Arbeitsjournal. Sonnabend, der 28. Oktober 2006.

…. nun kann, wie es gestern bei einem gemeinsamen Cortado (hab ich selbst erst gelernt, das Wort und was es bedeutet), der Profi tat, bezüglich >>>> Andreas Rosenfelder und Literaturen sagen, scher dich nicht drum und es hätte auch seine Berechtigung und ließe einen wahrscheinlicher glücklicher sein, hinge nicht professionell so vieles daran und man selbst am Professionellen. Ähnlich >>>> mit jenem, der zur Vergana „Kitsch“ gesagt hat. „Ich kann das verstehen“, sagt der Profi, „und geh bitte nicht gleich an die Decke. Aber so weit ich von Dir erzählen hörte, tat es einer, der mit Gefühlen nicht umgehen will, nicht öffentlich umgehen. Und wenn man dann so intensiv darauf gestoßen wird, dann wehrt man selbstverständlich ab. Das hängt doch davon ab, was einer durchgemacht hat, das hängt davon ab, was man schützen will oder muß. Dann kommst du daher und legst bloß. Damit können viele nicht umgehen, und wer sich darum bemühte, jahrelang vielleicht, seine Gefühle ins Zaumzeug zu kriegen, der muß abwehren, wenn du sie losläßt – zumal in einer solchen Erzählung, die einem, eben wegen ihrer formalen Gestaltung, manieriert vorkommen muß, ästhetizistisch; man kann ja nun nicht einmal mehr ‚gefühlig’ zu ihr sagen. Du verletzt allgemein normierte Tabus. Nein nein, ich weiß genau, was diese Person meint. Und das muß man ihr lassen.“
Tät ich gerne, wäre die Haltung nicht zugleich eine allgemeine und eine, die aus Machtpositionen gerade in dem Bereich wirksam wird, in dem ich schaffe. Mit dem >>>> Rosenfelder-Komplex, wie ich das nunmehr nennen will, ist es ähnlich. Ich entsinne mich der Diskussion mit einem Literaturkritiker über Stimmen. Er lehnte auf das heftigste ausgebildete Stimmen ab, Stimmen also von Konzert- und Opernsängern, und favorisierte den ‚wirklichen’, ‚wahren’, wie er sagte, Klang der menschlichen Stimme. „Die Oper ist entsetzlich künstlich, in Folk und Pop singen die Menschen, wie wir wirklich sind.“ Er hatte eine falsche Meinung von der Unmittelbarkeit, denn übersah ganz, daß dieses wie-es-wirklich-ist-Singen einer hochkomplexen akustischen Technologie bedarf, damit es überhaupt gehört werden kann: sie nämlich steckt hinter dem Mikrophon, ohne das kaum ein Pop- und längst auch kein Folk-Star mehr auskommt. Was wir da zu hören bekommen, ist deshalb der Vorschein einer Natürlichkeit, die ihr Leben hingegen ausschließlich technischen Apparaturen verdankt, die keiner mehr durchschaut. Hiergegen ist die ausgebildete Künstlichkeit des Konzertsängers geradezu ein Garant für Natürlichkeit und seine Ausbildung immer an das natürliche Stimmaterial auf eine Weise zurückgebunden, die es ihm erlaubt, gegen ganze Orchester bestehen zu können. So gut wie jeder Popstar wär da verloren und sänge wie stumm. Anders mancher Jazz, gerade ‚moderner’, anders auch Formen des Rocks, worin die Technologie selbst musikalisch thematisiert, aber eben nicht so mit ihr umgegangen wird, als wäre sie nicht da. (Auch Formen von Techno, House etc. ließen sich hierunter befassen, wäre derenTendenz nicht zugleich, überhaupt von der menschlichen Stimme oder ‚natürlichen’ Instrumenten wegzugehen, sie, kann man sagen, affirmativ abzuschaffen – was übrigens eine mir plausiblere Haltung ist, wirkende Realität in den Klang zu nehmen, als der Pop, der so tut, als wäre Realität anders; nur sind Techno etc. ein wenig primitiv, weil aufs ‚Abtanzen’ angelegt, aufs völlige Vergessen der Subjekte; darin funktionieren sie auch recht gut, wer je diese Bässe durch den Brustkasten und nicht die Ohren gehört hat – die man dabei besser schützt -, weiß das. NUR EBEN: zum Anhören und zum Verfolg des musikalischen Ablaufs, der muskalischen Erzählung, taugt das nicht, sondern wird so schal, wie es außerhalb seines Wollens auch ist.)
Für die Literatur-als-Kunst gilt etwas ganz Ähnliches. Die Favorisierung des Einfachen vergißt auf den Zusammenhang von Markt-Technologie und dem, das gestaltet wurde. Man tut so, als säße vor einem Scheherezade und erzählte. Vor einem steht aber die Industrie, und zwar, sowie ich ein Buch aufschlage. Um das Geschick Scheherezades wiedererstehen zu lassen, braucht es darum andere Mittel, andere Pfiffigkeiten; es ist überdies nicht mehr mutig, ‚einfach’ zu erzählen; vergessen wir nicht: Scheherezade erzählte um ihren Kopf! Auch wir, auf andere Weise, erzählen um ihn, es geht immer, in Kunst, um Existenz, und wenn einer ‚unterhalten’ werden muß, sind nicht wir das, sind nicht wir Leser das. Scheherezade lenkte den Sultan a b, ‚Ablenkung’ in ihrem Sinn ist also eine ganz andere, als Ablenkung im Sinn von Entertainment meint; es ist eine des Kampfes, hochbewußt darüber, wie gefährdet sie war. „Ich muß dem Gemetzel ein Ende bereiten“, sagt sie dem alten Wesir, ihrem Vater, der morgens schon mit dem Totenleinen am Baum steht.
[Poetologie.]

