzt die vielen Äußerungen von Respekt.”
Wobei, ob sie halten tatsächlich werden, genau jetzt in der Prüfung steht. Der Krebs und mein Umgang mit ihm wird zur Nagelprobe poetischer Wahrhaftigkeit. Genau nun dieses führt in das Leben als Roman zurück, das Leben, als Roman begriffen. So wird die alte Beitragsserie aus der inneren Dynamik DER DSCHUNGEL reaktiviert, ohne daß ich das wollte. Wer, Geliebte, wollte schon Krebs? Ein Narr, ein Idiot! Doch die Geschichte schreibt sich selbst, und ich, ihr Autor, muß nun zeigen, ob ich mit ihr und ihrer Hauptfigur standhalten kann. Die erfundene Person läuft ihrem Erfinder vorweg.

Nun gedankenspielen Sie noch folgendes mit:
Ob wir zuversichtlich oder verzagt sind, bestimmt unsere Reaktionen auf das, was uns begegnet und auf uns einwirkt, ob bedrohend oder nicht. Was Handlung von uns verlangt. Jemand Ängstliches wird sich anders verhalten als jemand voll Mut. So bestimmt denn das Innen das Außen und — schafft Realität, somit neue Wirklichkeit, also das, was wirkt (und weiterwirken wird).
Ich schreibe hier keinen Mystizismus, vertrete keine künstlerische Esoterik, sondern erkenne einen, quasi, Naturprozeß, zumindest eine ihn leitende Dynamik. Darum liegt hierin, in ihr, – oder kann darin liegen – die Kraft der Religionen (deren, aber das ist ein anderes Thema, Glaube immer an Riten gebunden ist; in der Kunst sind die Riten die Form). Ich halte es für enorm wichtig, das zu verstehen.  Es ist völlig unwichtig, ob es den EInen GOtt gibt. Allein, ihn sich vorzustellen und zu glauben, führt dazu, daß etwa von Bach die Matthäuspassion entstand, die ihrerseits, und da landen wir in der nüchternsten, meßbaren Ökonomie, zahllose Mitwirkende, in diesem Falle Musikerinnen und Musiker, faktisch ernährt. Was sich im Bruttosozialprodukt niederschlägt. Denken Sie nur: Die GOtt genannte Fiktion ein signifikanter Posten des pekuniären Volksvermögen!

Das Leben als Roman begreifen. Den Krebs als Motiv einer, vielleicht der letzten, Dschungelerzählung.

[Poetologie]


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“die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte” (Peter Weibel, NZZ): Das siebente Coronajournal. Montag, der 23. März 2020.

Und ebenfalls NZZ, >>>> dort:
Senizid

[Arbeitswohnung, 7.08 Uhr]

Und wenn er noch so viel → Unmut ausgelöst hat, die Vorstellung, es vollziehe sich derzeit ein wie nur selten spürbarer, weil unmittelbar in unser alltägliches Erleben hineinreichender selbstregulativer Prozeß, bleibt → beharrlich in mir, ob dieser uns nun schmeckt oder nicht. Er erinnert mich allzu sehr an das, was ich in THETIS die Große Geologische Revision genannt habe, seinerzeit mit Blick auf die schon Ende des vorigen Jahrhunderts mehr als nur “leicht” sichtbaren Anzeichen. Ich denke weiter und weiter darüber nach … — nein, es denkt sich nach. Und das hat nichts damit zu tun, ob man es – angeblich – gutheißt. Wer wohl täte das? Wobei der Vorgang bei allem Grauen insofern etwas “Gerechtes” hat, als der Virus unter den gefährdeten alten Menschen keine Unterschiede macht, nicht nach Vermögen (wenngleich reiche Leute deutlich mehr Möglichkeiten haben, sich ihre Quarantäne aushaltbar zu gestalten), nicht nach Geist und Bildung, nicht nach Geschlecht, nicht einmal nach Macht. Die moralischen Ausrufe hiergegen — “altersdiskriminierend” — wirken so hilflos, wie sie es sind. Weiterhin → NZZ:

Die heutigen «Alten» haben unser Land im vergangenen Jahrhundert zu dem gemacht, was es ist. Sie zu schützen, ist für die meisten Menschen die Hauptmotivation dafür, zur Eindämmung des Virus möglichst viel beizutragen. 

