D a s ist Literatur. Unter andrem gegen Knausgård. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 1. Mai 2018. Mit außerdem Endō, Schoonover, Becher, Nabokov und Krausser. Sowie mit Phyllis Kiehl.

Latte macchiato,
vierschichtig heute

[Arbeitswohnung, 9.50 Uhr
Klaus Lang, Origami (2016)]

Von früh auf habe ich Mißtrauen gegenüber allem Gehypten, es hat mich in eine, bei doch gleichzeitigem Dazugehörenmögen, Reserve gegenüber meiner Generation, den Erwachsenen sowieso, gebracht; diese Reserve war bereits im Kindergarten stark und wurde schnell wechselseitig: eine sich gegenseitig aufschaukelnde Dynamik, die an sich noch nichts mit meiner Herkunft und einer besonderen Empfindlichkeit aufgrund der Massenbewegung zu tun haben konnte, die schließlich in den Hitlerfaschismus geführt hat; über den habe ich mit sechs oder sieben, geschweige denn mit fünf gewiß noch nicht nachgedacht. Sie bestärkte mich aber später, führte dann dazu, daß ich gegen meine Generation fast ausschließlich sog. Klassische Musik hörte und mit deren Musiken nicht nur nichts anzufangen wußte, sondern sie stießen mich ebenso ab, wie daß das Gebrauchsenglisch namentlich in – durch Musik eben ausgedrückten – Gefühlsbelangen zum, so empfand ich es, herrschenden Sprachmodus wurde. Zugleich wäre ich dennoch gerne „dabeigewesen“, fühlte mich an den Rand gedrängt und hatte meine Freunde denn auch in ebensolchen an den Rand Gedrängten, egal, übrigens, weshalb sie es waren. (Viele von denen waren das, was man heute „Nerds“ nennen würde; damals waren es noch technische, genauer: elektronische Bastler, die so wenig wie ich eine Chance hatten, ein Mädchen zu finden.)
Ich besuchte, als Jugendlicher, freilich die „Events“ auch (freilich gab es damals den Begriff als Neudeutsch noch nicht), aber nur dann, wenn ich die Garantie hatte, mich möglichst schnell wieder absetzen zu können. Ein wichtiges, für mich wichtiges, Ereignis war etwa das alljährliche Braunschweiger Straßentheater, dessen Vorführungen nicht selten etwas von überschreitenden Happenings hatten, meist durchaus sexueller Natur. Zugleich wurde ich Statist im Braunschweiger Staatstheater – vor allem, weil ich so an sogenannte Einreichkarten kam, die ich reichlich nutzte. Ich saß im oberen Rang und fotografierte heimlich. Die, sagen wir, Musealität des Publikums war mir da völlig egal, es wurde alleine für mich gespielt und gesungen, was hatte ich mit der älteren Generation zu tun?
Ich war vernarrt in Violinkonzerte, hätte wahnsinnig gerne Geige gespielt; als ich’s mit fünfzehn begriff, war’s zu spät. Dennoch, meine Mutter wollte uns, meinem Bruder und mir, eine musikalische Ausbildung da angedeihen lassen. Doch wie sie war, ließ sie uns vorher untersuchen: wer körperlich welches Instrument am besten beherrschen würde. So ging die Geige an meinen Bruder, der sie von Anfang an haßte; er war schon früh Anhänger der Rolling Stones, an mich das Cello, das aber nie ankam, weil ich mich weigerte, „mein“ geliebtes Instrument bei meinem Bruder zu sehen, zumal der’s nie anrührte.
Wie geschrieben, es wäre eh zu spät gewesen; solch ein Instrument lernt man nur dann wirklich zu spielen, wenn der Unterricht in der Kindheit beginnt. Mein Bruder wollte eine eGitarre, die er freilich nicht bekam.
Soviel zur häuslichen Pädagogik.
Und um sich die Gitarre zu erstreiten, war mein Bruder zu eng um unsere Mutter gewunden; ich wiederum wußte um mein „zu spät“ – und fing statt dessen zu schreiben an, ernstlich zu schreiben, meint das. Vor mich hingeschrieben hatte ich schon, seit ich sieben oder acht war.

