„sich erinnern“: Zur Sprache und zur AfD. Im Arbeitsjournal des Mittwochs, den 11. April 2018. Darinnen auch „Die LINKEN“.

[Arbeitswohnung, 6.09 Uhr]
Nachdem ich gestern, meines wirklich großen Ärgers, ja Ekels halber ein paar bei Youtube dokumentierte Debatten zur deutschen Sprache, meiner, sah, mich tatsächlich auch hin- und hergerissen fühlte, ob Deutsch als Landessprache im Grundgesetz festzuschreiben sei, und zwar als ein bewahrender Schutzakt, n i c h t als Ausgrenzung, als die eine solche Festschreibung manche Initiatoren sie aber in Bewegung setzen wollen, das sehe auch ich – bin ich, nachdem mir Wut und Ärger abgekühlt sind (alleine der Ekel ist geblieben), in der Frage selbst noch nicht sehr viel weiter –

      • zum einen, weil Schutzakte bedrohten Tierarten gelten, die imgrunde schon ausgestorben sind, bzw. ausgerottet wurden; wer das Deutsche schützen will, stellt sich über das Deutsche, das er somit als minderes Wesen betrachtet, eines, das von ihm (oder ihr) abhängig ist. Im Gegenteil ist eine lebendige Sprache aber das, was u n s formt und bestimmt; wir sind in sie eingehüllt wie in die Luft, die wir atmen, und ihre Struktur regelt die Präzision unseres Denkens,
      • zum anderen, weil, als Hitlerfolge, wenigstens drei Generationen seelisch als US-Amerikaner aufgewachsen sind, auch wenn sie Deutsche waren und in Deutschland lebten und leben. Ich habe darüber schon mehrfach geschrieben. Die jungen Leute orientierten sich an englischsprachiger Unterhaltungsmusik, in der das große Gruppengefühl nicht so problematisch wie in deutschen Kontexten, bzw. zu haben g a r nicht problematisch war, jedenfalls ihnen. Den Kontakt zur eigenen Herkunftskultur war ihnen von den Nazis auf das brutalste weggeschnitten worden.
        Junge Menschen, wenn sie lieben, brauchen Pathos – genau den, dessen Klang ihnen die Unterhaltungs- vor allem -musik gibt. In der sich selbst desavouierten deutschen war der nicht mehr ohne schlimmste Beklemmung zu holen. Indem sie nun aber lieber „I love you“ als „Ich liebe dich“ sagten, jedenfalls in ihren Gruppen sangen, war das Deutsche selbst längst geschwächt. Bedeutende Ereignisse, deren Symbolträchtigkeit nachklingt bis heute, etwa Woodstock, (fast zugleich ein kaum bemerkter Sieg der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie), waren ebenfalls englischsprachig fundamentiert. Dazu kommt, daß sich Kitsch besser in einer nichtMuttersprache konsumieren, bzw. sich in ihm gemeinschaftlich aufgehen läßt, ohne an Nazifackelzüge denken zu müssen; in der Muttersprache hingegen wird er von feinen Gemütern zu schnell als peinlich empfunden. Erst die Kultur der Liedermacher hat dagegen wieder anstehen können, Hannes Wader allen fast voran.
