Projektbeschreibung. Das Leben als einen Roman begreifen (2). Die fiktionalisierte Realität des Privaten.

Wenn es gelänge, Die Dschungel insgesamt – also a u c h das Tagebuch -.als Dichtung offiziell in den Literaturkanon der Deutschen Bücherei Leizig bibliografieren zu lassen, wäre aus dem subjektiven Alltagsleben einer realen Person das Leben einer Romanfigur geworden: Persönlichkeit hätte sich spätestens nach ihrem Tod in bleibende Dichtung aufgelöst. Das ist Pynchons andere Seite: Auch so verschwindet der Autor im Werk. Das Projekt Privatheit wird Teil der abendländischen Kunstbewegung, ist also a u c h eine Form der ästhetisierenden Sublimation.

Das hätte, gelänge es, praktische Konsequenzen: Man wünschte sich die Kündigung der Wohnung und die Gerichtsvollzieher und die Flucht vor den Gläubigern geradezu h e r b e i, denn alles das würde zu einem Sieg der Handlung. Es wäre darauf zu achten, daß jedes dieser Ereignisse sich d r a m a t i s c h vollzieht; also eben k e i n e zivilisierte Trennung, die auf die Autonomie des Subjekts pocht, sondern tragische Wendungen, Schläge aus dem Himmel, Auflehnung, Kampf. So geschieht denn wieder was, die lethargische Zeit der Entscheidungsfindung wird brüsk beendet, man muß reagieren, sich wehren, wird ungerecht, verzweifelt, die ganze große Oper ersteht, Tränen, Umarmungen, Abschied – denn der Held, der alles zurückläßt, muß ins Ausland fliehen, wo er, sagen wir: in Brasilien, auf einem Hausboot mit einem musikalischen Schwein lebt, das die Callas so liebt wie er selbst. So daß er ein Opernhaus in den Busch bauen will… ich weiß, ich weiß, das ist eine schon existierende Geschichte. Aber sie hat genau den Atem, der hier gemeint ist, der sich realisieren will, wo alles sich um Rentenversorgung und Fernsehen sorgt. Denn die Nöte, die es einem so furchtbar machen, sind es zugleich, was dem Roman eines Lebens die Dynamik verleiht, die einen Leser im Buch hält. Die große Liebesgeschichte, die sich hindurchzieht, die vergebliche, sich aber vielleicht doch noch erfüllende, tut’s sowieso: Burton und Taylor im Cyberraum, der nichts anderes ist als ein bezeichneter Ort der Imago. In welchem Unmögliches erscheint. Und w a h r werden kann. (Der Realismus hingegen schließt es aus.)

>>>> Das Leben als Roman 3
Das Leben als Roman 1 <<<<

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.