:6.51 Uhr.

Daneben. Es gibt Wunder. Eine Leserin, besorgt wegen der Zustands meines Laptops, bemüht sich darum, daß mir ein neuer gestiftet wird. Ich bin dankbar, aber mehr noch: darauf stolz. Denn abermals, weshalb nicht ein Dichter werden, den seine Leser direkt unterhalten? Führt >>>>> die vom Betrieb abgelehnte Artifizialität so nicht unversehens in eine Direktheit zurück, die sehr viel ‚natürlicher’ ist, als der ganze Markt, von dem Autoren gemeinhin leben? Bin dann also nicht plötzlich ich Scheherezade? Und die Leser sind all jene jungen Frauen, die sich um ihr Leben vor dem Sultan verstecken müssen und mich nun stützen, damit ich ihm weitererzähle? Und ich kremple die Ärmel meiner Dichtungen hoch und nehme es auf? Das ist ja doch meine Aufgabe: zu kämpfen. Anstelle daß mir Betriebsler sagen: so darf man aber nicht schreiben, so wollen wir nicht, daß geschrieben wird? (Allerdings wäre für eine solche Hyperbel zu fragen, wer eigentlich der Sultan ist).
Jedenfalls der Laptop (das „H“ sprang mir nun gestern auch entgegen, ließ sich aber wieder fixieren); es wird nun, Leser, absurd. Ich erzähle dem Profi davon, und er sagt: „Sei vorsichtig damit. Sei dir klar darüber, daß du ein solches Gerät, wird es dir gestiftet, versteuern mußt.“ Nun wär das zwar immer noch bedeutend preiswerter, als liehe ich mir Geld und kaufte den Computer selbst; aber man muß sich das vorstellen: ein, sagen wir, Mäzen, will, daß ein Künstler arbeiten kann, beschafft ihm Farbe, Leinwand, Staffelei – und es kommt der Fiskus daher und sagt nun seinerseits: Wenn du die Geräte bekommst, damit du arbeiten kannst, dann zahl mir etwas dafür; ansonsten laß das mit der Arbeit bleiben. Das sind so die Zusammenhänge, die ich meine: das Komplexe, das Komplizierte hinter dem sogenannten Einfachen, das Literaturkritik und die meisten Lektoren derart verlangen. Ich hingegen sage: diesem Komplizierten muß die Dichtung sich stellen und Formen entwickeln, die ihm entsprechen und die nicht über es hinwegtäuschen. (Die ‚Lösung des Problems’ ist freilich einfach: Der Mäzen kauft den Laptop, ich fahr hin, er gibt ihn mir. Wer will darüber rechten, wer will das kontrollieren? Was einer privat macht, ist sein Ding. Um nun jenen zuvorzukommen, die mich gleich wieder warnen wollen: Was ich hiermit erzähle, ist eine Geschichte, und zwar auch dann noch, wenn sie tatsächlich von meinem Überleben erzählt, meinen Überlebens-, sagen wir, –frechheiten.)