Daß hier im Hintergrund ein letztlich rein materielles Denken steht, sei erschauernd dahingestellt, auch wenn so etwas Kapitalismusfremdes wie “sorgende Liebe” nicht einmal Erwähnung findet. Es ist doch mehr sie, was uns Menschen umtreibt, besorgt macht und in Nöte bringt. Insoweit es unsere bedrohte eigene Ökonomie ist, die einer und eines jeden Einzelnen, bzw. der Familien, haben die alten Menschen damit nichts mehr zu tun, jedenfalls in aller Regel. Daß es an uns selbst ist, angesichts einer sich wahrscheinlicherweise über Monate erstreckenden flächendeckenden Quarantäne neue Wirtschaftsformen zu entwickeln — und die, die längst schon im Raum standen, aber aus arbeitspolitischen Rücksichtnahmen und nicht zuletzt sentimentaler Beharrung wegen verhindert oder “konservativ” hinausgezögert wurden —, ist nur allzu klar. Ich erinnere mich noch gut, mit welchen tatsächlich Vorwürfen ich es zu tun bekam, als ich in den Achtzigern bei einem großen deutschen Verlag statt eines Typoskripts eine Diskette abzuliefern wagte: Ich wurde quasi hinausgeworfen. Und nur wenig später, als ich die ersten poetologischen, auch praktischen Überlegungen anstellte, was die damals noch kommende mediale Revolution für die Literatur nicht nur bedeuten würde, sondern müsse, nannte mich ausgerechnet die von mir derart geschätzte NZZ einen Kulturverräter. Es war eine Stimmung, in der man über lange Zeit im Internet den Dolchstoß für die Buchkultur sah. Und von meinen Überlegungen zum → Literarischen Weblog als Dichtung will “man” bis heute noch nichts wissen; es stehen für die wenigen, aber machtvollen Leute im “klassischen” Literaturbetrieb zuviel Pfründe auf dem Spiel. Möglich, daß auch dies sich nun auswäscht — wenngleich ich befürchte, daß der Igel immer schon allhier sein wird, da können wir Hasen so flitzen, wie wir nur wollen. Doch ein, → so Xo dort, “no future” sehe ich nicht, im Gegenteil. Ich sehe Evolution, jetzt sogar vielleicht Mutation. Die Welt geht weiter, auch wenn ich selbst es vielleicht nicht mehr erleben werde. Und mehr noch: Ich will, daß sie weitergeht, wünsche es aus tiefstem Herzen, kann nur die schon mehrfach zitierte Stelle aus der “Sterbe-Elegie”, der neunten Bamberger, wiederholen:

um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.
ANH, Das bleibende Thier
, 99/100

Ja, ich denke viel an den Tod. Es sind in meinem Umkreis an Covid-19 jetzt Menschen tatsächlich gestorben. Aber ich denke an ihn als an etwas, das ich gegebenenfalls lieber selbst herbeiführen würde, da ich → langsam ertrinken nicht will, schon gar nicht hilflos fremdbestimmt dahinvegetieren. Nur wie soll ich’s tun, und wann könnte ich es noch, in welcher Phase der Krankheit? Wenn ich im Krankenhaus lande, ganz bestimmt nicht. Ich will aber auch niemanden schädigen, nicht bei einem Zugführer ein lebenslanges Trauma auslösen, ebenso wenig wie bei Kindern, die mich hinabgestürzt, überall Blut und Splitter, auf einem Gehsteig oder Hinterhof finden. Von einigen zugänglichen Medikamenten weiß ich, aber entweder sind sie unsicher oder aber verursachen einen mindest ebenso qualvollen Tod wie der Virus. Hätt ich doch nur darauf geachtet, genügend mir nahe Ärztinnen und Ärzte als Freunde zu haben! — Darüber, in der Tat, denke ich subkutan ständig nach. Aber auch hier gilt (ebenfalls die neunte Elegie):