        So gesehen, wäre eine „Festschreibung“ des Deutschen im Grundgesetz tatsächlich ahistorisch;
      • ferner hatte ich den Eindruck, daß geradezu sämtliche Diskussionen ideologischen und nicht faktischen Charakters waren; etwa muß ja nicht alles, was die AfD fordert, falsch sein, teils fordert sie einfach das, was vor Jahren schon CDUler forderten; einem Argument zu widersprechen, weil es von der AfD kommt, ist genauso blind, bzw. dogmatisch ideologisiert, wie einem zu widersprechen, weil es von den Grünen, den Piraten oder der LINKEN kommt.
        Nein, ich mag die LINKE nicht; es ist die Nachfolgepartei derer, die mit großer Hingabe an der Mauer Leute erschießen ließen, ermordeten also, und widerständige Menschen in Gefängnisse warfen, wo sie sie teils sadistisch quälten. Ich mag auch keine Parteimarxisten, weil ich Führergefolgschaften ebenso ablehne wie mich auf eine Parteiräson verpflichten zu lassen. Dennoch können auch Parteimarxisten in dieser und/oder jener Hinsicht recht haben.
        Hinzu kommt, daß die AdD demokratisch gewählt, ja ihre Wahl sogar der Ausdruck einer Volksbewegung ist, in der sich faktische Ängste äußern; Volksbewegungen von ähnlichem Ausmaß gab es zuletzt in den Widerstandsversuchen der Anti-Atomkraftbewegung; auf Gorleben bin ich seinerzeit mitmarschiert: Noch heute sehe ich über uns die Mannschaftshubschrauber des sogenannten Grenzschutzes kreisen, riesige, albtraumartig aggressive Libellen, deren lange, an je den Enden verdickte Leiber, nachdem sie lärmend gelandet waren, vermummte SEKs, es war nicht zu sagen, ob gebierten oder schissen. Und sofort ging das Prügeln los.
        Nein, ich mag die AfD ebenfalls nicht, und zwar nicht aus den gleichen Gründen, die mich die LINKE ablehnen läßt, doch aus analogen. Imgrunde sind beide Parteien nichts als die zwei Seiten ein- und derselben Münze. Das heißt aber eben nicht, daß die Ängste, deren politischer Ausdruck die AfD ist, unbegründet wären. Im Gegenteil, einige sind sehr begründet, und zwar gerade dort, wo es um den sogenannten politischen Islam geht (der mit den im Grundgesetz festgeschriebenen Menschenrechten in unversöhnlichem Widerspruch steht, sogar mit ihnen vertodfeindet ist), wo es um – übrigens vom deutschen Steuerzahler bezahlte – islamische Mehrehen geht, wo es um Frauenrechte geht und die Verweigerung, Mädchen dieselben Möglichkeiten zu geben wie den Jungs, wo es um blinden Gehorsam, ja domestikenhafte Gefolgschaft gegenüber Mullahs als unantastbaren Stellvertretern Allahs auf Erden geht – – und eben auch — um unsere deutsche Sprache.

