III, 371 – faces

Oltre il Visibile hatte gestern im Programm Buñuels “L’angelo sterminatore”. Nach dem, was ich darüber las, konnte ich nicht nicht hingehen, also nicht das Gegenteil dessen sein, was im Film geschieht, nämlich nicht gehen zu können bei aller Absicht zu einem solchen Gehen. Stapfte also hinunter in diesen lauen, aber im Dunkeln doch nicht mehr allzu warmen Primavera-Abend (am Nachmittag erstmals ohne Jacke und mit nur dreischichtiger Körperumhüllung).

Auf dem Platz unten, Piazza Augusto Vera (ein hier um die Ecke geborener Philosoph, eine Gedenktafel erinnert an die Geburtsstätte über dem Toreingang, hinter dem mein Weinlieferant Ninno wohnt (besagter Augusto Vera war Hegelianer, lehrte Philosophie unter anderem in Paris, war später dann italienischer Senator)), standen tatsächlich noch die Fahrzeuge des italienischen Fernsehens RAI, die ich schon bei FB abgebildet sah. Irgendeine Sendung über Amelia. Nachts nach dem Film sah ich noch diese fürchterlich abgedroschene Reportage. Es hätte auch eine Werbesendung sein können für “absolut glutenfrei”, “vegan”, “ohne genetisch modifizierte Organismen” und garantiert “0-Kilometer-Produktion”, wären da nicht diese stinkenden Oldtimer, von denen mein persönliches Blickfeld in diesem Jahr allerdings verschont geblieben. Unausbleiblich natürlich: der übliche kulinarische Quatsch.

Als ich vorbeiging an diesen Fahrzeugen, geschah nichts, sie standen einfach nur da in ihrer realen TV-Bedrohlichkeit: schlafende Hunde. Wie ging das Sprichwort: Schlafende Hunde beißt man nicht? Wohl eher nicht.

Die breiten und hallfreundlichen Treppen zum Saal hinaufsteigend kam so eine Bachlaune, und so pfiff ich so ein Thema aus den Brandenburgischen Konzerten vor mich hin, während ich auf die die Stufen bewältigenden Schuhe schaute (Schuhschauerstufen) und wie immer dachte, daß die Nische am Ende der ersten Treppe, bevor sie nach rechts abbiegt, eigentlich irgendein Bildwerk verdiente, leer wie sie sich immer zeigt.

Ich war nicht der erste. Den nunmehr bekannten Filmkritiker aus Terni begrüßt, der in den Film einführen sollte (seine Studienabschlußarbeit über Buñuel lag kaufbereit auf einem der Tische daneben). Wein einschenken. Peter Stein eintreten sehen. Und vor ihm 8 junge Frauen, deren eine sich zu einem Blickangelpunkt gestaltet, eine ihrer Begleiterinnen wandte sich mir zu: “Silvia”. Mich einer Françoise vorgestellt, der ich nun schon öfter hier begegnet bin.

Noch eine Zigarette rauchen, einen Platz in der Nähe einer Wärmequelle suchen. Vortrag anhören. Film ansehen (hier die spanische Version). Ein Art Entropie Ein geschlossenes System, daß, da es nicht aus sich selbst herauskann, sich aller Formen bis aufs eigene Seelenhemd entkleidet. Und an ihm darbt. Stirbt. Sich umbringt. Aber das merkt man nicht unmittelbar im letzteren Fall. Unter irgendeiner Tür kommt Blut hervor.

Die extrafilmisch beschriebene Situation des nicht Hinauskönnens ist nicht sichtbar. Niemand protestiert gegen das vermeintliche Eingeschlossensein. Es herrscht ein Sich-Arrangieren. Denn nach Tagen des Nichthinauskönnens (Nichthinauswollens?) fehlt es an Essen und Wasser, und es wird eine Wasserleitung aufgeschlagen. Eine Art Autarkie, denn die Küche, die ganz sicher Wasserhähne hat, war wohl auch nicht erreichbar, als sozusagen natürliche Ressource.

Aber die “natürliche Ressource”, d.h. die Bediensteten, hatte sich noch vor dem Convivium dieser Großbürger, die sich dort nach einer Oper zusammengefunden hatten, aus dem Staub gemacht. Tatsächlich entfährt es einem, daß die Ratten das Schiff verlassen, bevor es untergeht.

Hier ist der Film eigentlich ganz gut auf Englisch zusammengefaßt, der in dieser Interpretation gipfelt:

Obviously, the dinner guests represent the ruling class in Franco’s Spain. Having set a banquet table for themselves by defeating the workers in the Spanish Civil War, they sit down for a feast, only to find it never ends. They’re trapped in their own bourgeois cul-de-sac. Increasingly resentful at being shut off from the world outside, they grow mean and restless; their worst tendencies are revealed.

Einem unbedarften Zuschauer leuchtet das im Nachhinein aufgrund seiner historischen Kenntnisse ein. Aber der ‘Film funktioniert auch ohne diese historische Interpretation. Er funktioniert aus sich heraus, wie ein Kunstwerk es eben tun soll. Was ich auch gestern abend noch behauptete, nein Enderby war’s in The Clockwork Testament: “Poetry is made out of words.”.

Auch ich konnte dann nicht gleich heimgehen: let’s have a beer! In einem neu eröffneten Pub. Und lernte noch eine Chiara (Hell!) kennen. Konnte sogar deutsch mit ihr reden: deutsche Mutter aus Schleswig-Holstein. War mir neulich schon aufgefallen im Bioladen gegenüber, das Gesicht vor allem. Was sich herausstellte, als ich sagte, es gebe auch deutsches Bier, nämlich Kölsch. Sie war dort, nun nicht in Kölsch, aber doch in Köln studienhalber ein Weilchen: Erasmus. Ich selbst trank ein Bier, das sich Cape Horn nannte. Ob es von dort, vom Kap Horn kam, habe ich nicht ermitteln können. Pommes und Schälchen mit Ketchup. Und der Kellner ein ehemaliger Tankwart.

Halb eins daheim. Und vorm Betreten der Wohnung überm Hof der Himmel ‚Hell und klar mit all der Sternenschar‘ (Quelle unbekannt). Aber wie immer die Post-Kino-Unruhe und bis zwei Uhr nachts: eine Zigarette, ein Glas Wein, Lesen hier und da im weltweit wanken Würgenetz.

Faces. Auch der Film. Faces. A crowd of faces. Tutto sommato.

III, 370 – ei sein

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