Wir nicht allein, auch das Tier beißt den Feind weg. Doch weiß es, wann Zeit ist. Dann legt‘s sich und blößt seine Kehle. Besser, ihm nachtun. Das Wakizashi ergreifen, das dir der Tod reicht, bevor man es zuläßt, was ihn und das Leben entwürdigte, das du so liebtest. So, Sohn, vernarrt bin ich ins Le­ben, ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, 97/98

Nein, ich nehme nichts zurück, bleibe von Herz, Geist und Geschlecht auf der Seite der irdischen Welt. Und versuch es auszudrücken. Wobei ich gleichzeitig dafür sorge, meine Arbeiten möglichst umfassend zugänglich zu machen, in Der Dschungel, die ich aus meinen Dateiarchiven zur Zeit mehr und mehr fülle — das hat durchaus was von Nachlaß. Sehen Sie es, Freundin, so: Jeder fühlende Mensch möchte, daß es seinen Kindern gut geht, über den eigenen Tod weit hinaus. Ich wünsche mir das für meinen Sohn, wünsche es mir für meine Zwillinge, wünsche es aber auch meinen Schriften, weil ich auch sie als meine Kinder ebenso empfinde wie erlebe. Das ist nicht egozentrisch, denn sie sind ebenfalls, in ihrer Sphäre,  nämlich der Fantasie und des Geists, zeugungsfähige Geschöpfe. Manche Bücher, manche künstlerischen Erfindungen, haben ganze Generationen verändert. Ohne Mozart hätt’s nicht einmal die Beatles gegeben. Von Bachs Einfluß völlig zu schweigen.
Ich in mir dessen bewußt und handle. Ich handle deshalb, weil Pessimismus mir fremd ist; meine bisweiligen Depressionen sind da nebensächlich: Sie sind egozentrisch, letztlich nichts als die Auswirkung narzisstischer Kränkungen. Die Bücher dagegen stehen für sich. Das ist ja das Grandiose, daß sie sich von uns, ihren Urheberinnen und Urhebern, (fast) ebenso ablösen wie unsre Kinder sich von ihren Eltern, uns. Genau das ist Zukunft. Wir selber, und später dann sie, gehen dahin.
Was danach kommt? “Ich bin unheimlich neugierig”, habe, heißt es, Ernst Bloch auf seinem Sterbelager gesagt.

Mein Pathos, jaja. Wobei die tägliche Realität eine seltsam zerfließende ist. Mehr noch (als wegen des meiner Arbeit eigenen Charakters sowieso) laufen die Tage ineinander.Neulich wußte ich nicht mehr, ob Donnerstag oder Freitag. Ich mußte im Kalender nachsehn. Und obwohl ich es gewohnt bin, mir meine Arbeitsabläufe diszipliniert selbst zu definieren, nach genauen Zeitabläufen zu schreiben, zu essen, zu lesen, abends einen Film zu sehen usw., werden die Ränder verschwimmend unscharf. (Meine bisweiligen, ich sag mal, quasi-physiologischen Ausflüge in die Pornowelt laß ich mal “außen vor”, wiewohl sie wichtig sind, um nicht nur die erotische Contenance zu wahren, sondern auch, um ein notgedrungnes Asketentum zu vermeiden, das sich ungut auf den Geist auswirken würde).
Dazu die ständig kurzen Überlegungen, muß ich eigentlich heute hinaus? Dann recherchiere ich wieder die neuen Coronavorgänge (muß gleich mal gucken, was die gestern getroffenen Ausgangsregelungen präzise bedeuten), antworte auf Kommentare bei  mir und auf anderen Sites, telefoniere, bzw. skype/facetime täglich mehrfach mit den Freundinnen und Freunden, besonders auch in Italien, spüre bei vielen eine unterschwellig steigende Furcht. Ein Freund erzählt, er kaufe nur noch mit Schutzhandschuhen ein, ein anderer hat sich tatsächlich Atemmasken besorgt. Und draußen singen die Vögel, daß es ans Herz geht, und die Pflanzen werden an ihren sprießenden Knospen verrückt. Es ist erneut kalt geworden, ja, aber — hell! Diese göttliche Sonne! Die Fassade des langen Hinterhauses, das ich von meinen Fenstern aus sehe, strahlen nur so vor Gelb! Dazu zwei Zuschriften, die ich erhielt. Die eine von einer Leserin, die schon mehrfach bei amazon Rezensionen eingestellt hat und → nun dort den zweiten ANDERSWELT-Band bespricht. Kann sich ein Romancier etwas Besseres wünschen? Aber auch zu meinem → Vortrag aus dem Hyperion kam eine Mail (ich möchte diskret bleiben und sag drum nicht, von wem):