Es stimmt, sie ist gefährdet, aber eben nicht wegen der vielen Migranten. Sondern wegen kapitalistischer, nämlich kulturimperialistischer Prozesse. Selbstverständlich ist es ein Unding, wenn unterdessen auf – in Deutschland stattfindenden! – Germanistenkongressen das USA-Englische quasi Verkehrssprache und für die Abgabe eines germanistischen Aufsatzes Voraussetzung ein englischsprachiges „abstract“ ist. Es ist nicht nur Unding, sondern Skandal.

Aber das Problem reicht viel tiefer in unsere Sprache, meine Sprache – um die Dichterin Daniela Danz zu zitieren: die Sprache Hölderlins -, hinein.

Ich gebe Ihnen, Freundin, ein Beispiel, bevor ich diesen ohnedies schon wieder zu langen Morgentext beende. Ein Freund schicke mir gestern eine kleine Prosapassage. Ich paraphrasiere sie hier:

Am Abend, als er zu Tisch saß, erinnert er den Traum von einem jungen Hund, der seine nasse Nase in seine Hand geschmiegt.

Dieses „er erinnert den Traum“ ist falsches, also gar kein Deutsch, sondern ein als Deutsch verstelltes Englisch. Unterdessen wird „erinnern“ so aber ständig verwendet. Der Satz des Freundes „reflektiert“ gewissermaßen, was mit der deutschen Sprache geschah – lange vor den Geflohenen; tatsächlich reflektiert er aber nicht, sondern ist bewußtlos Reflex.
Ich bin mir, liebste Freundin, völlig sicher, daß die wenigsten unserer Leser:innen den Punkt jetzt schon begriffen haben; auch sie kennen ihre Sprache nicht; auch die meisten AfDler kennen sie nicht, die um ihre Schutzhaft ersuchen.
Nun?
Im Deutschen ist „erinnern“ ein reflexives Verb: „sich erinnern“. Ich erinnere mich an etwas. Dies drückt aus, daß das, woran ich mich erinnere, auch vor meiner Erinnerung schon war, unabhängig von mir. Es ist eine materialistische Konstruktion. Anders im Englischen: to remember s.th. Das Englische kennt hier eine für das Deutsche typische, ja wesenhafte Differenzierung nicht. Sage und/oder schreibe ich im Deutschen „ich erinnere den Traum“, so wird der Traum durch meine Erinnerung erst – meine Erinnerung (er)schafft ihn also. Das ist nun wirklich ein Unterschied. Alleine dann, hätte mein Freund genau das zum Ausdruck bringen wollen, wäre seine Formulierung korrekt gewesen. Wollte er aber nicht.
Der Nexus ist hochinteressant. Denn indem ich im Deutschen eine grammatische Korrektheit bewußt durchbreche, erlaubt es mir, etwas ganz anderes auszudrücken, als das Wort „erinnern“ ursprünglich meinte. Die Möglichkeit der Differenzierung nimmt zu. Verwende ich „erinnern“ aber unbewußt – modisch, „zeitgemäß“ usw. – nichtreflexiv, nimmt sie ab.
Dies genau ist das Problem. Durch eine Verfassungsergänzung, die das Deutsche als Nationalsprache festschreibt, wird es nicht behoben.
Die Differenzierung unserer tatsächlich himmlischen, ungemein schmiegsamen Sprache läßt sich sogar immer noch erweitern. Etwa indem wir „erinnern“ in Rollenprosa falsch verwenden, bewußt konstruiert falsch, oder in wörtlicher Rede etc., die dann zum Spiegel der Zeitläufte wird. Doch auch das ist nur auf der Basis der Kenntnis des korrekten Deutschen möglich. Kennen wir die Unterschiede nicht, begreifen wir nicht, was wir lesen, spüren es nicht einmal mehr.
An diesem „Punkt“ sind wir. Er hat mit Zuwanderung gar nichts zu tun, ebensowenig wie daß die meiste Deutschen – und gerade die, die das Deutsche schützend festschreiben wollen – eines der feinsten Werkzeuge unserer Sprache nicht mehr innehaben: die beiden Konjunktive. Es mag also sehr richtig sein, daß Sprache sich ständig verändere. Klar tut sie das. Aber Veränderung-allein ist kein Wert. Die Frage ist, wohin sich etwas verändert. Auch die deutsche Gesellschaft nach der Weimarer Republik veränderte sich; Narr und Närrin, wer dies leugnet. Nur war die Veränderung wünschenswert? Sie wird zu einem Wert erst dann, wenn die Differenzierung zunimmt – wenn die Möglichkeiten zunehmen zu differenzieren, d.h. genau zu sein. Dem Deutschen geschieht derzeit das Gegenteil, ihm ward schon und wird immer mehr die Präzision g e n o m m e n. Daß dies in der Alltags-/Umgangssprache geschieht, läßt sich verschmerzen. Im geschriebenen Wort aber nicht.

Ihr
ANH, 8.10 Uhr

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17 Kommentare zu „sich erinnern“: Zur Sprache und zur AfD. Im Arbeitsjournal des Mittwochs, den 11. April 2018. Darinnen auch „Die LINKEN“.

  1. Ernesto Meier sagt:

    „Eine schöne Frau mit länglichem Gesicht, losen blonden Haaren, im Nacken mit Spange gefaßt, Brille auf der Nasenspitze, Perlen im Mundwinkel und am Nasenflügel, sitzt mit ihren beiden Kindern beim Italiener, das Gesicht beschienen vom Display, diskretes Rampenlicht, in dem sie simst und posted unentwegt, die Kinder auf ähnlichen Instrumenten ebenso. Gesenkte Köpfe. Juniorprofessorin der Kulturwissenschaft, die noch vor einer Stunde einen Vortrag hielt vor Erstsemestern, der schloß mit dem Satz: The future is wide open. Die Work-Life-Balance wird für Sie etwas ganz Natürliches sein.
    «Sie sprechen Deutsch, als ob Sie mehrere Sprachen beherrschten?»
    «Ich vermeide die deutsche Sprache um der besseren Verständigung willen.»“

    (Botho Strauß, Der Fortführer, S. 160)