Ich bin mir über eine andere Tabuverletzung selbstverständlich auch im klaren. Es gilt als schlechter Ton und gehört sich nicht, wenn jemand schreibt, er sei stolz auf seine Arbeit oder gar seine Leser, und ihre Reaktion freue ihn, streichle ihn, streichle auch seinen Narzißmus; wenn jemand diesen damit (und mit anderem) zugibt und mit ihm öffentlich umgeht. Es haben ihn alle, aber die meisten stecken ihn vor den andren in die Tasche und, wenn es schlecht lief, auch vor sich selber. Sie wollen täuschen und wollen, daß diese Täuschung von allen mitgemacht wird. Ich schere da aus, passe mich auch dabei nicht an, sondern zeige ihn. Das hat nämlich – für die Arbeit – einen enormen Vorteil: wenn man sich seines Narzissmus’ derart bewußt ist, daß man ihn thematisiert, kann er sich – als Wiederkehr des Verdrängten – nicht mehr heimlich in die Arbeit schleichen und sie heimlich unterwandern. Dasselbe gilt für Verletzungen. Ja, ich gebe zu, daß mich Andreas Rosenfelders Attacke in Literaturen wurmt und daß dieses Gewurmtsein anhält. Ebenso, wie ich die Verletzung zugebe, die mir >>>> die Kritik von Martin Halter beibrachte. Ich will nicht so tun, als scherte mich die Ablehnung durch den Literaturbetrieb nicht und als scherte mich der ökonomische Mißerfolg meiner Dichtungen nicht. Er schert mich, es tut weh, ich bin wütend usw. Die einzige stolze Art aber, damit umzugehen, ist, zurückzuschlagen, jedenfalls dort, wo ich meine, zu Unrecht attackiert worden zu sein. Es gab nämlich auch Kritiken, die ließen mich gegen mich selber knirschen; vor mehr als zwei Jahrzehnten schrieb Armin Ayren so eine; er hatte in einem Punkt recht, bezüglich der Konjunktive. Ich habe darauf mit extremer Selbst-Nachbildung reagiert und diese Kritik – als Selbst-Ermahnung zur Perfektion – nie vergessen. Und wie ich meine Verletztheiten zugeben, wie ich den Kampf führen will, so will ich auch zugeben, was mir Freude bereitet, mir schmeichelt oder mir einfach nur wohltut und mich bestärkt, etwa >>>> das.

Leser, bevor ich weiter an >>>> die neunte Elegie gehe, etwas Persönliches, das Ihnen gar nichts sagen wird: Heute wäre meine Großmutter Else Eggers, 1903 geboren und vor mehr als zehn Jahren gestorben – ich weiß bezeichnenderweise ihr Todesdatum nicht und bin weder zur Beerdigung noch auch jemals an ihr Grab gefahren, von dem ich nicht einmal weiß, noch will ich das wissen, wo es ist -, 103 Jahre alt geworden. Ohne sie, ganz sicher, läge längst auch ich schon in einem. So wie mein – zweieinhalb Jahre jüngerer – >>>> Bruder. Ich möchte, daß ihr Name bleibt. Und vermische also einmal mehr Person und Werk. Ob Ihnen das nun gefällt oder nicht.

18.51 Uhr:
[Berlin, Schönhauser Küchentisch.]
Trotz Kindertags und Tag der Offenen Tür in der Schule ein wenig weitergekommen mit der neunten Elegie, aber ich bastel an einem Anschluß, weil ein Gedanke dazwischenzuschieben war, der wiederum ein Bild braucht; das zerschoß den Hexameter-Fluß. Wie überhaupt. Mir schreibt ein Freund:… wie Du zwischen Lyrik und polemischer Prosa immer so plötzlich umzuschalten verstehst…Dabei ist das nichts als Routine, man denkt ja nicht nur in eine Richtung, sondern in sehr viele Richtungen, manchmal fünf/sechs zugleich… und dann der Stolz des Vaters, daß sein Sechsjähriger bereits eine Freundin hat, verliebt ist in sie und sie in ihn und ist zwei Jahre älter und Mischling selbst mit der entsprechenden Schönheit… es ist mir völlig unvorstellbar geworden, wie jemand ohne Kinder sein kann und wie er zumal ohne Kinder mit Kunst beschäftigt sein kann: es formt diese Kunst, richtet sie aus, läßt sie nach vorne, weit nach vorn in die Zukunft greifen und an sie glauben. Vielleicht ist eigentlich das das Geschenk. „Wir haben ein Geheimnis“, sagt mein Junge mir vorhin, „aber wir dürfen es euch erst sagen, wenn wir erwachsen sind.“ Ganze Geschichten laufen nach diesem Satz in mir ab, Bilderfolgen, ja Filme… und jetzt steht das Essen auf dem Herd, der Bub erledigt Hausaufgaben, der Koriander ist gehackt… und nachdem dann das Kind zu Bett gebracht und bis zum Zufallen seiner Lider aus 1001 Nacht vorgelesen sein wird, geht es noch einmal an die Elegie… gerade, als ich hackte, kam mir der lösende Einfall: es abermals ernst zu nehmen mit der Biologie.

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2 Responses to Arbeitsjournal. Sonnabend, der 28. Oktober 2006.

  1. Avatar jethro says:

    musik übrigens: in der rockmusik sind wirklich stimmen ebenso selten wie in der sog. klassischen. das triumphierende mittelmaß mal ausgenommen: ganz einfach durch die quantität des produzierten (die jagd nach neuen absatzträchtigen superstars) stellt sich hin und wieder der eindruck her, da gäbe es eine menge gutes. gibt es tatsächlich: doch das wahre ausmaß des grausigen überwiegt.

    das ist in der ernsten musik nicht ganz so: da man wenigstens noten lesen können muß und sein kehlwerk gelernt haben sollte, ist der schrottanteil naturgemäß geringer. wobei es immer wieder auch im rock interessante sachen gibt. es ist nur fast unmöglich, sie zu finden – der mist verstopft den markt. kennen wir das irgendwie?

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