Fast haben wir Deine Stimme nicht erkannt, so sehr ist sie da zur heute möglichen Hölderlin-Stimme geworden. 

Und in der Tat hat mir die Aufnahme eine irre Lust gemacht, den Hyperion tatsächlich selbst ganz vorzutragen — genau dieses “heute mögliche” … ja!, zu beweisen. Die Zeit haben wir jetzt, die, nun jà, Isolation läßt sich füllen … ist zu füllen. Dagegen fallen Notwendigkeiten – wie etwa, daß ich diesen Jobcentermüll endlich weiter regeln muß, geradezu weg. (Ich hätte dringend einen Brief zu schreiben und darin, um einen Bescheid ändern zu lassen, eingehend zu argumentieren. Nun kommt’s mir vor wie kinkerlitz.) Alles ist ein bißchen wie vor dem Winter die Ernte einzuholen und gut für den Winter zu lagern. Die Dschungel.Anderswelt ist mir, so gesehen, Scheuer und Silo zugleich, zusammen mit der dinglichen Arbeitswohnung ist sie ein Gehöft.

Bewußtsein der eigenen Endlichkeit. Abschiede damit verbunden. Wie Andreas Steffens schreibt: Der Horizont der noch verbleibenden eigenen Zeit rückt uns näher, fast stehn wir vor einer Wand schon daran. Was bleibt zu tun, um abzuschließen, nämlich — gut? Mehrfach, bemerke ich, schaute ich in den paar letzten Tagen intensiv zurück, erinnerte mich an grandiose Geschehen, beglückende, sinnenberauschende Erleben. zum Beispiel was Do und ich mit Nutella alles angestellt haben. Hatte ich vorher völlig vergessen. Und dann, als wir im Lager von Olifants saßen. Viele Jahre später, mit लक्ष्मी, auf der breiten Fensterbank des Havalis in Udaipur, wie, drauf beieinanderliegend, wir nach Krokodilen schauten, über den See, der unten an die Hauswand schwappte. Oder die Serengeti meiner Löwin. Und wie ich Circe ins Taxi setzte, nachts; wie ich mit einer Fee handinhand-halb eine andre Nacht durch Park und strömenden Regen schritt. Wie mein Sohn in meinen Händen zur Welt kam. Ich staune diese Hände an. Wie die Ärztin nach der Zwillingsgeburt die Doppelplazenta ebenso staunend und frappierend liebevoll aufstrich, auf zu mir sah und frage: “Darf ich sie haben? Ich möchte sie meinen Studenten zeigen.”
Wunder, Freundin, über Wunder. Mein Leben war reich.

So fühl ich Tag um Tag, auch wenn es sicherlich etwas anderes wäre, lebte ich in einer Partnerschaft oder sonstwie mit jemandem andres zusammen. Zum Beispiel, daß ich bis gestern vier Tage lang nicht mehr geduscht hatte. Morgens rein in die Arbeitsklamotten, an den Schreibtisch, bis spät in den Abends durchgemacht. Man muß sich ja grad nicht mehr zeigen, darf sich nicht zeigen. Schon sproß enorm der Bart, ich mußte an Tolstoj denken, sah mich dann im Spiegel an, erschrak, stutzte ihn auf Dreitageslänge. Das Antlitz ist dann einfach klarer, markanter. Und bloß die Kleidung endlich wechseln! Was Helles! — Den Anzug rausgesucht, dann unter die Dusche. Auch die Achselhöhlen, die Hoden rasieren. Es kommt nicht darauf an, ob jemand mich sieht, sondern auf eine innere Haltung, der wir Form auch außen geben. Wille zur Klarheit. Und zwar gerade, wenn man allein ist. Ich denke an Lawrence of Arabia, der sich mitten in der Wüste, obwohl da eben keinerlei Wasser, draußen vorm Zelt zum Unverständnis vieler rasierte. Wie man das Wasser so verschwenden könne? Soweit ich mich erinnere, antwortete Peter O’Toole mit einem einzigen Wort: “Kultur.” Meine Güte, seine irrsinnig strahlenden Augen!
Das in jedem Fall bewahren. Was immer auch kommt.