  2. Zoo-e sagt:

    Language is a virus. Oder eher Genetik. Wie eine Population sich durch „fremde“ Gene weiter- und fortentwickelt, entwickelt sich das Seelenleben der Anwender durch Sprache. Das ist jedoch keine Veränderung sondern eine Erweiterung. Tatsächlich existieren Lebensgefühle, die es so, auf genau diese Art, nur in einer Sprache gibt, die nicht Deutsch ist. Ein Hannes Wader wird mich jedenfalls mit „Geld fürs nichtstun und Mädels umsonst“ ums verrecken nicht in jene Stimmung versetzen können, die die Dire Straits mit dem ersten Riff direkt auf meinen Nervenbahnen spielen. Und schmiegsam?
    La mer – au ciel d’êté confond, ses blanc moutons, avec les anges si purs – la mer – bergère de l’azur infine. Bei diesen Sätzen singt meine Seele lauter als meine Stimme.
    Nur bin ich deshalb seelisch weder Amerikanerin noch Französin. Manchmal ist ein kleines „Kumm bi de Nacht“ unabdingbar. Doch nicht immer und ausschließlich. Ich nehme an, der neuronalen Vernetzung tut es gut.

  3. @Zoo-e:
    Sehen Sie, so verschieden sind wir geprägt. Bei Dire Straits steigt mir die pure Langeweile. (Deshalb eben sprach ich von Prägung). „La mer“ wiederum finde auch ich hübsch, kompositorisch freilich banal. Funktioniert aber auch bei mir- wie es viele Chansons tun, etwa von Brel. Dennoch weiß ich solches sehr wohl von, als ein Beispiel, Dallapiccolas „Liriche greche“ zu unterscheiden:

    Wiederum Hannes Wader erwähnte ich nicht eines „Gänsehaut“-„Effektes“ wegen, sondern weil u.a. er das Deutsche wieder auch im Unterhaltungsbereich politisch verwendbar machte. Ich spreche bewußt von Unterhaltung, auch wenn sie politisch konnotiert oder angetrieben ist. – Für den Kunstbereich zählt anderes, er hat aber nie diese (numerische) Zugriffsrelevanz – eben weil er Bildung und Lust an innerer Arbeit voraussetzt und vor allem in den allerseltensten Fällen eine Bedürfnisbefriedigung verspricht, die schnell zu bekommen ist an Feierabend und Wochenenden.

    • derdilettant sagt:

      Ist hier zwar nicht eigentlich Thema, aber dennoch: Die stereotype Unterscheidung zwischen Unterhaltungs- und Kunstbereich, auf der Sie so beharren, führt doch völlig in die Irre. Man kann sich eines Wader-Liedes (wenn es denn gut ist) mit genau d e r Bildung und Lust an innerer Arbeit annehmen, wie eines Beethovenschen Streichquartetts. Umgekehrt dient einer großen Mehrheit des Publikums eines klassischen Konzertes die Musik genau den gleichen Bedürfnissen nach Unterhaltung wie dem Publikum des von Ihnen so genannten „Unterhaltungsbereichs“ (und selbstverständlich achtete auch ein Beethoven darauf, dass seine Musik einen „unterhaltenden“ Anteil hatte). Weniger „Zugriffsrelevanz“ hat übrigens der Klassiksektor nicht etwa, weil sich die Musik als bloße „Unterhaltung“ nicht hören ließe, sondern weil nur eine gesellschaftliche Minderheit in den entscheidenden Jugendjahren mit „klassischer“ Musik sozialisiert wurde.