Mein Mißtrauen gegenüber Gehyptem ist mir erhalten geblieben. Es kann so weit gehen, daß ich mich weigere, Bücher zu lesen oder Filme anzusehen, die allzu allgemein gelobt werden. Vielleicht sind manche wirklich gut, mag sein. Aber der Mainstream wirft einen mir nicht erträglichen Schatten auf sie.
So auch auf Karl Ove Knausgård, auf seinen gehypten sechsbändigen Roman „Min kamp“. Dabei spielt möglicherweise a u c h eine Rolle, daß quasi unisoni an ihm gelobt wird, was mir selber, bei Meere, zum Vorwurf gemacht wurde, wobei, ganz wie Maxim Biller, Knausgård auch vor Klarnamen nicht zurückschreckt, im Gegenteil. Dies erklärt sich unter anderem daraus, daß es in seinem Fall offenbar keine Kläger:innen gab, zum anderen aber eben aus dem Hype: „Man“ ist übereingekommen, die Bücher gut zu finden, und also wird Qualitätsmerkmal, was bei weniger Beliebten ein Makel ist. Genauso funktioniert Mainstream, und zwar a u c h in der Politik. Das ist an ihm das eigentliche Gefährliche.
Es ist saugefährlich.
Und dann lese ich heute bei Volltext eine ausführliche Besprechung durch Thomas Lang. Teils finde ich sie interessant, teils bin ich entsetzt – etwa von folgender Passage:

Da fickt er (ein anderes Verb wäre nicht angemessen) ein Mädchen von hinten, während sie sich, den Kopf aus dem Zelt streckend, übergibt. Geschehen oder nicht, das ist zu schön hässlich, um wahr zu sein, denke ich.

Ich bin nun wahrlich kein Freund der „political correctness“ – aber „zu schön häßlich, um wahr zu sein“? In einem autobiografischen Roman, nicht etwa als surreale Szene einer Ästhetik der Grausamkeit?
Spätestens nun, allerspätestens, hätte ich das Buch – und Knausgård mit ihm – in die Ecke gepfeffert und nicht, wie sein Rezensent tut, ihm den Nobelpreis prophezeit, geschweige gewünscht. Und sogar, daß die historische Wirklichkeit „bewußt inkorrekt“ – nicht etwa phantastisch fiktionalisiert – dargestellt worden sei, wird dem Mann aufs Haben geschrieben. Genau sowas kann nur im Mainstream geschehen, und die es tun, fühlen sich durch Millionen bestätigt. Einmal abgesehen davon, daß Knausgårds offenbarer Vaterhaß sich ganz ungeniert austragen und das auch zugeben darf, ja indem er es zugibt, kommt ihm die Häme der Millionen gleichfalls entgegen – es schaukelt sich auf nach dem marxschen Gesetz der Kapitalakkumulation. Na? jemand da, mal zu fragen, weshalb denn der furchtbare Vater so furchtbar vielleicht war? Irgendeiner, der mal nach Verhängnissen, Prägungen, Mustern fragt?
Also mir geht Knausgårds „Mein Leben“ am Arsch vorbei. Wer es sich antun will, meinetwegen. Ich gehöre dazu wieder einmal n i c h t.

Aber auch, nach meiner Lektüre der grandiosen „Murmeljagd“ Ulrich Bechers begonnen und bis Seite 170 im Wortsinn durchgehalten, Shūsaku Endōs „Skandal“, im letzten Jahr bei Septime erschienen, fing mich furchtbar zu öden an. Dabei ist das Thema, gegenwärtiger Sadomasochismus (keine Historisierung à la Sado-Masoch oder Enzyklopädisierung wie de Sade), spannend. Hier wird es aber, zwar auktorial erzählt, aus der Sicht eines verklemmten „Schriftstellers“ erzählt, der berühmt sei und so weiter, und nun offensichtlich mit einem Doppelgänger nach Art des Mr. Hyde konfrontiert ist; schlimm ist die Flachheit der Sprache, die ihren Gegenstand schon eben deshalb nicht erfassen kann, noch es wahrscheinlich will – wie geschrieben, ich kam ja nicht mehr zum Ende. Welch furchterregende Uneleganz, welch mangelnde Ausdruckskraft, welch, allenfalls, referierende, meist sogar langweiligst räsonnierende Erzählhaltung! Und dann stimmt mitunter nicht mal das Deutsch des Übersetzers, Jürgen Berndts. Da stehen tatsächlich Sätze wie

“ (…) rufen in mir einen Drang wach, dem“

„dem“!!!!

„ich einfach nicht Herr werde“, „… und sich seinem Abscheu nicht länger erwehren konnte“

– „sich d e m Abscheu nicht erwehren können“, ja wer lektoriert denn sowas, wenn’s Herr Berndt selbst schon nicht besser kann? Dabei hat Septime die beste Lektorin der Welt an der Hand; weshalb um aller Musen willen ward sie nicht gefragt?
Ich mag Septime, mag den Verlag sehr, auch das Gespür des Verlegers für ein Qualitätsprogramm, werde selbst nächstes Jahr bei ihm ein Buch herausbringen, und jahrdrauf ist noch eins geplant, ich freue mich darüber, es ist immerhin der deutschsprachige Verlag Jan Kjærstads und Steven Millhausers, aber so etwas wie dieses Buch Endōs geht nicht. (Ich bin versucht, Denis Scheck nachzumachen und es in die Tonne zu werfen; tatsächlich habe ich es zu denen gestellt, die ich ins Moderne Antiquariat des nachbarlichen Buchreigens tragen werde.)