 

Ihr, um 11.59 Uhr,
ANH
der gerne auch hier noch einmal → darauf hinweist.

 

 

P.S.:
Selbstverständlich bin ich nicht allein, alles andere als einsam. Wir kommunizieren ständig. Die Göttin gebe bloß, daß uns das Netz nicht ausfällt. Aber es ist anders, ob wir uns treffen könnten, leiblich, oder nicht können. “Die erste Ferngesellschaft”, → Peter Weibel, ja. Wir werden avatar einander. Der nächste Schritt der → anthropologischen Kehre, den nunmehr Corona erzwingt.

***

[14.30 Uhr:]
Da ich meine Cigarillos brauchte, die Gelegenheit genutzt, fast anderthalb Stunden → à la Nietzsche spazieren zu gehen: Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung — erst diagonal durch die nach den Beschlüssen von gestern doch erstaunlich belebten Straßen, wobei allerdings die meisten Menschen tatsächlich nur zu zweit flanierten oder mit ihren Hunden Gassi gingen. Nur vor LIDL pulkte sich’s, weil immer nur zehn Personen auf einmal Einlaß finden; so stand’s draußen anplakatiert.
Vorm Aufbruch die autophil höchst zärtliche Idee, vielleicht noch einmal meinen alten russischen Biberpelzmantel zu tragen, der angemessen in diesem, nun jà, Winter wirklich nur zwei Mal gewesen. Und ich hatte recht, es ist ziemlich scharfkalt draußen, unter gleichzeitig ganz enormen Sonnenfluten, durch die ich quasi tauchte. So sehr ist Frühling eben doch und von welch milder, die Augen labender Schönheit alles! Es geht bei den Krokussen los, schäumt in den Forsythien, perlt grün als sich entfaltende Knospen auf.
Da mir nach Okra zumute war, für den Abend, ich dafür einen Asia-Laden finden mußte (was mir nicht gelang, der nächste mir bekannte ist ganz anderswo), schritt ich, nachdem quer durch den Kollwitzkiez spaziert, vom Tabaccaio an die Prenzlauer Allee hoch, dann rechts in die Fröbelstraße, um schräg zum Tählmannpark weiterzugehen und nach dem kleinen Teich, fast einem Weiher nur, zu schauen, der → von Anwohnern versorgt wird, gegen einigen Widerstand des Gartenamts. Schrieb ich nicht schon mal von ihm?
Es hat sich hier eine fast ganz für sich existierende Flora und Fauna entwickelt; sogar freie Schildkröten gibt es im Wasser, die drin auch überwintern. Und was ich sah, ich sog es ein!

Diese Farben, das unversehens hörbare, früher nur nachts nicht vom nahen Verkehrslärm wegkrawallte Rauschen eines kleines Wehres, zwei Elstern elsterten lustvoll herum und ließen sich nicht stören, als ich näherkam, anstelle liebevoll diskret einen anderen Weg mir zu suchen. Ich sah zu ihnen hinauf, sie sahen zu mir herunter. Schon gurrten sie, jedenfalls schnäbelten weiter. Ich kann Ihnen, Freundin, kaum sagen, welch ein Glück ich da empfand.
Es ist auch nicht ganz ohne Witz, daß ich, der so auf die kybernetische Welt setzt, zugleich auf der anderen, der natürlichen Seite empfinde, und mit ihr. Bezeichnend, daß ich schließlich den kleinen Umweg zu dem ziemlich verrotteten Pfad nahm, der direkt an der SBahn entlangführt. Ich wollte mir nämlich zwei Zweige schneiden, um etwas von diesem Frühling in die Arbeitswohnung mitzunehmen, und dies eben dort tun, wo kein Passant sie vermißt — auch nicht etwa blühende Zweige; nein, es genügt mir das sprießende Grün. So stehn sie nun denn auch hier und über-, na gut, “-wölben” nicht grad den Schreibtisch, aber strecken sich doch über ihm aus.