      • @der dilettant:
        „Man kann sich eines Wader-Liedes (wenn es denn gut ist) mit genau d e r Bildung und Lust an innerer Arbeit annehmen, wie eines Beethovenschen Streichquartetts“:
        Das kann man tun, klar, es wäre aber ein Zeichen entweder großen Irreseins oder von arger Selbstüberschätzung oder von schlichtweg geistiger Eingeschränktheit. Unterschriebe ich Ihren Satz, müßte ich der Meinung sein, die Bohrungen für die Dübel, in denen schließlich die Schrauben ein Küchenregal halten sollen, erforderten denselben Aufwand und vor allem dieselbe Kenntnis wie die Errichtung eines, sagen wir, ganzen Hauses; im Falle Beethovens käme noch dazu, jedenfalls für eines der späten Streichquartett, daß es sich um einen Sakralbau handelte.
        Daß die große Mehrheit des Publikums die sogenannte klassische Musik (schon dieser Begriff zeigt die Dämlichkeit leider nicht nur der der Perspektiven, sondern des Erfassens; zugleich ist er ohnedies keine ernstliche Kategorie, sondern ein – entschärfendes – Produkt rein umsatzorientierten Marketings) – daß, Pardon die große Mehrheit die sog. klassische Musik als Unterhaltung hört, ist allerdings richtig und hat auch teils seine Wahrheit. Denn auch vieles, wenn nicht das meiste der sog. klassischen Musik ist Unterhaltung, fällt mithin unter „U“, selbst dann, wenn es strukturell denn doch komplexer als ein Hannes-Wader-Lied ist, um von den peinlichen Geschmacklosigkeiten Michael Jacksons oder Madonnas besser zu schweigen. Auch im Jazz ist das allermeiste „U“, aber immerhin U auf sowohl musikalischem wie musikhandwerklichem Niveau – auch das bezeichnet eine Differenz (Rostropovitsch: „Ach wissen Sie, irgendwann hört Technik auf, ein Problem zu sein“).
        Nein, mein Beharren auf der Differenz von U und E führt überhaupt nicht in die Irre, sondern aus der wieder heraus, in der uns das industrielle Marktinteresse hat sehr bewußt verlaufen lassen. Es i s t ein Unterschied zwischen Utta Daniella und Elfriede Stein, Thomas Pynchon und Ian Fleming, Botho Strauss und, sagen wir, Bodo Kirchhoff und Franz Schätzing, und zwar ein grundlegender, prinzipieller. Es war auch immer ein Unterschied zwischen Johannes Brahms und Johann Strauss, auch wenn jener zu dessen Donauwalzer notierte: „Leider nicht von mir.“
        Die scheinbare Aufhebung von U und E – eine der Ideologien jugendlicher Freiheitsbewegungen – ist Ausdruck einer schwer sentimentalen Verfangenheit in den eigenen, nostalgisch verklärten Prägungen.

  4. Aikmaier sagt:

    die politische, vermeintlich, steuerung der sprache (und sei es nur durch all die rechtschreib-reförmchen der vergangenen jahrzehnte) hat in deutschland ungute tradition. sollte den afdlern mittelfristig eine koppelung von sprachbeherrschung und bürgerrecht vorschweben, mögen sie von Lettland lernen, welche probleme so etwas sozial mit sich bringt…
    dass umgekehrt mehrsprachigkeit – ganz gleich von welcher prägung ausgehend – gerade in zeiten, in denen die ‚globalisierte‘ (was war sie vorher?) welt immer mehr zusammenzuschnurren scheint, unabdingbar ist, muss wohl immer noch betont werden.

    erotik der mehrspachigkeit kann man übrigens von borges lernen

    • „Dich besaß ich einmal. Heute, am Saum der müden Jahre;
      gewahre ich Dich in der Ferne;
      unscharf wie die Algebra und den Mond!“

      smile, so mag es dem alten Borges ergangen sei, heute ist die deutschsprachige Jugend schon davon ergriffen, möchte man manchmal meinen.

      • Phorkyas sagt:

        Dieses „unscharf“ da klang zwar reizvoll, konnte doch aber nicht von Borges sein. Und es ist wohl tatsächlich einfach hinzugedichtet, künstlicher Nebeleffekt. Mein Mond und meine Algebra sind klar und scharf.

        • Aikmaier sagt:

          @phorkyas:
          „hinzugedichtet“ scheint mir ein wenig stark. außer, jede übersetzerische entscheidung wäre gleich „zudichtung“ (worüber man diskutieren könnte; dann aber jede übersetzung vor allem zutat wäre etc.).
          die letzten zweieinhalb verse im original lauten:

          Hoy, en la linde
          De los años cansados, te diviso
          Lejana como el álgebra y la luna.