Da ich nun schon mal in die Gefilde der, „stilistisch“ gesehen, Unterhaltungsliteratur hinunterwar, brauchte ich etwas zur Erholung und nahm mir eines der Bändchen der seinerzeit berühmten und heute unter Kennern legendären Reihe „Goldmanns Weltraum Taschenbücher“ vor; es war mir nach Science Fiction. Ich griff quasi wahllos in meine kleine Sammlung hinein und zog Lawrence Schoonovers, über den sich im Netz überhaupt nichts findet, „Der rote Regen“ heraus. Liest sich locker an einem Tag, ein ebenfalls fast durchgängig deskriptiver Text ohne Psychologie, die Menschen reagieren gleichsam alle auf die schlimmsten Vorkommnisse – etwa dem stattfindenden Atomkrieg – mit fast fatalistischer Gleichmut – was wiederum interessant ist, eben als pychologische Bestandsaufnahme der geschilderten Gemütsleben; interessanter aber ist, daß Schoonover in diesem Buch die X-men– und anderen Mutantenserien parallel zum Comic und vorherskizziert, und zwar als Ergebnis der atomaren Auswirkungen, ohne aber so weit zu gehen – und ebenso, nämlich politisch, erklärbar zu sein wie frühere Superhelden à la Superman. Statt dessen verbleibt er im Bereich des Unheimlichen, namentlich, weil es die „neuen“, später „Die Eindringlinge“ genannten Kinder von den Eltern geradezu phylogenetisch entfremdet. Und es ist nicht ungeschickt, wie Schoonover ganz zum Schluß eben jene zu den eigentlichen Autoren des Buches macht – in einer freilich nachgetragenen Zusatzerzählung, die somit zum wahren Kern der Erzählung wird.
An Erzählungen wie dieser – tatsächlich ein Roman ist das Buch eigentlich nicht – begreife ich ganz gut, weshalb das U-Genre solch eine Ausstrahlungskraft auf Leser:innen hat, die sich von ihrer Lektüre „gerne davontragen“ lassen möchten; allerdings denke ich nach wie vor, daß der Spielfilm und vor allem Serien dies viel besser vermögen. In der Dichtung ist der Raum einer der Sprache: zu schildern, was sich (ver)filmen nicht läßt. Für Formulierungen wie „mit Moos bewachsen, das sich anfühlte wie kaltes nasses Haar eines ertrunkenen Hunds“ (Becher, Murmeljagd 373) oder „Er hatte einen runden Kopf, so kahl wie ein Knie“ (Nabokov, Ada 537) gibt es keine angemessenen Bilder. „Sie nahmen in Kaffee getunkte Zeit zu sich“ (Krausser, Thanatos 458). Das ist Literatur, alles andere Drehbuch.

Gestern erfreut aber hat mich, daß Tainted Talents nicht länger schweigt, sondern es wird das neue Atelier mit einem ganz wunderbaren Satz eingeweiht:

Im Frühling, wenn sich alles paart, kämme ich mein Haar aus der Bürste und hänge die Knäuel draußen in die Zweige meiner Birke.

Doch nicht nur dies, folgt der Kindheitserzählung, in die der Satz übergeht, ein ausgesprochen phantastischer Traum, der durchaus hätte das Exposé des Anfangs einer anderen bei Goldmanns Weltraum Taschenbücher erschienenen Erzählung sein können. Doch besser, Freundin, Sie läsen es selbst.

Ich meinerseits werde mich nun zum Laufen aufmachen. Noch bin ich nicht, wo ich sein will.

ANH

P.S.: Ich habe derzeit einen mir etwas unheimlichen Schlafbedarf. An meine gewohnten 4 1/2 Stunden ist nicht mehr zu denken, nachts sind es nun oft sieben plus tags noch einer Stunde. Mag freilich am harten Training liegen, auf das sich mein Körper noch immer, scheint’s, nicht völlig eingestellt hat. Dennoch macht, Freundin, mich dies ein wenig nervös.

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Ein Kommentar zu D a s ist Literatur. Unter andrem gegen Knausgård. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 1. Mai 2018. Mit außerdem Endō, Schoonover, Becher, Nabokov und Krausser. Sowie mit Phyllis Kiehl.

  1. holio sagt:

    Würden Sie Knausgård lesen, würden Sie feststellen, dass es durchaus Kläger gab. So Onkel Gunnar im Band Kämpfen. Sie urteilen, ohne zu kennen. Die Szene im Zelt auf dem Rockfestival von Roskilde hat wenig von Grausamkeit, wenn Sie sie einmal nachlesen wollen am Ende vom Band Leben.

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