Verstehen Sie, daß ich Dankbarkeit empfinde? Und meinen Eindruck, die Gefährdung schärfe meine Sinne und mache sie weiter?

Schließlich noch frischen Koriander besorgt; ich bereite mir heute ein Dal.

Auch dies ist eine Erzählung.

Seltsames Treffen mit einer Frau gestern abend, die ich bei Chat.de „kennen“gelernt, mit der ich ein paar kämpferische Dialoge geführt hatte; sie sei Männern gegenüber dominant, aber wolle wieder „auf die andere Seite“, erzählte sie mir. In der dialogischen Schriftform des Chats wirkte sie ausgesprochen selbstbewußt, ja aggressiv. Besonders gelockt indes wurde ich von ihrer Drohung, daß sie mein Blut trinken werde. Sie zückte verbal das Skalpell.
„Ich bin hämophil“, erklärte sie.
„Na, das werden wir ja sehen“, gab ich ihr tippend zur Antwort.
Wovon sie sich nicht im geringsten einschüchtern ließ: „Das werden wir.“
Und ich zog also nach: „Gut, wann und wo treffen wir uns?“
Da, zum ersten Mal, zögerte sie; ich hatte den deutlichen Eindruck eines imaginierten Rollenspiels, zugleich war mir die Sache nicht recht geheuer. Andererseits… Ich weiß ja genau, weshalb ich mich auf diese Gefährdung einließ. Es ist eine, auf die ich, anders als bei der juristischen Auseinandersetzung, aktiv reagieren kann; ich suchte Risiken immer, suche sie weiterhin, auch existentielle, aber solche, bei denen ich nicht völlig von anderen abhängig bin, etwa von Anwälten, die mir vorschreiben (müssen), was ich darf und was nicht, sondern solche, in denen Reaktionsschnelligkeit, Energie und Persönlichkeit gefordert sind
„Jetzt gleich?“ fragte sie.
„Jetzt gleich.“
„Nein. Ich brauche wenigstens zwei Tage.“
Das letzte unserer Gespräche, dieses, fand am Montag statt; also ich: „Gut, am Mittwoch.“
Sie wollte noch einmal zurückziehen. Aber die „zwei Tage“ waren ihr eigener Vergleichsvorschlag gewesen; so ging das nun nicht mehr.