          (nachzulesen in „El oro de los tigres“ (1972))

          hier hängt alles von der übersetzung des „divisar“ ab, dem, gegenüber „ver“ oder „mirar“ schon ein moment der undeutlichkeit oder auch plötzlichkeit anhaften kann. Nidermayer hat also nicht aus der, mondhellen, luft gegriffen.
          wie sieht denn Ihre übersetzung aus? mich würde vor allem das verhältnis von „divisar“ und „álgebra“ interessieren…

          • Phorkyas sagt:

            Wie schwer es ist ein Gedicht zu übersetzen, ist mir schon klar. Da mischen sich Interpretation und Nachdichtung notwendig. (Wie schwierig das ist hab ich z.B. da erfahren: https://phorkyas.wordpress.com/2010/12/12/wolfsjagd/ )
            Mein Spanisch ist leider ziemlich eingerostet, aber mein erster Google-Treffer führte auf: http://www.portalalemania.com/aprender-aleman-gratis-online/2015/08/24/jorge-luis-borges-al-idioma-aleman.html

            In der verlinkten Übersetzung ist das „unscharf“ doch einfach streichen. Ich reagierte so scharf darauf, weil es meinem Eindruck vom Geist Borges zu widersprechen schien, die geile analytische Schärfe der Algebra mit einem solchen Unwort zu belegen.

            • Phorkyas sagt:

              PS. Ein richtig schweres Mondgedicht für die Übersetzung, an die ich hier erinnert wurde dürfte auch Lorcas „Romance de la luna, luna“ sein – hier hat es zumindest jemand nach Englisch versucht: https://lyricstranslate.com/es/romance-de-la-luna-luna-romance-moon-moon.html-0
              (Lorca zu übersetzen habe ich erst gar nicht ernsthaft gewagt; ein Albtraum – diese einfache Sprache schwingt so im Original – übersetzt klänge es einfach trivial oder hölzern)

              • Aikmaier sagt:

                @phorkyas: ich wollte Ihnen Ihre ansicht und schärfe auch gar nicht ausreden. die übersetzung passt für Sie nicht zum dichter. gut. ich würde immer eher fragen: passt sie zum gedicht?

                Ihr vysockij-gedicht „funktioniert“ für mich, weil es klingt und weil sprachliche form und inhalt eine gelungene verbindung eingehen. in meinen augen. als übersetzung kann ich das gedicht aber, mangels ausreichender russisch-kenntnisse, nicht beurteilen.

                ich meine mich zu entsinnen, das jemand lorcas mond ins deutsche übersetzt hat. ich schaue mal, ob ich mich da richtig erinnere.

                nachtrag zum borges: was in einer übersetzung jedenfalls(?) verloren gehen muss, ist der anklang von „divisar“ an „divider“, ein teilen also, das schon die algebra ankündigt, bevor sie ihm nächsten vers dann auftaucht.

            • franzsummer sagt:

              Vielleicht dachte Borges an diese
              https://de.wikipedia.org/wiki/Ungel%C3%B6ste_Probleme_der_Mathematik
              ich finde das Wort „unscharf“ für jemanden, der weiß, wie es ist, blind zu werden, ungemein treffend.
              Aber auch im Sinne dieses Gedichtes, als eine nachlassende Fähigkeit allgemein, das trifft eben auch für Sprache und Erotik zu. Für mich ein großartiger Text.
              Und vom Mond wissen wir alle eigentlich gar nichts, außer dass er manchmal rund ist 🙂

  5. @Aikmaier:
    Möglicherweise – „unscharf wie die Algebra und den Mond“ – ist der Halo des letztren gemeint, seine, christlich gesehen, Aureole. Hätte ich übersetzt, wäre ich dieser Spur gefolgt.
    Leider ist das Gedicht nicht von Gisbert Haefs übertragen, findet sich jedenfalls nicht in meiner von ihm und Meyer-Clason herausgegebenen Gesammelte-Werke-Ausgabe des Hanser Verlages.

    • Aikmaier sagt:

      @anh: in diese richtung könnte man denken. was wäre aber der „hof“ oder die aureole der algebra? ich lese das „unscharf“ auf das sehen bezogen, auf das zurück-blicken des alternden sprachliebhabers, der nur noch vage an das eigene flüssige deutsch erinnern kann, wie an die schulmathematik und den mond eben.
      sicherlich kein zufall: algebra ein arabisches, luna ein lateinisches wort. auch da ein bedeutungshof, auf dem das deutsche zwischen zwei weltsprachen eingepasst wird.

      • Und nicht vergessen, lieber Aikmaier, daß Borges eben auch – erblindete. Insofern ist sein Sehen doch eher ein Inneres. Zumindest Spuren ihres, bei Borges ihrer Ichs hinterlassen Autor:inn:en in ihren Werken – und nicht sogar er, sondern er nun grade.

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