In derselben Nacht telefonierten wir noch: eine sehr warme, eher tiefe, doch weibliche Stimme, die jedes Wort genau setzte, fast zu genau, es hatte etwas von einer kulturvollen Sprach-Redoute.— Zwei Stunden vor dem Treffen rief ich sie abermals an, um ihr eine letzte Gelegenheit zum Rückzug zu geben. Sie hingegen nahm erst an, ich wolle absagen; später, beim Treffen, gab sie ihrer Verwunderung über diesen Anruf Ausdruck. „Verwunderung“ ist ein zu sicheres Wort, die Frau war, wie als sie mir da gegenübersaß, ausgesprochen nervös, bis in die Fingerspitzen manieriert, die langen, sorgfältig manikürten Nägel selbstverständlich rot lackiert, und zwar in demselben Rot, das ihre Hüfte schnürte. Sie trug ein Korsage-Kleid, das sichtlich die Brust hob, allerdings ohne daß sich von ihr eine Vorstellung gewinnen ließe; ich sagte ihr das auch.
„Da bin ich aber froh“, erwiderte sie, „daß ich diesen Aufzug gewählt habe.“
„Warum?“
„Sie sind so direkt.“
Das war zwar ein Vorwurf, doch keine Spur von Skalpel — ein bißchen enttäuschend, wie ich fand. Die Aggressivität dieser Frau hatte sich im gothic-style ihrer Garderobe festzementiert. Daß sich bei einer, die gegenüber Männern Domina-Positionen einnimmt, „Natürlichkeit“ nicht erwarten läßt, ist klar, doch wenn sich das mit einer Unsicherheit paart, die dauernd körpersprachliche Devensivgesten macht, stört es mir die Glaubwürdigkeit. — Rundweg klar, wie devot sie war, sie konnte ja nicht einmal aufstehen und weggehen. Zwar formulierte sie immer wieder, ich ginge zu weit (was nicht stimmte; ich sagte ihr nur freundlich, allerdings genau, was ich sah und empfand), ja sogar, ich sei unhöflich („Darüber spricht man nicht.“), aber zu dem, was ich nun eigentlich erwartete, ja sogar wünschte – ein Angriff – kam es nicht. Ich hätte es wirklich verstanden, wäre sie einfach gegangen, und ich sagte ihr das auch, als sie Unwillen zeigte.
„Dann würde ich ja fliehen“, enggegnete sie, übrigens auch dies geziert. Sie spielte eine in Nächten und Träumen eingeübte Rolle und sich selbst immer tiefer in diese geradezu hilflose Situation hinein. Wann immer ich aber die Hand hob – um zur Tasse oder zu den Zigaretten zu greifen -, zuckte sie mit dem Gesicht, nein: mit dem ganzen Körper zurück.
„Glauben Sie, ich wolle Sie schlagen?“ fragte ich und setzte nach: „Was tragen Sie unter diesem Panzer?“
Sie zögerte kaum, antwortete: „Strümpfe.“
„Sonst nichts?“
„Sonst nichts.“
„Tun Sie das nie wieder, wenn Sie sich mit mir treffen.“
„Es geht nicht anders bei dieser Art Kleid.“
„Oh, das wußte ich nicht. Entschuldigung.“
Sie blieb starr, sah sich im Raum um, der sich abteilen ließ.
„Ob man das hier mieten kann?“ fragte sie. Und erzählte, daß sie Rollenspiele spiele: 20/25 Leute träfen sich ein- bis zweimal Woche und seien für den Abend Vampir. Man habe dann künstliches Blut in den Gläsern.
„Wie schmeckt das?“
„Na, wie Blut.“
„Und woraus besteht es?“
Die Frage irritierte sie. „Das weiß ich nicht. Da muß ich mir mal die Zusammensetzung ansehen.“
Die Kellnerin  kam.
„Kann ich das hier einmal mieten?“ fragte meine Dame und führte ihren Blick durch den Raum.
„Aber sicher, rufen Sie vormittags an, da ist der Chef immer da.“
Meine Dame ließ sich die Telefonnummer geben, steckte den Zettel mit einer wie durchchoreografierten Bewegung in ihr Handtäschchen.
„Wieso leben Sie nicht gerne?“ fragte ich, als die Bedienung wieder weg war.
„Gäbe es einen Grund?“
„Hunderte: Farben, Gerüche, Frauen, Musik.“
„Das ist alles ohne Dauer.“
„Ja und?“
„Es hält alles nicht.“
„Wahr ist nur, was Dauer hat? Glauben Sie das?“
„Alles nur Moment.“
„Aber schöne Momente.“ — Ich erzählte ein wenig von Sizilien, von Afrika, von Indien, schwärmte ein bißchen.
„Ich kann dazu wenig beitragen“, wehrte sie ab. „Da bin ich noch nie gewesen.“
„Fahren Sie hin. Der hiesige Lebensüberdruß ist für die Menschen dort ein ziemlich unverständlicher, perverser Luxus.“
„Ja, die können sich nichts anderes leisten.“ Und zuckte immer noch zurück, wenn ich zu meinen Zigaretten griff.
„Sie sehen das, glaube ich, falsch. In den armen Ländern feiern die Menschen das Leben, auch wenn sie sich das gar nicht leisten können. Sie tun mehr, als die Existenznot erzwingt. Sie feiern das Leben in den Farben, mit denen sie ihre Häuser streichen, sie feiern es in den barocken Speisefüllen, in überschäumenden Geschmäckern, Früchten…“
„Warum lieben Sie das so?“
„Die Frage stellt sich mir nicht. Ich drücke den Finger in eine als ganze Frucht kandierte Orange und trinke den Saft heraus. Eine unvergleichliche Süße, man kann davon ohnmächtig werden. Es ist ein Erlebnis. Weshalb sollte ich nach seinem Grund fragen?“
„Es geht vorüber. Es hält nicht.“
„Warum soll es halten? Dauer ist nicht intensiv. Sicher, die Orange ist irgendwann aufgegessen. Hielte die Süße an, sie verlöre ihre Kraft, ja wahrscheinlich würde sie unaushaltbar, wenn nicht sogar ekelhaft werden.“
„Wir werden alt“, sagte sie plötzlich.
„Ja.“ Und ich begriff das Problem, das sie quälte. Ihre Vampirspiele bekamen einen gänzlich anderen Akzent: Das ewige Leben… ein Spiel nicht mit Unsterblichkeit, sondern mit dem nicht-weiter-Altern. Dafür nahm sie ihre durchweg gekünstelte Morbidität in Kauf, ja kultivierte sie. „Morbidus“ bedeutet „krank“. Der sekundäre Krankheitsgewinn wird als angenehmer empfunden als das Leiden der Krankheit. Genau hier fängt die perverse Bewegung an, die Leid in Lust uminterpretiert. Doch wie wenig das gelingt, wie hilflos es ist, wenn es nicht zu einer neuen Form findet — einer selbständigen, die ohne die dahinterstehende Person funktioniert, von der sich die Person also trennen können muß —, das war an meiner Gesprächspartnerin geradezu indiskret zu beobachten. Ein paarmal dachte ich sogar, ihr kämen die Tränen. Das ganze Gesicht zog sich ihr zusammen, tiefe senkrechte Falten über der Nase, die vollen Lippen wurden schartig … und immer wieder der Versuch, sich zusammenzureißen und die Haltung zu wahren, was den Körper mitunter in den Panzer und dieses Zucken zu teilen schien, das er zugleich nicht zulassen, nicht sehen lassen wollte.
Wie groß muß die Angst, wie groß der Schmerz sein, dachte ich, der jemanden in solche das Selbst verfehlende Muster preßt? Doch galt dies nicht auch für mich? — Ich kam gar nicht umhin, dies mich zu fragen, als ich die Dame verabschiedet hatte und heimging. Zweifellos hatte ich selbst den Reiz gespürt, der mich aus ihrer nun freilich gänzlich verlorenen Skalpell-Drohung angeweht hatte. Da lauerte etwas, das überschreitet. Etwas, das ich ständig suche. Die Angst in den Griff bekommen, indem ich sie formuliere, umformuliere. Imgrunde ist es gar so anders nicht.

Und es gab noch einen Dialog, der in mir jetzt weiterschwingt:
Nachdem mir die Dame erklärt hatte, daß es ihr auf den Geist ankomme, der Körper sei ganz nebensächlich, und nachdem ich diesen Glauben bestritt („Sehen Sie, das Gehirn … darin denken wir, darin träumen wir, darin empfinden wir Lust … aber es ist doch selbst rein physiologisch — es ist ein Organ …“), fiel mir ein, daß, wer den Geist als etwas Ewiges fasse, sich jederzeit töten könne, ohne sich selbst zu verlieren.
„Weshalb noch weiterleben, wenn uns das Momenthafte schöner Augenblicke und ihre Vergänglichkeit quält? Ich meine, wir haben doch diese Freiheit, es ist ja gar nicht schwer…“
Sie hätte jetzt mit der Angst vor Schmerzen reagieren können, das wäre rundweg verständlich gewesen. Aber sie tat es nicht, wußte bloß keine Antwort. Was bei einer Masochistin auch nicht ganz ohne Motiv ist. Bei einem – klinisch gesprochen – Sadisten wahrscheinlich ebensowenig. Und ich ergänzte:„Wenn ich mich jemals selbst töten sollte, dann, weil ich auf eine Seite gerutscht wäre, die mir den Zugang zur Lust völlig versperrt, und nicht, weil ich das Leben nicht mehr liebte.”

Aber auch dies ist eine Erzählung.

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